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Der erste Deutsche im All

Siegmund Jähn – In der DDR kannte ihn jeder, in der Bundesrepublik nur wenige. Für die einen ist er ein Held, für die anderen nur das Überbleibsel eines totalitären Staates. Er hat den Vaterländischen Verdienstordern erhalten, aber nie das Bundesverdienstkreuz und das obwohl seine Leistung genauso zu würdigen sind, wie die eines Alexander Gerst.

Heute vor 40 Jahren flog der damals 41-jährige als erster Deutscher ins All. Es muss für die Bundesdeutschen ein herber Schlag gewesen sein, dass der erste Deutsche im All ein Bürger der DDR war. Vielleicht deswegen, oder weil der Raumfahrt in der BRD nie so großes Interesse entgegengebracht wurde wie in der DDR, ist er für sie bis heute kein Held. Sicher, er war SED-Mitglied, wie viele andere auch. Er glaubte an die Ideen des Sozialismus. Das diese Ideen von ein paar Oberen missinterpretiert bzw. zum Schaden des eigenen Volkes ausgenutzt wurden, daran konnte auch ein Sigmund Jähn nichts ändern. Warum aber sein Flug ins All noch heute weder von der Bundesregierung noch der Politik gewürdigt werden, ist mir schleierhaft. Bundeskanzlerin Angela Merkel schickte dem Kosmonauten zum 80. Geburtstag nicht einmal eine Grußkarte und das obwohl sie selbst aus der DDR stammt. Aber vielleicht hätte sie damit für jemanden Partei ergriffen, der in den Augen vieler westdeutscher Politiker mit den Diktatoren des Sozialismus gleichzusetzen ist. Obwohl sein einziges »Verbrechen« darin bestand mit den Sowjets ins All zu fliegen und somit Generationen von Jugendlichen in der DDR ein Vorbild für Mut und Idealismus war.

Das alles ist mir unverständlich, denn da oben im All gibt es keine Grenzen, dort sind wir alle nur Menschen. Das Alexander Gerst Sigmund Jähn als seinen Freund bezeichnet, beweist das Grenzen nur in den Köpfen existieren.

Ein wunderbarer Artikel zu diesem Thema erschien dieser Tage in der ZEIT.

Das Westpaket

Heute möchte ich mal wieder aus meiner Kindheit erzählen. Ich kam darauf, weil ich in den vergangenen Wochen zwei Carepakete erhalten habe. Was und von wem ist an dieser Stelle nicht wichtig, aber es erinnerte mich daran, wie es war, als Kind ein Paket aus dem Westen zu bekommen.

Sie kamen meist nur zwei oder dreimal im Jahr, aber es war immer aufregend. Man fragte sich, was wohl drin sein wird. Meistens waren die Westpakete an meine Oma adressiert. Weil ich nach der Schule immer bei ihr war, bekam ich das natürlich als einzige Enkelin direkt mit und durfte dabei sein, wenn ausgepackt wurde. Allein das Öffnen eines Westpakets glich einer heiligen, fast rituellen Handlung. Meist war der Karton zum Schutz zusätzlich in braunes Papier eingeschlagen und mit einem Hanfstrick verschnürt. Heutzutage ist das gar nicht mehr erlaubt, das mit dem Strick. Man löste zunächst die Knoten, so dass die Schnur nicht beschädigt wurde. Aufschneiden kam überhaupt nicht in Frage, weil man den Strick später noch verwenden konnte. Weil ich kleine Finger hatte, durfte ich das immer machen. Die Knoten waren manchmal ganz schön fest, und es dauerte etwas, sie zu lösen, aber ich bekam das hin. Wenn nicht, half Oma mit einer Häkelnadel nach.

Dann wurden vorsichtig die Klebestreifen des Packpapiers gelöst und der eigentliche Karton mit dem Inhalt entblößt. Das Papier wurde gefaltet und ebenfalls für den späteren Gebrauch aufbewahrt. Was mir mal wieder vor Augen führt, wie verschwenderisch wir derzeit mit den Dingen umgehen. Heute hebt kaum einer mehr Geschenkpapier oder Packpapier auf. Wenn, dann höchstens mal einen Karton oder einen großen Umschlag, in dem man wieder etwas versenden kann. In der Regel landet alles im Altpapier.

