Christinas Multiversum

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Ein Western zum Debüt

Quelle: Perrypedia

PERRY RHODAN NEO – Band 173 »Lockruf des Kreells« von Ruben Wickenhäuser

Die MAGELLAN kommt einer Kolonie Blues aus dem Tentra-Gelege zu Hilfe. Ein Asteroid ist auf einer ihrer Schürfwelten eingeschlagen und hat schwere Verwüstungen hinterlassen. Betroffen sind besonders die einheimischen Hemasch, welche die Tentra bisher mit Nahrung beliefert haben. Sie geben den »Himmelssammlern« die Schuld an der Katastrophe und verweigern ihre weitere Versorgung. Perry Rhodan und seine Crew versuchen einen kriegerischen Konflikt zwischen den Tentra und den Hemasch zu verhindern. Und dann ist da auch noch ein Energiesignal auf dem Planeten, das den Memeteranzug, des aus dem Kreell befreiten Tuire Sitareh, gelb färbt.

Ein Western ist es also, den uns der neue Autor im NEO-Team präsentiert. Die klassische Geschichte einer Goldgräbersiedlung, die in Streit mit Indianern gerät. Ein Trapper, der den Greenhorns das Jagen beibringt; ein Handlungsreisender, der in den Konflikt hineingezogen wird und Perry Rhodan, der in Old Shatterhand-Manier die Parteien zum Frieden anstiftet. Nicht zu vergessen Gucky, der in die Rolle eines Sam Hawkins gepresst wird und immer für einen witzigen Spruch sorgen muss.

Keine ganz so schlechte Idee. Aber möchte ich das bei PR-NEO lesen? Vielleicht hätte der Autor ein paar weniger Klischees bedienen und sich ein wenig mehr Zeit für seine Figuren nehmen sollen. Der Anfang mit dem Tentra Jepprafomm war nämlich richtig gut geschrieben. Doch die Figur versackt im Strudel der weiteren Ereignisse und leidet wie vieles unter dem rasanten Tempo, mit dem der Autor die Leser durch den Roman jagt. Ähnlich wie es die PR-Autoren zu Beginn der klassischen Serie taten. Ich fühlte mich wie eine Getriebene, es passiert viel (vielleicht zu viel) und das in relativ kurzer Zeit.

Zumindest nimmt sich Ruben Wickenhäuser Zeit für die Beschreibungen des Planeten Rivar, die ihm gut gelungen sind. Weniger gut sind die Anschlussfehler aus den Vorgängerromanen. Icho Tolot tut, als würde er Tuire schon immer kennen, ohne das dies erklärt wird. Er stieß ja erst zur MAGELLAN, als der Aulore längst von Bord gegangen war. Die erkrankten Blues im Sanatorium scheinen schon Monate oder gar Jahre dort zu sein, obwohl wir im letzten Roman gelernt haben, dass die Infektion innerhalb weniger Tage zum Tod führt. Was auch das abgelegene Sanatorium ad absurdum führen müsste, weil die Infizierten bei den Strapazen der Anreise wahrscheinlich längst tot sind, bevor sie dort ankommen. An dieser Stelle hätte mich eher interessiert, wie die Blues ihre Toten bestatten. Und das am Ende einer der geheilten Blues mit der rührseligen Geschichte um die beiden kranken Blueskinder seine Artgenossen beeindruckt, ist schlicht falsch. Denn wie Susan Schwartz in Band 172 festgestellt hat, kennen die Blues-Völker kein Mitleid. Nun, vielleicht ist das auf Rivar anders, aber dann hätte es einer Erklärung bedurft.

Die großartigste Szene jedoch hat der Autor an den Anfang gestellt. Eine Raumschlacht zwischen zwei Blues-Raumschiffen kommentiert wie ein Fußballspiel. Sehr schön und sehr lustig. Weniger lustig finde ich dagegen die Darstellung von Gucky. Da fehlt mir der Ernst, den die anderen Autoren dem Mausbiber verleihen. Auf mich wirkt er in diesem Roman zu oft wie eine Witzfigur.

»Lockruf des Kreells« trägt den Titel zurecht. Es ist im Grunde ein Western der im NEOversum spielt. Der Stil des Autors ist gut lesbar. Er baut die Geschichte zusammenhängend und logisch auf, rast aber so schnell durch die Handlung, dass er dadurch viel vom Potenzial seiner Figuren verschenkt. Mein Fazit: Einstand geglückt, es gibt aber noch Raum nach oben.

Eine Frage aber bleibt unbeantwortet: Wie passt das Titelbild zum Roman?

Wenn nichts mehr geht, dann Bernemann

Es gibt Zeiten in denen ich beim Schreiben in einer Sackgasse zu stecken scheine. Unmotiviert füge ich Wort um Wort aneinander, um am Ende des Satzes festzustellen, nur eine leere Satzhülse hinterlassen zu haben. Das bedeutet nicht, mir fehle die Motivation. Nein, nein, die ist da, auch an Ideen mangelt es nicht, aber ich bekomme diese einfach nicht in einer für mich akzeptablen Qualität zu »Papier«. Das steigert natürlich meinen Frust, der alles nur noch schlimmer macht. Spätestens da ist der Zeitpunkt gekommen, meine Wunderwaffe auszupacken, die Dirk Bernemann heißt.

