Papier fürs Stille Örtchen

In der DDR erzählte man sich folgenden Witz:

»Warum ist in der DDR das Klopapier so hart?«
»Damit auch noch der letzte Arsch rot wird.«

An diesen Witz musste ich die vergangenen Tage oft denken. Ich hatte fast vergessen, wie sehr sich das Klopapier in der DDR von dem unterschied, was es heute gibt. Es gab zwei verschiedenen Sorten Klopapier. (Zumindest ich kenne nur die beiden.) Das »gute« Klopapier war grau und fühlte sich so ähnlich an wie Krepp-Papier. Mit viel Enthusiasmus konnte man es als einigermaßen anschmiegsam bezeichnen. Man musste auf alle Fälle sparsam damit umgehen, weil es mitunter nicht immer erhältlich war. Denn die Alternative war graurosa und hatte die Konsistenz von Packpapier. Ja, genau jenem Zeug, mit dem Amazonmitarbeiter immer die Pakete ausstopfen. Es war fürchterlich. Selbst ich als Kind fand das schrecklich und habe keine gute Erinnerung daran.

An was ich mich aber gut erinnere: Dass wir Verwandte auf dem Dorf hatten, bei denen es kein Klopapier gab. Die hatten auch kein richtiges Klo. Es war nur ein Holzbalken mit Loch und einem Deckel in einem ehemaligen Ziegenstall. Dort hing in Streifen geschnittenes Zeitungspapier an einem Haken an der Wand. Soweit ich mich richtig entsinne, benutzte meine Oma auf dem Plumpsklo im Garten auch immer Zeitungspapier. Das ich als Kind eher ungern betrat.

Im Vorderhaus im Haus meiner Eltern gab es bis zum Tod meiner Großmutter 1986 in den Wohnungen auch nur Plumpsklos. Er als neue Mieter einzogen, wurde ein richtiges Bad und damit auch ein Wasserklosett installiert. Meine Eltern hatten jedoch schon seit 1962 ein Bad mit Toilette. Der Wasserkasten hing oben unter der Decke und man musste an einer Kette ziehen, um zu spülen. Dazu hing meist das graue Krepp-Papier am Halter.

Nach der Maueröffnung war ich völlig fasziniert, als ich im Supermarkt zum ersten Mal sah, wie viele Sorten Klopapier es in der BRD gab und das die alle aus weißem oder buntem Zellstoff waren. Aus Zellstoff waren in der DDR gerade mal die Taschentücher, falls man mal ein Paket bekommen hat. Meist benutzte man Taschentücher aus Stoff, die entweder schön bedruckt oder mit Spitze umhäkelt waren. Wenn man überlegt, dass das jetzt noch gar nicht so lange her ist, merkt man, wie anspruchsvoll man mit der Zeit geworden ist.

Aus den Seiten des DDR-Museums kann man sich das Klopapier ansehen. Eine Rolle für 0,50 Pfennig war verglichen mit dem, was man damals verdiente, richtig viel Geld. Davon konnte man beispielsweise fünf Semmeln kaufen.

Die Pausenkatzen vom Hessischen Rundfunk

Gestern sahen wir uns wieder eine Folge von »Das war dann mal weg« an. Darin ging es ums Fernsehen, um den TED, um Videotext für alle und um den Sendeschluss. Ich konnte meinen Mann mit meinem Wissen über Videotext und Fernsehsignale überraschen. (Schließlich hab ich mal Medientechnik studiert.)

Als es um Sendepausen ging, erinnerte ich mich wieder an die Pausenkatzen vom Hessischen Rundfunk. Als Kind habe ich oft das Vorabendprogramm der ARD gesehen. Obwohl wir an der Grenze zu Bayern wohnten, war der Empfang des bayrischem Regionalprogramms eher schlecht. Dafür bekamen wir den HR recht gut rein. Und hin und wieder, wenn sie mal nichts zu senden hatten, wurde dort eine Aufzeichnung von Katzenbabys gezeigt, die in einer Pyramide herumkletterten. Das Video habe ich jetzt bei YouTube gefunden und will dieses historische Dokument gern teilen.
Viel Spaß!

