Baubesprechung mit Schnee

Heute kam ich mal raus aus dem Büro und durfte zu meinem ersten Jour fixe bei einer unserer Baustellen.

Der Kollege und ich fuhren gegen halb neun nach Ruhpolding. Es war knackig kalt, der Himmel war blau, die Sonne schien und über den Senken stiegen die letzten Nebelreste auf. Das sah toll aus. Je näher wir den Bergen kamen, desto weißer wurde es. Die Wälder wirkten wie mit Puderzucker bestreut und auf den Wiesen lud eine geschlossene Schneedecke zum Langlaufen ein. (Na, ja, ein bisschen mehr Schnee braucht es dann doch noch.) Jedenfalls machte mir das richtig Spaß. Da gingen auch die Kopfschmerzen weg, für mich seit der Früh plagten.

Die Besprechung war nicht sonderlich spektakulär. Es ging um irgendwelche Details, die mich nicht betrafen. Aber ich fand es schön, die Leute von der Baufirma, mit denen ich seit drei Jahren mehrmals wöchentlich telefoniere, mal in echt zu sehen.

Als wir nach knapp zwei Stunden wieder zurückfuhren, hatte sich der Himmel zugezogen, der Schnee taute und von den Bergen wehte der Föhn. Deshalb wohl auch die Kopfschmerzen. Gleich sah die verschneite Landschaft nicht mehr ganz so spektakulär aus.

Arbeit für lau

Die Wochen von September bis Weihnachten sind in der Baubranche besonders stressig. Alle Häuslebauer wollen am liebsten noch vor Weihnachten einziehen. Oder die Besitzer von Häusern haben Angst, dass ihre Heizung über die Feiertage ausfallen könnte und wollen schnell noch mal einen Termin zur Wartung der Heizungsanlage. Wobei erfahrungsgemäß genau dann anschließend etwas kaputt geht, was garantiert ohne Wartung nicht kaputtgegangen wäre, zumindest nicht kurz danach. Murphys Gesetz!

Zu den laufenden Bauprojekten kommen die Bauvorhaben fürs nächste Frühjahr, deren Planung gerade anläuft. Dementsprechend hektisch geht es momentan bei uns auf Arbeit zu. Alle miteinander, ob im Büro oder draußen auf den Baustellen könnten in diesen Wochen Tag und Nacht arbeiten. Wobei vor allem im Büro ein Teil der Arbeit für die Katz ist. Warum?

Ganz einfach: Neben dem Schreibtisch meiner Kollegin stapeln sich die Schütten mit den Bauvorhaben, für die wir Angebote gemacht haben, für die wir aber keinen Auftrag erhalten haben. Ein Angebot ist für den Kunden immer kostenlos. Er entscheidet, ob er es annimmt oder ablehnt. Wenn ich zusammenrechne, wie viele Angebote allein ich in diesem Jahr bereits zusammengestellt habe, aus denen nichts geworden ist, kommen mindestens 4 bis 6 Wochen heraus, die ich vergebens gearbeitet habe. Das ist im Handwerk aber völlig normal. Man muss damit rechnen, dass vierzig bis fünfzig Prozent der Angebote nicht zustande kommen. Das heißt, man muss sich für viele Bauvorhaben ins Zeug legen, um genügend Aufträge zusammenzubekommen.

Man könnte meinen, dass man dann die Angebote eben Pi mal Daumen zusammenstellen muss. Kann man machen, sollte man aber nicht, wenn man sich nicht verkalkulieren will. Man muss berücksichtigen, dass die Großhändler alle halbe Jahre ihre Preise anpassen, dass es zu unvorhergesehenen Problemen kommen kann, dass man vom Kunden durchaus ans Angebot gebunden wird und Nachträge nur bedingt durchsetzen kann. Zu hoch sollte man aber auch nicht kalkulieren, sonst braucht man das Angebot gar nicht erst abgeben.

Hin wie her, es ist schwierig hier den goldenen Mittelweg zu finden. Was meistens hilft, wenn man eine Zusage haben möchte, ist dass man etwas mehr Anstrengungen investiert. Ein schöner Plan, eine sauber dargelegte Kostenauflistung und eine professionelle Aufmachung schon beim Angebot überzeugen zumindest diejenigen Kunden, denen nicht nur daran gelegen ist, alles möglichst billig zu bekommen. Aber wie gesagt, das klappt nicht immer.