Dirk Bernemanns Texte sind besonders. Sie folgen keinen strengen Regeln. Er lässt sich nicht in Schubladen packen und schon gar nicht von Konventionen zügeln. Gerade das macht seine Texte für mich so wertvoll. Seine fast unmöglichen Wortschöpfungen und Metaphern haben etwas poetisches und seinen Geschichten hängt eine Traurigkeit an, die die eigenen Probleme unbedeutend erscheinen lassen. Er überträgt die Gefühlswelt seiner Protagonisten auf den Leser, ohne sich streng an Erzählperspektiven zu halten. Er vermittelt Nähe ohne im Kopf der Figur zu stecken, sondern damit, sie bis ins Intimste zu beobachten.

Ich hole mir also eines von Dirk Bernemanns Büchern aus dem Regal und lasse mich von der wortgewaltigen Welt des Autors inspirieren. Wenige Seiten reichen schon aus, um die Qualität meiner eigenen Texte spürbar zu verbessern.

»Erst lesen, dann schreiben« so heißt ein Ratgeber der Bundesakademie Wolfenbüttel, den ich vor längerer Zeit gelesen habe. Und es stimmt. Durch das Lesen fremder Texte kann man den eigenen Schreibstil beeinflussen. Ich habe festgestellt, dass ich dafür besonders anfällig bin. Ich schreibe so wie das, was ich zuvor gelesen habe. Befasse ich mich mit schlechten Texten und langweiligen Geschichten, sind auch meine eigenen Texte nicht gut. Lese ich Geschichten, die mich zum Staunen bringen und in einem gefälligen Schreibstil verfasst sind, wirkt sich das direkt auf mein eigenes Schreiben aus.

Ein Grund, weshalb ich mich am Freitag mit Dirk Bernemanns Roman »Trisomie – So ich dir« beschäftigt habe. Wenn ich damit durch bin, werde ich das Buch an dieser Stelle auch besprechen. Zuvor muss ich aber erst die gewonnene Inspiration nutzen und meine eigenen Gedanken niederschreiben.

Von Gelb und Blue

Quelle: Perrypedia

PERRY RHODAN NEO – Band 172 »Der gelbe Tod« von Susan Schwartz

Die MAGELLAN entkommt der Konfrontation mit Gatasern nur, weil die Hanen, ebenfalls ein Blues-Volk, sich in die Schlacht einmischen. Anschließend werden Rhodan und die Crew ins Heimatsystem der Hanen eingeladen. Im Gegensatz zum Gatasischen Befehlshaber Kerrek ist der Flottenkommandand der Hanen zurückhaltend und freundlich, obwohl er um die Schlagkraft der Transformkanone weiß. Auf Han bekommen die Menschen wiederholt Einblick in die ungewöhnliche Kultur der Blues und sie begegnen dem gelben Tod. Tifflor kann ein Heilmittel gegen die Krankheit entwickeln, was Rhodan gegen ein Enzym tauschen möchte, mit dem man den Kreellblock bearbeiten kann, in dem Tuire Sitareh gefangen ist. Doch der Ursprung des Enzyms stellt Rhodan vor eine harte moralische Entscheidung.

Anfangs befürchtete ich das Schlimmste. »Der gelbe Tod« erzählt eine ähnliche Geschichte wie Band 171. Mit dem Unterschied, dieses Mal waren es eben die Hanen, statt der Gataser. Doch die Autorin illustriert die Kultur der Hanen so mitreisend, dass sich meine Befürchtungen schnell zerstreuten.

Besonders die beiden Blues-Frauen auf der Wachstation haben sich mir eingeprägt. Sie sind gleichzeitig so fremdartig wie lebensecht geschildert, dass es eine wahre Freude ist. Ebenfalls schön beschrieben ist der exotische Planet Han, mit den überfüllten Städten, den kargen Landschaften und der zugigen Kälte. Susan Schwartz schickt ihre Leser auf eine faszinierende Reise durch eine fremde und doch gleichzeitig auch bekannte Welt. Denn so sehr unterscheiden sich die Außerirdischen mit den Tellerköpfen nicht von den Menschen. Sie haben ähnliche Probleme und Gewohnheiten und hegen dennoch völlig andere Moralvorstellungen und Ansichten. Dieser Widerspruch macht die eigentliche Genialität dieses Romans aus.

Man nimmt der Autorin alles ab, was sie erzählt, weil sie es auf eine Weise tut, die im Leser Assoziationen wecken. Bis auf eine kleine Rauferei am Rande kommt dieser NEO ohne Actionszenen aus und ist dennoch bis zum Schluss spannend. Nach NEO 154 ist dieser Band erneut ein großartiger Roman von Susan Schwartz, in dem sie ihr Talent für phantastische Welten und glaubhafte weibliche Figuren voll ausleben kann.

»Der gelbe Tod« ist mehr als nur eine Beschreibung eines Blues-Volkes. Es ist gleichzeitig eine Geschichte, die Perry Rhodan vor einige knifflige Situationen stellt. Es wird gezeigt, wie sehr sich das Handeln des Terraners inzwischen verändert hat. Er trifft Entscheidung, die er zu Beginn der Serie so niemals getroffen hätte. Das Aufzeigen dieser Entwicklung hat mir gut gefallen. Von mir daher eine unbedingte Leseempfehlung.

