Christinas Multiversum

Ansichten, Rezensionen, Kommentare

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Archiv der Kategorie ‘Rezension’



Esmera – Eine Frau steht ihren Mann

Quelle: splitter-verlag.de

Nachdem ich jetzt einige Comics bzw. Grafik-Novels vom Splitter-Verlag kennen und lieben gelernt habe, stand »Esmera« von Zep und Vince schon länger auf meinem Wunschzettel. Nun habe ich das schön bebilderte Werk von meinem Mann zu Weihnachten bekommen.

Bei dem Comic handelt es sich um eine pornografische Liebesgeschichte. Wobei, so richtig harte Sexszenen gibt es nicht zu sehen, dafür viel nackte Haut, große Brüste und der eine oder andere Penis. Okay, das muss man mögen. Es ist aber nicht das Wichtigste an dem Buch.

Was mir besonders gut gefallen hat, war die Geschichte hinter den Bildern. In dem Mädchen Esmera schlummert eine ungewöhnliche Gabe, die, verriete ich sie hier, potentielle Leser spoilern würde. Ich sage nur, dass sie unerwartet ist und den Verlauf der Handlung bestimmt, die von den frühen sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts bis ins Jahr 2015 reicht. Zusammen mit Esmera erlebt der Leser historische Ereignisse, wie die Studentenunruhen Ende der Sechziger, Hippies, AIDS und den Wandel der Gesellschaft vom prüden Katholizismus bis hin zur sexuellen Revolution. Das ist spannend und unterhaltsam zugleich.

Die Zeichnungen sind ausschließlich in Schwarz-Weiß, was dem Ganzen einen künstlerischen Touch verleihen soll. Mir hätte es gefallen, wenn wenigstens einige davon bunt gewesen wären. Aber auch so ist es eine schöne Geschichte, die durch die Zeichnungen an Intensität gewinnt. Ich bin mir sicher, das würde auch gut als Erotikfilm funktionieren.

»Esmera« erschien 2016 bei Splitter und ist direkt beim Verlag oder im gut sortierten Comic-Handel erhältlich.

Anleitung zur Revolution

Quelle: randomhouse.de

Kim Stanley Robinsons Roman »New York 2140« ist so wie New York City selbst – polarisierend. Jeder der irgendwann einmal seinen Fuß in die Metropole an der Ostküste der USA gesetzt hat, kann bestätigen, es gibt nur zwei Zustände: entweder man hasst diese Stadt abgrundtief oder man liebt sie über alles. Dazwischen gibt es nichts. Menschen, die NYC kennen und lieben, werden der Liebeserklärung des Autors an die Stadt uneingeschränkt zustimmen. Denn der Hauptprotagonist des Romans sind nicht die Menschen, sondern die Stadt selbst.

Robinson setzt ihr mit »New York 2140« ein besonderes Denkmal. Er zeigt ein NYC in einer realistischen Zukunft als Opfer von globaler Erwärmung und Kapitalismus. Dabei schwankt der Roman stets zwischen Erzählung und Sachbuch. Seine Figuren sind so unterschiedlich, wie sie nur sein können. Vom aufstrebenden Börsenmakler über zwei Computer-Hacker, einer Polizeichefin, einer Sozialarbeiterin, einem Showsternchen, bis hin zu einem Hausmeister, zwei obdachlosen Jungen und einem alten Mann. Alle leben und überleben in einer gefluteten Großstadt, kämpfen mit den Schwierigkeiten, die ein Leben in der Gezeitenzone mit sich bringt. Acht Handlungsstränge führt der Autor in acht übergreifenden Kapiteln zu einem gemeinsamen Ziel, in dem es um nichts weniger als eine Revolution geht. Es ist im Grunde eine Anleitung zu zivilem Ungehorsam. Die Unterschicht gegen die wenigen Superreichen, denen zu jener Zeit neunzig Prozent des Planeten gehören. Robinson zeigt einen Weg, wie eine solche Revolution ohne Gewalt möglich ist. Dabei spielt er den Prozess bis zu seinem Ende durch. Ich habe selten eine solch durchdachte Zukunftsvision gelesen, die trotz Katastrophen und unfähiger Politiker einen positiven Beigeschmack hat.

Kim Stanley Robinson fügt wie ein Sternekoch ausgewählte Zutaten zusammen und zaubert daraus ein Gericht, das funktioniert und den Gaumen der Leser schmeichelt. Auch wenn manch ein Handlungsstrang kürzer hätte ausfallen können, ohne das es dem Mahl geschadet hätte. Auf 811 Seiten breitet er sehr viele Informationen aus. Nicht alle sind handlungsrelavant. So verliert er sich oft in ausschweifenden Beschreibungen, mit denen New York-Unkundige vermutlich wenig anfangen können, außer sie verfolgen die Bewegungen seiner Figuren mittels GoogleMaps nach.

Schwer zu lesen sind auch oft die Dialoge, die sich nicht selten über mehrere Seiten ohne jegliche Adressierung erstrecken. Absätze im Text sind ebenso rar gesät. Wer da nicht konzentriert bleibt, gerät leicht ins Schleudern. Das Forderndste aber sind die vielen Informationen, mit denen Robinson seinen Roman spickt. Wer keine Kenntnisse über Finanzwirtschaft oder die Geschehnisse der Finanzkrise von 2008 mitbringt, wird sich schwertun. Begriffe wie Allmende werden nicht vollständig erklärt. Auch die vielen Namen aus der Vergangenheit der Stadt könnten Unkundige verwirren. Ich gestehe, wenn ich NYC nicht aus eigener Erfahrung kennen und nicht das Sachbuch »The value of nothing« von Raj Patel gelesen hätte, wäre mir vieles unklar geblieben. Insofern ist der Roman für unvorbereitete Leser schwierige Kost, weil er von den Lesern Geduld und das Bedürfnis nach Wissen fordert. Etwas, dass in unserer kurzlebigen auf Action ausgerichteten Gegenwart selten geworden ist.

