Ischgl und die Folgen

Wie ausgerechnet ein Skigebiet zur Drehscheibe einer Pandemie wurde, konnte ich mir kaum vorstellen. Aber als ich diese Woche das Video eines Fotografen sah, der die Zustände in Ischgl aufgenommen hat, wurde mir vieles klarer. Es ist diese Partymentalität, die uns jetzt auf die Füße gefallen ist. Es konnte, nein es durfte nicht so weitergehen. Aber seht selbst.

Wenn es nicht so tödliche und wirtschaftlich schlimme Folgen hätte, vor allem für die ärmere Weltbevölkerung, könnte man das Covid 19-Virus als Segen für die Gesellschaft und die Umwelt betrachten. 400 Kreuzfahrtschiffe und zwölf Prozent der Containerschiffe stehen still, neunzig Prozent der Flugzeuge sind am Boden und viele Leute haben ihre Liebe zum Spazierengehen und Fahrradfahren entdeckt. Der Himmel über uns ist so klar wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das, was sich Umweltaktivisten seit Jahren wünschen und was laut den Regierungen der Welt als unmöglich galt, ist eingetreten, die Natur erobert sich den Lebensraum der Menschen zurück.

Das alles wegen eines klitzekleinen Erregers, dem noch vor Jahrzehnten kaum einer viel Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Angesichts der vielen neuen Erkenntnisse, die jeden Tag in den Medien auftauchen, frage ich mich allerdings, wie das mit uns weitergehen soll. So schnell werden wir das Virus nicht loswerden. Es gibt Virologen, die glauben, dass überhaupt kein Impfstoff gefunden wird. Für HIV gibt es bis heute keinen. Das bedeutet letztendlich, dass Feste und Großveranstaltungen bis auf weiteres ausgesetzt werden. Ich vermute, dass das Verbot über den 31. August verlängert werden wird. Das heißt, es wird wohl nicht so schnell wieder eine Buchmesse oder ein größeres Konzert geben, vor allem nicht in Innenräumen. Es werden auf längere Sicht keine Cons mehr stattfinden, da mögen die Veranstalter noch so sehr die Daumen drücken. Selbst wenn, werden die meisten Fans und Besucher aus Vorsicht fernbleiben. Und selbst wenn wir irgendwann wieder zur Normalität zurückkehren, was auch immer das dann bedeuten mag, steht vermutlich schon das nächste Virus in den Startlöchern.

Was dann? Urlaub im Ausland, wird sich das noch jemand leisten können? Eine Seefahrt mit tausenden Menschen zusammen auf einem Schiff, wollen das die Urlauber noch nach ihren Erfahrungen mit Corona? Werden die Leute noch zu einer Buchmesse gehen, in dem Bewusstsein, dass sie sich dort potentiell mit einem tödlichen Erreger anstecken könnten? Ich meine, es gibt ja noch mehr Viren und Bakterien, die schwere Krankheiten auslösen. Sind solche Großveranstaltungen dann überhaupt noch zu verantworten?

Was wird aus all den Schiffen, Flugzeugen und Messehallen? Verschrotten, Umbauen oder ins Museum damit …? Aber halt! Kann man sich in Museen nicht auch anstecken? Das ist eine Welle, die da gerade auf uns zurollt. Keine Schiffe mehr, bedeutet keine Werften und keine Besatzungen mehr. Weniger Flugzeuge, heißt weniger Piloten und Stewardessen und kleinere Flughäfen. Ergo weniger Angestellte. Keine Buchmessen mehr, bedeutet keine Event-Agenturen, weniger direkte Kontakte zwischen Verlagen, Autoren und Lesern, daraus folgen weniger Verträge, kaum Werbung und rückläufige Leserzahlen. (Das gilt im übrigen für alle Branchen.) Im Umkehrschluss sterben noch mehr Verlage, noch weniger Autoren bekommen die Chance zu Veröffentlichung und das Spektrum des Buchmarktes wird immer schmäler werden. Irgendwann endet das, wie im öffentlich rechtliche Fernsehen, wo nur noch Krimis laufen.

Wir stehen gerade an der Schwelle zu einer neuen Welt. Ob diese Welt besser sein wird, mag ich zu bezweifeln. Sie wird auf alle Fälle anders sein. Die abnehmende Risikobereitschaft unserer Gesellschaft ist in einer Pandemie nicht unbedingt zweckdienlich. Denn wenn man es genau nähme, dürften wir alle eigentlich nicht mehr vor die Tür. Die Gefahr zu sterben lauert überall, auch im Haushalt (vor allem da). Wir dürften also auch nicht mehr aus dem Bett aufstehen, man könnte ja auf dem Vorleger ausrutschen, stürzen und sich den Kopf aufschlagen. Ich weiß, das ist übertrieben. Aber überdenken wir mal die Geschehnisse der vergangenen Wochen und wie sehr diese uns verändert haben. Wir sollten uns über unsere Zukunft ein paar mehr Gedanken machen. In welche Richtung wollen wir gehen: zu den Sternen aufbrechen, obwohl das gefährlich ist, oder uns in unsere Wohnhöhlen zurückziehen und aufs Aussterben warten?

Eines hoffe ich jedoch, dass sowas wie in Ischgl der Vergangenheit angehören wird. Vermutlich aber, wird es das nicht.