Gestrandet zwischen den Blues

Quelle: Perrypedia

PERRY RHODAN NEO Band 171 – »Brennpunkt Eastside« von Arno Endler

Der Transmitter lässt die MAGELLAN nicht wie geplant im Zentrum der Milchstraße materialisieren, sondern in der Eastside. Der Sprung hat große Schäden an Schiff und Mannschaft hinterlassen. Es gibt viele Verletzte, unter denen sich auch die schwangere Autuum Legacy befindet. Besonders schlimm ist der Ausfall der Hauptpositronik, die das Schiff einigermaßen wehrlos macht. Nach und nach bekommen die Techniker das Schiff wieder auf Kurs. Leyden entdeckt Spuren von Kreell in dem System, ohne das er sagen kann, woher es kommt.
Da taucht plötzlich eine Flotte fremder Raumschiffe auf, die eine merkwürdige Panzerung aufweisen. Der Oberbefehlshaber Kerrek fordert die Kapitulation der MAGELLAN, weil sie unerlaubt in ihr Territorium eingedrungen ist. Die Außerirdischen haben Tellerköpfe und blaues Fell, was Reginald Bull veranlasst, sie Blues zu nennen. Als Rhodan der Forderung der Blues nicht nachgibt, entbrennt eine Schlacht, in der sich die beiden gleichstarken Gegner eher »beschnüffeln«, um möglichst viele Informationen über die Kampfstärke herauszufinden. Erst ein Einsatz der Transformkanone beendet die Kampfhandlungen und die Blues bieten Verhandlungen an. Dazu laden sie die Terraner in ihr Heimatsystem ein und versorgen die MAGELLAN mit Kartenmaterial, da die Menschen keine Navigationsdaten über die Eastside besitzen.
Eine Abordnung aus Perry Rhodan, Reginald Bull, Gabrielle Montoya, Luan Perparim, Abha Prajapati, Sicherheitsoffizier Maxwell T. Muller sowie Icho Tolot und Gucky landen auf Gatas, der Welt der Blues, auf der sie den Rat des geheiligten Ovarions, die Regierung der Gataser, treffen sollen. Sie können zwar viele Informationen über das fremde Volk sammeln, doch die Blues verzögern ein Treffen mit dem Rat und veranstalten dafür ein mehrtägiges Fest für die Ankömmlinge.
Während der Feierlichkeiten entdeckt Gucky im Keller eines Gebäudes einen vertrauten Gedankenimpuls. Eine Blueswissenschaftlerin bemerkt ihn, schlägt aber keinen Alarm, sondern zeigt ihm und Rhodan, woran sie forscht. Es ist ein Block aus Kreell in dem ein menschlicher Körper eingeschlossen ist, es handelt sich dabei um Tuire Sitareh. Der Aulore ist noch am Leben, aber die Blues hat bisher keine Möglichkeit gefunden, ihn zu befreien. Rhodan bittet sie, ihm den Block auszuhändigen. Sie willigt ein, weil sie eine Kriegsgefangene der Gataser ist. Es gibt verschiedene Bluesvölker, die sich gegenseitig bekämpfen.
Gerade als sie den Block aufs Dach schaffen, um ihn in die Korvette zu verladen, bekommen die Gataser Wind von der Angelegenheit. Besonders der Flottenchef Kerrek hat es auf die Terraner und im Speziellen auf deren Transformkanone abgesehen und versucht sie mit allen Mitteln aufzuhalten. Die Korvette mit dem Außenteam kann von Gatas fliehen und im letzten Moment in die MAGELLAN einschleusen, bevor diese eine Nottransition macht. Doch die Gatasische Flotte kann das Flaggschiff der Terraner aufspüren und durch ihre schiere Übermacht in die Knie zwingen. Rhodan bleibt kein Ausweg, er befielt die Kapitulation.

Egal wie viel Mühe sich Arno Endler mit seinen Figuren gibt, es gelingt ihm nicht, mich zu überzeugen. Der Roman ist in seiner Zerrissenheit nicht ganz so schlimm wie sein letzter, dafür erscheint mir diese Mal die erzählte Geschichte zu flach. Rhodan und seine Terraner begegnen den Blues, einer durchaus aggressiven und auf Expansion ausgerichteten Spezies. Im Laufe des Kontaktes begehen die Menschen aber derartig viele taktische Fehler, dass es ein Wunder ist, das Rhodan und das Außenteam wieder heil von dem Planeten herunterkommen. Zum Beispiel teilt Rhodan den einzigen Sicherheitsoffizier im Team ausgerechnet Tolot und Gucky zu, während er allein mit einem potenziell gefährlichen Außerirdischen alleine eine Tempelanlage besichtigt. Derselbe Sicherheitsoffizier versucht später Tolot unter den Tisch zu trinken, während sich Rhodan ungeschützt inmitten tausender feiernder Blues bewegt. Wenn das Autuum Legacy erfährt …

Die vom Autor beschriebene Kultur der Blues ist zwar interessant, doch die Beschreibungen lähmen die Handlung. Lange Zeit passiert überhaupt nichts, selbst die Schlacht zwischen MAGELLAN und Bluesflotte dümpelt so dahin. Erst gegen Ende des Romans kommt mit der Entdeckung von Tuire Sitareh die Geschichte richtig in Gang und ist wenige Seiten später auch schon wieder zu Ende.

