Ein Eschbach fürs Leben

»Solarstation« von Andreas Eschbach

Meinen ersten Eschbach fischte ich aus einer Kiste mit Mängelexemplaren. Es war ein Doppelband und das Titelbild nicht gerade aufregend. Außerdem hatte ich von dem Autor zuvor noch nie gehört oder gelesen. Doch da war dieser Satz am Anfang des ersten Kapitels: »Sex im Weltraum« – allein diese drei Worte genügten, um mich neugierig zu machen.

Den Roman fand ich richtig spannend, weil er ein bisschen nach »Stirb langsam« im All klang.

Wissenschaftler haben Solarsegel entwickelt, die das komplette Spektrum der Sonne in Energie umsetzen konnten. Die Besatzung der japanischen Solarstation NIPPON freuen sich über den Erfolg, denn bedeutet es nichts anderes, als das die Energieprobleme auf der Welt mit einem Schlag gelöst sind. Es dauert nicht lange und die Funk und Energieübertragung versagen. Zunächst glauben alle an einen Systemfehler, dann dockt unerwartet ein fremdes Raumschiff an die Station an. Die Mannschaft der Station, allen voran Leonard Carr, muss erkennen, dass ihr Leben auf dem Spiel steht. Mit allen Mittel und seiner Raumerfahrung versucht er, die Widersacher auszuschalten und die Erkenntnis über die Technologie der Menschheit auf der Erde zu übermitteln.

In der zweiten Geschichte im Buch – »Kelwitts Stern« – geht es um ein gestrandetes Alien auf der Erde. Aus mir unerfindlichen Gründen gefiel mir diese Geschichte sogar noch besser als »Solarstation«. Vielleicht liegt es daran, wie menschlich und gleichzeitig exotisch Andreas Eschbach den Außerirdischen Jombuur beschreibt, der seinen Stern besucht und auf der schwäbischen Alb notlanden muss.

Später las ich weitere Romane des Autors unteranderem sein grandioses Erstlingswerk »Die Haarteppichknüpfer«. Noch später entdeckte ich seine wertvollen Ratschläge für Autoren auf seiner Internetseite, die mir beim Schreiben mehr als einmal halfen (und helfen). Leider erfuhr ich erst zu spät von den Seminaren, die Andreas Eschbach an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel abgehalten hatte.

Mit einem seiner Romane für PERRY RHODAN stieg ich nach vielen Jahren wieder in die Serie ein. Ich weiß nicht, ob ich den Heftroman gelesen hätte, wenn nicht der Name Eschbach draufgestanden hätte. Band 2700 – »Der Technomond« – wurde zu einem Punkt in meinem Leben, an dem sich vieles veränderte. Der Zeitpunkt, an dem ich eine neue Richtung einschlug. Ich begann das Schreiben ernster zu nehmen. Der Roman inspirierte mich außerdem zu meiner zweiten FanEdition. Mit »Am Abgrund der Unsterblichkeit« verfasste ich ein Prequel zu »Der Technomond«.

Das erste Mal begegnete ich dem Autor 2016 in Wien zum AustriaCon. Ich wartete mit meinem Mann vorm Hotelaufzug, als Andreas Eschbach mit seiner Frau die Treppen herunterstiegen. Einen Tag später suchte beide ein Virus heim, so dass Andreas seinen Auftritt auf dem AustriaCon beschränken musste. Ich habe mir aber damals Band 2700 »Der Technomond« von ihm signieren lassen.

Inzwischen stehen eine ganze Reihe Romane von Andreas Eschbach in meinem Bücherregal. 2017 nahm ich sogar an der ersten Eschbach-Tagung an der Bundesakademie Wolfenbüttel teil und berichtete darüber in einem Artikel für die »phantastisch!«.

Andreas Eschbach ist also nicht ganz unschuldig daran, dass ich mich intensiver mit dem Schreiben und mit PERRY RHODAN auseinandergesetzt habe.