Die erste Schallplatte

Ich gehöre wahrscheinlich zur letzten Generation, die Schallplatten kennengelernt haben, die sich vielleicht auch noch selbst welche gekauft haben. Unser Plattenspieler stand erst im Wohnzimmer und später im Kaminzimmer. Meine Eltern hatten sogar ein kleines japanisches Radiogerät, mit dem man Platten abspielen konnte, einen portablen Plattenspieler sozusagen.

Als Kind legten mir meine Eltern manchmal Schallplatten mit Märchen auf, dann wenn die Oma keine Zeit hatte, mir vorzulesen. Das war für mich immer etwas besonderes. Ich war fasziniert, wie man die schwarze Scheibe ganz vorsichtig aus der Hülle nehmen musste und auf den Plattenspieler legte. Das durfte ich damals nicht selbst machen. Dafür durfte ich ab und zu mit einem Pinsel aus Marderhaar den Staub entfernen, während sich die Platte schon drehte. Dann wurde der Tonarm ganz vorsichtig aufgesetzt und es knisterte aus den Lautsprechern. Danach lauschte ich andächtig der Stimme, die mir Märchen erzählte.

Später nervte ich meine Eltern damit, dass ich unbedingt die Musik aus den Winnetou-Filmen hören wollte. Leider war die in der DDR schwer zu bekommen. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht haben, aber irgendwann schenkten mir meine Eltern eine Single, auf der die Winnetou-Melodien von Martin Böttcher drauf waren. Ich glaube, dass ich die in Endlosschleife gehört hätte, wenn mir meine Eltern nicht erklärt hätten, dass die Schallplatten kaputt gehen, wenn man sie zu oft anhört.

Meine erste eigene Schallplatte kaufte ich zusammen mit meiner Mutter im Intershop. Es war die LP zum Film »La Boum 2«. Ich war besessen von den Filmen und mochte den Darsteller Pierre Cosso sehr. Witzigerweise habe ich mir das Geld dafür verdient, in dem ich für jemanden ein Portrait von Pierre Cosso auf ein T-Shirt gemalt habe, mit Textilfarbe und Pinsel.

Die Platte habe ich dann mittels Überspielkabel mit meinem Kassettenrekorder, den ich zur Jugendweihe und Konfirmation bekommen hatte, auf Kassette überspielt. Die konnte ich dann stundenlang in meinem Zimmer hören.

Plattenspieler mit Schallplatten existieren noch und sind auch noch einsatzfähig. Mein Vater hat sogar noch ein Grammophon mit einhundertjahre alten Platten.

Neues zum Bienensterben

Folgende Pressemitteilung bekam ich heute vom Landesverband Thüringer Imker, deren Mitteilung bekomme ich, weil mein Vater Mitglied im Imkerverein Saalfeld ist.
Ich finde die Informationen so wichtig, dass ich sie gern hier teile.


Honigbienen: Pflanzenschutzmittel stört Brutpflegeverhalten und Larven-Entwicklung – Einzigartige Langzeitvideos

Informationsdienst Wissenschaft – idw – Pressemitteilung
Goethe-Universität Frankfurt am Main, Markus Bernards.

Durch eine neu entwickelte Videotechnik konnten Wissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt am Institut für Bienenkunde der Polytechnischen Gesellschaft erstmals die komplette Entwicklung einer Honigbiene im Bienenstock aufzeichnen. Dabei stellten die Forscher fest, dass bestimmte Pflanzenschutzmittel – Neonikotinoide – das Verhalten der Ammenbienen veränderten: Sie fütterten die Larven seltener. Die Larven benötigten bis zu 10 Stunden länger in ihrer Entwicklung. Eine längere Entwicklungszeit im Stock kann den Befall mit Bienenschädlingen wie der Varroa-Milbe begünstigen (Scientific Reports, DOI 10.1038/s41598-020-65425-y)

Honigbienen haben ein sehr komplexes Brutverhalten: Eine Putzbiene reinigt eine leere Wabe (Brutzelle) von den Resten der vorherigen Brut, bevor die Bienenkönigin ein Ei hineinlegt. Sobald die Bienenlarve geschlüpft ist, wird sie sechs Tage lang von einer Ammenbiene gefüttert. Dann verschließen die Ammenbienen die Brutzelle mit einem Deckel aus Wachs. Die Larve spinnt sich in einen Kokon ein und durchläuft eine Metamorphose, während der sie ihren Körper umformt und Kopf, Flügel und Beine entwickelt. Drei Wochen nach der Eiablage schlüpft die ausgewachsene Biene aus dem Kokon und verlässt die Brutzelle.

Wissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt konnten nun am Institut für Bienenkunde der Polytechnischen Gesellschaft durch eine neue Videotechnik erstmals die komplette Entwicklung einer Honigbiene im Bienenvolk aufzeichnen. Dazu konstruierten die Forscher einen Bienenstock mit einer Glasscheibe und konnten auf diese Weise viele Brutzellen von insgesamt vier Bienenvölkern gleichzeitig über mehrere Wochen hinweg mit einem speziellen Kamera-Aufbau filmen. Dabei nutzten sie Rotlicht, um die Bienen nicht zu stören, und zeichneten alle Bewegungen der Bienen an den Brutzellen auf.