Zurück zum Westpaket. Nachdem die schützende Hülle um das Paket gefallen war, entfaltete sich dieser unbeschreibliche Geruch, den ich heute noch in der Nase habe. Es war diese spezielle Mischung aus Seife und Kaffee, die man heute nirgendwo mehr riechen kann. Es roch gleichzeitig fremd aber auch verlockend. Ich stellte mir vor, dass es im Westen überall so riechen musste. Habe aber später festgestellt, das dem nicht so ist. Manchmal erahne ich diesen Geruch, wenn ich in meiner Heimatstadt das große Marktkauf-Einkaufscenter besuche.

Da lag nun der ausgepackte Karton, meist eine Verpackung für Waschmittel oder Lebensmittel. Kartonagen, wie man sie heute noch im Supermarkt hinter der Kasse mitnehmen kann. Oftmals hatte sich die Verwandtschaft oder Bekanntschaft aus dem Westen nochmals die Mühe gemacht und einen Strick um den bloßen Karton gebunden, dann waren wieder meine Künste gefragt. Heute denke ich, dass man das tat, um den Damen im Zollpostamt mehr Arbeit zu bescheren und sie eventuell davon abzuhalten, das Paket überhaupt zu öffnen. Es war nämlich so, dass Pakete, die vom Westen in den Osten gingen, stichprobenartig kontrolliert wurden. Stichprobenartig deshalb, weil man sofort merkte, ob das Paket geöffnet worden war oder nicht. Denn nicht alle Pakete, die uns erreichten, waren tatsächlich auch geöffnet worden. Außer, manch Genossin oder Genosse (den Job durften nur staatstreue Parteimitglieder machen) hatten sich nur geschickter angestellt, wer weiß. Jedenfalls näherte man sich dem Inhalt eines Westpaketes nur Schritt für Schritt, was die Vorfreude vermehrte.

Erst nach dem Öffnen des Kartons wurde klar, ob es sich um ein »Seifenpaket« oder ein »Fresspaket« handelte. Ein Seifenpaket enthielt Seife, Waschmittel, Shampoo (ich mochte das mit Apfelduft), Kosmetikartikel aber auch Secondhand-Kleidung, Spielzeug oder Bücher. Wobei Letzteres eher weniger, weil man immer damit rechnen musste, dass eines der Bücher in der DDR auf dem Index stand und entweder rausgenommen oder das Paket an den Absender zurückgeschickt wurde. Ich kann mich nur an zwei Bücher erinnern, die ich auf diesem Weg bekommen habe: darunter »Heidi« von Johanna Spyri (die Schneiderbuch-Ausgabe) und ein Comic mit der Biene Maja, beides befindet sich immer noch in meinem Besitz. Über den Inhalt von Seifenpaketen freuten sich eher die Erwachsenen. Als Teenager profitierte ich höchstens von den Klamotten. So stammt meine erste Jeans aus einem Westpaket. Sie war mir zwar gute 30 Zentimeter zu lang, dafür aber eine echte Levis. Auch an ein T-Shirt mit Rollschuhen im Glitzerdruck kann ich mich erinnern, vermutlich besitze ich auch das noch irgendwo.

Ein Fresspaket war für mich als Kind dagegen eine richtig tolle Sache. Mit klopfendem Herzen packte ich die Schokolade, den Kaffee, die Kekse oder Bonbons aus. Allein die Verpackung der Waren beeindruckte. Alles glänzte, war bunt und fühlte sich glatt an. Vor allem roch es gut. Verpackungen in der DDR bestanden, sofern vorhanden, nur aus braunem oder grauen Recycling-Karton. Mir war klar, dass ich den Inhalt mit meinen Cousinen und Cousins teilen musste. Wobei ich Glück hatte, weil die meisten schon zu alt und einige bei den Staatsorganen der DDR tätig waren und das gar nicht hätten nehmen dürfen. Egal, es gab immer etwas, das für mich abfiel, ob es die Duplos mit den Sammelbildchen waren, die Marshmellows mit Kokos oder die Tafeln Ritter Sport- oder Milka-Schokolade. Die durfte ich natürlich nicht sofort und auf einem Schlag essen. Nein, die wurden über Monate eingeteilt. Ich kann mich erinnern, dass mich meine Mutter einmal sehr geschimpft hat, weil ich eine halbe Tafel Schokolade auf einmal gegessen hatte und das vor dem Essen. Man muss dazu sagen, dass ich als Kind stets ein schlechter Esser war, dürr und mager und es immer Kampf beim Abendrot gab, bis ich wenigstens eine Scheibe Wurst- oder Käsebrot gegessen hatte.