Momentan brauchen wir uns aber über mangelnde Aufträge nicht zu beschweren. Wir müssen manche Bauvorhaben, die an uns herangetragen werden, sogar ablehnen, einfach, weil wir das personell nicht auf die Reihe kriegen. Denn hier liegt das eigentliche Problem, woran nicht nur die Baubranche, sondern das ganze Handwerk krankt – fehlendes Fachpersonal.

Einen guten Facharbeiter oder einen engagierten Azubi zu finden, ist fast schon so selten wie ein Sechser im Lotto. Unseren Azubi aus dem September hat der Chef wieder vor die Tür setzen müssen, wegen mangelnder Motivation und großer Klappe. Sprich der Junge blieb einfach in den Herbstferien zu Hause, weil er meinte, es seien ja Ferien und sein Verhalten auf der Baustelle ließ so zu wünschen übrig, dass ihn am Ende keiner der Gesellen mehr mitnehmen wollte.

Wenn so jemand dann mitbekommt, dass man sich hin und wieder für umsonst anstrengen muss, geht wahrscheinlich gar nichts mehr. Da sorge ich mich ernsthaft ein wenig um die Zukunft. Ich für meinen Teil habe Spaß an der Arbeit und mache sie gern, selbst wenn ich weiß, dass daraus vielleicht nichts wird, denn manchmal ist es besser so.

Heute vor 30 Jahren …

… bin ich früh zu Bett gegangen, weil am nächsten Morgen eine Klassenarbeit in Mathe anstand. Von der Maueröffnung bekam ich nichts mit. Ich hörte nur am nächsten Tag in der Schule davon und konnte das eigentlich nicht glauben. Erst zuhause, als meine Eltern es mir bestätigen, begann mir zu dämmern, dass da etwas ganz besonderes passiert war.

Wenn man fünfzehn ist, ist Politik undurchschaubar und vor allem langweilig, weshalb ich mir damals auch keine Tagesschau ansah. Dort war um 20 Uhr die Maueröffnung verkündet worden. Wobei es von der DDR-Regierung anders gemeint war, als es die Bevölkerung letztendlich auslegte. Man hatte eigentlich eine ständige Ausreise im Sinn gehabt, damit die Leute nicht mehr über die Nachbarländer flüchten, sondern über die innerdeutschen Grenzübergänge ausreisen konnten. Das jeder beliebig hin- und herreisen würde, war so nicht geplant. Ein Irrtum, der zum Ende der DDR und zur Reisefreiheit von 16 Millionen Menschen führen sollte.

Obwohl wir nah an der Grenze zu Bayern wohnten – von unseren Wochendhaus konnte man sogar hinblicken – war es nicht möglich am Freitag dem 10. November mal schnell nach Probstzella zu fahren und über die Grenze nach Bayern zu marschieren. Es existierten keine Verbindungsstraßen, nicht mal Feldwege. Es musste zunächst der Grenzzaun abgebaut und eine Straße angelegt werden, bevor irgendjemand die Grenze hätte passieren können. Ich weiß allerdings nicht, ob es möglich war, mit dem kleinen Grenzverkehr zu fahren, einem Zug, der zwischen Saalfeld und Kronach fuhr. Es sollte mindestens noch eine Woche dauern, bis der erste Grenzübergang in unserer Nähe für Autos und Fußgänger öffnete.

Von da ab, wurde fast jede Woche ein neuer Übergang mit großem TamTam eröffnet. Ich weiß noch, dass ich mit meinen Eltern jedes Mal von Ost nach West und zurück gelaufen bin. Das waren vor allem für meine Eltern spannende Wanderungen, weil sie die Orte noch aus ihrer Kindheit kannten. Für mich war es in den meisten Fällen enttäuschend, wenn man nach drei bis fünf Kilometern zu Fuß endlich im nächsten Oberfränkischen Dorf ankam, wo es nur ein paar Häuser gab, manchmal nur eine Scheune.

Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Als ich am Samstagmorgen in die Schule kam – wir hatten in der DDR bis Samstagmittag regulären Unterricht – fehlte die Hälfte der Schüler. Vielen waren mit ihren Eltern, manche auf eigene Faust, nach Berlin oder über den Autobahn-Grenzübergang Hirschberg in den Westen gefahren. Am Samstag darauf waren es sogar noch weniger. Der Unterricht fiel aus. Es wurde auf Druck der Eltern vom Ministerium beschlossen, den Samstagsunterricht für die nächsten Wochen auszusetzen, dafür sollten wir den Stoff in den Ferien nachholen müssen. Nur so viel: Ich habe nie wieder Samstags in die Schule gegen müssen und ich musste auch keine einzige Stunde nachholen, obwohl ich in die 10. Klasse ging und damit kurz vorm Abschluss stand. Wie ich dann noch zwei Jahre Abitur drangehängt habe, ist eine andere Geschichte.

Es zeigt welche chaotischen Verhältnisse nach der Maueröffnung in der DDR herrschten. Der Unterrichtsausfall am Samstag sollte erst der Anfang der Anarchie sein.

Tage im Oktober ´89

Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich, dass sich der Fall der Mauer schon Wochen zuvor abzeichnete. Eigentlich schon Monate vorher. Die Stimmung im Land veränderte sich, viele flüchteten über Ungarn oder die Tschechei. Unteranderem ein junges Paar mit Kindern, die bei uns zur Miete gewohnt hatten. Die Wohnung stand inzwischen leer, weil nachdem die Stasi alles untersucht hatte, die Eltern des Pärchens alles ausgeräumt hatten.

Was sich in der DDR in diesen Oktober-Tagen tat, kann ich heute besser beurteilen als damals. Denn im Oktober 1989 stand für mich persönlich ein anderes Ereignis im Vordergrund. Ich hatte mich das erste Mal verliebt. Da ist man ohnehin nicht ganz zurechnungsfähig. Man kann also sagen, dass ich zu der Zeit alles andere im Kopf hatte, als Politik.

Selbstverständlich aber kann ich mich an den Rücktritt Honeckers und an die Montagsdemos erinnern, die durch unsere Straße führten. An einem der Montage waren meine Eltern nicht da und ich hielt mich bei unseren Mietern im Vorderhaus auf, als der Demonstrationszug vorbeikam. Ich blickte aus dem Fenster und sah die vielen Menschen, die sich dicht gedrängt die breite Straße entlang schoben. Manche trugen große Transparente, andere hielten Plakate hoch, wieder andere hielten Kerzen oder Fackeln in Händen. Sie riefen »Wir sind das Volk« oder »Die Mauer muss weg«. Und sie riefen zu uns hoch, wir sollten runterkommen und uns anschließen. In dem Moment bekam ich echt Angst.

Die Stimmung war völlig anders, als bei den Demonstration zum 1. Mai, die ich kannte. Zum einen führte der Weg der Demonstranten nicht über den Marktplatz, sondern direkt von der Johanniskirche an unserem Haus vorbei bis zur Polizei, wo sich das Pass- und Meldeamt befand. Außerdem fanden die Demos am 1. Mai im Hellen statt, jetzt war es dunkel und irgendwie bedrohlich. Ich fragte mich, ob die Leute hochkommen und uns holen würden, wenn wir der Aufforderung nicht Folge leisten würden. Denn wie in der DDR üblich, war unsere Haustüre nicht abgeschlossen. Andererseits hatte ich Angst, was passieren würde, wenn ich mitgehen würde. Würde man mich einsperren? Würde die Polizei die Demonstration gewaltsam auflösen? Oder bekäme ich Ärger in der Schule? Oder viel schlimmer, bekämen meine Eltern Ärger? Für eine 15-jährige war eine solche Situation in vielerlei Hinsicht beängstigend.

Fakt ist, unsere Mieterin war schlecht zu Fuß und hätte nicht ohne weiteres die Treppe aus dem zweiten Stock heruntergehen können. Aber ihr Mann zog sich an und ging mit. Ich blieb, ging aber vom Fenster weg, denn ich hatte vor allem eines – Angst.

Vom Weizen, der keiner ist.

Buchweizenfeld

Wir backen seit Jahren mit Buchweizenmehl. Ich habe mich immer gefragt, wie Buchweizen wächst, bzw. wie die Pflanzen aussehen. Seit diesem Jahr bin ich schlauer.