Die Forscher interessierten sich dabei speziell für das Brutpflegeverhalten der Ammenbienen, deren Futter (ein Zuckersyrup) sie geringe Mengen an Pflanzenschutzmitteln, so genannten Neonikotinoiden, zusetzten. Neonikotinoide sind hoch wirksame Insektizide, die in der Landwirtschaft vielfach eingesetzt wurden und werden. In natürlicher Umgebung gelangen Neonikotinoide durch Nektar und Pollen, den die Bienen sammeln, in das Bienenvolk. Es ist bereits bekannt, dass diese Stoffe unter anderem die Navigationsfähigkeit und das Lernverhalten der Bienen stören. Einige Neonikotinoide hat die Europäische Union für den Pflanzenbau verboten, was seitens der Agrarindustrie kritisiert wurde.

Über Machine-Learning-Algorithmen, die die Wissenschaftler zusammen mit Kollegen des Centers for Cognition and Computation der Goethe-Universität entwickelten, konnten sie das Brutpflegeverhalten der Ammenbienen halbautomatisch auswerten und quantifizieren. Das Ergebnis: Bereits geringe Dosen der Neonikotinoide Thiacloprid oder Clothianidin führen dazu, dass die Ammenbienen an einigen Tagen der 6-tägigen Larvenentwicklung weniger häufig und somit kürzer fütterten. Manche der so aufgezogenen Bienen benötigten bis zu 10 Stunden länger bis zum Verschluss der Zelle mit einem Wachsdeckel.

„Neonikotinoide wirken auf das Nervensystem der Bienen, indem sie den Rezeptor für den Nerven-Botenstoff Acetylcholin blockieren“, erklärt Dr. Paul Siefert, der in der Arbeitsgruppe von Prof. Bernd Grünewald am Institut für Bienenkunde Oberursel die Experimente durchgeführt hat. Siefert: „Wir konnten erstmals zeigen, dass Neonikotinoide auch das Sozialverhalten der Bienen verändern. Das könnte ein Hinweis auf die von anderen Wissenschaftlern beschriebenen Störungen der Brutentwicklung durch Neonikotinoide sein.“ Auch Parasiten wie die gefürchtete Varroa-Milbe (Varroa destructor) profitieren von einer verlängerten Entwicklung, denn die Milben legen ihre Eier in Brutzellen kurz vor der Verdeckelung ab: wenn diese länger geschlossen sind, können sich die Milbennachkommen ungestört entwickeln und vermehren.

Es sei allerdings noch zu klären, so der Wissenschaftler, ob die Verzögerung der Larvenentwicklung auch auf die Verhaltensstörung der brutpflegenden Bienen zurückzuführen sei oder ob sich die Larven durch veränderten Futtersaft langsamer entwickeln. Solchen Futtersaft produzieren die Ammenbienen und füttern die Larven damit. „Wir wissen aus anderen Studien aus unserer Arbeitsgruppe“, so Siefert, „dass sich durch Neonikotinoide die Konzentration von Acetylcholin im Futtersaft verringert. Andererseits haben wir beobachtet, dass sich bei höheren Dosierungen auch die frühe Embryonalentwicklung im Ei verlängert, in einem Zeitraum also, in dem noch nicht gefüttert wird.“ Weitere Studien müssten klären, welche Faktoren hier zusammenwirken.

Die neue Videotechnik und die Auswertungs-Algorithmen jedenfalls bieten großes Potenzial für weitere Forschungsprojekte. Denn neben den Fütterungen konnten auch Heiz- oder Bauverhalten zuverlässig erkannt werden. Siefert: „Unsere innovative Technologie erlaubt es, grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen über die sozialen Interaktionen im Bienenvolk, über die Biologie von Parasiten und die Sicherheit von Pflanzenschutzmitteln.“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Paul Siefert
Institut für Bienenkunde Oberursel
Tochterinstitut der Polytechnischen Gesellschaft Frankfurt am Main,
Fachbereich Biowissenschaften
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Tel.: +49 (0)6171 21278
siefert (at) bio.uni-frankfurt.de
www.institut-fuer-bienenkunde.de

Der Brutbereich der Bienen wurde mit einer Kamera (grün) durch eine Dombeleuchtung (grau) hindurch gefilmt. Der speziell angefertigte Bienenstock (braun) war nur 3,5 cm breit, damit die Bienen möglichst rasch in den äußeren Zellen Brut aufzogen (rechts)

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Raus aus meiner Filterblase!

Wie ich hier schon oft erklärt habe, bin ich nicht in irgendwelchen Sozialen Medien oder Netzwerken präsent. Die Gründe dafür will ich hier nicht erneut wiederkäuen. Ich gebe aber zu, dass ich ganz gern bei Twitter vorbeischaue. Dort lese ich mehr oder weniger regelmäßig, was Freunde und Bekannte so treiben, oder was die Fans aus der PERRY RHODAN-Fanszene so zu sagen haben. Schließlich muss ich als Chefredakteurin eines Fanmagazins informiert sein.

Dadurch, dass ich nur einem winzigen Bruchteil der Twitternutzer »folge«, bewege ich mich dort zumeist in deren Filterblasen. Es fällt mir auf, dass fast immer dieselben Leute miteinander kommunizieren und selten andere Stimmen zu hören sind. Ich habe mich immer gefragt, warum das so ist.

In den vergangenen Monaten ist mir dann verstärkt bewusst geworden, dass sich eine bestimmte Klientel von Leuten aufspielen, als hätten sie die Wahrheit für sich gepachtet. Ob es dabei um Gender-Ideologie geht oder um die Flüchtlingspolitik oder zuletzt um das Corona-Virus, man diskutiert nicht miteinander, sondern man schreit seine Meinung dazu aus dem eigenen Elfenbeinturm hinaus in die Welt. Man beweihräuchert sich untereinander, gratuliert sich zu dem tollen Gedanken oder setzt noch einen drauf. Aber jeder, der es wagt, einen Einwurf zu formulieren, oder auch nur ansatzweise Kritik zu üben, wird als Troll betitelt und ausgeschlossen. Es scheint sehr einfach, Leute aus der eigenen Timeline auszuschließen.