Das war weg und kam doch wieder

Vor einigen Tagen entdeckte ich in der ZDF-Mediathek die Sendung »Das war dann mal weg«, in der es um Dinge geht, die in den vergangenen 30 Jahren aus unserem Alltag verschwunden sind. Das geht bei Fernschreibern los, über Trends wie Aerobic bis hin zur Kader-Akte – eine Erfindung der DDR.

An viele Dinge erinnere ich mich noch genau, manches hatte ich dagegen nicht mehr auf dem Schirm. Man bekommt allerlei geschichtliche Infos geliefert und die obligatorischen Promi-Stimmen, die solche Dokumentationen begleiten, gibt es natürlich auch. Ich war erstaunt, was sich alles in die Gegenwart retten konnte, oder welcher Trend gerade wieder neu entdeckt wird. Witzig finde ich, wie sie Kinder von heute mit den Sachen von damals konfrontieren. So nehmen die 8-10-jährigen zum Beispiel Tamagotschis, Modelleisenbahnen, oder ein Yps-Heft mit Urzeitkrebsen unter die Lupe.

Schön finde ich außerdem, dass sowohl aus der Ost- als auch der West-Vergangenheit gleichmäßig berichtet wird. So haben beide Seiten ihre Aha-Erlebnisse. Man erfährt viel Ungewöhnliches aus dem Alltag des jeweilig anderen und man lernt Zeitzeugen kennen und Leute, die sich noch heute damit beschäftigen. Das ist durchaus spannend.

Die 10-teilige Doku lief unlängst bei ZDFInfo und ist noch in der Mediathek verfügbar. Allerdings tut man sich schwer, die Sendungen dort zu finden. Die ZDF-Mediathek glänzt nämlich nicht unbedingt durch Benutzerfreundlichkeit. Selbst mit der Suchfunktion dauert es ewig, bis man das Gewünschte findet und in den Kategorien tauchen die Dokus nicht auf. Außerdem merkt sich die Mediathek nicht, was man sich zuletzt angesehen hat, was die Suche vereinfachen würde. Eine Folge mussten wir auf YouTube ansehen, weil wir sie nicht gefunden haben, obwohl sie definitiv noch in der Mediathek verfügbar ist.

Ich kann die Dokumentation jedenfalls sehr empfehlen.

Fasching ohne Kostüme?

Ein Kindergarten in Erfurt sorgte vor ein paar Wochen für Schlagzeilen. Zur Faschingsfeier durften die Kinder keine Kostüme anziehen. Begründung unteranderem: Die Kinder könnten sich untereinander in den Kostümen nicht erkennen und sich erschrecken bzw. verstört reagieren. Außerdem gehe es darum, zu vermeiden, dass sich Minderheiten und ethnische Gruppen diskriminiert fühlen könnten. Amerikanischer Ureinwohner zum Beispiel, wenn sich die Kinder als Indianer verkleiden.

Anfangs hielt ich das Ganze für einen April-Scherz. Fasching ohne Kostüme? Das ist kein Fasching mehr. Wir haben uns im Kindergarten und im Hort immer verkleidet. Es war das absolute Highlight des Jahres, obwohl meine Heimatstadt nie die große Faschingshochburg war. In meiner Schulzeit lagen die Faschingstage meist in den dreiwöchigen Winterferien. Ich erinnere mich noch, dass ich am Rosenmontag vor dem Fernseher geklebt und im Westfernsehen die Faschingsumzüge aus dem Rheinland und Hessen verfolgt habe. Besonders neidisch war ich auf die Bonbons und Süßigkeiten, die von den Faschingswagen heruntergeworfen wurden. Die hätte ich auch gern mal aufgefangen.

Die Begründung der KITA, dass die Kinder sich nicht untereinander erkennen würden, halte ich jedenfalls für völligen Blödsinn. Die tragen doch keine Horrormasken, wie bei den traditionellen Fasnet-Bräuchen im Schwarzwald oder der Schweiz. Jungs verkleiden sich als Superheld, Feuerwehrmann oder Indianer, die Mädchen vielleicht als Prinzessin. Die Gefahr, dass sie sich untereinander nicht erkennen, ist bei solchen Kostümen eher unwahrscheinlich. Über die Sache mit den ethnischen Minderheiten sage ich nur, man kann es auch übertreiben und denke ich mir meinen Teil.