Auffällig sind wiederholt die vielen kurzen Kapitel, die mich als Leser verleiten, das Buch öfter als nötig aus der Hand zu legen. In diesem Fall funktionieren die Cliffhanger in den Kapiteln sogar, um der Handlung mehr Spannung zu verleihen, als sie eigentlich hat. Was auf Dauer aber auch keine befriedigende Lösung ist.

Viele Nebenhandlungen erstrecken sich über höchstens ein oder zwei Kapitel und stellen sich als nicht Handlungsrelevant heraus. Dazu sind mir Schwächen in der Erzählperspektive aufgefallen, die oft zwischen auktorial und persönlich wechselt.

Alles in allem ist »Brennpunkt Eastside« ein eher befriedigender Roman, der mir sicher nicht in Erinnerung bleiben wird. An dieser Stelle vermisse ich die exzellenten Romane von Michael H. Buchholz noch schmerzlicher. Der Autor, der vor mehr als einem Jahr gestorben ist, hat eine größere Lücke hinterlassen, als es mir damals bewusst war.

Ein großes Lob richte ich dagegen an Dirk Schulz für das geniale Cover.

Eine Geschichte von Wahrheit und Lüge

James Morrow
»Die Stadt der Wahrheit«

Ein Vater würde alles für das Leben seines Sohnes tun, selbst in Veritas, einer Stadt, in der Lügen verboten sind. Durch Gehirnwäsche konditioniert, ist Jack Sperry seit seinem 10. Lebensjahr nicht mehr in der Lage die Unwahrheit zu sagen. Doch als sein siebenjähriger Sohn mit einer unheilbaren Seuche infiziert wird, muss Jack lernen zu lügen, um das Leben seines Sohnes zu retten. Hilfe findet er in Satirev einer geheimen Stadt im Untergrund von Veritas, in welcher die Menschen leben, die sich mit der Diktatur der Wahrheit nicht abfinden wollen.

James Morrows Blick auf eine Gesellschaft, in der absolute Wahrheit herrscht, ist phantastisch und schräg zugleich. Beispielsweise wenn Jack mit seiner Frau in ein Restaurant geht und sie »ermordete Kuh« bestellen. Morrow gelingt es, die gnadenlose Ehrlichkeit der Gesellschaft sowohl in Jacks Gedanken, als auch in der Interaktion mit seiner Umwelt klar und erschreckend nüchtern zu formulieren. Gerade diese Nüchternheit hat mir stellenweise Gänsehaut beschert.

Gefühle sind Lügen, Kunst ist Lüge. Eine »Brutalotruppe« sorgt dafür, dass sich jeder daran hält. Jack arbeitet als Kunstkritiker, der Filme, Bücher und Kunstwerke zerstört, die nicht der absoluten Wahrheit entsprechen. Das Gedankenspiel, wie würde eine Welt aussehen, wenn alle nur die Wahrheit sagen, zeigt wie armselig so ein Leben wäre. Es gäbe keine phantastischen Geschichten, keine Poesie, ja nicht einmal Weihnachten. Die Realität wäre grau und langweilig.

Die Begrifflichkeiten, die Morrow in dem Roman verwendet, sind durch ihre Ehrlichkeit ausgesprochen lustig. Restaurants mit dem Namen »Suff am Morgen« oder »Miese Mixgetränke« sind charakteristisch für die Stadt Veritas. Das Lager in dem Jacks Sohn Toby die Ferien verbringt, heißt »Weg mit den Kindern« und deutet an, dass die Gesellschaft durch die erzwungene Wahrheit zwar ehrlich geworden, aber immernoch herzlos ist. Der Leser wohnt in der Perspektive von Jack auch der Konditionierung einer zehnjährigen bei, der mittels Elektroschocks das Lügen ausgetrieben wird.

Anders dagegen ist das Leben in Satirev (Veritas rückwärts gelesen) eine Ansammlung phantastischer Dinge und bildet den exakten Gegensatz zu Veritas. Da wächst das Geld auf den Bäumen, Schweine fliegen durch die Luft, Ratten jagen Katzen über purpurnes Gras und heißer Schnee fällt vom Himmel. Jacks aufopfernder Kampf gegen die Krankheit seines Sohnes wird durch das Mitgefühl der Bewohner Satirevs gestärkt. Doch gerade hier zeigt sich, dass die Wahrheit zu sagen, manchmal die gnädigere Alternative ist.

Der ungewöhnliche Roman hat mich von der ersten Seite an gefesselt und mir gezeigt, dass phantastische Literatur auch ohne Raumschiffe und Technik in der Lage ist, eine hochemotionale Geschichte zu erzählen und gleichzeitig den Leser zum Staunen zu bringen. Vielen Dank an KNF für die Empfehlung.