Dabei sind es meist gebildete Leute, die sich so verhalten, studiert, mit tollen Jobs im Literaturbereich, belesene Menschen also. Wahrscheinlich sind die im wirklichen Leben echt nett und vielleicht wäre ich mit der/dem einen oder anderen sogar befreundet. Deshalb will mir nicht eingehen, dass so jemand nicht gelernt hat, andere Meinungen zu hören, zuzulassen und zu tolerieren. Dass kaum einer von denen bereit ist, die eigene Meinung zumindest zu hinterfragen, geschweige denn zu diskutieren. Stattdessen tun sie so, als wären sie der Nabel der Welt und als wäre nur ihre Wahrheit die einzig richtige. Für sie gibt es nur ein dafür oder ein dagegen.

Ich glaube, dass wir durch die Struktur der Sozialen Medien, durch die Bildung von Filterblasen, verlernt haben zu diskutieren. Die Streitkultur, die es in den Neunzigern noch gab, und derer man sich damals in Schulen, Universitäten und in der Politik bediente, ist verloren gegangen. Stattdessen werden widersprüchliche Meinungen verdrängt und geächtet. Es ist einfacher jemanden aus seiner Filterblase zu werfen, als mit ihm ein Streitgespräch zu führen. Man könnte ja unterliegen und die eigene Wahrheit könnte sich als falsch herausstellen.

Stresstest für die Gesundheitssysteme

Covid 19 ist ein Stresstest für die Gesundheitssysteme der Welt. In vielen Ländern offenbart sich jetzt, was in den vergangenen Jahrzehnten falsch gemacht wurde und wo die Schwachpunkte der Gesundheitsversorgung liegen.

Als uns im März die ersten Bilder aus Italien von überlasteten Krankenhäusern erreichten, war ich eigentlich nicht verwundert. Ich hatte noch die Worte von Autor Andreas Brandhorst im Kopf, wie er im vergangenen Jahr zum Con in Osnabrück über die Gründe seiner Rückkehr aus Italien sprach. Er war unteranderem wegen der schlechten medizinischen Versorgung aus Italien zurück nach Deutschland gezogen. Er erzählte, wie schwierig es zum Beispiel ist, überhaupt einen Arzttermin zu bekommen. Und dass man, wenn man ordentlich behandelt werden will, Schmiergeld zahlen muss. Diese Aussagen fand ich damals ziemlich erschreckend.

In diversen Zeitungen erschienen in den vergangenen Wochen allerlei Artikel über die Umstände in italienischen Kliniken und Berichte von Ärzten, die auf Fehlverhalten der Gesundheitsämter hinwiesen. Leider sind fast alle der Artikel kostenpflichtig, ich will aber nicht unbedingt wegen eines Artikels ein Abo abschließen. (Ich fände es übrigens viel besser, wenn man Artikel einzeln kaufen könnte. Man z. B. ein Online-Guthaben anlegt, mit dem man auf einen Klick, die Artikel verschiedener Zeitungen lesen könnte und sich nicht jedes mal für eine Zeitung entscheiden muss.) Zurück zum Thema: Letzte Woche fand ich auf N-TV endlich einen Artikel zum Thema, der ohne Beschränkung gelesen werden kann.

In besagtem Artikel wird das ganze Ausmaß der Tragödie sichtbar. Das schlechte Gesundheitsmanagement in der Lombardei hat vielen Menschen das Leben gekostet. Da wurden infizierte Patienten mit Nichtinfizierten zusammen in die Wartezimmer gesperrt. Infizierte mit leichten Symptomen, für die kein Platz in den Krankenhäusern war, wurden in Altenheimen untergebracht, wo sie dann viele andere alte Menschen angesteckt haben. Von der mangelnden Versorgung der Ärzte und Kliniken mit ausreichend Schutzausrüstung ganz zu schweigen. Hausärzte wurden jahrzehntelang finanziell übergangen und es wurde massiv an der örtlichen Gesundheitsversorgung gespart. Die Menschen sollten zur Behandlung in die großen Kliniken kommen, wo sie dann Stunden in Wartesälen verbringen mussten. Natürlich nicht ohne zuvor abkassiert zu werden. Zuzahlungen von bis zu 150 Euro pro Arztbesuch … Das ist kein Gesundheitssystem, das ist eine Katastrophe.

Die Regierung der Lombardei hat gleich nach Beginn der Pandemie versucht, Deutschland die Schuld zu geben, angeblich hätte ein Webasto-Mitarbeiter das Virus eingeschleppt. Inzwischen wurden 800 Blutspenden aus dem Januar untersucht und siehe da, in vier Prozent davon fanden sich Antikörper des Virus‘. Allein diese Mitteilung hat mich überrascht. Man geht ja inzwischen davon aus, dass das Virus bereits im November/Dezember 2019 nach Europa kam. Das würde wahrscheinlich auch die Übersterblichkeit im Dezember 2019 im Landkreis Tirschenreuth erklären.