Im Ostseeurlaub fanden wir im Hotel statt des obligatorischen Bonbons eine Tüte mit Samen auf dem Kopfkissen. Es handelte sich um eine Samenmischung speziell für Bienen und artverwandte Insekten. Neben Kornblumen enthielt die Packung unteranderem Buchweizen. Ich war gespannt, ob sie aufgehen würden. Nach der Aussaat wuchs relativ schnell eine richtige Bienenweide heran. Besonders auffällig waren zirka einen Meter große Pflanzen mit kleinen weißen Blüten. Weil ich die anderen Blühpflanzen aus der Packung kannte, konnte es sich dabei nur um Buchweizen handeln.

Ich konnte mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen, wie daraus etwas wie Weizen und schon gar nicht so etwas wie Mehl herauskommen sollte. Dann verblühten die Planzen und es bildeten sich winzige dreieckige Früchte, die ein bisschen an Bucheckern erinnerten. Für diejenigen, die nicht wissen, was Bucheckern sind. Das sind die Früchte der Buchen, etwa einen Zentimeter große, dreikantige, braune Nüsse, die geröstet und geschält eine echte Delikatesse sind. Roh sollte man sie nicht in großen Mengen essen, weil sie Blau- und Oxalsäure enthalten. Aber eine oder zwei haben mir auch als Kind nicht geschadet.

Buchweizen getrocknet

Zurück zum Buchweizen. Ich öffnete also eine der winzig kleinen Früchte. Tatsächlich enthalten sie einen weichen Kern, der sich mit dem Finger leicht zu einem weißem Mehl verreiben lässt. Das Geheimnis des Buchweizenmehls war gelüftet.

Man braucht aber sehr viele solcher Früchte, um eine ansehnliche Menge an Mehl zusammenzubekommen. Weshalb Buchweizen teurer als normales Weizenmehl ist. Im September habe ich in unserer Gegend dann auch ein ganzes Feld mit Buchweizen entdeckt.

»Ich habe Bahn«

In diesem Monat war ich vergleichsweise oft mit dem Zug unterwegs und irgendwie hat mal wieder kaum etwas ohne Probleme und Verspätungen geklappt. Entweder habe ich ein schlechtes Karma, das sich immer dann meldet, wenn ich mit der Bahn fahre, oder es wird wirklich immer schlimmer bei der Bahn.

Auffällig war diesmal die Häufung der verspäteten Bereitstellungen. Das ist mir bei vier Fahrten gleich drei Mal passiert. Meist mit der Konsequenz, dass ich rennen musste, um meine Anschlusszüge zu bekommen. Einmal stand ich mit den anderen Fahrgästen bis fünf Minuten nach der eigentlichen Abfahrt des ICE vor verschlossenen Türen. Es hätte noch gefehlt, der Zug wäre ohne uns abgefahren.

In Frankfurt kam der Zug, mit dem ich fahren wollte, verspätet an, blieb dann noch ewig im Bahnhof stehen und wurde schließlich wegen einer Weichenstörung umgeleitet. Er war aber dann erstaunlicherweise schneller in Aschaffenburg, als im Originalfahrplan vorgesehen. Da frage ich mich doch, auf was die Streckenführung optimiert wird. Auf Schnelligkeit wohl kaum.

Auch der Service ließ zu wünschen übrig, fehlendes Zugpersonal, Fahrkarten, die daraufhin nicht entwertet wurden und mangelnde Durchsagen in den Zügen. Einmal war morgens im Zug die Heizung ausgefallen, bei einstelligen Temperaturen. Der Zugführer meinte wohl, dass, wenn er die Lüftung einschaltet, es allein durch die anwesenden Fahrgäste wärmer würde. So war ich durch die kalte Zugluft trotz Jacke fast zum Eisbrocken erstarrt, als ich nach eineinhalb Stunden wieder ausgestiegen bin.

An einem Tag verbrachte ich knapp zwanzig Minuten im Nürnberger Servicecenter, nur weil ich ein Fahrgastrechte-Formular abgeben wollte. Das dortige Nummern-System – jeder Fahrgast muss eine Nummer ziehen und wird einem Schalter zugewiesen – ist meines Erachtens völlig ineffizient. Die Wartezeiten sind doppelt so lang, weil u. a. Nummern aufgerufen werden, von Fahrgästen, die bereits entnervt gegangen sind, oder denen einfach der Anschlusszug davongefahren wäre, hätten sie noch länger gewartet. Zu beobachten war auch, dass sich die Beamten am Schalter enorm viel Zeit ließen, bevor sie eine neue Nummer aufgerufen haben. Manch einer ging sogar in die Pause, obwohl die Wartehalle voller Leute war. Da wünschte ich mir das amerikanische System mit mäanderförmigen Warteschlangen, in dem jeder, der an der Spitze der Schlange steht, sich zum nächsten freien Schalter begibt.

