Christinas Multiversum

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Archiv der Kategorie ‘Aufreger der Woche’



Ohne Brot nix los

Die ortsansässige Bäckerei hat ihr Angebot eingeschränkt und lässt jetzt ein Teil seiner Backwaren außerhalb in einer Brotfabrik fertigen. Das finde nicht nur ich sehr schade. Grundproblem: es mangelt an Fachkräften. Der Bäcker ist nicht mehr der jüngste und wollte sein Geschäft schon längst an einen Nachfolger abgeben. Leider findet sich heutzutage niemand mehr, der Bäcker werden will. Genauso wenig wie Elektriker, Klempner und all die anderen Handwerksberufe.

Der Handwerksbetrieb in dem ich arbeite, hatte in diesem Jahr enorme Probleme Azubis zu finden. Der Ausbildungsplatz für Anlagenmechaniker bleibt unbesetzt, der Azubi für Systemplanung Elektro hat sich dann doch entschlossen, lieber zu studieren. Nur ein zukünftiger Elektriker konnte gewonnen werden, und das obwohl der Chef sogar Plakatwerbung gemacht hat.

Wer zum Teufel macht den Jugendlichen eigentlich weis, dass sie unbedingt Abitur machen und studieren müssen? Es ist ein Wunder, dass wir so viele Akademiker haben, die von Hartz leben müssen. Ein Realschulabschluss scheint irgendwie nichts mehr wert zu sein, oder wie? Dabei kann man als Ausgelernter mitunter mehr verdienen, als nach einem Studium. Das habe ich am eigenen Leib erlebt. Ich hatte nach meiner Ausbildung doppelt so viel im Geldbeutel, als nach meinem Ingenieurstudium. Ein Grund, warum ich das auch nie wieder machen würde.

Zurück zu Brot und Semmeln. Das Angebot ist jetzt also deutlich reduziert, vor allem bei den Vollkornprodukten. Wie lange wird es dauern, bis der Bäcker ganz aufhört und der einzige Bäcker, der noch im Ort bäckt, schließen wird und von irgendeiner Kette ersetzt wird? Der Metzger hat schon vor zwei Jahren aufgehört. Es stellt sich die Frage wovon wir in Zukunft leben wollen? Von industriell gefertigten Backwaren oder von handwerklich gefertigten Produkten, die nicht nur besser schmecken, sondern auch gesünder sind. Wenn das mit dem Fachkräftemangel im Handwerk so weitergeht wie bisher, dann haben wir bald keine Wahl mehr.

Willkommen in der Provinz

Heute ist wieder einer jener Tage, an dem ich die Deutsche Bahn, vor allem aber die Politik verfluche. Denn zum großen Teil ist es ihre Schuld, dass ich seit einem halben Jahr statt viereinhalb Stunden ganze sechs benötigte, um nach Saalfeld zu kommen. Heute waren es wegen eines liegengebliebenen Zuges sogar sieben Stunden. SIEBEN Stunden für knapp 500 Kilometer. Wenn ich es nicht so verabscheuen würde, Auto zu fahren, wäre ich wahrscheinlich längst umgestiegen, zum Schaden der Umwelt.

Die wenigsten Bewohner im Landkreis wissen um das Dilemma durch die fehlende Fernverbindung am Saalfelder Bahnhof. Meist erfahren sie es erst, wenn es sie selbst betrifft, weil die Reise zu den Kindern oder Enkeln plötzlich länger dauert und viel umständlicher ist.

Seit Frühjahr 2001 pendle ich mehr oder weniger regelmäßig zwischen Saalfeld und München, seit 2013 sogar zwischen Saalfeld und Traunstein. In all den Jahren habe ich viel mitgemacht, Verspätungen, Zugausfälle und Streckensperrungen, eine Vielzahl skurriler Erlebnisse eingeschlossen. Anfangs der Zweitausender führte die Strecke noch über Augsburg. 2006 folgten die Eröffnung der Schnellstrecke zwischen Nürnberg und Ingolstadt und der Einsatz des ICE-T mit Neigetechnik. Rückblickend kann ich die Zeit in den Jahren zwischen 2006 und 2011 als goldenes Zeitalter der Saalebahn bezeichnen. In nicht einmal drei Stunden war man von Saalfeld aus in München und das gänzlich, ohne Umsteigen zu müssen.