Sehen wir uns weiter in der Welt um und richten den Blick in die USA, dann verwundern auch dort die Fallzahlen und die Zustände nicht. 38 Prozent der Amerikaner haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Wer keine Arbeit hat oder wessen Arbeitgeber keine Krankenversicherung zahlt, der kann sich keinen Arztbesuch leisten. Die Menschen in New York mussten sogar ihre Corona-Tests selbst bezahlen. Als ich 1998/99 in NYC gearbeitet habe, hatte ich in Deutschland für viel Geld eine Krankenversicherung abgeschlossen. Im Januar 1999 musste ich dann wegen einer vereiterten Zahnwurzel zum Zahnarzt. Allein für die Diagnose habe ich damals 50 Dollar in Bar bezahlen müssen, ohne das der Zahnarzt überhaupt etwas gemacht hatte. Die ganze Behandlung sollte 1500 Dollar kosten. Für das Geld hätte ich damals nach Deutschland fliegen können, mich behandeln und wieder zurückfliegen können. Wir haben uns dann auf eine Notversorgung geeinigt, die die Versicherung bezahlt hat. Mein Kieferchirurg in Deutschland hat mir die notwendigen Antibiotika verschrieben und meine Eltern haben sie mir geschickt. Ich bin dann zwei Wochen eher nach Hause geflogen, als geplant, um mich in Deutschland fertig behandeln zu lassen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was gewesen wäre, wenn ich in NYC ernsthaft krank geworden wäre. Das eine Pandemie die Kliniken in den Staaten an den Rande der Katastrophe führen musste, war voraussehbar. Ein früheres Eingreifen der Politik bzw. ein Shutdown, hätte hier wahrscheinlich das Schlimmste verhindern können.

Über Brasilien, Indien und die Länder Afrikas kann man dasselbe sagen. Hier trifft die Pandemie auf kaum funktionierende Gesundheitssysteme, weswegen mehr Menschen sterben. Wir können also heilfroh sein, dass wir in Deutschland leben und man unser Gesundheitssystem noch nicht ganz hingerichtet hat. Pläne der Bundesländer sahen in Zukunft weniger regionale Krankenhäuser vor und dafür sollten die Patienten in großen Zentren behandelt werden, ähnlich wie in der Lombardei. Ich hoffe, dass hat sich damit erst einmal erledigt. Wobei es schon erkennbar ist, dass die klinische Versorgung in den Großstädten deutlich besser ist als auf dem Land. In München sind bei mehr Infizierten weniger Menschen gestorben, als beispielsweise in Tirschenreuth. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass mehr jüngere Menschen infiziert waren. Man sieht, das mit der Statistik und den Zahlen ist so eine Sache.

Von Imperatoren und Arkoniden

Quelle: Perrypedia

PERRY RHODAN NEO Band 226 – »Erbe des Kristallthrons« von Lucy Guth

Auf Arkon I bereitet man sich auf die Inthronisierung von Mascudar da Gonozal vor. Atlans Vater stößt mit seinem traditionellen Ansichten bei vielen Arkoniden auf Zustimmung. Sie sehnen eine harte ordnende Hand regelrecht herbei. Kaum jemandem kommen Zweifel, ob der zukünftige Herrscher seine Macht nicht missbrauchen könnte. Mirona Thetin scheint die einzige im Kristallpalsat zu sein, die Mascudars Pläne durchschaut. Sie redet Atlan ins Gewissen, doch der ist völlig geblendet von der plötzlichen Zuneigung seines Vaters. Nach einem Streit flieht Mirona mit ihrem Schaltschiff aus dem Arkon-System.
Die Terraner rund um Perry Rhodan sehen ebenfalls die drohende Gefahr und wollen sich vom arkonidischen Imperator nicht nur die MAGELLAN zurückholen, sondern auch noch Theta befreien. Zwar ist die ehemalige Imperatrice schuld an der Beinahezerstörung der CREST II und trägt Verantwortung für den Tod von Conrad Deringhouse sowie weiterer Besatzungsmitglieder, dennoch möchten die Menschen sie vor der Vollstreckung der Infiniten-Todesstrafe bewahren.
Während der Feierlichkeiten zur Inthronisierung sind die Arkoniden im ganzen System abgelenkt, so dass die Terraner ihre Pläne durchführen können. Zwar gelingt der Coup mit der MAGELLAN, Rhodan und sein Team geraten jedoch in die Falle. Atlan rettet sie im letzten Augenblick vor der Entdeckung der Palastwachen.
Nun stecken sie erst einmal fest. Ausgerechnet als der wütende Imperator Gonozal VII. beschließt, eine Invasionsflotte zusammenzustellen, um das SOL-System dem Arkonidischen Imperium ein für alle Mal einzuverleiben.

Die Arkon-Saga geht weiter. Lucy Guth beschreibt das Katz- und Mausspiel zwischen den Terranern und den Arkoniden sehr lebendig. Dafür schreibt sie meist aus der Sicht von Thora. Man bekommt einen schönen Einblick, wie die Arkonidin über die Menschen und über Ihresgleichen denkt.

Ebenfalls lesenswert sind die Kapitel mit dem Zeremonienmeister Truk Drautherb. Seine Mühen mit der korrekten Einhaltung der Rituale und die Auseinandersetzungen mit seiner nervigen Assistentin Dirah, sind ausgesprochen unterhaltsam zu lesen. Wobei mir Dirah zu klischeehaft gezeichnet ist. Ja, es gibt wahrscheinlich solche Frauen, aber ich habe in den Kapiteln mit ihr echt schlucken müssen, ob die Präsentation einer solchen Figur zeitgemäß ist. Mich würde interessieren, was die Feministinnen unter den Autorinnen, Influenzerinnen und Bloggerinnen von einer Figur wie Dirah halten. Wenn ich bedenke, welchen Anfeindungen ich wegen meinem Frauenbild in meiner ersten FanEdition ausgesetzt war, kann ich mir gut vorstellen, dass da viele kritisch ihre Stimmen erheben würden.

