Willkommen in der Provinz

Heute ist wieder einer jener Tage, an dem ich die Deutsche Bahn, vor allem aber die Politik verfluche. Denn zum großen Teil ist es ihre Schuld, dass ich seit einem halben Jahr statt viereinhalb Stunden ganze sechs benötigte, um nach Saalfeld zu kommen. Heute waren es wegen eines liegengebliebenen Zuges sogar sieben Stunden. SIEBEN Stunden für knapp 500 Kilometer. Wenn ich es nicht so verabscheuen würde, Auto zu fahren, wäre ich wahrscheinlich längst umgestiegen, zum Schaden der Umwelt.

Die wenigsten Bewohner im Landkreis wissen um das Dilemma durch die fehlende Fernverbindung am Saalfelder Bahnhof. Meist erfahren sie es erst, wenn es sie selbst betrifft, weil die Reise zu den Kindern oder Enkeln plötzlich länger dauert und viel umständlicher ist.

Seit Frühjahr 2001 pendle ich mehr oder weniger regelmäßig zwischen Saalfeld und München, seit 2013 sogar zwischen Saalfeld und Traunstein. In all den Jahren habe ich viel mitgemacht, Verspätungen, Zugausfälle und Streckensperrungen, eine Vielzahl skurriler Erlebnisse eingeschlossen. Anfangs der Zweitausender führte die Strecke noch über Augsburg. 2006 folgten die Eröffnung der Schnellstrecke zwischen Nürnberg und Ingolstadt und der Einsatz des ICE-T mit Neigetechnik. Rückblickend kann ich die Zeit in den Jahren zwischen 2006 und 2011 als goldenes Zeitalter der Saalebahn bezeichnen. In nicht einmal drei Stunden war man von Saalfeld aus in München und das gänzlich, ohne Umsteigen zu müssen.

Nach dem Fahrplanwechsel 2012 nahmen der Service ab und die Fahrzeit sukzessive zu. Zuerst wurden ICE-Verbindungen gegen ICs getauscht und die Streckenführung dahingehend geändert, dass diejenigen ICEs, die in Saalfeld hielten, nur noch über Augsburg fuhren und nicht mehr über Ingolstadt. Wenn man, wie ich von München weiterfahren wollte, musste man zwangsläufig in Nürnberg umsteigen, wenn man nicht fünfzig Minuten länger unterwegs sein wollte. Wie oft stand ich im Winter fröstelnd am Nürnberger Hauptbahnhof und wartete auf den Anschlusszug, der meistens Verspätung hatte oder gar ausfiel. Wenigstens war ich am Donnerstagabend nicht allein, wenn Dutzende von Pendlern in Richtung Thüringen und Sachsen unterwegs waren und sich mit mir zusammen über überfüllte Züge und die Bauarbeiten an der Strecke zwischen Nürnberg und Bamberg ärgerten.

2016 war die Strecke dann für ganze neun Monate vollständig gesperrt und man bekam als Reisender schon mal einen Vorgeschmack auf das, was kommen würde, wenn keine Fernzüge mehr die Saalebahn bevölkerten. Ich reduzierte damals meine Besuche in der alten Heimat auf das Nötigste, weil sich der Schienenersatzverkehr zwischen Lichtenfels und Bamberg eher wie eine Irrfahrt anfühlte, als eine Fahrt durch das »Hightech-Land« Deutschland. Vor allem angesichts der Tatsache, dass diese Sperrung nur der ICE-Trasse zwischen Erfurt und Nürnberg diente und man genau wusste, dass damit das Ende des Fernverkehrs auf der Saalebahn eingeläutet wurde.

Seit Dezember 2017 ist nun nichts mehr so wie es war. Schnell mal mit dem Zug nach München oder Berlin fahren, ist zu einer Illusion geworden, zu einer fernen Erinnerung, die immer mehr verblasst. Dafür gleicht die Fahrt in die Heimat und zurück einer nicht enden wollenden Odyssee. Verbindungen mit drei- bis viermal umsteigen, sind keine Seltenheit. Wenn ich Glück habe, brauche ich nur in München oder Nürnberg umsteigen. Wobei die Reise aus dem Süden bis nach Nürnberg erstaunlich schnell geht. Doch anschließend tuckert man mit Regionalbahnen durchs Land, die nicht nur zu unbequem zum Sitzen sind, sondern in denen es auch kein Platz für Gepäck gibt und die an jedem Briefkasten zu halten scheinen. Fortschritt sieht für mich anders aus. Die viel gepriesene, aber kaum auffindbare IC-Verbindung, die zwischen Leipzig und Karlsruhe in Saalfeld halt macht, ist so ungünstig getaktet, dass die Pendler sie nicht nutzen können. Natürlich, die sollen gefälligst über Erfurt fahren und dafür zwanzig Prozent mehr zahlen. Schließlich wollen die Milliarden, welche die Schnellstrecke durch den Thüringer Wald gekostet haben, auch wieder eingefahren werden. In meinen Augen der Hauptgrund, warum sich die Bahn weigerte, eine Fernverbindung über die Saalebahn aufrechtzuerhalten.