Nach dem Fahrplanwechsel 2012 nahmen der Service ab und die Fahrzeit sukzessive zu. Zuerst wurden ICE-Verbindungen gegen ICs getauscht und die Streckenführung dahingehend geändert, dass diejenigen ICEs, die in Saalfeld hielten, nur noch über Augsburg fuhren und nicht mehr über Ingolstadt. Wenn man, wie ich von München weiterfahren wollte, musste man zwangsläufig in Nürnberg umsteigen, wenn man nicht fünfzig Minuten länger unterwegs sein wollte. Wie oft stand ich im Winter fröstelnd am Nürnberger Hauptbahnhof und wartete auf den Anschlusszug, der meistens Verspätung hatte oder gar ausfiel. Wenigstens war ich am Donnerstagabend nicht allein, wenn Dutzende von Pendlern in Richtung Thüringen und Sachsen unterwegs waren und sich mit mir zusammen über überfüllte Züge und die Bauarbeiten an der Strecke zwischen Nürnberg und Bamberg ärgerten.

2016 war die Strecke dann für ganze neun Monate vollständig gesperrt und man bekam als Reisender schon mal einen Vorgeschmack auf das, was kommen würde, wenn keine Fernzüge mehr die Saalebahn bevölkerten. Ich reduzierte damals meine Besuche in der alten Heimat auf das Nötigste, weil sich der Schienenersatzverkehr zwischen Lichtenfels und Bamberg eher wie eine Irrfahrt anfühlte, als eine Fahrt durch das »Hightech-Land« Deutschland. Vor allem angesichts der Tatsache, dass diese Sperrung nur der ICE-Trasse zwischen Erfurt und Nürnberg diente und man genau wusste, dass damit das Ende des Fernverkehrs auf der Saalebahn eingeläutet wurde.

Seit Dezember 2017 ist nun nichts mehr so wie es war. Schnell mal mit dem Zug nach München oder Berlin fahren, ist zu einer Illusion geworden, zu einer fernen Erinnerung, die immer mehr verblasst. Dafür gleicht die Fahrt in die Heimat und zurück einer nicht enden wollenden Odyssee. Verbindungen mit drei- bis viermal umsteigen, sind keine Seltenheit. Wenn ich Glück habe, brauche ich nur in München oder Nürnberg umsteigen. Wobei die Reise aus dem Süden bis nach Nürnberg erstaunlich schnell geht. Doch anschließend tuckert man mit Regionalbahnen durchs Land, die nicht nur zu unbequem zum Sitzen sind, sondern in denen es auch kein Platz für Gepäck gibt und die an jedem Briefkasten zu halten scheinen. Fortschritt sieht für mich anders aus. Die viel gepriesene, aber kaum auffindbare IC-Verbindung, die zwischen Leipzig und Karlsruhe in Saalfeld halt macht, ist so ungünstig getaktet, dass die Pendler sie nicht nutzen können. Natürlich, die sollen gefälligst über Erfurt fahren und dafür zwanzig Prozent mehr zahlen. Schließlich wollen die Milliarden, welche die Schnellstrecke durch den Thüringer Wald gekostet haben, auch wieder eingefahren werden. In meinen Augen der Hauptgrund, warum sich die Bahn weigerte, eine Fernverbindung über die Saalebahn aufrechtzuerhalten.

Die Zukunft beschert uns keine blühenden Landschaften mehr, zumindest nicht in Ostthüringen. Dafür haben die Politiker der Vergangenheit gesorgt, als sie ein Projekt durchdrückten, das sowohl finanziell, als auch wirtschaftlich eine Fehlentscheidung darstellt. Ein Projekt bei dem schon frühzeitig Experten warnten, dass es nicht nur viel zu teuer und unrentabel würde, sondern dass auch Teilen Thüringens wirtschaftlichen Schaden zufügen wird. Allein die Obrigkeit in Erfurt hielt daran fest, weil es ihnen persönliches Prestige und der Landeshauptstadt neue Einnahmen versprach. Vor allem aber diente es dazu, die Baufirmen mit Aufträgen zu füttern, die diese auf Jahre hinaus beschäftigen und deren Gewinne ins Astronomische steigern würden.