Ken Follett – das Erdbeben

»Die Kinder von Eden« von Ken Follett

Meinen ersten Follett-Roman kaufte ich mir, als ich mit Anfang Zwanzig für ein paar Tage ins Krankenhaus musste. Ich stand in der Buchhandlung und wusste nicht so recht, was ich kaufen sollte. Die Star Trek-Romane hatte ich alle gelesen, also suchte ich nach etwas völlig anderem. Es war das Cover, was mich ansprach – die Außenhülle eines Flugzeugs – und das es um ein historisches Ereignis ging. »Nacht über den Wassern« war quasi meine Einstiegsdroge zu Ken Follett. Ich war nicht nur von der fesselnden Geschichte begeistert, sondern von den vielen Hintergrundinformationen, die der Autor vermittelte.

Kurze Zeit später bekam ich den Roman »Die Säulen der Erde« geschenkt. Mittelalterromane mochte ich zwar nicht, doch die Geschichte war spannend und überzeugend geschrieben, dass der Roman bei mir auf fruchtbaren Boden fiel. Von da ab kam ich an einem Buch von Ken Follett nicht vorbei. Meist fischte ich sie aus den Wühltischen mit den Remittenden. Später schenkte mir mein Mann die dicken Hardcover-Ausgaben zu Weihnachten, bei denen mir beim Lesen immer die Arme einschliefen.

Ich habe inzwischen so gut wie alle in Deutschland erschienenen Romane des Autors im Bücherschrank. Wobei ich nicht alle gut finde. Manche sind brillant, andere offenbaren Schwächen. Schwächen, die sich nur ein Bestseller-Autor leisten kann. Seit dem ich weiß, das Ken Follett eine Heerschar an Leuten beschäftigt, die für ihn die Recherchearbeit leisten, ist meine Bewunderung für den Autor nicht mehr so groß.

Mein Lieblingsbuch von ihm ist und bleibt »Die Kinder von Eden«. Ich kann nicht sagen, warum es ausgerechnet dieser Roman ist. Liegt es daran, dass er den Einsatz bekannter Technologie auf eine unerwartete Weise zeigt? Oder an dem Thema Geologie und Erdbeben, für das ich bereits in der Schule ein Faible hatte? Vielleicht liegt es auch daran, das er in Kalifornien spielt und eine Hippiekommune im Mittelpunkt steht.

Das Tal, in dem eine Hippie-Kommune lebt, soll dem Bau eines Wasserkraftwerks weichen. Landbesitzer werden entschädigt, die Kommune hat das Land aber nur gepachtet und steht davor alles zu verlieren. Ihr Anführer beschließt zusammen mit anderen Mitgliedern, den Gouverneur Kaliforniens zu erpressen. Sollte der Bau des Kraftwerks nicht gestoppt werden, wollen sie ein Erdbeben auslösen.
Kurze Zeit später wird der Fahrer eines Vibroseis-Fahrzeugs ermordet. Das FBI nimmt den Fall nicht ernst und übergibt ihn an die junge unerfahrene Ermittlerin Judy Maddox. Die findet bald heraus, dass der Mord mit der Kommune zusammenhängt und deren Plan zu einer ernsthaften Bedrohung werden kann. Ihre Vorgesetzten glauben ihr nicht und ziehen sie von dem Fall ab. Dann lösen die »Kinder von Eden« das erste Erdbeben aus …

Die Idee, mittels eines seismischen Vibrators ein Erdbeben auszulösen, fand ich damals unglaublich originell. Nachvollziehbar war auch das Handeln der Hippie-Kommune. Follett schafft es in gewohnter Manier, den Leser bei der Stange zu halten. So, dass man mit dem Lesen einfach nicht aufhören möchte.

Jahrzehnte später habe ich so ein Fahrzeug tatsächlich mal in Aktion erlebt. In dem Vorort von München, in dem ich gearbeitet habe, fanden Untersuchungen zur Bodenbeschaffenheit statt. Es ging wohl um den Bau eines U-Bahn-Tunnels. Dafür fuhren den ganzen Tag lang eine Kolonne dieser Fahrzeuge durchs Viertel, hielt alle 50 Meter und rüttelte, dass die Fensterscheiben vibrierten. Ich wartete gerade an der Bushaltestelle, als die Ungetüme vorbeifuhren. Das war sehr beeindruckend. Daher könnte ich mir vorstellen, dass ein Einsatz solcher Geräte in seismisch instabilen Zonen durchaus problematisch sein kann.