Die einzige Begründung der Erzieherinnen, der ich zustimme, beruft sich darauf, dass Kinder von ihren Eltern gezwungen werden könnten, ein Kostüm anzuziehen, was sie nicht möchten und in dem sie sich dann unwohl fühlen. Da liegt nämlich das eigentliche Problem. Manche Eltern geben viel Geld für die Kostüme ihrer Sprösslinge aus, die diese vielleicht gar nicht anziehen möchten. Andere Eltern wiederum verfügen nicht über das Geld ihren Kindern Kostüme zu kaufen, sondern basteln diese selbst. Wegen denen diese Kinder von ihren Freunden aufgezogen werden könnten.

In diesem Zuge habe ich einen Vorschlag an die Erzieherinnen der KITA: Bastelt mit den Kindern zusammen die Faschings-Kostüme! Da habt ihr Einfluss auf die Wahl der Kinder und stellt sicher, dass sie tatsächlich das anziehen, was sie möchten. Außerdem lernen die Kinder noch etwas dabei und niemand wird diskriminiert!

30 Jahre Mauerfall – Valentinstag in Basel

Mein Vater erinnerte mich gestern Abend am Telefon: »Weißt du, wo wir heute vor dreißig Jahren waren?«

Ich überlegte kurz. 1990 waren wir im Februar zu meiner Tante in den Schwarzwald gefahren, zum ersten Mal ganz weit in den Westen. Weil der Ort recht nah an der Schweizer Grenze liegt, fuhren wir auch zu einem Stadtbummel nach Basel. Dafür bekamen wir an der Grenze eine Sondergenehmigung. DDR-Bürger benötigten normalerweise ein Visum, aber zu der Zeit machten die Schweizer Behörden eine Ausnahme. Wir bekamen einen Zettel, wahrscheinlich mussten wir auch unsere Ausweise abgeben – so genau weiß ich das nicht mehr – erst dann konnten wir in die Stadt.

Ich erinnerte mich. Es war Valentinstag und die Blumenläden platzen vor Blumen aus allen Nähten.

Blumen waren wie vieles in der DDR Mangelware, vor allem im Winter. Das wurde zu einem echten Problem, wenn man in den Wintermonaten Geburtstag hatte oder zu einer Beerdigung musste. Da brauchte man gute Beziehungen zum Floristen und selbst dann, bekam man höchstens Nelken oder Astern. Rosen im Winter waren für uns unvorstellbar.

Und so standen mein Vater und ich mit offenen Mündern vor den Blumengeschäften und staunten. Viele der Blumen, die dort verkauft wurden, hatte ich noch nie zuvor gesehen. Mein Vater machte ein Foto, um es später meiner Mutter zeigen zu können, die daheim geblieben war. Prompt kam die Verkäuferin aus dem Laden geschossen und schnauzte uns an, warum wir fotografierten. Mein Vater versuchte es ihr zu erklären, aber sie verstand es nicht.

Wir gingen weiter und ich hatte meine erste Lektion im Westen gelernt: Man darf nicht überall fotografieren, vor allem keine Geschäfte.

Zwischen Friedensbewegung und Punk

Das Bild ist zwar von 1994, aber 1989 sah ich auch schon so ähnlich aus.

Eine Dokumentation über die Jugend der Generation X.

Seit ein paar Jahren bringen die öffentlich-rechtlichen Sender Dokumentationen über die 70er, 80er und 90er Jahre. Dabei ist gerade um die 80er ist ein regelrechter Hype ausgebrochen. Auf Bayern 1 laufen den ganzen Tag über Songs aus den 80ern. In der vergangenen Woche gab es auf dem WDR eine neue Sendung. Unter dem Titel »Jung in den 80ern« kommen Prominente und Zeitzeugen aus dem Ruhrpott zu Wort. Es wird reflektiert über die Jugend, über Mode, Frisuren, Musik und was die Menschen damals bewegte. Vieles davon habe ich selbst erlebt, auch wenn ich auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs aufgewachsen bin. Dennoch, wir haben die gleiche Musik gehört, die gleichen Bands angeschmachtet und ähnliche Klamotten getragen. Vieles war bei uns selbstgeschneidert, aber mindestens genauso verrückt. Ich gestehe, auch ich hatte damals eine Dauerwelle.