Es war nichts anderes als ein Konjunkturprogramm, das kurzfristig gesehen, die Bauwirtschaft vielleicht vorangebracht hat, dem Land Thüringen nachträglich aber mehr schaden wird. Denn überlegen wir mal, was passiert denn, wenn Städte wir Jena oder Saalfeld längerfristig vom Fernbahnnetz abgekoppelt sind? Firmen werden ihren Sitz in eine andere Stadt verlegen, die einen besseren Anschluss hat. Studenten und Wissenschaftler werden ausbleiben, weil es zu mühsam ist, nach Jena zu kommen, wo sie Erfurt doch viel besser erreichen können. Ostthüringen wird gleichsam wie Teile Oberfrankens zur Provinz degradiert und in der Unbedeutendheit verschwinden, während die Erfurter sich mit dem zukünftigen ICE-Drehkreuz Mitteldeutschlands rühmen. Überhaupt Erfurt … ganz automatisch drängt sich dem Zugreisenden auf der Saalebahn der Gedanke auf, dass das dies alles so gewollt ist, dass den Landesregierungen der vergangenen Jahrzehnte das Wohl Ostthüringens immer zweitrangig war.

Und die Lokalpolitiker der betroffenen Landkreise? 26 Jahre hatten Städte und Kreise Zeit, sich auf das Aus im Fernverkehr einzustellen. Doch außer ein paar halbherzigen Protesten und dem irrigen Glauben, die Bahn würde sie nicht hängen lassen, passierte nichts. Das drohende Problem wurde ausgesessen, denn die meisten Politiker würden ihre Legislaturperiode längst beendet haben, wenn der letzte ICE fuhr. »Nach uns die Sintflut«, könnte man meinen. Die Landräte und Bürgermeister, die jetzt das Ergebnis ausbaden müssen, haben keinen Chance mehr, eine Änderung zu bewirken Sie müssen sich zusammen mit der Bevölkerung mit vollendeten Tatsachen arrangieren.

Letztendlich sind bei der Planung des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit Nr. 8 zwei fatale Kräfte zusammengekommen. Zum einen die Geltungssucht einiger Westdeutscher Politiker nach der Wende und die Gewinnsucht der Manager bei der Deutschen Bahn (besonders in Hinblick auf den geplanten und später abgesagten Börsengang). Der Konzern ist weiterhin damit beschäftigt, unbedingt dem Flugzeug Konkurrenz machen zu müssen, als seine eigentliche Aufgabe, mittels einer flächendeckenden Infrastruktur die Beförderung von Reisenden von Ort zu Ort zu erfüllen und nicht nur zwischen ein paar Großstädten. Angesichts von Dieselskandal und steigender Schadstoffwerte in der Atmosphäre ist dies der falsche Weg zur Erhaltung einer intakten Umwelt. Von 22 Tunneln und 29 Brücken, die jetzt den Thüringer Wald wie eine blutende Wunde durchschneiden, ganz zu schweigen.

Das Wohl weniger ist in heutiger Zeit eben wichtiger, als das Wohl vieler.

Große Erwartungen = große Enttäuschungen

Das runde Leder rollt wieder. Es ist Fußball-WM und alle hoffen auf die Wiederholung des Sommermärchens von 2006.

Ich bin kein Fußballfan und kann dem Sport nichts abgewinnen. Das einzige Fußballspiel, was ich von Anfang bis Ende gesehen habe, war ein Zweitligaspiel zwischen dem TSV 1860 München und dem FC Carl Zeiss Jena in der Allianzarena. Ein Kollege hatte mir Karten besorgt, weil mein Vater unbedingt mal ein Spiel in der Allianzarena sehen wollte und Jena sein Lieblingklub ist. Ich habe ihn damals begleitet und so kam ich nicht daran vorbei, mir das Spiel anzusehen. Das ist jetzt auch schon wieder eine halbe Ewigkeit her.

Also lässt mich der ganze Trubel um die Fußball-WM völlig kalt. Sollen diejenigen, denen es Spaß macht, feiern und mitfiebern. Für mich ist das nichts. Was mir aber ziemlich auf den Keks geht ist die Meinungsmache der Medien. Die tun ja so, als hätte Deutschland schon gewonnen, dabei ist das Turnier noch nicht einmal richtig losgegangen. Heute Mittag hat ein Spot im Radio dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Da wurde über den ersten WM-Gegner der Deutschen Mexiko hergezogen. So nach dem Motto: ihr Mexikaner braucht gar nicht erst gegen den Weltmeister anzutreten, ihr verliert ja doch. Das war sowas von unmöglich, dass ich mich echt geschämt habe. Dass auf diese Weise unglaublich hohe Erwartungen geschürt werden, ist den Verantwortlichen entweder nicht bewusst oder es ist ihnen egal. Aber wehe, wenn die deutsche Nationalmannschaft verliert, dann wird auf Trainern und Spielern rumgehackt.