Eines hat Lucy Guth geschafft, was sonst nur Rüdiger Schäfer gelingt. Die Erinnerungen von Thora an ihre Kindheit sind so emotional verfasst, dass mir Tränen in den Augen standen. Das war sehr schön geschrieben und ich finde es jammerschade, dass der Charakter Nira da Trigulon diesen Roman nicht überlebt und natürlich Lurka, die Version eines arkonidischen Einhorns – mit rosa Mähne und dem Duft von Zuckerkaramell. Das finden aber wahrscheinlich nur Frauen gut oder Menschen, die die zauberhaften Geschichten von »Maiglöckchen Samtnüster« kennen.

»Erbe des Kristallthrons« ist ein lesenswerter Roman, auch wenn mich diese arkonidischen Adelsgeschichten immer noch nicht so recht zu begeistern vermögen. Für die Besprechung des nächsten Romans muss ich mir etwas einfallen lassen, weil ich aus verschiedenen Gründen nicht objektiv darüber schreiben kann.

Jonas‘ Run

Quelle: Amazon

»Flucht ins 23. Jahrhundert« gehört von klein auf zu meinen Lieblings-SF-Filmen. Es war der erste Science-Fiction-Film, den ich gesehen habe. Dieser Tage lief ein Streifen, der eine ganz ähnliche Geschichte erzählt. Ich kenne den Film von 2015 schon länger. Wir haben ihn im DVD-Regal stehen und ihn gestern Abend kurzerhand eingelegt. Der Film basiert auf dem Roman »The Giver« von Lois Lowry aus dem Jahr 1993. Also lange Zeit nach der Erstausstrahlung von »Flucht ins 23. Jahrhundert«. Vielleicht hat sich die Autorin damals von dem Film inspirieren lassen.

Es geht um den Jugendlichen Jonas, der in einer Gemeinschaft in einer weit entfernten Zukunft lebt. In der Siedlung auf einem Felsplateau gibt es keine Armut, keine Gewalt und kein Leid. Alles wird genauestens überwacht und es herrscht durch die Wetterkontrolle immer schönes Wetter. Jeder trägt die gleiche Kleidung, wohnt in den gleichen Häusern und bekommt einmal am Tag eine Zwangsinjektion verabreicht, die Gefühle und das Farbensehen unterdrückt.
Alles ist vorbestimmt, jeder ist gleich und es gibt keine Emotionen. Mit der Geschlechtsreife bekommt jeder seine Aufgabe anhand seiner Fähigkeiten zugeteilt. Kinder werden von Gebährerinnen geboren und anschließend von ausgewählten Paaren aufgezogen. Die Alten und die überzähligen Säuglinge werden nach einer Gedenkfeier »freigegeben«, was nichts anderes bedeutet, als das sie mittels Giftspritze hingerichtet werden. Doch ohne Emotionen, begreift keiner in der Gemeinschaft, was das bedeutet.
Als Jonas zum Nachfolger des Hüters der Erinnerungen bestimmt wird und bei dem alten Mann in die Lehre geht, verändert sich alles. Er erkennt die Wahrheit hinter dem System. Er fängt an seine Welt farbig zu sehen und lässt irgendwann die Injektionen weg. Er möchte seine Erfahrungen mit seinen Freunden teilen, doch die verstehen ihn nicht, weil ihnen die Wahrnehmung fehlt.
Der Vorsitzenden der Gemeinschaft gefällt das gar nicht und sie versucht Jonas‘ Aktivitäten Einhalt zu gebieten. Doch der hat zusammen mit dem Geber, dem ehemaligen Hüter, einen Plan ausgetüftelt, wie sie den Menschen die Emotionen und Erinnerungen wiedergeben können. Dazu flüchtet er aus der Gemeinschaft und macht sich auf den Weg, die Grenze der Erinnerungen zu überschreiten. 

Man könnte den Film bzw. die Romanvorlage als Sozialdystopie bezeichnen. Das Gesellschaftssystem der Gemeinschaft feiert zwar den Erfolg, dass es Armut und Gewalt abgeschafft hat, aber zu welchem Preis. Keine Individualität und keine Emotionen machen die Menschen zu Sklaven ihrer Selbst. Das System betrügt sich und die Menschen, da es sehr wohl den Tod gibt. Um die Überbevölkerung auf dem relativ kleinen Areal zu kontrollieren, werden Säuglinge und alte Menschen getötet. Nebst solchen, die sich eines Vergehens schuldig gemacht haben. Doch weil keiner weiß, was der Tod bedeutet, nimmt es jeder einzelne hin.

Der Roman ist in vielen Schulen in den USA Unterrichtsmittel. Jeff Bridges, der nicht nur die Rolle des Gebers spielt, sondern den Film auch produziert hat, brauchte 18 Jahre, um aus der Buchvorlage einen Film zu machen. Erst nachdem die Studios mit »Harry Potter« und »Die Tribute von Panem« erfolgreich Jugendbücher verfilmten, war der Weg für »The Giver« geebnet.