Ich finde so ein bisschen Nostalgie schön. Sehe aber die Zeit inzwischen mit anderen Augen. Denn damals war politisch nicht alles so friedlich wie viele Deutsche es in Erinnerung haben. RAF, Atomdemonstrationen und Friedensbewegung dazu AIDS, saurer Regen und Waldsterben. Daran erkennt man, wie sehr sich die Zeiten geändert haben, oder auch nicht. Auch heute gehen wieder junge Menschen auf die Straße, wenn auch aus anderem Anlass. Mit einem Unterschied. Die Jugend von damals war irgendwie mutiger und erwachsener, freiheitsliebender und rebellischer. Damals zog man mit 18 daheim aus, um möglichst schnell auf eigenen Beinen zu stehen. Heute bleiben die Tweens so lange wie möglich daheim wohnen. (Gut, man muss es sich heute auch erstmal leisten können.) Damals wurde man von den Klassenkameraden und Freunden schief angesehen, wenn man weiter bei Mama und Papa wohnte.

Die 80ern waren die Geburtsstunde der Subkulturen. Popper, Punks, Skins, Gruftis – es gab einen bunten Strauß solcher Gruppierungen auf den Straßen und Plätzen. Heute sind sie nicht mehr so auffällig. Was die Punks angeht, gibt es in der Reportage ein besonderen Auftritt. Dort ist nämlich Karl Nagel zu sehen. Der ehemalige Kanzlerkandidat der APPD, Verleger, Buchautor und Perry-Fan kehrt zurück in seine Heimatstadt Wuppertal und erinnert sich, wie und warum er zum Punk wurde und wie er diese Lebenseinstellung bis heute lebt.

Zu Wort kommt auch der ehemalige Chefredakteur der Bravo, der von seinen Begegnungen mit den Stars und Sternchen der 80er erzählt. Angefangen von Michael Jackson bis zu Madonna, von NENA bis zu Modern Talking. Wenn ich an die BRAVO denke, kommen Erinnerungen hoch, da muss ich glatt mal einen eigenen Beitrag darüber schreiben.

Wer nochmal in die damalige Zeit eintauchen möchte: bis Mittwoch ist der Clip »Jung in den 80ern« in der WDR-Mediathek zu sehen.

Schlittschuhe zu Weihnachten

Es ist Anfang Dezember 2019. Stauend stehe ich auf dem Marktplatz meiner Heimatstadt neben der Eisfläche. Wie schon in den vergangenen Jahren, haben die Händler und die Stadt zusammengelegt und eine Eisfläche neben dem Weihnachtsmarkt aufbauen lassen. Es ist voll. Die Kinder jagen über das Eis. Die ganz Kleinen halten sich an den Eltern oder an großen Plastikpinguinen fest und jauchzen vor Freude. Musik dröhnt aus den Lautsprechern und die Erwachsenen stehen an den Glühweinständen ringsum und sehen dem Spektakel zu.

Ich seufze und sage zu meinem Mann: »Wenn es eine solche Eisbahn in meiner Kindheit gegeben hätte, meine Eltern hätte mich nicht mehr von hier fortgebracht. Wahrscheinlich hätten sie mich ›loseisen‹ müssen.« Ich lache über das Wortspiel und denke zurück.