Bei dem hohen Erwartungsdruck möchte ich nicht in deren Haut stecken. Egal wieviel Geld man mir bieten würde, dass wäre definitiv kein Job für mich. Warum können die sogenannten Fußballexperten da draußen nicht einfach mal »den Ball flach halten« und sehen, was passiert? Das würde vielleicht sogar die Spieler mehr motivieren, als die Versagensangst, die ihnen durch den medialen Druck eingeimpft wird. Denn bekanntlich sind die unerwarteten Siege die schönsten Siege und das gilt nicht nur beim Fußball.

Abo oder Kiosk

Wie vielleicht schon erwähnt, habe ich seit Dezember ein NEO-Abo. Seitdem bekomme ich die Hefte viel später, als ich sie noch in der Bahnhofsbuchhandlung gekauft habe.

Bisher wurden die Taschenhefte erst zwei Mal am Donnerstag ausgeliefert. Zwei oder dreimal kamen sie am Freitag, meistens jedoch am Samstag und wenn ein Feiertag in der Woche war, wie vergangene Woche, dann erst am Dienstag der Folgewoche. (Selbst die Autobild meines Mannes kam statt Freitag erst am heutigen Mittwoch. Ich habe das jetzt bei der Post reklamiert, gehe aber nicht davon aus, dass es etwas bringt.

Für mich bedeuten die ständigen Verspätungen schlichtweg, dass ich das Abo Ende des Jahres wieder kündigen werde und mir die NEOs stattdessen im Dorfkiosk bestelle, sofern es den bis dahin noch gibt. Ansonsten muss ich eben wieder 12 Kilometer zur nächsten Bahnhofsbuchhandlung fahren und 50 Cent zusätzlich fürs Parken in der Tiefgarage zahlen.

Ich frage mich, warum der Verlag die Taschenhefte überhaupt als Büchersendung verschickt? Ich würde gern mehr Versandkosten zahlen, wenn ich die Hefte stattdessen am Donnerstag im Briefkasten hätte. Und überhaupt: War es nicht mal so das Abonnenten, Zeitschriften und Magazine früher bekommen haben? Bei der PM ist das heute noch so, außerdem werden keine Versandkosten fällig und die Hefte waren früher im Abo auch noch günstiger.

Und nein, ich kann nicht digital lesen, davon tun mir Arm und Nacken weh. Außerdem fehlt mir dann das Haptische.

Karl Marx und die Deutschen

Kein anderer Philosoph und Theoretiker spaltet das deutsche Volk mehr als Marx. Die einen halten seine Lehren für umstritten, andere verehren sie und anderen wiederum sind sie völlig egal.

Zum zweihundertsten Geburtstag des Denkers ist nun zwischen den Deutschen ein Streit entbrannt. Ursache ist eine Statue von Karl Marx, die China der Stadt Trier vermacht hat und welche die Trierer aufgestellt haben. Einige möchten sie am liebsten wieder einreißen, andere empfinden dagegen Stolz, dass eine solche Berühmtheit aus ihrer Stadt kommt. Warum wir Deutschen mit einem solchen Ereignis nicht normal umgehen können, ist mir ein Rätsel.

Besonders viele Ostdeutsche sehen Karl Marx eher kritisch und irgendwie kann ich sie auch verstehen. Ich selbst wurde in der Schule schon früh mit Geschichten über Marx und mit seinen Theorien sozialisiert. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir als Kinder das tatsächlich verstanden haben, was man uns da beibrachte. Für uns war Marx eine Figur aus einer ziemlich langweiligen Märchenstunde. Es war der Zwang sich ständige damit beschäftigen zu müssen, der uns das Interesse verleidete. Und so habe ich mich später als Erwachsene auch nicht wirklich mit den Theorien oder dem Leben von Karl Marx befasst. Dennoch verstehe ich diejenigen nicht, die Marx für etwas verteufeln, an dem er eigentlich keine Schuld trägt. Denn nicht er hat die Millionen Opfer des Kommunismus und Stalinismus zu verantworten, sondern diejenigen, die seine Theorien für ihre eigenen Machtansprüche missbraucht haben. Das alles geschah zwar in seinem Namen aber Jahrzehnte nach seinem Tod. Ich denke nicht, dass Marx es persönlich so gewollt hätte. In der Tageszeitung las ich letztens einen interessanten Vergleich: Marx die Schuld für die Mauertoten zu geben, ist genauso unsinnig, wie Jesus Christus für die Kreuzzüge verantwortlich zu machen.