Die Geschichte in »New York 2140« ist keine Dystopie, obwohl sie aus einem dystopischen Szenario emporsteigt. Sie zeigt, wozu Menschen fähig sind, wenn sie durch Intelligenz, eisernen Willen und Motivation neue Weg beschreiten. Wege, die nicht nur den New Yorkern, sondern der ganzen Welt zu einem besseren Leben verhelfen. Das macht für mich die Essenz und die Faszination dieses Buches aus. Da sind die Länge und die etwas langatmige Erzählweise des Autors eher zweitrangig.

Das Cover gehört zu meinen Lieblingsmotiven des Jahres 2018.

Der Roman erschien 2018 bei Heyne und ist in jeder gut sortierten Buchhandlung sowie im Onlinehandel erhältlich.

Heidi im neuen Kleid

www.filmstarts.de

Über die Feiertage lief im Fernsehen die Neuverfilmung von »Heidi« aus dem Jahr 2015. Ich habe sie mir mit großem Interesse angesehen.

Der Roman »Heidi« von Johanna Spyri gehört zu den ersten Büchern, die ich in meinem Leben gelesen habe. Ich bekam das Buch Anfang der Achtziger von meiner Tante aus dem Schwarzwald geschenkt. Das Schneider-Buch ist somit auch eines der wenigen westdeutschen Bücher, die ich als Kind besessen habe.  Ich habe den Roman damals mehrfach gelesen und war fasziniert von der Geschichte, fand aber später, dass die vielen Verfilmungen nie so richtig an die Essenz des Buches heranreichten.

Der Heidi-Film von 2015 bildet da eine Ausnahme. Der Streifen hält sich sehr streng an die Vorlage und liefert auch optisch eine überzeugend realistische Darstellung der Zeitepoche. Allein die Szenen im »Dörfli« zeigen deutlich, wie hart das Leben Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweizer Bergwelt gewesen sein muss. Die Landschaftsaufnahmen sind überwältigend und eines Heimatfilms – der »Heidi« nun mal auch ist – würdig.

Bruno Ganz als Alm-Öhi ist gut besetzt, obwohl ich ihn immer mit seiner Rolle in »Der Untergang« assoziiere, insbesondere seine Stimme. Spaß machen die beiden jungen Darsteller der Heidi und des Geißen-Peter. Das spürt man die Spielfreude.

Klar ist, dass man die langen Zeiträume aus dem Roman, im Film nicht darstellen kann. Deshalb wirkt die Handlung im Film auch etwas gestaucht, vielleicht wäre es an der Stelle doch besser gewesen, einen Zweiteiler zu drehen. Aber »Heidi« ist ein Kinofilm, da kann man durchaus darüber hinwegsehen.

Auffällig ist das Fehlen jeglicher religiöser Bezüge. Ich kann mich gut erinnern, dass im Roman sehr oft von Gott die Rede ist und Szenen in denen Heidi betet und zur Kirche geht. Dieser Aspekt wird im Film völlig ausgeklammert und führt zu einem, wie ich meine, schiefen Bild der Zeitepoche. Das ist aber der einzige Punkt an dem ich dem Film mangelnde Realitätsnähe vorwerfen kann. Und vielleicht muss man das in der heutigen Zeit, in der sich religiöse Werte verändert haben, einfach als gegeben hinnehmen.

Ich fand die Verfilmung spannend und auch berührend. Sie hat mich zumindest dazu gebracht, mal wieder in dem alten Roman zu lesen.

Comedian Volltreffer

Quelle: www.mittermeier.de

»Lucky Punch – Die Todes-Wuchtl schlägt zurück« heißt das aktuelle Programm von Michael Mittermeier. Die aktuelle CD hörte ich heute nachmittag beim Kaffee. Wie immer habe ich herzhaft gelacht.

Der Comedian aus München bringt vieles auf den Punkt und spricht gerade meine Generation an. Ich kann beinahe sagen, dass ich mit ihm aufgewachsen bin. Ich habe keine Sendung auf Pro Sieben verpasst, bei der er mitgewirkt hat. Schon während meines Studiums in den Neunzigern war ich großer Mittermeierfan. Meine Eltern speziell mein Vater konnte dagegen mit dem Humor des Bayern noch nie etwas anfangen. Mein Mann und ich hatten heute aber jede Menge Spaß. Vor allem die Zwischentöne und versteckten Gags »hauen rein«, wenn wir schon bei der Boxersprache sind.

Dabei ist es weniger politisches Kabarett, was Mittermeier auf die Bühne bringt, sondern einfach aus dem Leben erzählte Geschichten. Genau deshalb kommt er so verdammt ehrlich rüber. Ob es die Probleme mit seiner vorpubertierenden Tochter sind, oder sein peinlichstes Erlebnis. Religion und Kirche werden ebenfalls wieder auf lustige Weise thematisiert. Das Hauptthema sind aber Superhelden in jeder Form.

