Doch kein Frühling

Boah! Der Winter ist zurück. Seit heute Morgen schneit es wie verrückt. Vom Fenster aus sieht man kaum noch die Bürogebäude von Gegenüber. Der Schnee bleibt liegen, nicht nur auf den Bäumen, sondern auch auf der Straße. Jetzt, wo viele Gemeinden ihre Räumfahrzeuge schon eingemottet haben.

Gestern noch eitel Sonnenschein mit frühlingshaften Temperaturen und heute: Winter und Kälte. Da soll man nicht verrückt werden.

Eigentlich ist das ja nicht weiter verwunderlich. Es geht auf Ostern zu. Meine Erfahrungen aus den letzten Jahren haben gezeigt, dass es zu Ostern häufiger schneit, als zu Weihnachten. Zumindest im vergangenen Jahrzehnt. Dafür ist es an Weihnachten oft sommerlich warm und schneefrei.

Wer soll sich da noch auskennen. Das Wetter spielt verrückt, die Welt auch und die Menschen sowieso. Man schlägt sich entweder die Köpfe ein oder wählt ideologisch fragwürdige Parteien. Vernunft wurde zu einem Fremdwort, genauso wie Respekt und Menschlichkeit. Dafür sind Egoismus und Gier zu den Triebfedern unserer Gesellschaft geworden. Hoffnung auf Besserung ist nicht in Sicht. Da wünscht man sich fast eine Eiszeit zurück, die mit einer meterdicken Schneedecke alles unter sich begräbt. Am besten die ganze Menschheit dazu.

Der Kapselkrieg

„Qbo“ heißt das neue Zauberwort aus dem Haus Tchibo und ist eine Kampfansage an den Konkurrenten Nespresso.

Ein neues Kapselsystem im Hochpreissegment mit exklusiven Geschäften und eigens kreierten Kaffeesorten. Während der Automat rund 350 EUR kosten wird, beläuft sich der Preis für ein Kilo Kaffee in Form kleiner Kunststoffwürfel auf rund 60 EUR. Letztere sollen sogar mit einem Chip ausgestattet sein, damit die Kaffeemaschine die Kaffeesorte erkennt und Brühtemperatur und Druck passend dosiert. Als zusätzliches Feature bietet Tchibo seinen Kunden eine Smartphone App über die sie unteranderem die Menge des Milchschaums bestimmen können. Dazu hat die Maschine einen WLAN Anschluss. Ans Internet angeschlossen, teilt die Maschine mittels Push-Mitteilung ihrem Besitzer mit, wann sie gereinigt oder entkalkt werden möchte. Klingt ein bisschen nach Tamagotchi.

Ja, wir reden hier über Kaffee, jenes mehr oder weniger aromatische Heißgetränk mit der dunklen Farbe. Den Puristen stehen beim Gedanken an die »Kapselisierung« die Haare zu Berge, umweltbewussten Menschen sowieso. Der Mega-Trend auf dem Kaffeemarkt dient dem alleinigen Zweck, die Profite der Kaffeehändler zu mehren, auf Kosten von Umwelt und dem Geldbeutel der Konsumenten. Denn so eine Kaffeekapsel ist Hightech pur. Bei „Qbo“ bekommt sie nun auch noch einen Chip. Vor allem deshalb, um sie fälschungssicher zu machen. Im Gegensatz zu den Kapseln der Konkurrenz soll sie aber ohne Aluminium auskommen. Ich möchte dennoch nicht wissen, wie viel Energie und wie viele Ressourcen für so eine kleine Kapsel aufgewendet werden, nur damit sie nach einmaliger Benutzung im Müll landet. Es gibt inzwischen Leute, die diese Kaffeekapseln sammeln und daraus Schmuck basteln. Das ist zwar auch eine Art Recycling aber noch besser wäre es, wenn dieser Müll gar nicht erst entstünde.