Technologie stand auch im nächsten Roman im Vordergrund, den ich mit Begeisterung verschlungen habe. Dieses Mal spielt die Geschichte im Weltall.

Star Trek und seine Kinder

»Far beyond the stars« von Steve Barnes

Im Herbst 1990 blieb ich beim Zappen – wir hatten nur vier Programme – bei einer amerikanischen Serie hängen, die im ZDF ausgestrahlt wurde. Da war dieser hübsche Junge – Wesley Crusher –, der etwa so alt wie ich war und an Bord eines Raumschiffes lebte. Seine Mutter arbeitete als Schiffsärztin und er ähnelte ein wenig meiner ersten Liebe, die ich ein Jahr zuvor kenngelernt hatte. Ich war begeistert und verpasste von nun an keine Episode der Serie mehr. Was ich in dem Augenblick nicht wusste, es war der Ableger der beliebten Science-Fiction-Serie »Star Trek«, deren Folgen in den frühen Achtzigern mein Cousin im Westfernsehen geguckt hatte und bei dem ich ein paar Mal mitschauen durfte.

Nach und nach kam ich mit dem Star Trek-Universum in Kontakt. Sah die Kinofilme mit der alten Crew später sogar die komplette Classic-Serie. Als ich im Buchladen auch noch entdeckte, dass es zu der Star Trek jede Menge Romane gab, war es endgültig um mich geschehen. Ich wurde ein echter Trekkie.

Als 1994 in Deutschland die erste Episode einer weiteren Star Trek-Spin-Off-Serie ausgestrahlt wurde, die so völlig anders sein sollte, blieb ich skeptisch. Ich war mir sicher, dass mir die TNG-Crew fehlen würde und ich mich niemals an die neuen Charaktere würde gewöhnen können. Außerdem spielte diese Serie auf einer Raumstation – das musste doch auf Dauer langweilig werden …

Heute, kann ich sagen, dass mein Leben sicher anders verlaufen wäre, wenn es diese Serie nicht gegeben hätte. Überflüssig hier zu erwähnen, dass es sich hierbei um »Star Trek – Deep Space Nine«, kurz DS9, handelt.

DS9 hat etwas in mir geweckt, was keine andere Star Trek-Serie geschafft hat – Sie hat mich inspiriert und geprägt, weil sie mir eine glaubhafte und komplexe Welt gezeigt hat. Allein die Fülle an Nebencharakteren und parallelen Handlungssträngen war so umfassend, wie sie nur von einem Autorenteam geschaffen werden konnte, dass jegliche Freiheit genoss.

Einen Blick hinter die Kulissen zeigt, dass DS9 immer das mittlere Kind gewesen ist. Es war die einzige Serie die sieben Staffeln lang, parallel zu weiteren Star Trek-Serien lief. Spätestens nach dem Start von »Star Trek – Voyager« verlor Paramount das Interesse an der Serie und ließ den Autoren freien Raum. Die Quoten waren zu gut, um die Serie abzusetzen, also ließ man sie weiterlaufen.

Warum war DS9 eigentlich so erfolgreich? Vielleicht gerade weil man auf die Station, Bajor und das nähere Umfeld beschränkt war, konnten Charaktere vertieft und ganze Handlungsstränge über mehrere Folgen entwickelt werden. Die Geschichten enthielten neben Spannung und Kontinuität auch Intelligenz und vermittelten meist eine subliminale Botschaft. Es war das, was Gene Roddenberry mit der Classic-Serie ursprünglich bezweckt hatte.

Es gab in den sieben Staffeln keine »Bottle Shows« und keine Anomalie der Woche. Anfangs wurde eine abgeschlossene Geschichte pro Folge erzählt, bis man merkte, dass dies auf Dauer nicht funktionieren würde. Die Charaktere blieben auf der Raumstation und flogen nicht weiter, also begann man offene Handlungsbögen einzuführen und setzte diese über ganze Staffeln hinweg fort.

DS9 hat als erste Serie gezeigt, dass das Star Trek-Universum keine heile Welt ist. Wie gesagt, war es Gene Roddenberrys Idee, Ereignisse aus dem wahren Leben in einer SF-Serie verpackt, zu zeigen, Dinge anzusprechen, die fürs amerikanische Fernsehen in den sechziger Jahren tabu waren.