Man sollte das Wirken von Marx immer auch im zeitlichen Rahmen sehen. Den meisten Menschen im 19. Jahrhundert ging es schlecht und er hat erkannt, warum das so ist. Seine Ausführungen zum Kapitalismus enthalten durchaus genug Wahrheit, um auch heute noch aktuell zu sein. Der Kapitalismus ist ein imperfektes System, aber so lange wir kein besseres erfinden, werden wir darin leben müssen. Karl Marx hat Wege gezeigt, das System zu ändern. Diese Alternativen sind jedoch an den Menschen selbst gescheitert. Macht verdirbt den Charakter und einige im Kommunismus haben teilen vom Volk gefordert, ohne selbst teilen zu wollen.

Viel wird derzeit auch über die Person Karl Marx geredet, z. B. dass er ein Rassist war. Wer bitte war das im 19. Jahrhundert in Europa und den USA nicht? Ohne es verharmlosen zu wollen, aber das war damalige Realität. Auch dass er ein uneheliches Kind mit seiner Haushälterin hatte, die er zwang das Kind in eine Pflegefamilie zu geben. Das alles ist der Zeit und der Gesellschaft geschuldet, in der Marx lebte. Es zeigt, dass er ein Mensch mit Fehlern war. Aber ihn deshalb die Ehre einer Statue zu verwehren und ihn, wenn es ginge, ganz totzuschweigen, finde ich übertrieben. Goethe war ebenfalls kein tadelloser Mensch, aber bei ihm macht sich keiner Gedanken darüber, seine Büste in Archive zu verbannen und Denkmäler zu verhindern.

Vielleicht sollten wir Deutschen endlich mal lernen, entspannter mit unserer Geschichte umzugehen, auch wenn es schwerfällt.

Kaum gegrünt schon weggesäbelt

Heute Nachmittag haben wir Naturschutz betrieben. Es waren nämlich die Männer mit den Rasenmähern angetreten, um die Grünfläche vor unserer Terrasse zu mähen. Aber gerade dort blühen zur Zeit viele Blumen, die nicht nur Bienen sondern auch andere Insekten anlocken. Wir baten die Herren, doch einen Streifen um unsere Terrasse stehenzulassen, auf dem die Blumen besonders dicht wachsen. Sie haben sich dran gehalten. Aber wahrscheinlich nur, weil wir wie Gefängnisaufseher auf der Terrasse standen und zugesehen haben, bis sie fertig waren.

Mal ehrlich, seit nicht einmal drei Wochen ist es warm genug, damit das Gras wachsen kann. Und weil es sehr trocken war, ist es ohnehin nicht besonders hoch gewesen. Warum man das jetzt schon mähen muss, ist mir ein Rätsel. Die Pflanzen haben doch gerade erst angefangen zu wachsen und zu blühen. Als Tochter eines Imkers weiß ich, dass die Bienen gerade jetzt genügend Pollen eintragen müssen, um die Jungbienen großziehen, die dann den Honig sammeln können, wenn Raps, Linden oder Akazien blühen. Je weniger Futter sie also finden, desto weniger Bienen gibt es, die können wiederum weniger Honig eintragen und je weniger Honig es gibt, desto teurer ist er.

Früher mähte man eine Wiese nicht eher, bis alles verblüht war und die Samen ausgefallen sind. Aber heutzutage muss ja alles möglichst gleichmäßig grün aussehen. Bei so einem Rasen haben Insekten null Chancen. Und dann wundern sich alle, warum es immer weniger Insekten und immer weniger Vögel gibt. Den meisten Menschen ist das egal, weil die wenigsten wissen, welche Auswirkungen das auf unser Leben haben wird. Denen ist auch egal, das die Rasenfläche jetzt wie grün angemalte Erde aussieht. Da kann man den Rasen doch gleich weglassen und Kunstrasen verlegen, da spart man sich dann auch das Mähen.