Ganz oft war in den Paketen auch Geld versteckt. Entweder in beigelegten Briefen oder Karten, wobei die auch verschwinden konnten, wenn das Zollpostamt sie entdeckte. Daher wurde das Geld versteckt und man musste die Verpackungen immer ganz genau unter die Lupe nehmen. Einmal fanden wir 50 DM in einer Packung mit Teebeuteln.

Ein Westpaket nur für mich bekam ich ab und zu an meinem Geburtstag von einer entfernten Bekannten meiner Großmutter. Das war meist ein Schuhkarton voll Süßigkeiten, Buntstiften und anderen Waren, die man in der DDR nicht kaufen konnte. Zur Konfirmation bekam ich eines mit Schmuck, einer Handtasche, einem schönen Halstuch und anderen Sachen, die sich ein junges Mädchen wünschte. Irgendwie schaffe ich es ich auch nach dreißig Jahren nicht, mich davon zu trennen, weil diese Geschenke noch heute für mich eine Bedeutung haben. Das mögen nicht einmal diejenigen verstehen, von denen ich die Dinge damals bekommen habe, sofern sie noch leben. Wobei ich im Nachhinein festgestellt habe, dass wir mehr Westpakete von Bekannten erhalten haben, als von der nahen Verwandtschaft.

So war das mit dem Westpaketen. Sie haben den Menschen in der DDR viel Freude gebracht und oft auch aus kleinen Nöten heraus geholfen. So wie der Katalog mit Kaminen, als mein Vater einen bauen wollte und kein Muster hatte. Der Kamin wurde nach einem Bild aus dem Katalog errichtet und brennt heute noch.

Mobil im Osten

Mein Oma und ich vorm Trabi

Viele Erinnerungen kamen gestern Abend wieder hoch, als wir uns eine Dokumentation auf ZDFinfo angesehen haben. Es ging dabei um die Mobilität in der DDR, um Trabi, Wartburg und Co.

Schon weit vor meiner Geburt besaßen meine Eltern ein Auto. Das war in der DDR nicht selbstverständlich. Als ich geboren wurde, hatten sie sogar schon ihren zweiten Wagen. In den Fünfzigern fuhr mein Vater mit dem Motorrad durch die Gegend. Meine Mutter erzählt immer, dass er eigentlich kein Auto wollte und sie ihn heimlich in der Fahrschule angemeldet hat. Nachdem er schließlich die PKW-Fahrerlaubnis hatte – in der DDR durfte es nicht Führerschein heißen (man kann sich denken wieso) – musste dann unbedingt ein Auto her. Das war irgendwann Mitte der Sechziger. Es wurde ein gebrauchter Trabant 500, der eine Monsarote Lackierung bekam. Die Farbe sponserte mein Onkel aus dem Schwarzwald.

Ich habe erst das Nachfolgemodell kennengelernt. 1971 legten sich meine Eltern einen weißen Trabant 601 zu und ließen ihn mit einem dunkelgrünem Dach und Streifen versehen. Noch nach Jahren färbte die grüne Farbe ab.

In der DDR musste man sehr lange auf ein Auto warten. Man füllte eine Anmeldung aus und dann dauerte es 12-15 Jahre, bevor man ein Schreiben bekam, dass man sein Auto abholen kann. Den weißen Trabi hatten wir bis 1984, dann bekamen wir einen neuen. Ich weiß noch, er war Monsungelb mit Papyrusweißem Dach. Paprusweiß deshalb, weil es ein schmuddeliges Weiß war. In der Fabrik bekam man zu der Zeit einfach kein reines Weiß hin. Aber das machte nichts. Verglichen mit unserem alten Auto hatte es eine »moderne« Ausstattung. Dazu gehörten Rollgurte und Nackenstützen vorn, und ausstellbare Fensterscheiben hinten. Es war ein Trabant 601 de lux und mein Vater war ziemlich stolz auf das Auto. Bis 1997 ist er damit gefahren und erst vor zwei Jahren hat er es schweren Herzens verkauft.