Anfang der Achtziger Jahre: Jedes Jahr malte ich einen Wunschzettel und klebte ihn ins Wohnzimmerfenster und jedes Jahr waren darauf ein paar Schlittschuhe zu sehen. Weiße Stiefel mit Kufen dran, wie sie die Eiskunstläuferinnen trugen, die ich so bewunderte. Jedes Weihnachten habe ich mir solche Schuhe gewünscht und war enttäuscht, als ich sie nicht bekommen habe. Nicht das meine Mutter als ehemalige Chefin des ansässigen Sportartikelgeschäfts keine bekommen hätte. Es gab einfach keine Möglichkeit in der Gegend zum Eislaufen. Da hätte man in die Bezirksstädte fahren müssen, vielleicht nach Erfurt oder Gera oder gleich nach Berlin, wo es Eislaufhallen gab. Bei uns in der Gegend war es zu mild und die Saale fror seit dem Bau der Talsperren nicht mehr zu. In ganz kalten Jahren froren zwar die Talsperren zu, aber dort ist es viel zu gefährlich zum Eislaufen. Es fehlte schlicht die Möglichkeit, die Schlittschuhe zu benutzen.

In einem besonders kalten Winter – vielleicht war es im Jahr 1979, in dem die ganze Republik bibberte und es teilweise zu Stromausfällen kam – legte mein Vater im Hof eine Eisbahn an. Mit einem Wasserschlauch bespritzte er die drei mal drei Meter große Betonfläche, die sich daraufhin in glattes Eis verwandelte. Dort konnte ich nach Herzenslust zunächst mit Gleitschuhen und später mit den Schlittschuhen meines Vaters herumtollen. Diese Schlittschuhe waren keine Schuhe im eigentlichen Sinn, sondern nur Kufen, die man sich an die Stiefel klemmen konnte. Viel Halt hatte man damit nicht und in den meisten Fällen lösten sich anschließend die Absätze vom Schuh. Nicht für umsonst hießen die Dinger »Absatzreißer«. Mir war das egal, ich stelle mir vor, übers Eis zu schweben wie die Sportler im Fernsehen.

Erst 1995 erfüllte sich mein Traum. Kurz vor Weihnachten kaufte ich mir Schlittschuhe, weiße Lederschuhe mit Kufen, wie ich sie immer haben wollte. Es war mein erster Winter an der TU in Ilmenau. Zusammen mit ein paar Kommilitonen fuhr ich ein paar Mal nach Erfurt in die Eishalle. Leider war die Fahrerei dorthin langwierig (es gab die A71 noch nicht) und somit das Bedürfnis zum Eislaufen weder bei den anderen noch bei mir groß ausgeprägt. Denn inzwischen hatte ich gemerkt, dass Eislaufen keineswegs so leicht ist, wie es aussieht.

Dennoch nahm ich die Schlittschuhe sogar mit nach New York. Dort wollte ich vor dem großen Weihnachtsbaum am Rockefeller Center mit meinen eigenen Schlittschuhen aufs Eis. Nun ja, ich war dort, aber nicht auf dem Eis, weil die Fläche winzig ist. Dafür ging ich ein oder zwei Mal mit unserem spanischen Praktikanten zum Wollman Rink in den Central Park. Wo ich mit Ernüchterung feststellen musste, dass ein Spanier, der noch nie auf Schlittschuhen gestanden hatte, besser Eislaufen konnte als ich.

Seit dem liegen die Schlittschuhe im Schrank. Ilmenau erhielt just dann eine Eishalle, als ich mein Studium beendet hatte. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch die A71 nach Erfurt eingeweiht. Und in meiner Heimatstadt kann man seit ein paar Jahren auf dem Marktplatz im Winter eislaufen. Seufz! Ein bisschen zu spät für mich, denn jetzt bin ich einfach zu ängstlich dafür.

Wendejugend

»89/90« von Peter Richter

»89/90« ist das Buch, was ich immer schreiben wollte.

Peter Richters autobiographischer Roman dokumentiert die letzten Monate der DDR aus der Sicht eines seiner letzten Generation sehr authentisch. Das Leben eines Jugendlichen ist auch nur Alltag: Da fällt die Mauer und am nächsten Tag erwartet einen in der Schule eine Leistungskontrolle in Mathe. Genauso war es.

Da kommen beim Lesen die vielen großen und kleinen Erinnerungen auf, an eine Zeit die unglaubliche 30 Jahre zurückliegt. Dabei fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen. Als wäre ich noch die Fünfzehnjährige in pinkfarbenen Karottenhosen mit langer blonder Dauerwelle, die Freitagabend mit dem Kassettenrekorder die Songs aus der Hitparade auf Bayern 3 aufnimmt und durch eine »unglückliche« Verletzung um den Zivilverteidigungskurs an der Schule herumkommt. So bescherte mir »89/90« ein ganz besonderes Kopfkino.