Leider geht bei der Audio-Version viel verloren, denn die Gesten und die Mimik eines Michael Mittermeier gehören einfach dazu. Wir überlegen fast, zu seinem Live-Auftritt nach Rosenheim zu gehen.

Wenn ich mir die Fotos auf dem CD-Cover ansehe, muss ich feststellen: Er ist alt geworden, auch wenn man es seinen Gags nicht anmerkt. Ich gleichen Zug wird mir bewusst, dass auch ich nicht mehr die Jüngste bin. Wir werden halt alle nicht jünger. Meine Vorliebe für Mittermeiers Humor ist aber über die Jahrzehnte geblieben. Und wie heißt es so schön: Wer lacht, altert nicht!

Wer jetzt wissen will, was eine »Wuchtl« ist, dem empfehle ich die CD oder eine der vielen Veranstaltungen seiner Tournee. Die Tourdaten für 2019 liegen der CD-Box bei, sind aber auch auf seiner Internetseite abrufbar.

Technospektakel

Quelle: Perrypedia

PERRY RHODAN NEO Band 189 – »Die Leiden des Androiden« von Rainer Schorm

Der Androide Seka Ow geht in seiner Aufgabe als Diener der Bestien auf. Er betreut einen Teil des Synchrofarks, das mittels des Nexus eine Passage zum Creaversum öffnen soll. Als ein unbekanntes Objekt durch den Nexus in den Einsteinraum einbricht und im Synchrofark einschlägt, scheint alles aus dem Ruder zu laufen und Seka Ow droht das Ende seiner Existenz. Doch dann nimmt ihn ein Bestienschiff auf und er bekommt einen neuen Herren.
Das Treiben am Synchrofark wird auf der MAGELLAN mit Argusaugen beobachtet. Doch die Chancen für Rhodan und seine Crew, das Vorhaben der Bestien und damit ANDROS zu stoppen, stehen schlecht. Bis sie plötzlich ein Unbekannter in einem Bestienschiff kontaktiert. Mit seiner Hilfe können Rhodan, Tolot, Leyden und Gucky das Synchrofark zerstören und das Objekt aus dem Creauniversum bergen. Der Inhalt der Kapsel hält für die Menschen eine Überraschung bereit. Es ist John Marshall.

Ein Leser, der in der Science Fiction völlig unbedarft ist, würde bei dem Roman von Rainer Schorm vermutlich überhaupt nichts verstehen. Selbst mir fiel es zuweilen schwer, allen Ideen und technischen Zusammenhänge des Autor zu folgen. Da steht mir wahrscheinlich mein Bedürfnis im Weg, alles verstehen zu wollen und alles zu hinterfragen. Rainer Schorm gibt sich ehrlich Mühe, seine Ideen klingen durchdacht und auf den ersten Blick auch logisch, aber er fordert mich als Leser auch. Was nicht einmal so schlecht ist. Dennoch wünschte ich mir bei seinen Romanen am Ende ein Glossar, in dem all die unbekannten Begriffe erklärt werden, mit denen er im Text um sich wirft. Das würde mir das Nachschlagen ersparen und für einen geschmeidigeren Lesefluss sorgen.

Die Sichtweise des Androiden setzt der Autor gekonnt um. Man fühlt mit ihm, obwohl er keine biologische Lebensform ist, oder vielleicht auch gerade deshalb. Man hat Mitleid mit dem Kerl, der eigentlich nur der Diener einer höheren Macht ist, die seinen Wert nur bedingt zu schätzen weiß. Das macht die Figur sehr menschlich und verzeiht den einen oder anderen komplizierten Sachverhalt, mit dem sich der Androide auseinandersetzen muss. Dieser Part ist die große Stärke des Romans.

Die Geschichte hat aber auch eine schwache Seite. Der Text strotzt vor Anschlussfehlern aus den vergangenen Romanen. Seka Ow, wurde zuletzt von Masmer Tronkh auf Layl festgehalten, um die Ankunft von ANDROS vorzubereiten. Jetzt ist er wieder auf seinem alten Posten auf dem Synchrofark, ohne das dies hinreichend erklärt wurde. Auch der Kontakt mit ANDROS, den Kai Hirdt im letzten Roman angerissen hatte, wurde nicht weiter thematisiert. Stattdessen war wieder nur von dem Besucher die Rede, der sich aber als ein völlig anderer entpuppte.

So geht es weiter. Masmer Tronkh hatte Tolot am Ende von Band 188 eines seiner Herzen herausgerissen, was zu einer Behandlung auf der DOLAN und einer Überführung des Haluter in die Krankenstation der MAGELLAN führte. Auch Gucky war am Ende des Romans schwer angeschlagen und wurde von der Positronik der DOLAN zur eigenen Sicherheit betäubt. Diese nicht unbedeutenden Details werden mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen tischt uns Rainer Schorm die Erklärung auf, dass die beiden unter dem Einfluss des Dunklen Schrein stehen und deshalb auf der Krankenstation behandelt werden müssen, ohne das dies später im Roman zu irgendeiner Konsequenz führt.

Da frage ich mich, ob es am fehlerhaften Exposé lag, oder eher an der mangelnden Kommunikation zwischen den beiden Autoren. Mir scheint, das Kai Hirdt in seinem Roman einiges vorweggenommen hat, was erst später in der Staffel relevant werden soll. Vielleicht hat er aber auch seinen Roman zu spät abgegeben und Rainer Schorm konnte, nicht mehr darauf reagieren. Sei es wie es sei, aber solche Sachen sind ärgerlich und dürfen nicht passieren. Zumal es nicht das erste Mal in dieser Staffel war. Zum Beispiel fragt Gucky Rhodan, was ANDROS mit dem Synchrofark bezweckt. Hier bleibt ihm der Protektor eine Antwort schuldig, obwohl er von ES weiß, warum ANDROS das tut. Das wurde von Rüdiger Schäfer bereits in Band 180 eindeutig dargelegt.