Ich bin jedenfalls froh, das Bienen und Hummeln weiterhin vor unserer Terrasse herumfliegen und die Vergissmeinnicht ihre hellblauen Blüten in die Luft strecken können. Das Leben ist eintönig genug, man muss es nicht noch eintöniger machen. Wenn es mehr Leute gäbe, die auf so etwas achten würden, wäre es um unsere Zukunft auch nicht so düster bestellt. Wir haben jedenfalls heute unseren kleinen Beitrag geleistet.

Löcher im Mobilnetz

Dass wir im hochentwickelten Deutschland ein Problem mit dem Mobilfunknetz haben, sollte inzwischen wahrscheinlich jeder Besitzer eines Mobiltelefons mitbekommen haben. Bereits 2008 stellten wir in unserem Rumänienurlaub fest, egal in welcher abgelegenen Gegend wir unterwegs waren, wir hatten stets vollen Handyempfang.

Größere Löcher im Netz klaffen hier vor allem auf der Bahnstrecke zwischen München und Salzburg. Nach der Ausfahrt aus dem Münchner Ostbahnhof ist zunächst Schluss mit dem Empfang. Erst in Rosenheim zeigt das Handy wieder mehr als einen Balken an. Danach ist es aber bis Traunstein wieder vorbei. Mit LTE ist es komischerweise nicht ganz so schlimm. Aber auch in Waging sieht es mit den Handyempfang mau aus. In unserer Wohnung kann ich mit dem Handy weder telefonieren noch SMS verschicken. (Außer ich mache das Fenster auf und halte das Telefon raus.) Im Gegenzug kann ich auch keine SMS empfangen, was meine Kolleginnen ziemlich nervt, wenn sie mich morgens fragen wollen, ob sie mich mitnehmen sollen. Noch schlimmer ist es aber auf Arbeit. Sehe ich daheim zumindest noch einen mickrigen Balken auf dem Display, zeigt das Handy im Gewerbegebiet ausschließlich »Kein Netz« an. Vertreter, die unsere Firma zum ersten Mal besuchen und auf das Navi ihres Handys vertrauen, scheitern daran, uns zu finden.

Damit sich das ändert, hat jetzt unser neuer Bundesverkehrsminister eine »großartige« Initiative gestartet. Die Leute sollen sich melden, wenn sie ein Funkloch im Mobilfunknetz entdeckt haben. Dies wird dann in eine Karte eingetragen. Diese Karte wird dann den Mobilfunkanbietern gezeigt und es sollen gemeinsame Lösungen zum Netzausbau gefunden werden. Das heißt, es sollen Standorte für Mobilfunkmasten gefunden werden, welche die Löcher abdecken.

Das klingt, als wüssten die Mobilfunkanbieter nicht selbst, an welchen Stellen ihre Netzabdeckung schlecht ist. Jeder der möchte, kann sich auf den Internetseiten von Vodafone, O2 oder der Telekom über deren Netzabdeckung informieren. Vielleicht sind die Daten dort nicht vollkommen exakt, aber die Anbieter selbst haben sicher genauere Daten vorliegen. Wozu braucht man also die Mithilfe der Bevölkerung. Das ist doch Augenwischerei. Wahrscheinlich geht es einfach darum, welche Funklöcher die Leute stören und welche nicht. Letztere braucht man dann auch nicht abzudecken.

Doch selbst wenn die Karte erstellt sein sollte und die Standorte der zukünftigen Mobilfunkmasten feststehen, heißt das noch lange nicht, dass sie dort auch gebaut werden können. Wenn es so einfach wäre, hätten die Betreiber es vielleicht schon längst getan. Zum einen wird erstmal festgestellt werden müssen, wer den Ausbau bezahlen soll. Und dann finden sich bestimmt wieder genügend Bürgerinitiativen oder besorgte Bürger die den Bau der Handymasten zu verhindern wissen. Das sind dann solche Leute, die gegen schädliche Handystrahlung protestieren, gleichzeitig aber in der Küche mit ihren Reproduktionsorganen zehn Zentimeter vor einem 7 KW Mittelwellensender (Induktionsherd) stehen.