In den frühen neunziger Jahren gab es genug Brisantes, das aufgegriffen werden musste. Zu diesem Zeitpunkt wagten die Autoren einen mutigen Schritt und zerstörten Roddenberrys Vision einer friedlichen Zukunft. Sie nahmen den Golfkrieg und den Krieg im ehemaligen Jugoslawien und brachten es als Dominionkrieg in die Serie ein, um auf die Weltgeschehnisse aufmerksam zu machen. Mit diesem Tabubruch entweihten sie die heile Star Trek-Welt und lösten unter den Fans heftige Proteste aus.

Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich anfangs unglücklich über diese Idee war, irgendwann aber begriff, dass das Leben in Wirklichkeit nicht so heil ist, wie es uns in »Star Trek – The Next Generation« (TNG) gezeigt wurde.

Serien sind immer ein Spiegel der jeweiligen Zeit. So bequem und sorglos die Achtziger waren, umso unbequemer und beklemmender wurde es in den Neunzigern. Es ist schön zu hoffen, dass uns die Zukunft, wie in TNG, ein friedliches Zusammenleben beschert. Aber dass man etwas dafür tun muss, um den Frieden zu bewahren, hat mir DS9 gezeigt.

Umstritten wie der Dominionkrieg unter den Fans ist – war er ein Novum in der Star Trek-Geschichte und macht DS9 zu etwas Besonderem. Die Serie hat viele begeistert, weil sie uns einen Spiegel vor Augen gehalten hat. Sie hat gezeigt, dass analog zu unserer reale Gesellschaft, auch die Föderation nicht ohne schwarze Flecken auf ihrer weißen Weste ist und das macht ihre Geschichten erst so richtig glaubwürdig.

Wir wachsen an unseren Fehlern und an den Schicksalsschlägen, die wir hinnehmen.Das ist die Grundbotschaft, die ich DS9 entnehme, und ich denke, dass es da nicht nur mir so geht.

Warum DS9 gerade in meiner Generation so erfolgreich war, lag zum großen Teil daran, dass wir mit Star Trek aufwuchsen und Star Trek mit uns gewachsen ist. Als Kinder fanden wir die Abenteuer von Captain Kirk gut. Überdimensionale Amöben, Indianer, ein geheimnisvoller Alien mit spitzen Ohren – das war besser als die Märchen der Gebrüder Grimm. Später, bei TNG (man war ungefähr in Wesleys Crushers Alter) war das Raumschiff mit dem kahlköpfigen Captain Picard einfach nur großartig. Als DS9 startete, befanden sich viele von uns bereits in Lehre und Studium. Man interessierte sich zunehmend für die wichtigen Dinge des Lebens, wie Politik und Weltgeschehen und glaubte mit einer Demo den Welthunger bekämpfen zu können. So ist nicht verwunderlich, dass wir mit und durch DS9 gelernt haben, dass es nicht nur Schwarz oder Weiß auf der Welt gibt, sondern alle Nuancen von Grau.

Den Beweis für die einmalige Inspiration, die DS9 geliefert hat, fand man im Fanzine-Shop des »Star Trek-Forums« – einem inzwischen leider aufgelösten deutschen Fanclub. Zu keiner anderen Serie sind so viele Geschichten, Sammelbände und Romane erschienen, wie zu DS9. Diese Beobachtung geht mit meiner Erfahrung konform. Ich schrieb mehr zu DS9, als zu TNG, Voyager oder Enterprise, auch wenn ich diese Serien genauso gern gesehen habe.