Das am Ende Tuire Sitareh plötzlich als Lichtgestalt in der Zentrale erscheint und Rhodan auffordert, sofort zur Erde zurückzukehren, fällt im Übrigen auch in diese Kategorie. Hatte nicht schon Ruben Wickenhäuser in Band 187 Rhodan einen ähnlichen Gedanken ins Gehirn gelegt? Warum zögert der Protektor so lange nach Hause zu fliegen?

Überrascht war ich vom plötzlichen Auftritt von Hak Gekkoor. Den Etrionen hatte ich schon beinahe vergessen. Mich wundert nur, dass er nicht als Meister der Insel auftrat. Schließlich hat er Faktor II auf dem Gewissen. Wie mit der Zerstörung des Synchrofarks sein Leben ein unspektakuläres Ende findet, fand ich dann doch etwas schade. Das Geschenk, was er Masmer Tronkh überbringen soll, und das ihm von dem großen Unbekannten in dem Bestienraumer abgenommen und an Rhodan übergeben wird, wirft eine Menge neuer Fragen auf.

Überhaupt: Wer ist der Unbekannte in dem Bestienraumer? Wo kommt er her und auf welcher Seite steht er? Auch hier bleiben mehr Fragen zurück, als der Roman beantwortet. Laut Seka Ow ist das Ringen beendet, warum und wieso, erfährt man leider nicht. Auch nicht, wohin die Laurins verschwunden sind, oder ob sie den Bestien zum Opfer gefallen sind. Dafür scheint der Dunkle Schrein eine Entität zu beherbergen, die nicht nur älter als das Universum ist, sondern auch ziemlich gefährlich. Auch hier frage ich mich, warum sich die Bestien nicht dafür interessieren? Wenn sie etwas darüber wissen, warum gehen sie dann so sorglos damit um?

Diese vielen irritierenden Fragen und internen Unstimmigkeiten ziehen sich nicht nur durch den Roman, sondern durch die komplette ALLIANZ-Staffel. Ich hoffe, dass Rüdiger Schäfer im Abschlussband zumindest ein wenig Licht ins Dunkel bringt und das eine oder andere gerade biegen kann.

An dieser Stelle möchte ich ein großes Lob an den Lektor Dieter Schmidt aussprechen. Ich kann mir nur bedingt vorstellen, wie viel Arbeit ein Roman mit so komplexen Beschreibungen macht. Das ihm da das eine oder andere überflüssige Adjektiv oder hin und wieder auch eine Phrase durchrutscht, kann ich in dem Fall sogar verstehen.

»Die Leiden des Androiden« ist ein herausfordernder Roman mit einer starken Hauptfigur, der aber unter zu vielen Anschlussfehlern und Unstimmigkeiten leidet. Da wünsche ich mir in Zukunft mehr Sorgfalt bei Autoren und Expokraten.

Best of Science Fiction 2

Quelle: Amazon

Science Fiction Hall of Fame 2 (1948-1963)
Herausgegeben von Robert Silverberg

Im vergangenen Jahr las ich mit großer Begeisterung den ersten Band der Science Fiction Hall of Fame. Die zwölf großartigen Kurzgeschichten bekannter Science Fiction-Autoren begeisterten mich so sehr, dass ich mich auf den zweiten Band freute. Dieser Tage habe ich das Buch mit den 14 Kurzgeschichten beendet und bin wieder völlig hingerissen.

Dabei lasen sich die ersten vier Geschichten eher zäh. Sowohl Cordwainer Smith als auch Ray Bradbury konnten mich mit ihren Storys nicht wirklich überzeugen.

Ersterer erzählt von Scannern, Menschen, die mit technologischen Implantaten ausgestattet wurden (heute würde man sie Cyborgs nennen), um lange Weltraumreisen psychisch zu überstehen. Als ein Wissenschaftler herausfindet, wie auch normale Menschen Monate und Jahre lang durch das All reisen können, ohne durchzudrehen, fürchten die Scanner um ihre Daseinsberechtigung und rebellieren. Ray Bradbury zeigt die Landung des ersten irdischen Raumschiffes auf dem Mars. Die Begegnung mit den Marsianern ist zwar ungewöhnlich, aber auch vorhersehbar und konnte mich deswegen nicht überzeugen.

Spannender war dagegen die »Die kleine schwarze Tasche« von Cyril M. Kornbluth. Darin geht es um einen heruntergekommenen Arzt, der eine Arzttasche aus der Zukunft findet und wieder zu praktizieren beginnt, bis er der Gier seiner Assistentin erliegt.

Die Kürzestgeschichte von Richard Matheson berichtet von einer geknechteten Kreatur in einem Keller, von der man bis zum Ende nicht erfährt, ob es ein Mensch oder etwas Fremdes ist.