Unsere Trabis waren immer treue Begleiter, wir fuhren damit zur Arbeit, ins Wochenendhaus und zurück, besuchten Verwandte und reisten damit sogar durch die ganze Republik bis an die Ostsee. Dabei ließ er uns nur wenige Male im Stich. Einmal war es ein gerissener Keilriemen, dann hakte mal die Zylinderkopfdichtung und ein anderes Mal auf der Autobahn vor Potsdam riss der Spannreifen vom Gebläse. Letztendlich aber haben uns die Autos immer ans Ziel gebracht.

Ich selbst habe allerdings nie versucht, mit einem Trabi zu fahren. Da ich ohnehin kein großartiger Autofahrer bin, scheute ich das Abenteuer. Meinen Führerschein machte ich 1994 unter Zwang und fuhr dann bis 2012 einen roten Golf II. Als ich ihn verkaufte, war er 23 Jahre alt und hatte nicht mal 80.000 Kilometer auf dem Tacho.

Karl Marx und die Deutschen

Kein anderer Philosoph und Theoretiker spaltet das deutsche Volk mehr als Marx. Die einen halten seine Lehren für umstritten, andere verehren sie und anderen wiederum sind sie völlig egal.

Zum zweihundertsten Geburtstag des Denkers ist nun zwischen den Deutschen ein Streit entbrannt. Ursache ist eine Statue von Karl Marx, die China der Stadt Trier vermacht hat und welche die Trierer aufgestellt haben. Einige möchten sie am liebsten wieder einreißen, andere empfinden dagegen Stolz, dass eine solche Berühmtheit aus ihrer Stadt kommt. Warum wir Deutschen mit einem solchen Ereignis nicht normal umgehen können, ist mir ein Rätsel.

Besonders viele Ostdeutsche sehen Karl Marx eher kritisch und irgendwie kann ich sie auch verstehen. Ich selbst wurde in der Schule schon früh mit Geschichten über Marx und mit seinen Theorien sozialisiert. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir als Kinder das tatsächlich verstanden haben, was man uns da beibrachte. Für uns war Marx eine Figur aus einer ziemlich langweiligen Märchenstunde. Es war der Zwang sich ständige damit beschäftigen zu müssen, der uns das Interesse verleidete. Und so habe ich mich später als Erwachsene auch nicht wirklich mit den Theorien oder dem Leben von Karl Marx befasst. Dennoch verstehe ich diejenigen nicht, die Marx für etwas verteufeln, an dem er eigentlich keine Schuld trägt. Denn nicht er hat die Millionen Opfer des Kommunismus und Stalinismus zu verantworten, sondern diejenigen, die seine Theorien für ihre eigenen Machtansprüche missbraucht haben. Das alles geschah zwar in seinem Namen aber Jahrzehnte nach seinem Tod. Ich denke nicht, dass Marx es persönlich so gewollt hätte. In der Tageszeitung las ich letztens einen interessanten Vergleich: Marx die Schuld für die Mauertoten zu geben, ist genauso unsinnig, wie Jesus Christus für die Kreuzzüge verantwortlich zu machen.

Man sollte das Wirken von Marx immer auch im zeitlichen Rahmen sehen. Den meisten Menschen im 19. Jahrhundert ging es schlecht und er hat erkannt, warum das so ist. Seine Ausführungen zum Kapitalismus enthalten durchaus genug Wahrheit, um auch heute noch aktuell zu sein. Der Kapitalismus ist ein imperfektes System, aber so lange wir kein besseres erfinden, werden wir darin leben müssen. Karl Marx hat Wege gezeigt, das System zu ändern. Diese Alternativen sind jedoch an den Menschen selbst gescheitert. Macht verdirbt den Charakter und einige im Kommunismus haben teilen vom Volk gefordert, ohne selbst teilen zu wollen.