Zum Glück trinken immer noch 75% der Bevölkerung ganz normalen Filterkaffee. Wir gehören dazu. So kaufen wir unsere Bohnen bei einer Hamburger Kaffeerösterei, mahlen sie selbst und kochen den Kaffee mit einer stinknormalen Kaffeemaschine. Noch hat sich keiner unserer Gäste beschwert. Im Gegenteil. Und nach dem Brühen landet der Kaffeesatz auf dem Kompost. Fertig. Kein umständliches Reinigen, kein Müll und keine Maschine, die uns diktiert, wann sie entkalkt werden möchte.

Ach ja, 60 EUR – etwa so viel kostet unser gesamter Jahresvorrat an Kaffee.

Der lange Weg nach Hause

Wie groß Deutschland eigentlich ist, wird einem erst dann bewusst, wenn das Überwinden von Entfernungen nicht so gut funktioniert wie gewohnt. Der Donnerstag vor einer Woche war einer dieser Tage, an dem ich auf dem Nachhauseweg mehr als doppelt so lang unterwegs war wie sonst.

Das Unheil begann schon am frühen Morgen mit einem ausgefallenen MERIDIAN. Zum Glück fuhr zehn Minuten später der EC, aber Schnee und das daraus resultierende S-Bahn Chaos sorgten dafür, dass ich mal wieder zu spät zur Arbeit kam.

Da der Schneefall über den Tag hinweg nicht auffhörte, überlegte ich mir, ob es nicht sinnvoller wäre, einen Zug früher in meine Thüringische Heimat zu fahren, dann wäre ich schon vor 20 Uhr zu Hause und hätte noch etwas Spielraum. Soweit meine Planung.

Wegen dem Ausfall einer U-Bahn wurde es am Münchner Hauptbahnhof mal wieder knapp. Eigentlich wollte ich mir noch den neuen NEO kaufen, aber dafür blieb keine Zeit. Ich hetzte zum Zug, nur um anschließend festzustellen, dass er fünfzehn Minuten später abfahren würde. Grund für die Verspätung, man höre und staune, war das »Warten auf Zugpersonal«.

Mit Sorge nahm ich zur Kenntnis, dass die fünfzehn Minuten voll ausgeschöpft wurden und der Zug die Zeit bis Nürnberg auch nicht aufholte. In der Hoffnung doch noch den Regionalexpress nach Bamberg zu kriegen, beeilte ich mich beim Umsteigen in Nürnberg. Leider vergebens. Der Zug konnte wegen drei Minuten nicht warten und war weg. Ich fuhr dann mit der S-Bahn weiter bis Bamberg und wollte dort in den Bus nach Lichtenfels steigen. Leider stand da nur die blaue Linie (mit Zwischenhalten) und der Busfahrer riet mir, die halbe Stunde auf den roten Expressbus zu warten, der nur ein paar Minuten später in Lichtenfels sein würde als er mit seinem Bus.

Ich nutzte die Gelegenheit, um etwas zu essen und in einem Zeitungsladen, der für Provinzverhältnisse sehr gut mit PERRY RHODAN ausgestattet war, den neuen NEO-Roman zu kaufen. Dort waren alle Romane der letzten Wochen reichhaltig vorhanden. So etwas freut mich als Leserin natürlich. Anschließend stieg ich in den Bus, der mal wieder so voll wurde, dass nicht alle potentiellen Fahrgäste mitkamen.

Der Bus quälte sich anschließend eine halbe Stunde über die Autobahn. Es war kurz vor 19 Uhr, eigentlich hätte ich jetzt schon fast am Ziel sein sollen. So aber war ich immernoch mehr als einhundert Kilometer davon entfernt. In Lichtenfels steuerte ich das Gleis an, auf dem normalerweise die Züge Richtung Thüringen fahren und wurde bitter enttäuscht. Da stand kein Zug, nein, nichtmal eine Anzeige. Wie jetzt? Ich suchte den Fahrplan und da stand es schwarz auf weiß. Die Regionalzüge in Richtung Saalfeld fuhren ab 18 Uhr nur alle zwei Stunden. Der letzte war 18:44 Uhr gefahren und der nächste fuhr erst wieder 20.10 Uhr. Das war der, mit dem ich beim letzten Mal gefahren war. Doch damals bin ich zwei Stunden später in München abgefahren. Die zwei Stunden, die ich an diesem Tag früher losgefahren war, hatten mir also überhaupt nichts genutzt …

Ich war fertig mit der Welt. Ich stand an einem gottverlassenen Bahnhof bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und mein nächster Zug würde erst in mehr als einer Stunde fahren. Ich machte mir erstmal bei einer zufällig auftauchenden Bahnangestellten Luft. Die war entweder aus Arkon-Stahl oder Beschwerderesistent, jedenfalls prallte mein Protest über solche vorzeitlichen Zustände an ihr ab und sie ließ mich einfach stehen.