Das es mit der Bahn nicht nur mir so geht, weiß ich aus Erzählungen von Freunden und Bekannten. So sagte unlängst jemand, nachdem er völlig verschwitzt und verspätet zu einem Termin erschienen war: »Ich habe Bahn« als Äquivalent zu »Ich habe Rücken.“

Es gibt aber auch eine schöne Anekdote zu berichten. Auf der Rückfahrt von Frankfurt hatten wir einen ausgesprochen gut gelaunten und sehr redseligen Zugbegleiter, der mit seinen Ansagen die Leute so trefflich unterhielt, dass sie sich bei ihm bedankten, als er zum Kontrollieren der Fahrscheine vorbeikam. Dabei hatte er für jeden Fahrgast noch eine Extra-Bemerkung parat. Den jungen Damen mir gegenüber erklärte er nach der Kontrolle ihrer Handytickets, er habe jetzt einige ihrer Fotos vom Handy geladen und wolle sie mal durchschauen, was sie denn gestern Abend so getrieben hätten. Der Blick der beiden, die nicht sicher waren, ob er das ernst meinte, war Gold wert. Er verabschiedete sich von ihnen mit dem Hinweis, sie könnten ihre Weihnachtsfotos vom letzten Jahr jetzt löschen, es wäre doch bald wieder Weihnachten. Großartig! Da merkt man, dass es doch noch Menschen bei der Deutschen Bahn gibt, die ihren Beruf lieben.

Oktober auf dem Lömberg

Mein Spielplatz als ich Kind war

An einem Wochenende, das für Mitte Oktober ungewöhnlich warm war, musste man einfach raus in die Natur. Also fuhr ich mit meinen Eltern in unser Wochenendhaus. Wir haben zwar momentan keinen Strom (defekte Zuleitung) aber den brauchten wir an diesem Nachmittag nicht.

Der Bungalow steht am Berg mit einem grandiosem Blick auf die umgebenden Täler. Ich nutzte die Gelegenheit mal wieder die Gegend zu erkunden, in der ich als Kind gespielt habe. Ich habe auf den Wiesen und im angrenzenden Wald meine halbe Kindheit verbracht. Habe Baumhäuser gebaut, einen Apfelbaum als Reitpferd missbraucht und mit dem Schäfer Schafe gehütet. Oft genug mussten meine Eltern nach mir suchen, wenn ich mal wieder nicht zum Essen erschienen bin.

Fast jedes Wochenende verbrachten wir hier. Gleich am Samstag nach der Schule ging’s los (ja, wir mussten am Samstag in die Schule) und am Sonntagabend fuhren wir wieder heim. Es sind nur 18 Kilometer, also nicht so weit. Im Urlaub bin ich mit meinen Eltern über die Berge gewandert. Wir haben Pilze und Beeren gesammelt oder abends mit den Nachbarn gegrillt.

Im Winter konnte man auf dem großen Feld sogar Skifahren, oder mit dem Schlitten den steilen Weg bis in den Ort hinab rodeln. Ich erinnere mich an einem Winter, in dem ich durch Hüfthohen Schnee den Berg hinauf gestapft bin, um eine Katzenmama und ihre Babys zu füttern, die sich unter unserer Terrasse eingerichtet hatten.

Die Jahre sind nicht spurlos an der Landschaft vorbeigegangen. Auf unserem Grundstück stehen inzwischen 10-15 Meter hohe Bäume. Auf den Wiesen weiden Kühe. An unserer Pilzstelle wird gerade ein Wasserspeicher gebaut, daneben steht ein Mobilfunkmast. Der Wald und die Wiesen sind so ausgetrocknet, dass die Bäume eingehen und es kaum noch Pilze gibt. Die einst dicht bewaldeten Berge sind licht geworden und auch die Tierwelt hat sich verändert. Früher fraßen Rehe regelmäßig unsere Rosen und Bäume ab, heute entdeckt man keines dieser Tiere mehr. Auch der Neuntöter und andere seltene Vögel, die in den Hecken genistet haben, sind verschwunden. Die Wühlmäuse und Schlangen sind noch da, auch die großen Greifvögel.