Besser gefiel mir »Schöne Aussichten« von Fritz Leiber. Ein Engländer rettet im radioaktiv verseuchten New York eine junge Frau, die eigentlich nicht gerettet werden will. An dieser Geschichte fesselt vor allem die Darstellung einer postatomaren Gesellschaft in der es für Frauen als unschicklich gilt, sich ohne Maske in der Öffentlichkeit zu zeigen. Der Widerspruch der Gesellschaft liegt darin, dass Frauen auf der einen Seite als das starkes Geschlecht präsentiert werden, indem sie in Showkämpfen gegen Männer antreten, auf der anderen Seite jedoch unterdrückt und missbraucht werden.

Um Unterdrückung geht es auch in der Geschichte von Anthony Boucher. Sie spielt im Kalifornien der Zukunft, in der jegliche Ausübung von Religion verboten ist. Zu dieser Zeit wird ein Priester heimlich vom Papst mit einem Robot-Esel losgeschickt, um das Grab des heiligen Aquin zu finden. Die Frage, mit der sich die Geschichte auseinandersetzt, ist: wieviel Wahrheit und wieviel Lüge braucht es, um zu glauben. Die Diskussionen des Priesters mit seinem Esel und die Pointe am Schluss sind ein großartiges Stück Literatur.

In meinen Augen die beeindruckendste Geschichte in Band 2 der Hall of Fame stammt aber von James Blish, besser bekannt durch seine Beiträge zur klassischen Star Trek-Serie. Mit »Oberflächenspannung« schuf er eine phantastische Geschichte, die nicht nur mit dem Schicksal einer ganzen Spezies, sondern auch mit Evolution und physikalischen Phänomenen spielt. Der Autor zeigt den Aufbruch einer außerirdischen Zivilisation in eindringlichen Bildern und mit großer Tragik. Die Besonderheit liegt darin, dass die Zivilisation einst von Menschen erschaffen wurde, die auf dem Planeten gestrandet waren.

Von da ab ebbt der Strom an spannenden Geschichten nicht ab. Der große Arthur C. Clark lässt das Ende der Welt von ein paar buddhistischen Mönchen mit einem Supercomputer herbeirechnen. Jerome Bixby erzählt die Geschichte eines Mutantenkindes, das eine ganze Stadt terrorisiert und Tom Godwin brilliert mit einem anrührenden Kammerspiel. Die klassische Raumschiff-Story erzählt von einem Piloten, der das Leben eines blinden Passagiers (einem unschuldigen jungen Mädchen) beenden muss. Hier geht es um die moralische Frage, was wichtiger ist: das Wohl vieler oder eines einzelnen. Das ist klassische SF, die bis zum Ende hin berührend erzählt wird.

Ich gebe zu, dass ich von Alfred Besters Geschichte »Geliebtes Fahrenheit« ein wenig irritiert bin, weil ich bis zum Schluss nicht begriffen habe, wie viele Protagonisten es in der Geschichte tatsächlich gibt. Die Story ist eher ein Fall für Psychoanalytiker.

Auch die nachfolgende Geschichte von Damon Knight geht in die psychologische Richtung und erzählt, was passiert, wenn ein Rebell in einer Gesellschaft von Angepassten leben muss.

Eine besondere Herausforderung stellte für mich die Geschichte »Blumen für Algernon« von Daniel Keyes dar. Die Aneinanderreihung von Berichten eines Legasthenikers ist wegen der unzähligen Grammatik- und Rechtschreibfehler zunächst nur schwer zu lesen. Aber als es mir gelang, den Redakteursmodus auszuschalten und mich auf die Geschichte einzulassen, ging mir das Schicksal des Protagonisten am Ende sehr nahe. Da hatte ich tatsächlich Tränen in den Augenwinkeln. Meine Hochachtung für den Autor (und den Übersetzer), der die Wandlung eines Menschen nur anhand seiner geschriebenen Texte zeigt.

Auch die letzte Geschichte »Dem Prediger die Rose« von Roger Zelazny berührte mich. Ein Autor und Übersetzer von der Erde soll bei einer Expedition auf dem Mars Kontakt zu den, vom Aussterben bedrohten, Marsbewohnern aufnehmen. Dem Sprachexperten mit religiösem Hintergrund gelingt es, mit dem zurückhaltenden Volk zu kommunizieren, das schon seit Jahrtausenden den Mars bewohnt. Bewundernswert an dieser Geschichte finde ich die poetischen Beschreibungen und die vielen Querverweise auf die irdische Literatur. Vom ersten Testament über die alten Griechen, bis hin zu Shakespeare und Rilke zieht Zelazny seine Analogien. Das ist brillante, mit viel Intelligenz verfasste Genre-Literatur.

Auch der zweite Band der Science Fiction Hall of Fame enthält großartige Kurzgeschichten, die das Genre geprägt haben. Viele der Ideen würden sich hervorragend für eine Verfilmung eignen. Für Science Fiction-Fans sind beide Anthologien ein absolutes Muss. Einfach nur, um zu sehen, wo die großen Ideen herstammen, die Jahrzehnte später Serien wie Star Trek prägten und noch heute die Literatur des Genres bestimmen. Wenn ich mir bewusst mache, wie alt diese Geschichten sind, empfinde ich tiefe Ehrfurcht vor den Visionen der damaligen Autoren, die ihrer Gegenwart weit voraus waren, auch wenn den Geschichten immer noch das Flair ihrer Zeit anhängt.

»SF Hall of Fame – die besten Storys 1948-1963« herausgegeben von Robert Silverberg erschien bei Golkonda und ist überall im Buchhandel und online erhältlich.