Peter Richter vermittelt Geschichte aus einer individuellen aber treffenden Sicht und liefert klar und überzeugend Hinweise auf die Entstehung des Neofaschismus im Osten. Man versteht plötzlich, warum es so kam und kommen musste. Er beschreibt die Anarchie, die nach dem 9. November 1989 in allen Bereichen der Gesellschaft herrschte. Die Machtlosigkeit mit der Behörden und Institutionen agierten, hilflos zusahen, wie Menschenrechte ausgehebelt wurden. Wie Geschäftemacher ihre Chancen ergriffen, wie warnende Stimmen überhört und eine ganze Gesellschaftsordnung von heute auf morgen einfach ersatzlos außer Kraft gesetzt wurde.

Die Darstellung des Autors, wie sich ein Land und seine Menschen innerhalb von Monaten völlig veränderten, ist so unfassbar, dass mir heute davor schaudert.

Dabei bedient er sich der Sprache der Jugend, schlicht und unmissverständlich – mit dem arroganten Beiklang eines jungen Menschen, der glaubt, dass die Welt auf ihn gewartet hat. Genau das macht den Reiz der Geschichte aus.

Selbst wenn am Beginn des Buches geschrieben steht, dass die handelnden Figuren reine Fiktion sind, weiß man aus eigener Erfahrung, dass es den S. oder die L. so oder ähnlich gegeben hat. Es ist gleichermaßen der einzige Punkt, den ich kritisieren muss. Das Stilmittel des Autors, anstatt der Namen nur eine Abkürzung zu verwenden, finde ich störend. Denn ich kam bei der Länge des Romans oftmals ins Schleudern, weil ich mich fragte: Wer war nochmal der K.?

Niemals zuvor habe ich mich einer Zielgruppe so zugehörig gefühlt, wie beim Lesen dieses Romans. Der Autor und ich hätten in eine Klasse gehen können. Vieles, was er beschreibt, habe ich wie die Angehörigen meines Jahrgangs eins zu eins erlebt. Ja, wir waren der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen durfte – damals in der DDR. Wir waren aber auch der erste Jahrgang, dem nach der Wende die Welt offen stand – wenn man es zu nutzen wusste.

»89/90« ist ein lesenswertes Buch nicht nur für »Betroffene« wie mich, sondern für die, die wissen wollen, wie es wirklich war, als Jugendlicher in der dahinscheidenden DDR zu leben. Allein mit den vielen Fußnoten im Roman könnte man ein ganzes Geschichtsbuch füllen, welches alles andere als langweilig wäre.

Wie ich den Unsterblichen traf

PERRY RHODAN von K. H. Scheer und Clark Dalton (Walter Ernsting)

1990 begegnete ich Perry Rhodan. Die Geschichte beginnt an einem kalten Tag im Februar 1990 an einem Bahnhof. Es muss früher morgen gewesen sein, vielleicht auch mitten in der Nacht, genau weiß ich das nicht mehr. Mein Vater und ich wollten das erste Mal nach der Grenzöffnung meine Tante im Schwarzwald besuchen. Der Interzonenzug fuhr zwar durch Saalfeld, hielt aber nicht an, sondern erst einige Kilometer weiter an der noch bestehenden innerdeutschen Grenze. Hier wurden Pässe kontrolliert und der Zoll nahm den halben Zug auseinander. Noch wenige Wochen zuvor hatte dort niemand zusteigen dürfen, nun bot sich für uns diese unfassbare Möglichkeit.

Einfach war es dennoch nicht, da der Zug (ein alter Intercity mit Abteilen) heillos überfüllt war. Die Menschen standen, saßen und lagen in den Gängen und sogar in den Durchgängen zwischen den Wagons. Irgendwie quetschten wir uns mit ein paar weiteren Reisenden noch hinein. Ich fand einen Platz vor der Toilette, den ich jedes Mal räumen musste, wenn einer aufs Klo wollte. So standen wir – ich saß zeitweise auf meinem Koffer – die knapp 400 Kilometer bis Stuttgart. In Nürnberg leerte sich der Zug zwar ein wenig, einen Sitzplatz bekamen wir aber nicht. Zumindest wir erlangten etwas mehr Bewegungsfreiheit.