Viel wird derzeit auch über die Person Karl Marx geredet, z. B. dass er ein Rassist war. Wer bitte war das im 19. Jahrhundert in Europa und den USA nicht? Ohne es verharmlosen zu wollen, aber das war damalige Realität. Auch dass er ein uneheliches Kind mit seiner Haushälterin hatte, die er zwang das Kind in eine Pflegefamilie zu geben. Das alles ist der Zeit und der Gesellschaft geschuldet, in der Marx lebte. Es zeigt, dass er ein Mensch mit Fehlern war. Aber ihn deshalb die Ehre einer Statue zu verwehren und ihn, wenn es ginge, ganz totzuschweigen, finde ich übertrieben. Goethe war ebenfalls kein tadelloser Mensch, aber bei ihm macht sich keiner Gedanken darüber, seine Büste in Archive zu verbannen und Denkmäler zu verhindern.

Vielleicht sollten wir Deutschen endlich mal lernen, entspannter mit unserer Geschichte umzugehen, auch wenn es schwerfällt.

NIVA er so teuer wie heute …

… so lautete ein Spruch in der DDR, als die Russen damals den LADA NIVA herausbrachten. Für den normalen DDR-Bürger war ein solches Gefährt, sofern er es bekommen konnte, unbezahlbar. Manch einer blätterte sogar Westmark hin, um ihn zu fahren.

Weswegen ich darüber schreibe, hat mit dem TESLA zu tun, den Elon Musk vergangene Woche ins All geschossen hat. Die Russen waren mit dem NIVA auch hier schneller, wenn auch nur im Werbespot einiger Absolventen der Filmhochschule München. Die drehten 2010 drei Spots für den Autobauer – auf Russisch selbstverständlich.

Witzig und selbstironisch zeigt das Video zwei Kosmonauten in einem LADA NIVA die huckepack auf einer Rakete ins All fliegen. Beim Andocken an die MIR, demolieren sie einen Satelliten der BBC und am Ende landen sie auch ohne Hitzeschild wieder sicher auf der Erde.

So ein russisches Auto ist halt unzerstörbar. Na dann: Счастливого пути!

In der Seele der Ostdeutschen

Quelle: Amazon

25 Jahre nach dem Mauerfall erschien 2014 eine Dokumentation über die Ostdeutschen. Warum ich das damals nicht mitbekommen habe, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich ist es in dem Wust an Filmen und Dokus die damals zum Mauerfall überall ausgestrahlt wurden, einfach untergegangen. In den vergangenen Wochen habe ich mir die DVD-Box von »Die Ostdeutschen – 25 Wege in ein neues Land« angesehen.

25 Geschichten, das bedeutet 25 Schicksale in 25 Jahren. Menschen, die durch die Wende viel gewonnen aber auch viel verloren haben, die neuen Wege gesucht und gefunden haben. Manche sind mit dem Erreichten zufrieden, andere wiederum sind noch immer auf der Suche. Aber allen ist eines gemein, sie verbindet eine Vergangenheit in einem Land, das aufgehört hat, zu existieren. Und das heute so fern ist, als hätte es dieses Land nie gegeben. Sie trauern ihrer Heimat nach, nicht jedoch der DDR. Nein, es ist keine »Ostalgie« die in den Interviews mitschwingt. Es sind Erinnerungen an eine Vergangenheit, die so gut und so schlecht war, wie die jedes anderen Bundesbürgers und doch ist sie spürbar, die Verbindung zwischen den so unterschiedlichen Menschen. Sie sind sich dessen bewusst – heute mehr denn je – das sie anders ticken, als ihre Freunde und Bekannten aus dem Westen. Sie ahnen inzwischen, dass ihre Vergangenheit besonderes war und sie damit zwangsläufig zu einem Teil der deutschen Geschichte macht.

Ich wage zu behaupten, dass keiner, der nicht wirklich in der DDR gelebt hat, in irgendeiner Weise nachvollziehen kann, wie unser Leben gewesen ist. Diese Dokumentation öffnet erstmalig einen Blick in die Seele der Ostdeutschen, offenbart ihre Persönlichkeit und beantwortet ganz nebenbei die Frage, warum wir so sind, wie wir sind. Das hat mich schwer beeindruckt.