DS9 brachte zudem die, für mich, genialste Star Trek-Folge überhaupt hervor. »Far beyond the stars« wirft einen Blick in die Vergangenheit und ist gleichzeitig eine Vision der Zukunft. Die Charaktere aus der Serie werden zu Figuren in der Vergangenheit. Das Drehbuch der Folge wurde in erweiterter Form als Roman herausgebracht, der bemerkenswert ist:

Von einem Augenblick zum anderen befindet sich Captain Benjamin Sisko in einer anderen Welt. Er lebt als Benny Russel, einem afroamerikanischen Autor von Science-Fiction-Storys, im Jahr 1953 in Harlem, New York.
Benny hat einen Traum. Immer wieder sieht er in Personen, die er trifft, andere ihm vertraute Charaktere aus der Zukunft. Menschen, die er kennt, die jedoch nicht real sind. Nur für Benny sind sie es. Er schreibt über sie und über den Captain einer Raumstation – Benjamin Sisko. Aber die Verleger weigern sich, die Geschichte zu veröffentlichen, denn ein farbiger Held ist in einer Zeit des Rassenhasses und der Diskriminierung undenkbar. Benny gibt nicht auf, er schreibt weiter. Zuviel verbindet ihn mit der Zukunft. Eine Verbindung, die vor vielen Jahren auf geheimnisvolle Weise begann.

Der Roman ist mehr als eine schriftliche Version der Fernsehfolge. Ausführlicher und tiefgründiger als in der Fernsehepisode ist der Blick in die Seele Benny Russels, der versucht in der weißen Welt New Yorks der Fünfziger seinen schwarzen Helden Benjamin Sisko zu etablieren. Der Leser erfährt Hintergründe und Motive der Charaktere und taucht in eine unbekannte Welt voller Hass und Angst ein.

Dass die Geschichte schon in Bennys Kindheit beginnt und sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht, ist eine perfekte Idee des Autors, der damit die Geschehnisse um Benny, Benjamin Sisko und den Propheten geschickt verbindet und fortführt. Der Roman ist eine würdige Ergänzung zur wahrscheinlich besten Folge von Star Trek überhaupt.

Als ich vor Jahren dieses Buch gelesen habe, verfasste ich anschließend eine Geschichte, die an die Geschehnisse im Buch anknüpft. Nachdem ich eine Weile in New York gelebt hatte war mein Gedanke: Wie würde wohl der gealterte Benny Russel das New York der 90er Jahre erleben?

Diese Erzählung und weitere Kurzgeschichten zu meiner Lieblings-Star-Trek-Serie habe ich in dem Kurzgeschichtenband »Am Rande des Wurmlochs« zusammengefasst.

Wie ich den Unsterblichen traf

PERRY RHODAN von K. H. Scheer und Clark Dalton (Walter Ernsting)

1990 begegnete ich Perry Rhodan. Die Geschichte beginnt an einem kalten Tag im Februar 1990 an einem Bahnhof. Es muss früher morgen gewesen sein, vielleicht auch mitten in der Nacht, genau weiß ich das nicht mehr. Mein Vater und ich wollten das erste Mal nach der Grenzöffnung meine Tante im Schwarzwald besuchen. Der Interzonenzug fuhr zwar durch Saalfeld, hielt aber nicht an, sondern erst einige Kilometer weiter an der noch bestehenden innerdeutschen Grenze. Hier wurden Pässe kontrolliert und der Zoll nahm den halben Zug auseinander. Noch wenige Wochen zuvor hatte dort niemand zusteigen dürfen, nun bot sich für uns diese unfassbare Möglichkeit.

Einfach war es dennoch nicht, da der Zug (ein alter Intercity mit Abteilen) heillos überfüllt war. Die Menschen standen, saßen und lagen in den Gängen und sogar in den Durchgängen zwischen den Wagons. Irgendwie quetschten wir uns mit ein paar weiteren Reisenden noch hinein. Ich fand einen Platz vor der Toilette, den ich jedes Mal räumen musste, wenn einer aufs Klo wollte. So standen wir – ich saß zeitweise auf meinem Koffer – die knapp 400 Kilometer bis Stuttgart. In Nürnberg leerte sich der Zug zwar ein wenig, einen Sitzplatz bekamen wir aber nicht. Zumindest wir erlangten etwas mehr Bewegungsfreiheit.

Von Stuttgart ging die Reise in einem InterRegio weiter nach Karlsruhe. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich von dem modernen Zug war, als er durch die vielen Tunnel rauschte. Das Beste von allem war: Wir hatten einen Sitzplatz. In Karlsruhe stiegen wir in einen D-Zug nach Basel. Basel hat mehrere Bahnhöfe, in einem davon hielten und halten die Züge aus Deutschland. Dort stiegen wir in eine Regionalbahn, die uns ans Ziel brachte. Ich habe keine Ahnung, wie viele Stunden wir unterwegs waren, es müssen acht bis zehn gewesen sein.