Dennoch sieht es im großen Ganzen hier immer noch so aus, wie vor dreißig Jahren. Mal sehen wie sich die Natur in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren verändern wird.

Zahnlose Kassen

Unlängst musste ich wegen Zahnschmerzen zu einem neuen Zahnarzt. (Mein bisheriger musste Krankheitsbedingt leider aufhören.) Es stellte sich heraus, dass ein zwanzig Jahre altes Inlay undicht geworden war. Leider ist der Backenzahn nur mittels einer Wurzelbehandlung zu retten. Der Zahnarzt machte die Notversorgung: also Nerv raus, Medikament rein und provisorische Füllung. Anschließend bekam ich einen Aufklärungsbogen in die Hand gedrückt, auf dem ich informiert wurden, dass ich bei der anstehenden Wurzelbehandlung 260 Euro würde zuzahlen müssen. Ich sollte mir das daheim in Ruhe durchlesen und dann unterschreiben. An der Rezeption machte ich gleich zwei Termine für die Behandlung aus. Einen im November und einen im Dezember.

Wenige Tage später bekam ich einen dicken Brief vom Zahnarzt. Es war ein Kostenvoranschlag für eine Wurzelbehandlung. Wie sich herausgestellt hat, bezahlt die Krankenkasse nur noch unter ganz bestimmten Umständen eine Wurzelbehandlung. Ich fiel durchs Raster, weil mir vor dem zu behandelten Zahn bereits ein Zahn fehlt. Damit habe ich bis zur Mitte des Kiefers keine geschlossene Zahnreihe mehr, deshalb zahlt Kasse nicht. Die Kassenoption wäre, mir den Backenzahn ziehen und eine Brücke anzufertigen zu lassen. (Die dann wahrscheinlich dreimal so teuer, wie die Wurzelbehandlung ist).

Als ob das allein nicht aufregend genug ist, kommt hinzu, dass sich der Kostenvoranschlag des Zahnarztes für die Behandlung auf sage und schreibe 1055 Euro beläuft. Für einen Zahn wohlgemerkt und da ist die Krone, die ich anschließend brauchen werde, noch nicht mal mit dabei. Wahnsinn! Für manch einen ist das ein Monatsgehalt. Ich habe jetzt bei einem anderen Zahnarzt einen weiteren Kostenvoranschlag eingeholt, der deutlich günstiger ist. Den reiche ich bei der Zahnzusatzversicherung ein, die ich habe und dann werden wir sehen, wie sich das finanzieren wird.

Was ich mich angesichts des Vorfalls frage: wofür man überhaupt noch in die Krankenkasse einzahlt, wenn die dann die Kosten für eine anständige Zahnbehandlung nicht übernimmt? Da kann man sich doch gleich privat versichern. Wer legt eigentlich fest, was bezahlt wird und was nicht? Wahrscheinlich entscheiden das keine Ärzte, sondern Beamte.

Im Übrigen bekam ich heute vom Zahnarzt eine Rechnung für die Notversorgung. 50 Euro darf ich selber zahlen, weil die Kasse nicht alles übernimmt. Manche Zahnärzte sind schon echt unverschämt.

Das schwarze Entlein

Ein Schwärzling?

Am Sonntag waren wir mal wieder am See. Ab Oktober ist es hier schön ruhig und man kann das bunte Laub und die bleierne Oberfläche des Sees in Ruhe auf sich wirken lassen.

Da ist mir zwischen den Enten und Blesshühnern eine schwarze Ente aufgefallen. Bei näherem Betrachten scheint es sich um eine ganz normale Stockente zu handeln. Nur das sie komplett schwarz ist. Eine Kreuzung mit einem Blesshuhn schließe ich aus. Ich habe aber unlängst von einem schwarzen Zebra mit weißen Tupfen gelesen. Es ist ein sogenannter »Schwärzling«, das Gegenteil eines Albinos. Also einer Mutation, die Melanismus genannt wird. Bei diesen Tieren haben sich zu viele dunkle Pigmente in Haut, Federn oder Schuppen eingelagert.