Bemerkenswert an dem Film ist, wie er mit Farben umgeht. Schwarz-Weiß-Szenen und farbige Aufnahmen wechseln einander ab. Sie zeigen wie Jonas nach und nach die Welt buchstäblich mit anderen Augen sieht. Zusammen mit großartigen Darstellern wie Meryl Streep und Jeff Bridges wird daraus ein sehenswerter Film nicht nur für jugendliches Publikum.

Fazit: Wer »Flucht ins 23. Jahrhundert« mochte, wird an dieser modernen Version ebenfalls seine Freude haben.

Kulinarisches vom Wochenende

Wir haben mal wieder gekocht und gebacken. Und weil ich Freude daran habe, Bilder davon hier zu teilen, mache euch heute wieder den Mund wässrig. Jawoll!

Spargel-Quiche wollte ich schon lange mal wieder machen. Ich hab ewig nach dem Rezept gesucht und es in unserer Ordnung dann doch nicht gefunden, aber wozu gibt es das Internet.
Es ist eigentlich ganz einfach, wenn man die Quiche mit Blätterteig macht statt mit Mürbeteig. Es geht auch schneller. Nur Eier, Sahne und Gewürze verquirlen, zu dem gekochten Spargel geben und backen. In dieser Version habe ich noch geräucherten Lachs hinzugefügt, den kann man aber auch weglassen, dann ist es völlig vegetarisch.

Vegetarisch ist auch die Pasta mit Spinat und Weißwein-Gorgonzola-Soße. Von mir noch verfeinert mit frischen Kirschtomaten.
Wenn man frischen Spinat verwendet, sollte das unbedingt Babyspinat sein. Meiner war schon etwas größer. Der wird dann nicht richtig weich, weil man ihn frisch in die fertige Soße gibt und nur mal kurz mit aufkocht. Geschmeckt hat es trotzdem.

Zum Kaffee gab es Mohn-Rührkuchen mit Buttercreme und gerösteten Haferflocken. Dazu habe ich dieses mal das Müsli von meinem Mann verwendet. Die Rosinen habe ich aber vorher rausgelesen, die wären beim Karamellisieren der Haferflocken verbrannt. Dafür habe ich im Teig Mandarinenstückchen versteckt, hat man aber kaum gemerkt. Da hätte ich doch die ganze Dose reingeben können.

Ach, ja und weil die Frage kam: was wir mit der Hefe machen? So ein schönes Kastenbrot gibt es bei uns jede Woche. Leinsamen und Sesam sind immer drin und jede Woche kommt eine Extra-Zutat wie Sonnenblumen- oder Kürbiskerne oder Hanfsamen hinzu. Nein, von Letzterem wird man nicht berauscht.

Wie konnten wir nur erwachsen werden?

Verkehrstote in Deutschland Quelle: »Früher war alles schlechter« Autor: Guido Mingels

… Diese Frage stellte unlängst mein Mann. Ausgangspunkt war ein Foto in der Auto-Bild. Es zeigte eine Familie in einem PKW Ende der Siebziger: Keine Knautschzone, keine Airbags, nicht einmal Gurte.

Wenn ich meine Kindheit mit der der heuten Kinder vergleiche, stelle ich fest, dass es damals viele potentielle Gefahren gab, die ich nicht wahrgenommen habe. Die niemand so richtig wahrgenommen hat und die auch keinen interessierten.

Angefangen beim Verkehr. Selbst als 1984 die Gurtpflicht eingeführt wurde, galt die nur für Fahrer und Beifahrer. Trabbis hatten auf der Rückbank keine Gurte und die wenigsten PKWs in Westdeutschland ebenfalls. Ich schlief und spielte auf der Rückbank, ohne Gurt und ohne Kindersitz. Wir sind so bis an die Ostsee gefahren und zurück. Manche sogar bis an den Balaton. Wir haben es überlebt.

Fahrradhelm? Das trugen doch nur Radprofis. Wir Kinder radelten in der Gasse auf und ab und wenn wir hinfielen, hatten manche eben ein Loch im Kopf. Das wurde geflickt und weiter ging’s. Heute würde man unsere Eltern leichtsinnig nennen, damals war das völlig normal. Tödliche Radunfälle gab es häufig, nur hat man das hingenommen.

Auch wenn viele es bestreiten, die Luftverschmutzung war damals deutlich schlimmer als heute, nicht nur im Osten. Ich erinnere mich gut an den Smok im Winter, wenn die Abgase der Kohleheizungen wie rötlicher Nebel über der Stadt lagen und man kaum atmen konnte. Oder ich die Farbdämpfe aus der Druckerei auf der anderen Straßenseite schon auf dem Nachhauseweg von der Schule riechen konnte. Dass war für uns Kinder sicher nicht gesund. Und dann die Raucher. Überall wurde geraucht. Da gab es keine Frage, ob Kinder in der Nähe waren oder nicht. Die Leute steckten sich einfach ihre Zigaretten an und pafften ohne Rücksicht. Sogar die Lehrer auf dem Schulhof. Und … keinen hat es gestört.

Menge der radioaktiven Partikel in der Atmosphäre Quelle: bsf.de

Selbst mit Radioaktivität ging man damals sorgloser um, nicht nur in der DDR. Als 1986 der Reaktor in Tschernobyl explodierte, bekamen wir das nur über die Nachrichten im Westfernsehen mit. Hinterher gab es plötzlich viel mehr Gemüse in den Geschäften. Warum? Weil die westdeutschen Händler ihr belastetes Gemüse nicht losbrachten, verkauften sie es an den Osten. Hat es uns geschadet? Ich hoffe nicht. Verglichen mit dem, was in den Sechzigerjahren an radioaktiven Stoffen in der Atmosphäre herumschwirrte war Fukushima ein Klacks. Würde heute etwas Vergleichbares passieren, dürften Kinder wahrscheinlich nicht mal mehr vor die Tür und wenn, dann nur im Schutzanzug.