»Die Stadt der Wahrheit« erschien bereits 1993 und ist nur noch antiquarisch zu beziehen. Ich habe das schmale Buch bei Booklooker für wenige Euro erstanden.

Außerirdisch gute Satire

Quelle: Ullstein Buchverlag

»How to take over Earth« von Paul Hawkins

Das musst du lesen! – So das Urteil meines Mannes, dem das Buch beim einschlägigen Onlinehändler in die Hände gefallen bzw. empfohlen worden war.
Ich blieb erst einmal an einem Wort im Untertitel hängen und brauchte tatsächlich eine Weile bis ich verstand, was da geschrieben stand. »GELEAKTE« – das könnte Gel- oder Geleeakte oder alles mögliche bedeuten, heißt aber neudeutsch »geleakt« also aufgedeckt. Da soll einer drauf kommen. Nach dem ich diese Hürde genommen hatte, entpuppte sich das Buch aber als eine echte Offenbarung.

Worum geht’s? Nun ja … Zum einen ist es die Geheimakte eines Außerirdischen, der vom Mond aus die Erde beobachtet und dabei mit seinem Vorgesetzten per Q-Mail (quantenverschränkte Nachrichten) kommuniziert. Zum anderen ist es gleichzeitig die Geschichte des Imperiums von Splorta, das ständig und gern fremde Planeten erobert und versklavt. In letzter Zeit dafür aber vom »Zunehmend ironischen Zusammenschluss der Isolationisten« und vom »Intergalaktischen Gerichtshof für Alienrechte und Ansprüche« häufig einen auf die Finger bekommt.

Der Außerirdische Leutnant Zinfluu berichtet seinem Vorgesetzten Xarge von den Menschen und ihren eigenartigen Bräuchen und mit welcher Verrücktheit sie sich und ihren Planeten zerstören. Xarge ist ein typischer Splortaner (eigentlich kein bisschen anders als die Menschen). Er wittert das Potential der Erde und beschließt aus der Ferne umgehend ihre Eroberung. Während Zinfluu immer weiter über die skurrilen Eigenschaften der Erdbewohner berichtet, muss Xarge seine Pläne einer Invasion immer wieder unterbrechen und anpassen. Denn Zinfluu hat Gefallen an den Bewohnern der Erde und ihren Verrücktheiten gefunden und die Aufnahme der Erde in die NAAOTA beantragt und darüberhinaus noch den Intergalaktischen-Erbe-Fond um UNIVERSCO-Unterstützung zur Klimawiederherstellung angerufen. Was sich natürlich mehr oder weniger mit den Zielen von Xarge beißt. Doch Zinfluu findet immer wieder Worte, um die neue Situation seinem Vorgesetzten schmackhaft zu machen. Bis Donald Trump unwissentlich den Planeten an Xarge verkauft und dieser sich auf den Weg zur Erde macht …

Was witzig klingt, ist es auch, bis … Ja, bis man die Berichte Zinfluus genauer in Augenschein nimmt. Da wird nämlich die Idiotie der Menschheit bis zu ihrer Wurzel entblößt. Man begreift wir blöd wir eigentlich sind, dass wir das tun, was wir tun. Und das Lachen bleibt einem im Hals stecken. Autor Paul Hawkins hält uns einen Spiegel vor, der nicht deutlicher zeigen kann, wie unsere Welt tickt und in welch perfidem System wir eigentlich leben. Das ist auf seine witzige Art irgendwie auch unfassbar traurig.

»How to take over Earth« steckt voller versteckter Anspielungen und satirischen Anmerkungen über die Bewohner der Erde aus der Sicht eines Außerirdischen. Die geschwollene Sprache mit der Zinfluu und Xarge kommunizieren, ist manchmal etwas anstrengend, passt aber wunderbar zu den Charakteren. Abbildungen und witzig formulierte Formulare ergänzen die schriftlichen Kommunikationsaufzeichungen, die aussehen, als kämen sie frisch aus dem Kopierer. Leider sind nicht alle Grafiken ins Deutsche übersetzt, was ich persönlich schade finde.

Das Buch ist eine echte Satire, die einem aufgeklärten Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts das Gruseln lehrt. Am Ende wünscht man sich fast, das Zinfluus Bericht an die Menschheit echt wäre und nicht nur die Geschichte eines amerikanischen Autors, der in Berlin lebt.

»How to take over Earth« erschien im Februar 2018 im Ullstein Verlag und ist als Taschenbuch überall im Buchhandel und bei allen Onlinehändlern erhältlich.

Kosmologisches Feuerwerk

Quelle: Perrypedia

PERRY RHODAN NEO Band 170 – »Abschied von Andromeda«

Die aus dem Transfernexus zwischen den Universen kommenden Raumschiffe greifen zunächst die DOLAN an. Rhodan kommt dem Schiff mit der MAGELLAN und ihren Beibooten zu Hilfe, doch sie haben gegen die Kalamarane der Crea keine Chance. Bevor die Verluste unter den Terranern zu groß werden, setzt die FERNAO die Transformkanone ein. Eines der Creaschiffe wird beschädigt, die anderen ziehen sich in die Nähe des Transfernexus zurück.
Ein Außenteam, dem neben Rhodan auch Mirona Thetin, Atlan und Faktor III angehören, untersuchen den weidwunden Kalamaran, der aus Kristallen zu bestehen scheint. Erst tief im Inneren des Raumschiffes treffen sie auf die Besatzung. Ein Kommunikationsversuch scheitert und die Crea eröffnen das Feuer auf Rhodans Team. Da erscheint Suator, Mirona Thetins Leibwächter, und rettet Rhodan und die Faktoren unter Einsatz seines Lebens.