Die Zukunft beschert uns keine blühenden Landschaften mehr, zumindest nicht in Ostthüringen. Dafür haben die Politiker der Vergangenheit gesorgt, als sie ein Projekt durchdrückten, das sowohl finanziell, als auch wirtschaftlich eine Fehlentscheidung darstellt. Ein Projekt bei dem schon frühzeitig Experten warnten, dass es nicht nur viel zu teuer und unrentabel würde, sondern dass auch Teilen Thüringens wirtschaftlichen Schaden zufügen wird. Allein die Obrigkeit in Erfurt hielt daran fest, weil es ihnen persönliches Prestige und der Landeshauptstadt neue Einnahmen versprach. Vor allem aber diente es dazu, die Baufirmen mit Aufträgen zu füttern, die diese auf Jahre hinaus beschäftigen und deren Gewinne ins Astronomische steigern würden.

Es war nichts anderes als ein Konjunkturprogramm, das kurzfristig gesehen, die Bauwirtschaft vielleicht vorangebracht hat, dem Land Thüringen nachträglich aber mehr schaden wird. Denn überlegen wir mal, was passiert denn, wenn Städte wir Jena oder Saalfeld längerfristig vom Fernbahnnetz abgekoppelt sind? Firmen werden ihren Sitz in eine andere Stadt verlegen, die einen besseren Anschluss hat. Studenten und Wissenschaftler werden ausbleiben, weil es zu mühsam ist, nach Jena zu kommen, wo sie Erfurt doch viel besser erreichen können. Ostthüringen wird gleichsam wie Teile Oberfrankens zur Provinz degradiert und in der Unbedeutendheit verschwinden, während die Erfurter sich mit dem zukünftigen ICE-Drehkreuz Mitteldeutschlands rühmen. Überhaupt Erfurt … ganz automatisch drängt sich dem Zugreisenden auf der Saalebahn der Gedanke auf, dass das dies alles so gewollt ist, dass den Landesregierungen der vergangenen Jahrzehnte das Wohl Ostthüringens immer zweitrangig war.

Und die Lokalpolitiker der betroffenen Landkreise? 26 Jahre hatten Städte und Kreise Zeit, sich auf das Aus im Fernverkehr einzustellen. Doch außer ein paar halbherzigen Protesten und dem irrigen Glauben, die Bahn würde sie nicht hängen lassen, passierte nichts. Das drohende Problem wurde ausgesessen, denn die meisten Politiker würden ihre Legislaturperiode längst beendet haben, wenn der letzte ICE fuhr. »Nach uns die Sintflut«, könnte man meinen. Die Landräte und Bürgermeister, die jetzt das Ergebnis ausbaden müssen, haben keinen Chance mehr, eine Änderung zu bewirken Sie müssen sich zusammen mit der Bevölkerung mit vollendeten Tatsachen arrangieren.

Letztendlich sind bei der Planung des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit Nr. 8 zwei fatale Kräfte zusammengekommen. Zum einen die Geltungssucht einiger Westdeutscher Politiker nach der Wende und die Gewinnsucht der Manager bei der Deutschen Bahn (besonders in Hinblick auf den geplanten und später abgesagten Börsengang). Der Konzern ist weiterhin damit beschäftigt, unbedingt dem Flugzeug Konkurrenz machen zu müssen, als seine eigentliche Aufgabe, mittels einer flächendeckenden Infrastruktur die Beförderung von Reisenden von Ort zu Ort zu erfüllen und nicht nur zwischen ein paar Großstädten. Angesichts von Dieselskandal und steigender Schadstoffwerte in der Atmosphäre ist dies der falsche Weg zur Erhaltung einer intakten Umwelt. Von 22 Tunneln und 29 Brücken, die jetzt den Thüringer Wald wie eine blutende Wunde durchschneiden, ganz zu schweigen.

Das Wohl weniger ist in heutiger Zeit eben wichtiger, als das Wohl vieler.

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