Jeden, den das Thema interessiert und der erahnen will, was es bedeutet, in der DDR geboren worden zu sein, dem empfehle ich diese Dokumentation. Die DVD-Box bestehend aus 3 DVDs ist bei den einschlägigen Onlinehändlern erhältlich.

Zweimal Ostdeutsche in Fokus

In den vergangenen Tagen verfolgte ich im TV zwei mehrteiligen Dokumentationen über Ostdeutsche.

Auf ntv läuft seit vorletztem Sonntag die Dokureihe: »Die DDR privat – Von Spreewaldgurken bis FKK«. In jeder Folge werden bestimmte Themen abgehandelt. Am Sonntagabend ging es zum Beispiel um den ständigen Mangel und die daraus resultierende Improvisationsfähigkeit der Ostdeutschen. Die Dokumentation ist schon von 2013. Ich hatte sie bisher noch nicht gesehen und finde sie ausgesprochen spannend. Für eine von einem Privatsender produzierte Sendung ist sie hervorragend gemacht, nicht reißerisch und nah an der Wahrheit. Gut finde ich, dass viele unterschiedliche Interviewpartner zu Wort kommen, sowohl bekannte als auch unbekannte Persönlichkeiten der DDR. Und jeder erzählt von seinen eigenen Erfahrungen und bringt seine eigenen Sichtweise ein, so entsteht ein Puzzle, das ich für durchaus repräsentativ halte. Es werden halt nicht nur die negativen Seiten der DDR gezeigt, sondern auch die Positiven und all die Grautöne dazwischen. Leider gibt es die Dokumentation nicht auf DVD, sonst hätte ich mir sie gekauft. Auch bei YouTube finden sich nur ein paar kurze Trailer.

Eine weitere Dokumentation lief im Juni auf dem MDR und dieser Tage auf Tagesschau24 in der Wiederholung. In »Die Ostdeutschen – 25 Wege in ein neues Land« werden 25 Ostdeutsche vorgestellt, die von ihren Erfahrungen mit und nach der Wende berichten. Sie sprechen über Schicksalsschläge, Erfolge und Misserfolge, über Träume und Sehnsüchte. Ich fand sehr beeindruckend, wie offen und ehrlich die Leute darüber reden. 25 Individuen, 25 Schicksale, 25 verschiedene Wege und dennoch haben viele die gleichen Gedanken, finden sich Gemeinsamkeiten. Der Querschnitt ist gut gewählt, denn in einigen der Geschichten habe auch ich mich wiederentdeckt, wie wahrscheinlich viele andere Ostdeutsche auch. Die Dokumentation versucht dem Charakter der Ostdeutschen auf den Grund zu gehen und zu erklären, warum wir auch heute, nach mehr als 25 Jahren, immer noch anders sind, oder uns anders fühlen, als die Menschen, die in Westdeutschland geboren und aufgewachsen sind.

Die Dokumentation der Öffentlich-Rechtlichen ist auch auf DVD erhältlich und sicher nicht nur für Menschen aus den neuen Bundesländern interessant.

Die Geschichte vom Kanzlercafé

Zum Tod von Altbundeskanzler Helmut Kohl.

Ich hörte davon zum ersten Mal am Montag dem 30. Mai 1988 in der Pause vorm Biologieunterricht.

»Stell dir vor, der Kohl war gestern in Saalfeld«, raunte man sich unter vorgehaltener Hand im Klassenzimmer zu.

»Wer? Der Kohl? Du spinnst.« Mein ungläubiges Kopfschütteln wurde ignoriert und alle Informationen zusammengetragen, die man gehört hatte: In der Darrtorstrasse hätten sie geparkt, die schwarzen Limousinen. Und dann wäre Kohl auf den Marktplatz gegangen mit seiner Frau und seinen Söhnen. Mindestens drei aus der Klasse gaben vor, jemanden zu kennen, der dabei gewesen sei.

Der Bundeskanzler der BRD in der DDR und dann auch noch in meiner Heimatstadt Saalfeld. Ich konnte das nur schwerlich glauben. Mir als Vierzehnjährige gingen viele Fragen durch den Kopf. Warum sollte er ausgerechnet hierher kommen und vor allem durfte der das? Wenn es wirklich Bundeskanzler Helmut Kohl war, was hat er an einem Sonntagnachmittag in Saalfeld gemacht?

