
Gestern ist meine Tante Eva gestorben. Sie war meine letzte Tante, die noch gelebt hat, und die Tante, mit der ich am meisten Kontakt hatte. Mit 95 Jahren hat sie ein erfülltes Leben gehabt. Die letzten Wochen musste sie nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim und im Krankenhaus verbringen, etwas, das sie so nie gewollt hat. Insofern bin ich froh, dass sie nicht länger leiden muss.
Meine Tante war ein besonderer Mensch – eine starke Persönlichkeit, die sich von niemandem etwas sagen ließ, die ihren eigenen Kopf hatte und bis ins hohe Alter einen unbeugsamen Willen und große Disziplin besaß. Ihre Kindheit war kurz, nachdem ihre Mutter früh gestorben ist und sie und ihre fünf Geschwister mit dem Vater zurückließ. Der heiratete nochmal und bekam mit seiner neuen Frau nochmal sechs Kinder, die meine Tante quasi mit aufziehen musste. Eigentlich wollte meine Tante zur Polizei und hat dort auch eine Ausbildung angefangen. Dann hat sie aber meinen Onkel, den Bruder meiner Mutter kennengelernt, geheiratet und einen Sohn bekommen. In den Fünfziger Jahren war es selbst in der DDR schwierig, mit Familie als Frau bei der Kriminalpolizei zu arbeiten. So wurde sie Verkäuferin in einem Laden für Sportartikel und bekam noch zwei Kinder.
Meine Tante, war dennoch jemand, der sein Leben fest in der Hand hatte. Sie mochte Kung Fu-Filme und begeisterte sich für echte Kriminalfälle. Mit Mitte Achtzig erfüllte sie sich den Wunsch einmal mit einem Trike mitzufahren. Sie war bis zuletzt geistig fit, was nicht zuletzt an ihrer großen Familie lag. Drei Kinder, fünf Enkel und zwölf Urenkel, die sie oft um sich hatte und die ihre »Oma Eva« immer ins Familienleben eingebunden haben. Und weil meine Tante sehr unternehmungslustig und für jeden Spaß zu haben war, hat sie auch alles mitgemacht. Dazu gehörte mindestens einmal im Jahr ein Besuch im Europapark, weil zwei ihrer Enkelinnen in Rust wohnen. Mit über Neunzig ging sie nochmal mit ihrem Sohn auf Kreuzfahrt und auch sonst nahm sie alles mit, was ging.

Das Markanteste an ihr war aber ihr Humor. Zu jeder Gelegenheit hatte sie einen trockenen Spruch auf den Lippen oder brachte einen lustigen Kommentar an. So war sie bei einem Besuch auf dem Friedhof einmal gestürzt. Als der Rettungssanitäter die rhetorische Frage stellte: »Was haben Sie denn gemacht?«, antwortete meine Tante: »Was denken Sie, ich bin hier zum Probeliegen«. Noch im November hat sie bei einem Besuch am Grab ihres Mannes (der schon 2012 an Altersleukämie gestorben ist) gesagt: »Rutsch rüber Helmut, ich komme!«
Wir haben oft telefoniert, sie wollte immer wissen, was ich gerade mache, und war zu jedem meiner Geburtstage. Ich denke, sie hat gewusst, dass das Ende nah ist. Bei einem unserer letzten Telefonate hat sie mir gebeichtet, dass sie auf nichts mehr Lust hat, auch nicht darauf, rauszugehen. Und das obwohl sie jeden Tag spazieren gegangen ist, um sich zu bewegen. Das kannte ich nicht von ihr, weil sie sonst so streng mit sich war und immer zu sich sagte: »Eva, reiß dich zusammen!«, egal wie schlecht es ihr ging. Dabei hatte sie in den letzten Jahren viele gesundheitliche Probleme, ist oft gestürzt und hat sich dabei verletzt. Die Augen wollten auch nicht mehr so und auf einem Ohr hat sie nichts mehr gehört. Sie hat aber nie Schwäche gezeigt oder sich bemitleidet. Das habe ich an ihr am meisten bewundert.
Nun ist sie fort. Ich werde ihre lustigen Kommentare, ihr offenes Interesse an ihrer Umwelt und ihre liebenswürdig pragmatische Art sehr vermissen.




