Meine Rettung in der kalten Not, war die kleine Buch- & Zeitschriftenhandlung in dem ansonsten toten Bahnhof. Der Laden hatte zumindest bis 20 Uhr geöffnet und einen geheizten Raum. Ich klagte der Verkäuferin mein Leid und sie stimmte mir uneingeschränkt zu. Ich war nicht die Erste und Einzige in den letzten beiden Monaten. Viele Pendler und Reisende leiden derzeit unter den unmöglichen Zuständen der Vollsperrung. Und dabei weiß man, wenn die Sperrung vorbei ist, wird es noch schlechter werden, weil dann überhaupt kein Fernzug mehr, den vor Jahren aufwendig sanierten, Bahnhof ansteuern wird.

Kurz vor acht stieg ich dann in den RegionalExpress nach Halle, der wiederum fünfzehn Minuten verspätet los fuhr, weil man auf Reisende aus den Schienenersatzbussen wartete. Für diesen Grund der Verspätung hatte ich zumindest Verständnis.

Statt 19:15 Uhr kam ich an dem Tag um 21:30 Uhr an, ganze zwei Stunden später. Und nein, ich bekomme keine Fahrpreiserstattung, weil ausgerechnet an diesem Tag kein Mensch meinen Fahrschein kontrolliert hatte. Nirgendwo weder im Bus noch in der S-Bahn, nicht mal im ICE.

Ich war fast sieben Stunden unterwegs; auf eine Strecke für die ich noch vor wenigen Jahren nicht mal drei Stunden gebraucht habe. Welch ein Fortschritt! Ich sag’s ja, in ein paar Jahren werden wir in unserer Mobilität so eingeschränkt sein, dass wir uns ins neunzehnte Jahrhundert versetzt fühlen werden.

Zweiklassenmedizin

Wenn ich einen Termin bei einem Arzt vereinbare, bei dem ich noch nicht war, vermeide ich zu erwähnen, dass ich nicht gesetzlich versichert bin. Manchmal höre ich dann schon das Aufstöhnen der Arzthelferin am Telefon, dass doch alles voll wäre und das es beim besten Willen nicht geht. In den meisten Fällen findet sich aber doch ein Termin, auch wenn ich länger darauf warten muss. Ich nehme das gern in Kauf, weil ich keine Sonderbehandlung möchte.

Es gibt aber immer wieder Situationen in denen ich das P-Wort in den Mund nehmen muss. So wie heute. Ich brauche einen Termin beim Augenarzt. Der letzte liegt schon drei Jahre zurück und meine bisherige Augenärztin hat ihre Praxis in Schwabing. Nun kann ich nicht immer wegen eines Arzttermins nach München fahren. (Beim Gynäkologen tue ich das zwar, aber das hat seinen Gründe.) Also rief ich die hiesige Augenarztpraxis an und bat um einen Termin. Sofort wurde mir erklärt, dass es für Kassenpatienten eine Sperre gäbe und sie keine Patienten mehr annehmen würden. Ich war schon drauf und dran aufzulegen, um doch lieber in München einen Termin zu machen. Doch dann ließ ich es darauf ankommen. Ich erwähnte vorsichtig, dass ich privat versichert wäre. »Ach so, das ist was anderes“, erklärte mir die Dame am Telefon und fragte ob es mir morgen 15 Uhr passen würde. Da war ich erstmal sprachlos über so viel Dreistigkeit. Für Kassenpatienten war keine Zeit, Privatpatienten kamen scheinbar gleich dran. So was regt mich tierisch auf. Ich lehnte den Termin ab und ließ mir einen für kommende Woche geben. Gut fühle ich mich nicht dabei.