Meine Tante wohnte in Zell im Wiesental, einem kleinen Ort am Fuße des Hochschwarzwald. Sie hatte ein großes Haus, in dem sie, seit dem Tod ihres Mannes (dem Bruder meines Vaters) und ihrer Tochter, allein lebte. Ich durfte im Zimmer meiner verstorbenen Cousine schlafen, das so aussah, als hätte es die Achtundzwanzigjährige Minuten zuvor verlassen. Von hier aus, gelangte man über eine Terrasse ins Dachgeschoss einer Doppelgarage, das als Speicher genutzt wurde.

Neugierig wie Fünfzehnjährige sind, sah ich mich dort um und machte eine Entdeckung nach der anderen. Denn da lagerten Hunderte von Rätselheften, Comics, Büchern und Heftromanen. Von letzteren waren die meisten Arzt- oder Heimatromane, hin und wieder fanden sich auch Western und Kriegsromane darunter. Ich stöberte, bis ich auf ein paar Hefte stieß, auf denen Raumschiffe und außerirdische Welten abgebildet waren. Irgendwie faszinierten mich die Abbildungen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel mit Science-Fiction am Hut hatte. Ich schnappte mir die Hefte und las sie abends im Bett. Sie hatten leider keine zusammenhängende Nummerierung; es waren teilweise zerfledderte Erstausgaben aus den frühen Sechzigern. Ich verstand nicht viel von dem, was ich las, dennoch nahmen mich die Geschichten gefangen.

Es ging um eine Gruppe Raumfahrer, die auf dem Mond das Raumschiff gestrandeter Außerirdischer entdeckt hatten und um Mutanten. In einem Heft kam ein Außerirdischer vor, der wie eine große Maus aussah und immer Mohrrüben futterte, das gefiel mir. Gleich am nächsten Tag durchforstete ich den Speicher fieberhaft nach weiteren solchen Heften, fand aber keine mehr.

Bevor wir wieder nach Hause fuhren, fragte ich meine Tante, ob ich die drei Hefte mitnehmen dürfte. Sie hatte nichts dagegen und so kam ich in den Besitz meiner ersten PERRY RHODAN-Hefte mit den Nummern 10, 56 und 164, die ich bis heute aufgehoben habe.

Der Juli 1990 brachte die Einführung der D-Mark. Von einem Tag auf den anderen verschwanden alle DDR-Artikel aus den Geschäften, dafür gab es alles zu kaufen, was man von den Besuchen aus dem Westen kannte. Populär waren vor allem Zeitschriften und Romane, die in der DDR verboten waren, wie »Der Spiegel«, die »Bravo« sowie die als Schundliteratur verrufenen Heftromane. Es spielte keine Rolle, dass die Ausgaben Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Die Nachfrage nach Publikationen aus Antiquariatsbeständen war ungebrochen und findige Geschäftsleute nutzten jede Gelegenheit, um auf dem Marktplatz auf Tapeziertischen kartonweise Zeitschriften und Heftromane zu verkaufen.

Hier traf ich Perry Rhodan wieder. Es gab nur ein Problem: Die Händlerin hatte hunderte, wenn nicht gar tausende Romane von Perry und seinen Mannen. Wo fing ich an? Ich fischte wahllos ein paar zusammenhängende Ausgaben aus den Kartons und kaufte sie für 50 Pfennig das Stück. Wenn ich sie eine Woche später ausgelesen zurückbrachte, bekam ich 20 Pfennig pro Heft wieder heraus und konnte das Geld sofort in neue Romane investieren. So las ich mich durch einen Großteil des Cappin-Zyklus’.

Ab September 1990 sah ich mit Begeisterung »Star Trek – The next Generation« im ZDF. In den neunziger Jahren war Star Trek Kult. Man kam daran nicht vorbei und so geriet der unsterbliche Perry in den Jahren zwischen 1992 und 2013 bei mir in Vergessenheit. Ich wusste, dass das Perryversum weiterhin existierte, aber es war nicht mehr mein Universum.