Von Stuttgart ging die Reise in einem InterRegio weiter nach Karlsruhe. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich von dem modernen Zug war, als er durch die vielen Tunnel rauschte. Das Beste von allem war: Wir hatten einen Sitzplatz. In Karlsruhe stiegen wir in einen D-Zug nach Basel. Basel hat mehrere Bahnhöfe, in einem davon hielten und halten die Züge aus Deutschland. Dort stiegen wir in eine Regionalbahn, die uns ans Ziel brachte. Ich habe keine Ahnung, wie viele Stunden wir unterwegs waren, es müssen acht bis zehn gewesen sein.

Meine Tante wohnte in Zell im Wiesental, einem kleinen Ort am Fuße des Hochschwarzwald. Sie hatte ein großes Haus, in dem sie, seit dem Tod ihres Mannes (dem Bruder meines Vaters) und ihrer Tochter, allein lebte. Ich durfte im Zimmer meiner verstorbenen Cousine schlafen, das so aussah, als hätte es die Achtundzwanzigjährige Minuten zuvor verlassen. Von hier aus, gelangte man über eine Terrasse ins Dachgeschoss einer Doppelgarage, das als Speicher genutzt wurde.

Neugierig wie Fünfzehnjährige sind, sah ich mich dort um und machte eine Entdeckung nach der anderen. Denn da lagerten Hunderte von Rätselheften, Comics, Büchern und Heftromanen. Von letzteren waren die meisten Arzt- oder Heimatromane, hin und wieder fanden sich auch Western und Kriegsromane darunter. Ich stöberte, bis ich auf ein paar Hefte stieß, auf denen Raumschiffe und außerirdische Welten abgebildet waren. Irgendwie faszinierten mich die Abbildungen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel mit Science-Fiction am Hut hatte. Ich schnappte mir die Hefte und las sie abends im Bett. Sie hatten leider keine zusammenhängende Nummerierung; es waren teilweise zerfledderte Erstausgaben aus den frühen Sechzigern. Ich verstand nicht viel von dem, was ich las, dennoch nahmen mich die Geschichten gefangen.

Es ging um eine Gruppe Raumfahrer, die auf dem Mond das Raumschiff gestrandeter Außerirdischer entdeckt hatten und um Mutanten. In einem Heft kam ein Außerirdischer vor, der wie eine große Maus aussah und immer Mohrrüben futterte, das gefiel mir. Gleich am nächsten Tag durchforstete ich den Speicher fieberhaft nach weiteren solchen Heften, fand aber keine mehr.

Bevor wir wieder nach Hause fuhren, fragte ich meine Tante, ob ich die drei Hefte mitnehmen dürfte. Sie hatte nichts dagegen und so kam ich in den Besitz meiner ersten PERRY RHODAN-Hefte mit den Nummern 10, 56 und 164, die ich bis heute aufgehoben habe.

Der Juli 1990 brachte die Einführung der D-Mark. Von einem Tag auf den anderen verschwanden alle DDR-Artikel aus den Geschäften, dafür gab es alles zu kaufen, was man von den Besuchen aus dem Westen kannte. Populär waren vor allem Zeitschriften und Romane, die in der DDR verboten waren, wie »Der Spiegel«, die »Bravo« sowie die als Schundliteratur verrufenen Heftromane. Es spielte keine Rolle, dass die Ausgaben Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Die Nachfrage nach Publikationen aus Antiquariatsbeständen war ungebrochen und findige Geschäftsleute nutzten jede Gelegenheit, um auf dem Marktplatz auf Tapeziertischen kartonweise Zeitschriften und Heftromane zu verkaufen.