Das Innenstadtproblem

Heute Morgen wollte ich in der Stadt Obst und Gemüse kaufen. Wie zu erwarten, gab es keinen Wochenmarkt und der letzte Lebensmittelladen hat schon seit Mitte Dezember zu. (Ich schrieb bereits darüber.) Also steuerte ich den kleinen Gemüseladen in der Fußgängerzone an. Doch was musste ich da im Schaufenster lesen: »Geschäftsräume zu vermieten«. Daneben ein kleiner Zettel des vietnamesischen Gemüsehändlers, dass sie Ende 2015 ihren Laden aufgeben und sich für die langjährige Treue bei ihren Kunden bedanken.

Da stand ich nun und hatte keine Ahnung, wo ich in einer Stadt mit über fünfundzwanzigtausend Einwohnern Obst und Gemüse kaufen soll, ohne zuvor ins Auto steigen zu müssen und in die Märkte am Stadtrand zu fahren.

Wie ich später erfuhr, hat der Händler aufgehört, weil die Ladenmiete so stark gestiegen war, dass es sich nicht mehr rechnete. Das Haus gehört angeblich der Sparkasse und die ist natürlich mehr an Rendite interessiert, als daran, das die Bevölkerung der Stadt, die über kein Auto verfügt, mit Lebensmitteln versorgt wird.

Wahrscheinlich wird in dem kleinen Geschäft bald ein weiteres Textilgeschäft eröffnen. Nur dies scheint genügend abzuwerfen, um die horrenden Mieten in den Innenstädten zu stemmen. Mit Lebensmitteln war noch nie viel Geld zu verdienen, außer man ist so ein Handelskonzern, der den Zulieferern die Preise diktieren kann.

So wird sich auch in Zukunft kein intaktes Händlergewerbe innerhalb von Städten etablieren können, auch wenn die Stadtväter noch so sehr dafür werben. Ich sehe schon, am Ende kaufen wir alle nur noch im Internet ein, weil es keine Geschäfte mehr geben wird. Außer Amazon und Co kommen auf die glorreiche Idee Ladenfilialen zu eröffnen. Zalando hat es ja bereits vorgemacht.

Karambolage

Kurz vorm Jahresende noch das … ein Stoppschild, eine leicht abschüssige Straße, Raureif und … Bumms!

Schon knallte uns jemand ins Heck. Ärgerlich, auch wenn sich der Schaden rein optisch in Grenzen hält, aber unser FlexFix Fahrradträger ist hin. Wahrscheinlich hat er den Stoß aufgefangen und damit größeren Blechschaden abgewendet. Wir haben noch vor Ort ein Unfallprotokoll ausgefüllt.

Der Fahrerin des anderen Wagens, übrigens auch ein Opel, war das ganze schlicht peinlich. Man kann es verstehen, mir ist selbiges mal an einer roten Ampel passiert, mit dem Unterschied, das an meinem Auto größerer Schaden entstand, weil der, dem ich aufgefahren bin, eine Anhängerkupplung hatte. Sein Auto hatte nicht mal einen Kratzer, mein Golf dagegen brauchte einen neuen Kühlergrill und einen neuen Stoßfänger.

Heute war es umgekehrt: am Fahrzeug der Unfallverursacherin war nix zu sehen, bei uns ließ sich der Fahrradträger nicht mehr einrasten. Die Werkstatt meint, er müsse komplett getauscht werden. Aber sie kümmern sich wegen der Versicherung. Das ist doch schon mal eine gute Nachricht.

Blöd ist es trotzdem.

Textilien vs. Lebensmittel

Das Plakat an der Tür lässt keine Zweifel.

Zwei Wochen vor Weihnachten, am 15. Dezember 2015 ist es soweit; dann schließt das letzte verbliebene Lebensmittelgeschäft im Zentrum meiner Heimatstadt für immer seine Pforten. Das war’s. Wer dann schnell mal eine Flasche Milch oder eine Tüte Mehl braucht, wird in Zukunft ins Auto (oder in den Bus) steigen und vor die Tore der Stadt fahren müssen. Dort wo die Supermärkte dichtgedrängt stehen. Dafür gibt es in der Fußgängerzone nur noch Textilien zu kaufen. Und in den Drogeriemärkten werden die Regale mit den Bioprodukten die letzte Hoffnung für kochende und backende Bewohner sein, die auf ihrem Einkaufszettel etwas vergessen haben. Wenn der kleine Reformladen in einem Seitengässchen schnell reagiert und seinen Bestand an frischen Biolebensmitteln erweitert, könnte er vom Zulauf dieser Kunden profitieren. Wenn!