Ein Mann der von Frauen erzählt

»Die Römerin« von Alberto Moravia

Mein Interesse für Liebesromane und erotische Literatur wuchs spätestens, nachdem ich das Buch »Die Römerin« von Alberto Moravia gelesen hatte. 1988 kam ein Film heraus, in dem an der Seite von Gina Lollobrigida mein damaliger Lieblingsschauspieler Pierre Cosso mitspielte.

Von dem hübschen Franzosen, der mit den Filmen »La Boum 2« und »Cinderella 80« zu dieser Zeit viele weibliche Teenager geradezu in Ekstase versetze, war mein Zimmer mit Postern gepflastert. Es wurde von mir alles konsumiert, wo er mitspielte. Das war 1987/88 in der DDR allerdings etwas schwierig. Weil es den Streifen »Die Römerin« nicht sofort im Kino oder Fernsehen zu sehen gab, blieb mir zunächst nur die literarische Vorlage.

Hier spielt wieder die Stadtbibliothek eine wesentliche Rolle. Denn überraschenderweise gab es dort jede Menge Romane von Alberto Moravia, unteranderem die »Die Römerin«.

Die Protagonistin Adriana ist hübsch und weiß diese Eigenschaft für sich zu nutzen. Sie träumt von einem einfachen Leben, dass sie aus der Enge ihrer ärmlichen Existenz in Rom herausholt, mit Mann, Kind und kleinem Häuschen. Das bleibt Mitte der dreißiger Jahre im faschistischen Italien für viele Frauen ein Traum. Auch Adrianas Leben führt in eine andere Richtung. Sie wird zuerst zum Aktmodell später zur Hure. Sie verliebt sich in den politischen Aktivisten Giacomo und wird von einem gesuchten Mörder geschwängert.

Alberto Moravia zeichnet das Bild einer naiven Frau, der Politik und privater Aufstieg gleichsam egal sind. Sie sucht ein heiles Leben und hängt, anstatt etwas dafür zu tun, Kleinmädchenträumen nach. Sie ist ein Charakter, den man eigentlich hassen müsste, dennoch gelingt es dem Autor, dass man vor lauter Mitleid die Frau zu mögen lernt.

Weil ich einmal angespitzt, möglichst alles von dem Autor lesen wollte, lieh ich mir nacheinander alle vorhandenen Bücher aus. Dabei gefielen mir manche der Werke nicht einmal. Beim Lesen von »Die Gleichgültigen« langweilte ich mich ziemlich. Dennoch blieben mir Alberto Moravias Romane in positiver Erinnerung.

Moravia hatte ein Händchen für Frauenfiguren. Besonders wird das in dem Roman »Cesira« deutlich, einer alleinstehenden Frau, die in den Unbilden des Zweiten Weltkriegs überleben muss. In Schulaufsätzen in der Schule schrieb ich oft ausführlich über Moravias Romane. Meine Lehrerin verriet mir später, dass sie stets Angst hatte, ich würde es nicht in der vorgegebenen Zeit schaffen. Das ist mir nie passiert, obwohl ich den Text meist ein zweites Mal in Schönschrift aufschrieb, weil ansonsten keiner meine »Sauklaue« lesen konnte.

Spätestens 1990 war Schluss mit Alberto Moravia. Ich lernte zuerst Perry Rhodan kennen und später Star Trek, aber das ist eine andere Geschichte.

Teenagerliteratur aus dem Osten

»Wasseramsel« von Wolf Spillner

Wie bereits geschrieben, war es in der DDR schwierig, an gute Bücher zu kommen. Wer nicht gerade auf Sachbücher über Marxismus-Leninismus oder Weltkriegsliteratur stand, tat sich schwer spannendes Lesematerial im öffentlichen Buchhandel zu bekommen. Es wurden zwar sehr gute Bücher gedruckt, doch die Auflagenzahlen waren wahrscheinlich niemals ausreichend, um den Bedarf zu decken.