Ich nehme an, dass die Ente, die ich beobachtet habe, ein solcher »Schwärzling« ist. Beeinträchtigt wird sie davon sicher nicht. Ganz im Gegensatz zu dem Zebra, dem die Forscher keine große Überlebenschancen zusprechen. Weil ein Zebra die Streifen nicht zur Tarnung, sondern zur Abwehr von Insekten benötigt. Die werden nämlich durch den Wechsel der schwarzen und weißen Streifen irritiert und können dort nicht landen.

Das wusste ich auch noch nicht. Es stand in der vorletzten Ausgabe der PM. Da soll noch einer sagen, lesen bildet nicht.

Mondlandung in Salzburg

Salzburg von oben

Den Feiertag, so dachten wir, besuchen wir endlich die Ausstellung »Fly Me to the Moon« zu 50 Jahre Mondlandung in Salzburg.

Das Wetter passte, es war zwar frisch, aber die Sonne schien hin und wieder. So fuhren wir nach Freilassing, stellten das Auto auf den P+R-Parkplatz, um mit der S-Bahn nach Salzburg hereinzufahren. Dass wir ein halbe Stunden brauchen würden, um am Bahnhof herauszufinden, mit welchem Zug von welchem Bahnsteig wir abfahren müssen, damit hatte ich allerdings nicht gerechnet. Wir waren übrigens nicht die einzigen, die dort hilflos umhergeirrt sind und Gleis 96 gesucht haben, bzw. die nicht wussten, welcher Zug an der Haltestelle Mülln/Altstadt hält.

Liebe Deutsche Bahn, nehmt euch ein Beispiel an den Österreichern und hängt bitte so einen Fahrplan der S-Bahn auf, wie er an den Haltestellen in Salzburg hängt. Da erkennt man nämlich auf den ersten Blick, mit welchem Zug man fahren kann.

In Salzburg angekommen wanderten wir auf den Mönchsberg. Eine schöner Weg mit einem grandiosen Ausblick auf die Stadt an der Salzach. Die Ausstellung war im Museum der Moderne untergebracht, was mich eigentlich hätte stutzig machen müssen. Denn es entpuppte sich als reine Kunstausstellung. Also keine Raumfahrtoriginale, sondern Gemälde und schräge Kunstinstallationen (eine weiße Plüschrakete oder das Video einer Frau, die wie ein Mann pinkelt). Das meiste hatte nur am Rande mit Raumfahrt oder dem Mond zu tun. In einer Vitrine waren Romane, Schallplatten und Kassetten mit Science Fiction-Inhalten und Spielzeug ausgestellt. Star Trek war mit einer Hörspielkassette vertreten, aber ein PERRY RHODAN-Heft habe ich vergeblich gesucht. Skandal!

Blick über den Dom zur Festung

Der Museumsbesuch war ganz nett, aber nicht das, was wir erwartet hatten. Dafür ist das Museum – ein über mehrere Etagen in den Berg reichender Betonbau – imposant anzusehen. Leider durfte man nicht fotografieren. Wir tranken noch einen sündhaft teuren Cappuccino im Museumscafé »m32«, bei dem man die Aussicht mitbezahlt und spazierten in Richtung Innenstadt. Ich habe die Treppenstufen nicht gezählt, die wir zum Festspielhaus heruntergestiegen sind, aber es waren einige. Hoch möchte ich da nicht unbedingt gehen.

Von oben konnte man bereits die Touristenmassen sehen, die sich in der Altstadt drängten. Viele waren aus Deutschland gekommen, um in Salzburg shoppen zu gehen. Dementsprechend voll war es überall. Wir statteten dem Geburtshaus von Mozart einen Besuch ab. Das eigentlich nur ein normales Stadthaus ist, in dem ein Spar-Supermarkt untergebracht ist. In einer kleinen Bäckerei holten wir uns eine Leberkässemmel und schlenderten anschließend am Salzachufer zurück zur S-Bahn. Inzwischen war die Sonne weg und der Wind hatte aufgefrischt. Es war entsprechend kalt und ich froh, als wir wieder am Auto waren.

Unterwegs entdeckte ich an einem Fenster einen tollen Spruch für Autoren. Den musste ich unbedingt fotografisch festhalten. Ich denke, da steckt viel Wahres drin.