Von Marsianern, Terranern und Gürtlern

Quelle: Amazon

The Expanse ist eine Serie, von der bereits drei Staffeln existieren, die Vierte ist gerade in Produktion. Warum ich die erste Staffel der Serie erst in den vergangen Wochen gesehen habe, liegt daran, das The Expanse auf dem Bezahlsender Syfy ausgestrahlt wurde und ab der vierten Staffel bei Amazon Prime Video angesehen werden kann. Bei unserem geringen Fernsehkonsum lohnt es sich aber nicht, Geld für zusätzliche Fernsehsender auszugeben. Wir warten meist, bis die Serie auf DVD herauskommt. Und weil für November die zweite Staffel von The Expanse auf DVD angekündigt ist, hielten wir es für eine gute Idee mal in die Serie hineinzuschnuppern.

Die Serie spielt im 25. Jahrhundert. Das Sonnensystem wurde von den Menschen besiedelt. Auf dem Mars hat sich eine eigenständige Gesellschaft entwickelt, die sich von der Erde abgewandt hat. Zwischen Mars und Erde herrscht so etwas wie ein Kalter Krieg. Dann sind da noch die Gürtler, Menschen die im Asteroidengürtel auf Ceres, Eros und anderen Planetoiden leben. Sie werden von beiden Parteien ausgenutzt, in dem sie die Rohstoffe abbauen müssen, die der Mars vor allem aber die Erde benötigen. Dabei leben sie unter Menschenunwürdigen Bedingungen. Sie haben mit körperlichen Degenerationen durch die geringe Schwerkraft zu kämpfen und leiden vor allem unter dem Wassermangel. Als ein Raumschiff der Gürtler, das Wassereis nach Ceres transportieren soll, von einem getarnten Raumschiff zerstört wird, bricht eine Rebellion aus. Weil alle glauben, der Mars stecke hinter dem Angriff, greift auch die Vereinten Nationen der Erde ein und setzt die Marsianer unter Druck. Eine Gruppe Überlebender des Gürtlerschiffs wird von einem marsianischen Schiff aufgegriffen und entdeckt, das auch die Marsianer vor dem unsichtbaren Angreifer nicht sicher sind. Am Ende der Staffel kristallisiert sich heraus, dass eine dritte Partei mit einer anscheinend außerirdischen Biowaffe Experimente mit den Gürtlern durchführt und das Gleichgewicht zwischen Mars und Erde kippen will.

Ich bin zwar keine große Freundin von Dystopien, aber die Zukunft, die The Expanse zeigt, ist sehr glaubhaft gestaltet. Auf der eine Seite die Erde mit einer kaputten Umwelt, erkennbar am gestiegenen Meeresspiegel. Daneben die Marsbewohner, die mit Neid und Verachtung auf die Terraner herabsehen, weil sie einst ihren Planeten zerstört haben. Dazwischen die Gürtler, die Arbeiter auf deren Rücken die beiden planetaren Gesellschaften ihren Reichtum und Fortschritt bauen, die aber nichts davon haben. Das Leben in den Asteroiden wird in düsteren, klaustrophobischen Bildern gezeigt.

Besonders gut gefielen mir die Figuren. Die vielfach ambivalenten Charaktere sind tiefgründig und handeln unvorhersehbar. Überraschend ist, dass einige der Charaktere aus den ersten Folgen im Laufe der ersten Staffel den Tod finden, oder einfach von der Bildfläche verschwinden.

Die zehn Folgen der ersten Staffel erzählen eine zusammenhängende Geschichte, von der man bis zur vorletzten Folge glaubt, dass sie auf eine politische und kriegerische Konfrontation zwischen Erde und Mars hinführt. Das Auftauchen eines fremden Organismus gibt der Serie auf der Zielgerade aber eine völlig neue Richtung. Das fand ich ausgesprochen spannend. Es wird nie ganz klar, wer hinter den Vorgängen und den getarnten Schiffen steckt. Der Zuschauer bleibt genauso im Unklaren wie die Protagonisten um den Captain der ROSINANTE. Als ausführender Produzent und Autor einiger Folgen zeichnet Naren Shankar verantwortlich. Aus der Feder des indischstämmige Autor stammen einige wichtige Episoden mehrerer STAR TREK-Serien.

Die Serie kann man als Hard-Science-Fiction im weitesten Sinne bezeichnen. Die Raumschiffe und die Technologie orientieren sich an den physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Was mitunter zu überraschenden Effekten führt. So holt sich die Kommandantin eines marsianischen Schiffs erstmal einen Kaffee, während ihr Schiff mit Torpedos beschossen wird. Es dauert halt eine halbe Stunde, bis die Torpedos einschlagen. Das fand ich gut.

The Expanse ist eine sehenswerte SF-Serie. Da freue ich mich schon auf die zweite Staffel.

Königin des Rock im Kino

Quelle: Wikipedia

Der Film »BOHEMIAN RHAPSODY« bescherte uns gestern einen besonderen Kinoabend.

Selten habe ich einen so vollen Kinosaal erlebt. Der Saal war bis auf die letzte Reihe ausverkauft. Im Publikum saßen mehrere Generationen, vor allem viele Leute in meinem Alter. Die Faszination des Films war in den gut zwei Stunden im Publikum greifbar. Es wurde an den lustigen Stellen gelacht, aber die meiste Zeit war es so ruhig, dass man die buchstäbliche Nadel hätte fallen hören können, wenn nicht die geniale Musik gewesen wäre.