Auf der MAGELLAN kommt es indes zu einer Invasion durch die Crea. Sie versuchen die Speicherbänke des Flaggschiffes anzuzapfen. Dem Techniker Atila Ardal und Icho Tolot gelingt es, sie daran zu hindern. Nachdem Rhodan zurückgekehrt ist, kommt ein weiteres Schiff aus dem Universenriss. Es ist die Crea, der Rhodan bereits auf Aguerron begegnet war. Sie ist bereit mit Rhodan zu kommunizieren und tut dies telepathisch. Rhodan erfährt, dass die Crea die Bewohner des Einsteinuniversums für eine Bedrohung halten und sie verhindern möchten, dass die Fremden in ihr Universum vordringen. Auch weil ebenfalls Redrifts von Materie aus dem Einsteinuniverum im Creaversum stattfinden und den Bewohnern schaden. Die Crea handeln also aus den gleichen Motiven wie die Menschen und Thetiser. Perry Rhodan kann der Crea klar machen, dass keiner von ihnen an der Ruptur zwischen den Universen schuld ist und schließt mit der Crea Freundschaft, bevor sich diese wieder in ihr Universum zurückziehen müssen.
Noch während des Kampfes gegen die Crea, wird John Marshall von Bord der DOLAN an einen fremden Ort »teleportiert«. Dort trifft er Ernst Ellert, der ihm aber nur vage Hinweise geben kann, was es mit den Chasmas und der Ruptur auf sich hat. Er spricht von einem kosmischen Schachspiel das ANDROS gegen seine Schwester ES spielt. Ellert gibt ihm einen Gegenstand und schickt Marshall auf eine Reise durch die Universen, vom Creaversum bis zum Rande des Einsteinuniverums. Zum Schluss schwebt John im Raum zwischen den Universen. Er sieht das Creaversum als Beule am Universum der Menschen wachsen, bevor er mit Hilfe von Ellerts Geschenk an Bord der MAGELLAN zurückkehren kann.
Nachdem die Gefahr durch die Crea gebannt ist, führen Rhodan und Mirona Thetin ein Gespräch. Sie gibt zu, dass sie von ANDROS getäuscht wurde, aber sie ist nicht bereit, deswegen eine weichere Gangart gegenüber ihrem Volk einzuschlagen. Aber sie wird die intrigierenden Faktoren nicht exekutieren, sondern einen Dialog mit ihnen anstreben. Danach macht sie den Terranern das Angebot die MAGELLAN über den Sechseck-Transmitter in die Milchstrasse zurückzuschicken. Auch, damit sie untersuchen können, was auf dem Erdmond passiert. Rhodan stimmt zu und die MAGELLAN kehrt nach ausgiebigen Reparaturen auf der Paddler-Plattform zwei Wochen später in die Milchstrasse zurück.

 

Wenn Rüdiger Schäfer von PERRY RHODAN-Chefredakteur Klaus N. Frick so überschwänglich gelobt wird, dann ist das wie ein Ritterschlag oder die Verleihung des Literaturnobelpreises … Okay, Letzteres ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber es bedeutet, dass der Roman überdurchschnittlich gut sein muss.

In der Tat hat der Autor mit dem Abschlussband der Mirona-Staffel Überragendes geleistet. Er hat nicht nur die aufgeworfenen Fragen aus den vergangenen sieben Staffeln beantwortet, er hat zudem die Essenz der PERRY RHODAN-Serie für NEO neu interpretiert, ohne die Erstauflage zu verraten.

In der Tat ist das Leben nicht nur schwarz und weiß, es gibt nicht nur Gutes oder Böses. Die Realität besteht in der Regel aus einer Mixtur von Beidem und man muss als Mensch stetig Kompromisse eingehen, ohne den Rahmen der eigenen Moral zu sprengen. Rüdiger Schäfer lässt Perry Rhodan in dem Konflikt zwischen den Crea und den Meistern der Insel einen Zwischenweg finden, der vielleicht nicht ideal erscheint, der aber das Beste ist, was den Terranern in diesem Moment möglich ist.

Die Mischung aus actionreicher Handlung, tiefgründiger Charakterbeschreibung und philosophischer Betrachtung ist gleichermaßen gelungen wie die kosmologische Einordnung des »Schachspiels« zwischen ES und ANDROS. Dass Schäfer am Ende einen befriedigenden, und das meine ich jetzt nicht negativ, Abschluss der Andromedareise der MAGELLAN schafft und es ihm gleichermaßen gelingt, genügend Fragen für die folgenden Staffeln unbeantwortet zu lassen, finde ich stark.