Damit haben sich meine Befürchtungen bewahrheitet. Schon lange rechnete ich damit. Das es aber jetzt so schnell kam, überraschte mich.
Und die Stadtväter? Die sehen dem Treiben hilflos zu.

Chaos zwischen den Gleisen

– Murphys Gesetz: Wenn eine schlechte Sache glimpflich ausgeht, folgen mindestens zwei schwerwiegendere Sachen obendrein –

Man sollte die Deutsche Bahn nicht loben, wie ich es in meinem Blogeintrag vom 20. November tat.

Meine Rückfahrt aus Wolfenbüttel gestaltete sich etwas chaotisch. Wobei »etwas« schlicht untertrieben ist. Dass, was ich an diesem Abend erlebte, war das Abenteuer schlechthin.
Begonnen hat alles ganz harmlos um halb drei nachmittags, mit der Fahrt in der Regionalbahn aus Wolfenbüttel nach Braunschweig, die ich zusammen mit ein paar Seminarteilnehmern in lustiger Runde erlebte. In Braunschweig hatte mein Anschlusszug wenige Minuten Verspätung und war ziemlich voll. Deshalb stieg ich auch schon in Göttingen in den ICE nach München um und nicht erst in Fulda. Am Göttinger Bahnhof musste ich zwar eine Viertelstunde in frostiger Luft auf den verspäteten ICE warten. Doch danach ging die Fahrt flott voran, so dass ich mir noch nicht all zu viele Sorgen wegen meiner Umstiegszeit in München machte.

Kurz hinter Würzburg wurde der Zug plötzlich langsamer und blieb schließlich ganz stehen. Für fünf Minuten rührte sich nichts, dann kam die seltsamste Durchsage, die ich in meiner gesamten Bahnfahrer-Vergangenheit gehört habe:
»Wegen einer Fehlleitung im Stellwerk hat sich unser Zug verfahren und muss zurücksetzen, um wieder aufs richtige Gleis zu kommen. Die Weiterfahrt verzögert sich daher auf unbestimmte Zeit.«
Ungläubiges Gelächter im Großraumabteil. Handys wurden gezückt und Twitter und facebook-Einträge geschrieben. Auch ich notierte mir die Meldung. Das musste unbedingt in die DB-Rubrik meines Blogs. Sorgenvoll sah ich zur Uhr. Es war halb sechs, wir hatten bereits 15 Minuten Verspätung. Der Umstieg in München würde eng werden. Ich telefonierte gerade mit meinem Mann, als, siehe da, der Zug plötzlich anfuhr, doch nicht wie angekündigt zurück, sondern nach vorn. Hieß das, dass wir jetzt in der falschen Richtung unterwegs waren? Nach dem Queren mehrerer Weichen, bei denen der Zug heftig durchgeschüttelt wurde, waren wir wohl doch wieder auf dem richtigen Gleis, denn es erklang die erlösende Durchsage des Schaffners, dass das vom Stellwerk verursachte Gleisproblem beseitigt wäre. Verspätung jetzt 25 Minuten. Damit würde ich den Meridian um 19:44 Uhr in München nicht mehr bekommen. Egal, ich war froh, dass es nicht noch länger gedauert hatte. Vor Nürnberg wurden wir noch von einem vorausfahrenden Zug aufgehalten und kamen am HBF mit einer Verspätung von einer halben Stunde an.