»BOHEMIAN RHAPSODY« ist mehr als ein Musikfilm. Es ist eine Biografie über einen besonderen Mann – Freddie Mercury – der viele Menschen inspiriert und fasziniert hat. Der Film zeigt, wie eng die Musiker von Queen zusammengearbeitet haben, wie ihre Lieder entstanden und mit welchen persönlichen Konflikten sie sich auseinandersetzen mussten. Damit gewinnt man als Zuschauer nicht nur einen Einblick ins Musikgeschäft, sondern auch in die Seele eines zutiefst sensiblen Menschen.

Der Film startet 1970 an einem Gepäckband auf einem Flughafen, wo Freddie arbeitet, bevor er mit zwei Mitgliedern der Gruppe »Smile« die Band »Queen« gründet. Der Film geht sehr feinfühlig mit dem Charakter von Freddie Mercury um. Der Zuschauer folgt seiner Entwicklung vom Außenseiter über den gefeierten Popstar bis hin zur Dramaqueen. Seine Homosexualität wird nur andeutungsweise thematisiert, denn in dem Film geht es in erster Linie um die Musik. Und sie ist es auch, die den Film trägt. Am Ende spielen Queen vor fast 1,5 Mrd. Menschen beim Live Aid Benefizkonzert im Wembley Stadion. Die Begeisterung der Massen übertrug sich auch auf die Kinobesucher. Ich hatte echt Gänsehaut. Was auch daran lag, dass die Darsteller allesamt perfekt ausgesucht waren. Besonders die Bandmitglieder sahen den Originalen zum Verwechseln ähnlich. In einer kleinen Rolle ist auch Mike Myers zu sehen, man erkennt ihn aber nur, wenn man es weiß.

Ich würde mich nicht unbedingt als Musikinteressiert bezeichnen, aber ich fand »BOHEMIAN RHAPSODY« großartig. Und das obwohl wir nicht die besten Plätze im Kino hatten (zweite Reihe links). Ich habe mich keine Sekunde der 134 Minuten gelangweilt und war wie viele Besucher am Ende schier überwältigt. Keiner ist während des Abspanns aufgestanden und gegangen, dass war schon bezeichnend.

Ich verstehe allerdings nicht, warum man einen solchen Film nur in ausgewählten Kinos zeigt. Wir mussten mal wieder durch die halbe Republik fahren, um ihn zu sehen. In der bayrischen Provinz scheint ein Musikfilm für die Kinobesitzer nicht interessant genug. Der Ansturm der Besucher am Samstagabend in Thüringen beweist mir jedoch, dass der Film ein breites Publikum anspricht. Weil uns die Musik so ins Ohr gegangen ist, haben wir heute auf der Heimfahrt zweieinhalb Stunden lang Queen gehört. Das musste einfach sein, um den großartigen Film Revue passieren zu lassen.

Hier der Trailer für jeden, den es interessiert.

 

Noch eine kleine Anekdote am Rande. Im Film gibt es eine Szene in der Freddie seinen späteren Partner Jim Hutton küsst. Eine empörte Frauenstimme in unserer Reihe kommentierte eine gemurmelte Bemerkung ihres Mannes wie folgt: »Aha, aber küssenden Lesben sind für dich in Ordnung.«

 

Irres Punkspektakel

Quelle: shop-hirnkost.de

Ich möchte an dieser Stelle auf ein Buch hinweisen, von dem ich zumindest einen Teil des Manuskriptes vorab lesen durfte.

Der Meister des Chaos, Mitinitiator der Chaostage von Hannover und Kanzlerkandidat der APPD – Karl Nagel vermischt in seinem Roman »Schlund« Autobiografisches mit einer wahnwitzigen Geschichte über »den täglichen medialen und mentalen Lärm«. Ich fand das groteske Werk unheimlich spannend und bedrückend ehrlich. Der Autor geht sowohl mit sich selbst, als auch mit unserer Gesellschaft gnadenlos zu Gericht. Das ist aufrüttelnd und manchmal auch abstoßend, aber immer faszinierend.

Das Werk kann derzeit schon im Shop des Hirnkost-Verlags vorbestellt werden. Wer bis zum 20. November seine Vorbestellung tätigt, bekommt das Buch sogar von Karl Nagel signiert.

Zusätzlich zum Roman ist eine Art Making-of erschienen. In »Reflux« veröffentlicht der Autor, Ideen und Texte, die es nicht in den Roman geschafft haben. Außerdem beschreibt er den Entstehungsprozess des Buches und seine Schwierigkeiten damit. Und um den medialen Rundumschlag zu vollenden, liefert Karl Nagel auch gleich noch den Soundtrack zum Buch dazu. Höchstselbst performt natürlich. Die LP »Karl Nagels Hymnen aus dem Schlund« enthält 16 Coverversionen von deutschen Punk-Klassikern. Auf Vinyl wie es sich für einen echten Punk gehört.

Also, wer sich schon immer mal dafür interessiert hat, wie es im Kopf eines echten Punks aussieht, dem sei das Werk von Karl Nagel empfohlen. Was mir ein bisschen im Buch gefehlt hat, war der Alkohol. Das fand ich ziemlich untypisch für einen Punk. Da muss sich der Leser wohl oder übel selber betrinken.

Hörprobe vom Buch gefällig:

Der Bop-Saga zweiter Teil

Quelle: Amazon

Da der nette Autor mich freundlicherweise daran erinnerte, dass es da noch einen zweiten Teil seines Science-Fiction-Werkes gibt, welches ich unlängst hier wohlwollend besprochen habe, gab ich diese Woche seinem Bitten nach und las den humoristischen Roman im Zug nach München und zurück. … Wahnsinn, was für ein Schachtelsatz!