Hier traf ich Perry Rhodan wieder. Es gab nur ein Problem: Die Händlerin hatte hunderte, wenn nicht gar tausende Romane von Perry und seinen Mannen. Wo fing ich an? Ich fischte wahllos ein paar zusammenhängende Ausgaben aus den Kartons und kaufte sie für 50 Pfennig das Stück. Wenn ich sie eine Woche später ausgelesen zurückbrachte, bekam ich 20 Pfennig pro Heft wieder heraus und konnte das Geld sofort in neue Romane investieren. So las ich mich durch einen Großteil des Cappin-Zyklus’.

Ab September 1990 sah ich mit Begeisterung »Star Trek – The next Generation« im ZDF. In den neunziger Jahren war Star Trek Kult. Man kam daran nicht vorbei und so geriet der unsterbliche Perry in den Jahren zwischen 1992 und 2013 bei mir in Vergessenheit. Ich wusste, dass das Perryversum weiterhin existierte, aber es war nicht mehr mein Universum.

Ein Mann der von Frauen erzählt

»Die Römerin« von Alberto Moravia

Mein Interesse für Liebesromane und erotische Literatur wuchs spätestens, nachdem ich das Buch »Die Römerin« von Alberto Moravia gelesen hatte. 1988 kam ein Film heraus, in dem an der Seite von Gina Lollobrigida mein damaliger Lieblingsschauspieler Pierre Cosso mitspielte.

Von dem hübschen Franzosen, der mit den Filmen »La Boum 2« und »Cinderella 80« zu dieser Zeit viele weibliche Teenager geradezu in Ekstase versetze, war mein Zimmer mit Postern gepflastert. Es wurde von mir alles konsumiert, wo er mitspielte. Das war 1987/88 in der DDR allerdings etwas schwierig. Weil es den Streifen »Die Römerin« nicht sofort im Kino oder Fernsehen zu sehen gab, blieb mir zunächst nur die literarische Vorlage.

Hier spielt wieder die Stadtbibliothek eine wesentliche Rolle. Denn überraschenderweise gab es dort jede Menge Romane von Alberto Moravia, unteranderem die »Die Römerin«.

Die Protagonistin Adriana ist hübsch und weiß diese Eigenschaft für sich zu nutzen. Sie träumt von einem einfachen Leben, dass sie aus der Enge ihrer ärmlichen Existenz in Rom herausholt, mit Mann, Kind und kleinem Häuschen. Das bleibt Mitte der dreißiger Jahre im faschistischen Italien für viele Frauen ein Traum. Auch Adrianas Leben führt in eine andere Richtung. Sie wird zuerst zum Aktmodell später zur Hure. Sie verliebt sich in den politischen Aktivisten Giacomo und wird von einem gesuchten Mörder geschwängert.

Alberto Moravia zeichnet das Bild einer naiven Frau, der Politik und privater Aufstieg gleichsam egal sind. Sie sucht ein heiles Leben und hängt, anstatt etwas dafür zu tun, Kleinmädchenträumen nach. Sie ist ein Charakter, den man eigentlich hassen müsste, dennoch gelingt es dem Autor, dass man vor lauter Mitleid die Frau zu mögen lernt.

Weil ich einmal angespitzt, möglichst alles von dem Autor lesen wollte, lieh ich mir nacheinander alle vorhandenen Bücher aus. Dabei gefielen mir manche der Werke nicht einmal. Beim Lesen von »Die Gleichgültigen« langweilte ich mich ziemlich. Dennoch blieben mir Alberto Moravias Romane in positiver Erinnerung.

Moravia hatte ein Händchen für Frauenfiguren. Besonders wird das in dem Roman »Cesira« deutlich, einer alleinstehenden Frau, die in den Unbilden des Zweiten Weltkriegs überleben muss. In Schulaufsätzen in der Schule schrieb ich oft ausführlich über Moravias Romane. Meine Lehrerin verriet mir später, dass sie stets Angst hatte, ich würde es nicht in der vorgegebenen Zeit schaffen. Das ist mir nie passiert, obwohl ich den Text meist ein zweites Mal in Schönschrift aufschrieb, weil ansonsten keiner meine »Sauklaue« lesen konnte.

Spätestens 1990 war Schluss mit Alberto Moravia. Ich lernte zuerst Perry Rhodan kennen und später Star Trek, aber das ist eine andere Geschichte.