Nur Minuten nach unserer Ankunft, erklang folgende Hiobsbotschaft des Zugbegleiters:
»Wegen einer Strecksperrung zwischen Ingolstadt und München verzögert sich die Weiterfahrt unseres Zuges auf unbestimmte Zeit. Grund hierfür polizeiliche Ermittlungen nach einem Personenschaden.«
Gemeinschaftliches Aufstöhnen. Ich bereitete meinen Mann am Telefon schon mal auf einen langen Abend vor. Irgendwann ging ich ins Bordbistro, in dem auf Grund des Ansturms die meisten Speisen bereits ausverkauft waren und ich noch das letzte Sandwich erwischte. Die Durchsagen im Zug wurden immer rätselhafter. Als Gründe für die Sperrung wurden plötzlich ein Fund oder Hund (so genau war das nicht zu verstehen) im Gleis genannt. Irgendwann wurde durchgesagt, dass unser Zug über Augsburg umgeleitet werden würde. Doch dann bewegte sich sehr lange nichts.
Vom Bahnsteig waren immer mal wieder Durchsagen zu den Folgezügen zu hören, die wegen Gleisbelegung nicht einfahren konnten. In dem Moment als der ICE auf dem Nachbargleis die Türen schloss und in Richtung Augsburg abfuhr, kam die erfreuliche Nachricht, dass die Streckensperrung jetzt aufgehoben wäre.
Ein Hoffnungsschimmer zog am Horizont auf. Sollte ich tatsächlich noch den eine Stunde späteren Meridian bekommen und um 22:30 zu Hause zu sein?

Spätestens als links neben uns, der ICE nach München vor uns in Richtung Ingolstadt abfuhr, schwante mir Böses. Auf dem Gleis auf der anderen Seite des Bahnsteigs fuhr bereits der nächste ICE nach München ein. Mein Nachbar meinte noch, dass man den Zug ganz sicher nach uns würde fahren lassen. Mein, langjährig geschulter, Bahninstinkt sagte mir etwas anderes. Ich spöttelte, dass wir bestimmt hinter dem Zug abfahren würden und so wie ich die Bahn kenne, wahrscheinlich auch noch über Augsburg, was die Fahrt nochmals um 40 Minuten verlängern würde. Er konterte, dass die von der Bahn sicher nicht so gemein wären, weil die Strecke doch schließlich jetzt wieder frei ist.
Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als die Durchsage kam, dass wir die Fahrt jetzt fortsetzen würden, aber über Augsburg, statt über die Schnellstrecke nach Ingolstadt.
In diesem Moment sah ich meine Felle davonschwimmen. Wenn ich in diesem Zug blieb, würde ich nie und nimmer meinen Anschlusszug nach Salzburg bekommen und wahrscheinlich erst weit nach Mitternacht zu Hause sein. In panikartiger Eile warf ich iPad und Wasserflasche in die Handtasche, schnappte meine Jacke und zog meinen Koffer aus der Ablage. Zum Glück saß ich in der Nähe des Ausgangs. Das Piepsen zum Schließen der Türen tönte schon aus den Lautsprechern, als ich mit einem todesmutigen Satz aus dem, noch stehenden, Zug sprang. Hinter mir hörte ich das Schmatzen der sich verriegelnden Zugtür, rannte zum gegenüberliegenden Bahnsteig und kletterte atemlos in den dort wartenden ICE. Der nur wenige Sekunden später in Richtung Ingolstadt anfuhr. Ich war gerettet. Mit etwas Glück bekäme ich noch rechtzeitig den Meridian um 20:44 Uhr …

Das Glück war mir an diesem Tag nicht hold. Ich verpasste den Zug um genau acht Minuten. Energielos schleppte ich mich ins nächste Café am Münchner Hauptbahnhof. 21:44 Uhr konnte ich dann endlich weiterfahren und traf fix und fertig um zehn nach elf in Traunstein ein, wo dann auch noch die Zugtür streikte und sich nur halb vor mir öffnen wollte. Ich hatte wohl kein besonders gutes Karma an diesem Tag. Mir war schlecht, ich fror und war außerdem so übermüdet, dass ich am liebsten noch im Auto eingeschlafen wäre.

Statt geplanter sieben Stunden, war ich neun Stunden unterwegs gewesen. Mein neuer Rekord, zwei Stunden Bahnfahren gratis. Blöderweise war ich mit einem kostenlosen Gutschein-Ticket unterwegs, somit konnte ich nicht mal mein Geld zurückfordern.