Wie immer wird es damit enden, dass wir uns durch unsere übertriebenen Vorschriften und Rechte mal wieder selbst im Weg stehen.

Ambivalenter Datenschutz

Es gibt einen neuen Aufreger in Sachen Datenschutz. Das Zauberwort heißt »eCall« und muss ab 31. März diesen Jahres von den Autoherstellern in alle neuen Modelle eingebaut werden. In vielen Autoklassen gibt es dieses System gegen Aufpreis schon länger.

An sich ist die Idee dahinter nicht verkehrt. Wenn ein Auto einen Unfall hat, verständigt das System automatisch die Rettungskräfte über die Notfallnummer 112. Aber wie immer gibt es da einen Haken. Für das System muss das Auto mit dem Internet verbunden sein. Außerdem kann eCall noch mehr, als nur einen Anruf tätigen. Es leitet relevante Daten weiter, wie Positionsdaten, wieviele Personen im Auto sitzen, wie schnell das Auto gefahren ist und ob der Fahrer angeschnallt war. Es kommt aber noch besser. Das System verfügt auch über ein Mikrophon, denn die Rettungsleitstelle setzt sich bei einem Unfall zunächst mit dem Fahrzeuginsassen in Verbindung und fragt was los ist. Diese Funktion könnte unter Umständen auch dazu genutzt werden, um Gespräche abzuhören.

Natürlich sagen alle, dass die Daten nur an die Rettungskräfte weitergeleitet würden und anschließend gelöscht werden. Aber das hat Facebook über die Daten seiner Nutzer auch gesagt. Wie sehr das stimmt, haben wir in dieser Woche ja gesehen. Die Gefahr, das die vom Auto gesammelten Daten für Versicherungen, und Geheimdienste genutzt werden, ist natürlich immer gegeben. Auf Grund der ständigen Positionsbestimmung wird das Auto zum gläsernen Auto und der Fahrer gleich mit. Es könnten Fahrerprofile angefertigt werden, wie aggressiv oder wie zahm ein Fahrer fährt. Danach könnten KFZ-Versicherungen ihre Prämien ausrichten. Oder es könnten Bewegungsdaten des Autos gesammelt und für Werbung, oder … was weiß ich … verwendet werden. Am beunruhigendsten finde ich aber den Gedanken, in meinem Auto ein Mikrophon zu haben, das meine Gespräche mithören kann. Die Geheimdienste lachen sich angesichts dieser Tatsache ins Fäustchen. Dann müssten sie keine Abhörmikrophone mehr heimlich in Autos installieren, sie würden einfach das eCall-System nutzen. Natürlich gilt das auch in der Gegenrichtung, weshalb der BND und der Verfassungsschutz laut Insiderinformationen jetzt darüber nachdenken die eCall Funktion aus ihren Autos zu entfernen.

Ich bin ja der Meinung, dass jeder Autofahrer selbst entscheiden sollte, ob er so ein System im Auto haben möchte oder nicht. Es von oben zu diktieren, nimmt uns wieder ein Stück Selbstbestimmung und tritt den Datenschutz mit Füßen.

Apropos Datenschutz! Wie ich letztens erfahren habe, darf mir mein Chef nicht mehr zum Geburtstag gratulieren. Außer ich sage ihm ausdrücklich, dass ich Geburtstag habe. Denn laut Datenschutz darf er nicht wissen, wann ich Geburtstag habe. Die Kollegen übrigens auch nicht, weshalb man keine Geburtstagskalender oder -listen mehr in Firmen aufhängen darf.

Meine Geburtsdaten sind vor meinen Kollegen geschützt. Intime Gespräche, die ich mit meinem Mann im Auto führe, nicht … Es lebe der Datenschutz!

Zweiklassenimpfung?