Ähnlich wurde mit Epidemien oder Pandemien umgegangen. Hätte mich vor einem Monat jemand gefragt, ob ich schon mal was von der Hong-Kong-Grippe gehört habe, ich hätte ahnungslos mit den Schultern gezuckt. Die Ende der sechziger Jahre grassierende Grippe-Pandemie führte zu einer Übersterblichkeit in Deutschland von 40.000 Menschen. Gab es damals Maskenpflicht und Ausgangssperren? Nein, und das, obwohl die Krankenhäuser im Westen wie im Osten an ihren Grenzen kamen. Die damalige Regierung nahm es wie eine Naturkatastrophe hin und setzte auf Herdenimunität. Keiner beschwerte sich darüber, nicht mal die Medien berichteten groß davon. Für die waren die Studentenproteste der 68er wichtiger.

Eines steht fest, das Leben war früher viel gefährlicher als heute, vor allem für Kinder. Wir streben nach immer mehr Sicherheit und immer weniger Risiko. Natürlich wollen Eltern für ihre Kinder Sicherheit. Es ist nachvollziehbar. Die Frage ist allerdings, ob jemand der zu behütet aufwächst, später mit gefährlichen Situationen klarkommt oder sie richtig einzuschätzen weiß?

Fazit ist: ich bin trotz aller Gefahren groß geworden und andere auch. Man kann Risiken minimieren, aber niemals völlig eliminieren. Ob man dazu immer strengere Gesetze braucht, sei dahingestellt. Manchmal reicht es vielleicht auch einfach, vorsichtig zu sein. Doch dazu muss man die Gefahren kennen.

Cocooning 2.0

Zum Begriff: »Cocooning« hat nichts mit dem SF-Film »Cocoon« aus den Achtzigern zu tun, in dem ein paar Rentner durch außerirdische Kokons in einem Swimmingpool verjüngt werden. Der Film zählt immer noch zu meinen Lieblings-SF-Klassikern, weil die Aliens den Menschen freundlich gesinnt sind.

Der Begriff »Cocooning« stammt ebenfalls aus den Achtzigern und beschreibt einen Trend zum Rückzug in die eigenen vier Wände. Das Phänomen trat meist nach großen Krisen auf. Zum Beispiel nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 oder der Wirtschaftskrise 2008. Die Menschen besannen sich auf ihr Zuhause und richteten sich dort gemütlich ein. Sie gaben ihr Geld nicht für Reisen in ferne Länder aus, sondern kauften Möbel, Heimtextilien und Haushaltsgeräte. Das machte sich bei den Herstellern sowie den Möbel- und Küchenhäusern überproportional bemerkbar.

In den nächsten Monaten erwarte ich eine ebensolche Welle. Mehr als bei den vergangen Ereignissen haben sich die Menschen während der Corona-Krise daheim eingeigelt. Es wurde verstärkt selbst gekocht und das Home-Cinema genutzt. Der Home-Office-Boom führte bereits dazu, dass bei den Computerherstellern die Laptops knapp wurden. Der Trend wird sich fortsetzen, zumindest so lange wie die Leute noch Geld haben.

Dass auch mehr selbst gehandwerkelt wird, merkten vor allem die Baumärkte. Zumindest in den Bundesländern, in denen sie im März und April öffnen durften, wie beispielsweise in Baden Württemberg. Der Neffe meines Mannes berichtete, dass der Baumarkt in dem er arbeitet in den paar Wochen mehr Umsatz gemacht hat, als im ganzen Jahr 2019.

Wir haben uns dem Trend angeschlossen und über Ostern unser WC neu gefliest. Eigentlich wollten wir das erst jetzt im Mai machen, aber da mein Mann ohnehin zu Hause bleiben musste, zogen wir es vor. Zum Glück hatten wir Fliesen und Kleber schon im Januar gekauft. Das Fugenweiß kaufte ich dann mit Hilfe meines Chefs beim hiesigen Baumarkt. (Dort durften in den vergangenen Wochen nur Handwerker einkaufen.)

Komplett neu gefliest haben wir nicht. Die Vorbesitzer hatten nur halbhoch fliesen lassen, was uns a nicht gefiel und b Mehrarbeit durch Streichen bedeutete. Außerdem wollte ich schon immer eine Mosaikbordüre haben. Also kauften wir Mosaik und passende Fliesen. Was gar nicht so einfach war, weil es die Größe kaum noch gibt. Wir hatten Glück und ergatterten die letzten fünf Kartons, die bis auf eine Fliese aufgegangen sind.

Nachdem wir schon nach dem Einzug in der Küche drei Fliesen selbst gesetzt hatten, trauten wir es uns zu das selbst zu machen. Mein Vater ist Fliesenleger. Ich war oft genug mit ihm auf der Baustelle und weiß ungefähr auf was es ankommt. Und wir hatten tatkräftige Unterstützung durch meinen Schwager, der eigentlich Heilpraktiker ist, aber viel Erfahrung als Hobbyhandwerker hat.

Es ist echt schön geworden und vor allem das Mosaik aus Mamor mit bunten Glassteinchen macht richtig was her.