Solche oder ähnliche Bemerkungen finden sich auch in »Selfies vom Mond« dem zweiten Teil der Bop-Saga. Der Autor nimmt Augenzwinkernd seinen eigenen Text auf die Schippe und sich und seine Figuren nicht einmal ansatzweise ernst. Wie zum Weltraumteufel soll man sowas rezensieren? Man könnte meinen, der Autor erkaufe sich damit einen Freifahrtschein in Sachen Stilanalyse. Doch so leicht lasse ich mich nicht hinters Licht führen.

Die Geschichte krankt nämlich an ganz anderen Stellen, als an Schachtelsätzen oder der Synonym-Seuche. Da wird mir zum Einen nur erzählt, was ich doch eigentlich sehen will. Beispiel gefällig? „Seht ihr irgendwo einen freien Tisch?“ fragte Edward angesichts des tumultartigen Tohuwabohus in der alten Nova. Ich bekomme gesagt, dass in der Kneipe ein Durcheinander herrscht, wie genau das aussieht, enthält mir der Autor aber vor. Da hätte ich gern mehr darüber gewusst, um mir ein Bild zu machen. Wie sieht es da aus? Welche schrägen Außerirdischen hängen dort rum? Was für exotische Getränke stehen auf den Tischen? Spielt da irgendwo eine Catina-Band und vor allem, wie riecht es da? All das erfahre ich nicht. Diese Szene ist beispielhaft für viele weitere.

Auch plottechnisch wäre noch so einiges zu verbessern. Am Anfang und im Mittelteil verläuft die Handlung nämlich arg zäh. Ich hatte zunächst damit zu kämpfen, wieder in die Geschichte zu finden. Die beginnt nämlich mit Kapitel 23. Es ist ratsam Teil zwei direkt im Anschluss an Teil eins zu lesen. Bei mir lagen mehrere Wochen dazwischen und ich wusste überhaupt nicht mehr, wer von den Figuren jetzt wer war und vor allem auf welcher Mission sie nochmal unterwegs waren.

Mir hat sich auch der Sinn nicht erschlossen, warum die Reisen der Abenteurer immer so lange dauern. Mal sind es zwei Wochen, dann wieder drei. Das Universum, das André Nagerski geschaffen hat, ist so verrückt, dass er eigentlich nicht auf die Einhaltung irgendwelcher physikalischen Gesetze achten müsste. Die Reise durch ein Wurmschlupfloch sollte innerhalb von Minuten vonstattengehen. Stattdessen lässt er seine Helden wochenlang in ihrem Raumschiff aufeinander hocken, zeigt mir dann aber die Auswirkungen nicht. Die lange Reise hat keinerlei Konsequenzen für die Geschichte und ist meiner Meinung nach somit überflüssig.

Die Stärke des Autors ist gleichzeitig seine größte Schwäche. Die Wortschöpfungen und Sprüche waren im ersten Teil noch originell und witzig, verlieren im zweiten Teil aber schnell ihren Reiz. Man gewöhnt sich daran und lächelt am Ende nur noch müde, wenn die Pointe mal nicht so knackig ausfällt, wie bei den Krachern zuvor. Was mir besonders aufgefallen ist, dass der Autor in »Selfies vom Mond« viele Werbe-Slogans oder bekannte Sprüche aus Funk und Fernsehen verwendet. Das finden Jungs in der Pubertät oft irrsinnig komisch, mir gefiel es nicht, weil es einfach peinlich ist. Bei anderen Passagen wiederum nimmt André Nagerski den Leser zu sehr an die Hand, weshalb der Humor aufgesetzt wirkt. Auch hier wieder ein Beispiel: „Seid gegrüßt in Vogelweide, Fremde!“, begann der Anführer der Gruppe. „Mein Name ist Nisnas – Alter von der Vogelweide. Der Vorsteher des Dorfes …“ Hätte der Autor den Typen Walter genannt, hätte jeder den Gag verstanden, ohne das er noch irgendein Wort hätte hinzufügen müssen. Das wäre subtiler gewesen als die angewandte Holzhammer-Methode.

Jetzt muss ich aber auch noch etwas Gutes sagen: Die irrwitzigen Ideen scheinen dem Autoren auch in Teil zwei nicht ausgegangen sein. Mir gefielen am besten die Phillyponys, davon hätte ich mir gern mehr in Aktion gewünscht, ebenso mehr von den tollen Erfindungen wie dem Multifraß 2000 aus dem ersten Teil. Sprachlich ist auch »Selfies vom Mond« einwandfrei geschrieben, wobei nicht jeder Gag bei mir gezündet hat. Lustig ist die Geschichte um die Bewohner des Planeten Bop auf ihrer Odyssee durchs All allemal. Wer Douglas Adams mag, ist hier gut aufgehoben. Großes Lob von mir geht übrigens auch an den Illustrator Stefan Kolmsberger für das sensationelle Cover

Im Epilog ist Band drei angekündigt. Ich hoffe der Autor lässt seine Leser nicht allzu lange warten.

André Nagerskis »Selfies vom Mond« erschien im Selbstverlag und ist bei Amazon als E-Book und gedrucktes Buch erhältlich. Ich empfehle auch die Internetseite des Autors roboter-weinen-heimlich.de. Dort finden sich alle News rund um die Bop-Saga.

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