Seit mich zwei Wochen vor Weihnachten eine fiese Erkältung erwischt hat, bekomme ich die Erreger nicht mehr los. Inzwischen hatte ich von einem Grippalen Infekt, über eine Seitenstrangangina bis hin zu Bronchitis und Sinusitis alles, was man sich an Erkältungskrankheiten vorstellen kann. Der Grippeerreger, der mich Anfang Februar niederstreckte, richtete auch in meinem Umfeld größeren Schaden an. Erst traf es meinen Mann, dann die Kollegen und zum Schluss noch meine Eltern. Auf Arbeit war im Februar knapp die Hälfte der Kollegen krank. Bei meinem Mann im Großbetrieb fehlten 20 Prozent der Belegschaft. In Südostoberbayern grassierte der Grippeerreger besonders schlimm und das Interessante war, dass selbst Menschen mit Grippeschutzimpfung erkrankten. Die vergangenen Jahre hatte ich mich immer impfen lassen und war meistens ungeschoren davon gekommen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich gependelt bin. Pendler sollen ja wegen des ständigen Personenkontakts ein stabileres Immunsystem aufbauen.

Gestern erfuhr ich jedoch, warum es im Vergleich zu den vergangenen Jahren so viele Grippefälle gab. Es lag unteranderem an der Impfung. Es gibt zwei Arten von Impfstoffen einen Dreifach-Impfstoff und einen Vierfach-Impfstoff. Ersterer enthält Antigene von Grippeviren zweier A-Varianten und einer B-Variante. Der Vierfach-Impfstoff enthält zusätzlich noch eine weitere B-Variante. Und in diesem Jahr war es genau diese B-Variante, welche die Grippewelle verursacht hat.

Aus Kostengründen bekommen Kassenpatienten nur den Dreifach-Impfstoff. Privatpatienten verabreicht man dagegen den teuren Vierfach-Impfstoff. Bis jetzt hat sich das wohl gerechnet. In diesem Jahr hat die Volkswirtschaft durch die Grippewelle so große Verluste erlitten, dass nun darüber diskutiert wird, ob man nicht in Zukunft allen Impfwilligen die Vierfach-Impfung zugutekommen lassen soll.

Die Krankenkassen erwirtschaften so viele Überschüsse, da frage ich mich: wenn es die Möglichkeit gibt, mit einer Impfung mehr Virenstämme abzudecken, warum tut man es nicht? Warum eine Billigvariante? Und warum bekommen Privatpatienten automatisch den besseren Schutz?

Ich war 15 Jahre lang privatversichert. Ich habe hautnah miterlebt, dass es da draußen eine Zweiklassenmedizin gibt. Da kann Herr Spahn von der CDU reden, was er will. Es gibt genügend Ärzte, die das ähnlich sehen. Letztens beschwerte sich ein Arzt in einem Zeitungartikel darüber, warum Krankenkassen die medizinisch notwendige Sehhilfe nicht bezahlen, dafür aber die Kosten für Homöopathische Medikamente übernehmen, deren Wirkung wissenschaftlich nicht nachgewiesen sind.

Wenn es im Herbst wieder heißt: »Lassen Sie sich impfen!«, frage ich vorher nach, welchen Impfstoff man mir anbietet. Lieber zahle ich drauf, als dass ich mich nochmal so lange mit einer Grippe herumquäle.

Bahn ins Stromgeschäft

Auszug aus einer E-Mail

Da erreichte mich letztlich eine E-Mail von der Deutschen Bahn, die mich etwas in Erstaunen versetzte. Nein, es ging nicht um Fahrplanangebote, ein Gutschein war es leider auch nicht. Es war eine Werbemail, in der die Deutsche Bahn als Stromanbieter auftrat.

…? Richtig gehört, die Deutsche Bahn verkauft jetzt auch Strom, sogar einhundert Prozent Ökostrom. Und ich als BahnCard-Inhaberin sollte eine Preisgarantie bekommen, wenn ich noch in diesem Monat zu DB Strom 24 wechsle.

Ich wusste ja, das die Deutsche Bahn seit dem geplanten Börsengang an vielen weiteren Geschäften weltweit beteiligt ist, an Luftfracht und Schifffahrtsrouten. Aber, dass die jetzt auch Strom verkaufen, war mir neu.

Ganz ehrlich! Vielleicht sollte sich die liebe Deutsche Bahn mal auf ihr Kerngeschäft konzentrieren; Menschen und Fracht auf der Schiene möglichst schnell, ohne Verspätungen und Zugausfälle von A nach B zu befördern. Vielleicht auch mal darum, die Fahrpläne besser aufeinander abzustimmen und alle Städte gleich gut anzubinden und nicht nur die Großstädte. Damit wäre viel erreicht. Und auch mir wäre mehr geholfen, als mit einem günstigen Stromtarif.

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