Der Abschied von liebgewonnenen Figuren wie Tani Hanafe, John Marshall, Atlan, Tuire Sitareh und auch Baar Lun tut im ersten Augenblick weh, wird aber durch das Wissen, dass sie aus eigenem Wunsch in Andromeda zurückbleiben, und die Hoffnung ersetzt, sie irgendwann einmal wiederzusehen.

Fazit: Ein großartiger Abschlussroman, mit dem notwendigen Sense of Wonder und einer echten Verbeugung vor dem Geist der klassischen PERRY RHODAN-Serie.

Neues aus dem Perryversum

Ben Calvin Hary hat ein neues YouTube-Video für die PERRY RHODAN-Redaktion produziert. Es geht darin schlicht um die Frage, wo man denn die Heftromane kaufen kann.

Das ist in der Tat ein wichtiges Thema, denn es wird zunehmend schwieriger an die Perryhefte zu kommen.

In Thüringen zum Beispiel bekomme ich keine NEO-Romane, wenn ich Glück habe, finde ich die Ausgaben der Erstauflage in einem einzigen Zeitungsladen in der Stadt. Aber selbst am Hauptbahnhof in München ist es inzwischen schwierig. Nicht jedes der Zeitungsgeschäfte dort führt noch Romanhefte und wenn, dann sind die in der allerletzten Ecke versteckt, damit sie auch ja nicht gefunden werden. Früher hätte man das schon fast als Verschwörung gewertet, damit die Jugend keinen Schund liest. Aber inzwischen sehen sich die Kids von heute im Internet schlimmeres an.

Auf unserem Dorf in Bayern gibt es gar keinen Perry … Halt! Das stimmt so nicht … Seitdem ich nämlich die NEO-Serie abonniert habe, führt der ortsansässige Lottoladen (in dem es zuvor kein PERRY RHODAN gab) PERRY RHODAN NEO. Was für ein Zufall! Mein Mann schwärmt von früher, als man PERRY RHODAN noch im Edeka kaufen konnte. Aber die Zeiten sind längst vorbei.

Inzwischen bevorzugen viele Leser E-Books. Kein Platzbedarf, einstellbare Schriftgröße, keine Rennerei zum Kiosk und man hat alle Folgen seiner Lieblingsserie immer dabei – das sind natürlich unschlagbare Vorteile. Trotzdem habe ich persönlich lieber ein Heft in der Hand, es riecht nach Papier, man kann es einrollen, damit es in die Handtasche passt und mir tut der Arm nicht weh, nachdem ich eine halbe Stunde gelesen habe. Aber das muss jeder Fan für sich selbst entscheiden.

Gefangen im Kreell

Quelle: Perrypedia

PERRY RHODAN NEO Band 169 – »Dunkle Welt Modul« von Rainer Schorm

Als Perry Rhodan nach einer gefährlichen Reise mit der FERNAO endlich Modul erreicht, stellt sich die Situation noch katastrophaler dar, als gedacht. Der Planet ist vollkommen mit Kreell bedeckt, jener Substanz, die durch einen Riss aus der Dimension der Crea in unser Universum herüber diffundiert. Wie gefährlich das Zeug ist, bemerken die Menschen sofort. Es zerstört jegliches Gewebe und saugt nicht nur Energie von Schiff und Ausrüstung ab, sondern auch von den Mutanten. 
Das Treffen mit Faktor III und VII verläuft positiv auch die Ankunft der Paddlerplattform mit der MAGELLAN erfolgt problemlos. Die beiden MdI sind freundlich und den Vorurteilen der Menschen aufgeschlossen. Bei einem Rundgang auf der Oberfläche entdecken Rhodan und das Leyden-Team in Kreell eingeschlossene Körper, unteranderem eine Bestie und den ehemaligen Faktor V. Mit Hilfe von John Marshall und Tani Hanafe gelingt es die Aufzeichnungen von Faktor V aus dem Kreell zu bergen. Da kann sich die Bestie befreien und greift Menschen und Faktoren an. Nur mit Hilfe von Icho Tolot und Monade kann die Bestie besiegt werden. Die gewonnen Informationen zeigen Baar Lun dem letzten Modul, dass sein Volk nicht von den Meistern vernichtet wurde, sondern durch einen Versuch den Riss zu stabilisieren. Während Tolot einen Zugang zur fremden Dimension öffnet, um mit den Crea zu kommunizieren, enttarnt sich das Schiff von Atlan und Mirona. Die MAGELLAN nimmt Kontakt zu ihnen auf, da bricht etwas durch den Riss.

Rainer Schorm schuf mit »Dunkle Welt Modul« einen soliden Roman, der die losen Fäden der Staffel gut zusammenführt. Er ist leider nicht so herausragend wie sein letzter NEO, dafür verläuft die Handlung zu geradlinig. Mich störte unteranderem die Leichtsinnigkeit der Menschen. Sie erkennen die Gefahren (z. B. die Bestie) bringen sich aber nicht in Sicherheit, sondern spazieren weiter über die Oberfläche.

Mit dem Auftreten von Faktor III und VII versuchen die Expokraten eine andere Sicht auf die Faktoren zu zeigen. Es gibt eben nicht nur gut und böse oder schwarz und weiß, sondern auch Nuancen dazwischen. Das hat mich nicht ganz überzeugt, mir wäre lieber gewesen, die Faktoren wären zwiespältiger oder undurchschaubarer geblieben.