Im Marktcafé hätte er gesessen und Torte gegessen. Man hätte für ihn extra anderes Besteck organisiert. Weil das überall vorherrschende Alubesteck nicht nur unansehnlich war, sondern auch unangenehm werden konnte, wenn man damit einer Amalgamplombe zu nahe kam.

Trotz aller Beteuerungen, dass das wirklich passiert wäre, glaubte ich meinen Mitschülern nicht. Die Lehrer, sofern sie davon wussten, durften oder wollten nicht darüber reden. Erst als ich nach Hause kam und meine Eltern die gleiche unglaubliche Geschichte erzählten, wurde mir bewusst, dass an der Sache tatsächlich etwas dran sein musste.

Fortan nannte man das Café am Markt »Kanzlercafé«. Fotos, die den Besuch bezeugten, hingen dort an der Wand. Aber das war schon nach der Wende von 1989. Und auch über die wahren Umstände der Reise von Bundeskanzler Helmut Kohl erfuhren die Saalfelder erst sehr viel später. 1999 besuchte Helmut Kohl Saalfeld ein zweites Mal – offiziell für einen Wahlkampfauftritt – da war er kein Bundeskanzler mehr.

Die OTZ hat vergangene Woche mit einem sehr schönen Artikel an den Besuch des ehemaligen Bundeskanzlers in Saalfeld erinnert. Kohlbesuch-OTZ

Maidemonstrationen

In meiner Schulzeit lief der 1. Mai wie folgt ab …

Man stand früh auf, zog sich Pionierbluse und Halstuch oder das FDJ-Hemd an und stiefelte zum vereinbarten Stellplatz. Der lag in einer größeren Straße der Stadt, wo man auf seine Klassenkameraden traf. Viele hatten selbstgebastelte Sträuße aus frischem Birkengrün und bunten Bändern zum Winken dabei. Jene die nichts hatten, bekamen von der Lehrerin ein DDR-Fähnchen aus Papier in die Hand gedrückt. Und dann reihte man sich in den Demonstrationszug ein.

Die Eltern liefen bei ihren Betrieben und die Kinder mit der Schule, die sie besuchten. Das war vielleicht beim ersten Mal noch aufregend, aber spätestens ab der vierten Klasse fand man das lange rumstehen, gehen und winken irgendwie albern. Da ich beim DRK war, durfte ich später dort mitlaufen, das nervte zwar weniger, aber blöd fand ich es trotzdem, besonders wenn es kalt war und regnete.

Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte sich der Zug aus Menschen in Bewegung und wir marschierten durch die Innenstadt zum Marktplatz. Dort standen auf einer Tribüne die »wichtigen« Genossen, denen man zuwinken musste. Kaum war man daran vorbei, verlief sich der Demonstrationszug ganz schnell und die Leute machten sich über die Bratwurst- und Bierstände her. Manchmal – ganz selten – wurde auch Eis am Stil verkauft. Nun ja, schließlich musste man die Bevölkerung ja irgendwie belohnen, dafür dass sie den ganzen Vormittag auf der Straße verbracht hatte.

Am Nachmittag gingen wir dann als Familie meistens in den Schlossgarten, dort spielten Musikkapellen, es gab Essen und Trinken und für uns Kinder Spiele und eine Mal- und Bastelstraße. Gut erinnern kann ich mich noch, dass es einmal auch so eine Art Maibaum gab, an dessen Spitze ein Hulahup-Reifen befestigt war, an dem Süßigkeiten und Spielzeug hing. Wer sportlich genug war, den Baum hinaufzuklettern, konnte sich von oben als Preis etwas abreißen.

Auch in der DDR war der 1. Mai ein Feiertag, der jedoch mit einigen Verpflichtungen verbunden war. Tauchte man nämlich nicht beim Demonstrationszug auf, gab es am nächsten Tag in der Schule ein Gespräch oder einen Eintrag ins Klassenbuch. Es gab auch Lehrer (nicht alle), die die Kleiderordnung ziemlich eng sahen und schimpften, wenn man sein Halstuch vergessen hatte. Ich weiß noch, dass ich mal zur Zeugnisausgabe am Schuljahresende mein Zeugnis nicht bekam, weil ich keine Pionierbluse und kein Halstuch trug. Zum Glück wohnte ich nicht weit von der Schule, so dass ich schnell nach Hause laufen konnte, um es zu holen.