Uhr wechsle dich

Das Timing irgendwie mit Uhren in Zusammenhang steht, liegt nahe, dass es aber auch Wasseruhren betrifft, war mir neu.

Vor einem Monat, um genau zu sein am 6. Oktober, wurde unsere Warmwasseruhr getauscht. Das muss alle fünf Jahre geschehen und war in der Eigentümerversammlung angekündigt worden. Weil der Termin aber auf einen Vormittag in der Woche fiel, an dem ein normaler Arbeitnehmer auf Arbeit ist, mussten die Schwiegerleute ran, um den Monteur zu »beaufsichtigen«.

Am Donnerstagmorgen in dieser Woche klebte plötzlich ein Zettel an der Haustür, der den Austausch der Kaltwasseruhren für den 20. November ankündigte. Natürlich wieder zwischen 10 und 11 Uhr. …
Hä? Mein Mann und ich sahen uns verdutzt an. Wie jetzt? Nicht nur, dass diese Aktion mit den Wohnungseigentümern nicht abgesprochen ist, nein, es ergibt auch keinen Sinn. Wenn auch die Kaltwasseruhren getauscht werden müssen, hätte man das doch zusammen an dem Termin im Oktober erledigen können. Warum ein gesonderter Termin, der neben den zusätzlichen Anfahrtskosten für den Monteur auch noch bedeutet, das einer von uns einen Tag Urlaub machen muss. Denn die Schwiegereltern sind nicht verfügbar und ich bin an diesem Tag unterwegs nach Wolfenbüttel. Da bleibt nur mein Mann, der wegen der einen Stunde Urlaub nehmen muss.

Die Hausverwaltung schweigt sich bisher zu dem Thema aus. Die Notwendigkeit für den Tausch der Kaltwasseruhren ist weder dem Beirat noch den Eigentümern in irgendeiner Weise vermittelt wurden. Und die Veranschlagung von zwei Terminen ist reine Farce. Ungenügend abgestimmt würde ich sagen oder schlechtes Timing für eine Wasseruhr.

Gefährlicher Lückenschluss

So so, da wird die wichtigste Zugverbindung zwischen Nord- und Süddeutschland mal eben für 34 Wochen gesperrt. Diejenigen Köpfe bei der Deutschen Bahn, die sich das ausgedacht haben, sollte man echt für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen. Ja ich weiß, dass ist Sarkasmus pur. Aber ich ärgere mich tierisch über eine solche kurzsichtige und im wahrsten Sinne nicht durchdachte Entscheidung.

34 Wochen, das sind 8 Monate, im Klartext „acht“. Was glauben die denn, was passiert, wenn man eine Region, in der mehr als eine halbe Millionen Menschen leben, einfach mal so für mehrere Monate vom Rest Deutschlands abtrennt? Die Wirtschaft und der Einzelhandel in Salzburg und Freilassing, die eineinhalb Monate ohne Fernverbindung auskommen mussten, jammern in den höchsten Tönen, weil der Umsatz rapide eingebrochen ist, weil die Pendler nicht pünktlich zur Arbeit kamen und weil die Touristen ausblieben.

Was wird passieren, wenn Städte wie Jena, Saalfeld oder Lichtenfels, denen es eh schon nicht so gut geht, auch noch die Verbindung zum Fernverkehr verlieren? Was machen die unzähligen Pendler, ziehen die nun auch gänzlich weg? Wie fahren die vielen Güterzüge, die jeden Tag auf der Saalebahn entlang rollen? Was passiert mit Bamberg in der Zeit, in dem dort auf einer Strecke von nur wenigen Kilometern alles dicht gemacht wird? Das scheint so keinen wirklich zu interessieren, die Lokalpolitiker sind machtlos und die Bevölkerung auch.

Und warum das ganze? Warum kann man nicht einen eingleisigen Betrieb aufrechterhalten? Weil es so billiger für die Bahn ist. Denn das Elend der Städte und Gemeinden zahlt am Ende der Steuerzahler, nicht die Deutsche Bahn.

Vielen Dank Deutsche Bahn!