Persönlich hat mich die Erläuterung zu den grünen Sonnen gefreut. Rainer Schorm liefert eine Erklärung, die ich ihm unter Umständen abkaufe. Er hat sogar eine passende Spektralklasse herausgesucht. Sehr schön!

Schwächen zeigte dafür das Lektrorat. Vor allem in der ersten Hälfte des Romans, sind dem Verantwortlichen ein paar Patzer durchgerutscht. Eine dünne Membran hat es an sich, dass sie extrem dünn ist.

»Dunkle Welt Modul« treibt die Handlung der MIRONA-Staffel ihrem Finale zu und beantwortet einen Teil der Fragen. Rhodan erfährt von den Vorkommnissen auf dem Mond und beschließt die Rückkehr in die Milchstraße. Damit bereitet Rainer Schorm die kommende Blues-Staffel vor. Zuvor bin ich aber auf das Finale aus der Feder von Rüdiger Schäfer gespannt.

Ärger auf dem Mond

Quelle: Amazon

Für einen Autor ist es schwer einen Weltbestseller zu wiederholen. Andy Weir geht es da nicht anders. Mit Der Marsianer hat er die Messlatte so hoch gelegt, dass es eigentlich unmöglich ist, dessen Erfolg zu überbieten. Das er es dennoch versucht, und dass er sich dabei gar nicht so schlecht schlägt, ist ihm hoch anzurechnen.

Bereits beim Blick auf den Klappentext ahnte ich, dass Artemis kein zweiter Marsianer werden würde. Es fehlte der Geschichte das Ausweglose, die Einsamkeit eines Mark Watney und dessen ungebrochener Überlebenswille, die den Roman so spannend und so erfolgreich gemacht haben.

In Artemis steht die junge Jazz Bashara im Mittelpunkt, die seit ihrem sechsten Lebensjahr in der ersten Stadt auf dem Mond lebt. Sie schlägt sich in Artemis als Schmugglerin durch, unteranderem weil sie sich als Teenager den Weg in ein normales Leben verbaut hat. Wobei die junge Dame über so viel Grips und Geschick verfügt, um als Ingenieurin ihr Geld zu verdienen, was sie aber anscheinend nicht will. Als sie bei einem ihrer Aufträge in ein Verbrechen verwickelt wird und die Aufmerksamkeit eines Syndikats auf sich zieht, ist sie die einzige, die Artemis vor der Übernahme durch die brasilianische Mafia bewahren kann.

Andy Weir ist da gut, wo er schon beim Marsianer gepunktet hat, in der Darstellung komplexer technischer Vorgänge und der Beschreibung der Lebensumstände auf dem Mond. Artemis, die heimliche Protagonistin des Romans, ist mit ihren Eigenheiten gut beschrieben. Das ist Hard-SF bester Güte. Weniger gut finde ich dagegen die Charaktere. Wie schon in seinem Vorgängerroman bleiben sie eher blass, man bekommt kaum eine Vorstellung davon, wie sie aussehen. Selbst die Heldin Jazz Bashara, die Gesetze und Vorschriften auf ihre Weise interpretiert, kommt mir oft zu taff und eher wie Supergirl daher. Wegen ihres losen Mundwerks wirkt sie wie ein bockiger Teenager. So war ich wirklich überrascht, als ich gegen Ende des Romans las, dass sie bereits 26 sein soll. Auf mich machte sie eher den Eindruck einer 19-jährigen. Dass Jazz Probleme mit ihrem gläubigen Vater hat, weil sie eher das Gegenteil einer Muslimin ist, fand ich dann doch zu tief in die Klischeekiste gegriffen. Wer weiß, vielleicht stört mich diese Kombination auch nur wegen der gerade laufenden MeToo-Debatte und es hätte mir nichts ausgemacht, wenn ich den Roman bereits vor zwei Jahren gelesen hätte. Äußerst unbefriedigend finde ich auch die Art und Weise, wie sie am Ende ihren Kopf aus der Schlinge zieht, um einer Verbannung aus der Stadt zu entgegen. Es war im ganzen Roman nie die Rede davon, dass sie das Schmuggler-Monopol in Artemis inne hat.

Auch wenn das Finale etwas zu überstürzt gerät, ist die Handlung von Artemis bis zur letzten Seite spannend. Es ist ein Thriller über eine Saboteurin, die Mafia und eine Stadt, in der Gesetze herrschen wie in den Pionierstädten des Wilden Westens. Andy Weir schuf mit Artemis nicht nur ein glaubhaftes gesellschaftliches Szenario auf dem Mond, sondern bringt mir auch die Erde des ausgehenden einundzwanzigsten Jahrhunderts näher. Gespickt mit vielen technischen Details, ist es für technikaffine Leser wie mich, ein wahres Vergnügen.

Artemis ist nicht Der Marsianer und will es vielleicht auch gar nicht sein. Es ist solide geschriebene Unterhaltung, die uns einen Blick in eine nicht zu ferne Zukunft schenkt und mir die vergangene Woche einige spannende Lesestunden beschert hat. Was will man mehr.