Damals war das Normalität, heute empfinde ich das reichlich übertrieben. Kein Wunder, mit solchen Restriktionen machte sich die Regierung in der DDR das Volk zum Feind. Denn die damaligen Maidemonstrationen hatten nichts mit Frieden oder Arbeit zu tun, sondern an diesem Tag ließen sich die hohen Genossen vom Volk feiern wie die Könige im Feudalismus. Diese Demos hatten für die normale Bevölkerung keinerlei Bedeutung.

Aber … durch die Maidemonstrationen geübt, wussten die Menschen 1989 dann zumindest, wie man richtig demonstriert.

Heute ist das Vergangene fast vergessen. Manche werden denken: zurecht. Aber gerade heute gäbe es viele Gründe, um auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Wir tun es nur nicht, weil wir zu träge dafür sind, oder vielleicht auch, weil wir zu oft für etwas demonstriert haben, das uns bedeutungslos erschien.

Ein Tag im April

Gestern vor genau zehn Jahren, saß ich abends im Biergarten vom »Schlösselgarten« in München/Bogenhausen. Es war ein heißer Tag für einen Freitag im April. Bei Temperaturen von über 25° C kam ich schon fast ins Schwitzen. Neben mir saß meine Mutter, die gerade zu Besuch war, mir gegenüber saß ein junger Mann, der schon seit ein paar Jahren regelmäßig zum Trekdinner kam, aber mit dem ich bisher nur ein paar wenige Sätze gewechselt hatte. Wir unterhielten uns über Dies und Das. Irgendwann kamen wir auf Politik und Gesellschaft zu sprechen. Wir plauderten über die DDR und ich las aus seinen Worten heraus, dass auch er nicht in Bayern geboren worden war. Mich beeindruckte dabei, dass seine Meinung zu den verschiedenen Themen meiner eigenen entsprach.

Später, alle Mitglieder des Stammtisches hatten sich inzwischen nach drinnen verzogen, weil es kühl geworden war, sprachen wir immer noch miteinander. Ich erzählte ihm von einer Internet-Seite mit englischsprachigen Fan-Geschichten zu Trip und T’Pol – zwei Figuren aus STAR TREK ENTERPRISE. Es stellte sich heraus, das die beiden auch seine Lieblingscharaktere waren. Als wir uns verabschiedeten, sagte ich zu ihm: »Ich schick dir mal den Link.«, und meinte dabei den Link zu jener Internetseite.

Etwas, das ich am nächsten Tag auch tat. Ich bekam daraufhin eine nette E-Mail zurück, auf die ich antwortete. Bekam wieder eine E-Mail, antwortete erneut und so schrieben wir uns jeden Tag. Die E-Mails wurden immer länger und ausführlicher. Beim nächsten Trekdinner im Mai konnte ich nicht dabeisein, denn ich war bei meinen Eltern. Hier hatte man gerade das Nachbarhaus abgerissen und unser Stadthauses stand auf 30 m Länge im Freien. Von meiner Wohnung im Erdgeschoss mussten sogar die Außenwände an einer Seite eingerissen werden, weil das Nachbarhaus keine eigene Wand gehabt hatte.

Deshalb trafen wir uns erst am 15. Juni wieder. Dieses Mal privat und nicht beim Stammtisch …

Heute, zehn Jahre später sind wir seit sieben Jahren glücklich verheiratet. Wir sind beide immer noch große STAR TREK Fans, besuchen immer noch das Trekdinner und sind auch sonst meistens einer Meinung. Heute ist wieder Trekdinner in München, nicht mehr im Schlösselgarten, dafür im Bar-Restaurant Portugal am Ostbahnhof. Wir haben geplant hinzufahren, auch des Jubiläums wegen. Doch im Gegensatz zu vor zehn Jahren ist das Wetter miserabel. Es schneit schon den ganzen Tag. Die Autos fahren mit einer dicken Schneeschicht umher und wir haben bereits Sommerreifen aufgezogen. Das sieht nicht gut aus …