An den Schulen in der DDR gab es deshalb eine Einrichtung, die sich Buchklub nannte. Für einen geringen Geldbetrag konnte man Mitglied werden und durfte sich dafür aus einem Katalog mehrmals im Jahr ein Buch aussuchen. Nicht jeder in meiner Klasse nutzte diesen Service. Die einen, weil sie nicht gerne lasen, die anderen, weil sie mit den Inhalten der Romane nichts anzufangen wussten. Andere wiederum verfügten über genug Westverwandtschaft, die sie heimlich oder offiziell mit Literatur aus dem Westen versorgte. Für den Rest blieb nur der Buchklub. Die Romane, die es dort gab, waren keineswegs schlecht und sie waren immer altersgerecht.

»Wasseramsel« gehört zu den Büchern, die ich auf diesem Weg erwarb. Zunächst war es das gezeichnete Cover, was mich ansprach. Der Roman ist mit wunderschönen Bleistiftzeichnungen illustriert. In erster Linie geht es um Freundschaft und die erste Liebe. Auf der anderen Seite wird das Leben in der DDR glaubhaft geschildert. Die Probleme, mit denen die Protagonistin Ulla zu kämpfen hat, waren verbreiteter, als uns die Regierung vormachen wollte:

Ulla ärgert sich nämlich, als an ihrem Lieblingsplatz im Wald ein Wochenendhaus gebaut und der kleine Bach für eine Forellenzucht angestaut wird. Dort hatte sie Winfried kennengelernt und sich in ihn verliebt. Sie ist entsetzt, als sie herausfindet, dass Winfrieds Vater der Generaldirektor eines großen Betriebes das Grundstück von der Gemeinde zugesprochen bekommen hat. Jeder Bewohner des Ortes kuscht vor ihm, nur Ulla nicht. Sie versucht mit Hilfe von Winfried und der Fotografie einer Wasseramsel, die Zerstörung des idyllischen Tals zu verhindern. Doch der Junge steht nur zum Schein auf ihrer Seite.

Es war das erste Mal, dass ich mich für ein Buch interessierte, das von Liebe handelte. In der Gedankenwelt des Mädchens entdeckte ich Parallelen zu meiner eigenen. Zu der Zeit fing ich an, mich ebenfalls für Jungs zu interessieren. Ich begann aber auch zu registrieren, dass sich die Wirklichkeit in der DDR nicht mit dem deckte, was man uns in der Schule darüber beibrachte. So entdeckte ich »Wasseramsel« zum richtigen Zeitpunkt. Ich habe es mehr als einmal gelesen und finde den Text und die Illustrationen heute noch ausgezeichnet.

Das Buch wurde 1990 von der DEFA verfilmt. Der Film trägt den Titel »Biologie!«. Ich habe ihn leider nie gesehen, denn zu diesem Zeitpunkt brach ich bereits in den »Weltraum« auf.

Durch Prärie und Wüste

»Der Geist des Llano Estacado« von Karl May

Mit den Pferden kamen unweigerlich die Indianer und damit Karl May. Zunächst waren es die Karl-May-Filme aus den Sechzigern, bis ich in der Bibliothek die Bücher entdeckte. Die wurden 1982 im Verlag »Neues Leben« gerade neu aufgelegt. Bis dahin war Karl May in der DDR verpönt, wenn auch nicht offiziell verboten gewesen. Er wurde halt nicht gedruckt. Eigentlich skurril, wenn man bedenkt, dass Karl May Sachse war. Man warf dem Autor, der sich ja nicht mehr wehren konnte, Rassismus vor. Wahrscheinlich aber wog die Tatsache schwerer, dass er der Lieblingsautor von Adolf Hitler gewesen war.

Der Popularität Karl Mays in der Bevölkerung tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil, nichts ist verlockender als etwas Verbotenes oder etwas, das auf dem Index gestanden hatte. Die Bücher waren in der Bibliothek ständig verliehen. Es gab lange Wartelisten. Dafür hatte das DDR-Fernsehen die Karl-May-Filme aus der BRD entdeckt und strahlte sie regelmäßig aus. Im Ferienprogramm wurden die Filme im Kino rauf und runter gespielt. Für 50 Pfennig Eintritt pro Vorstellung sah ich mir die Filme so oft an, dass ich sie mitsprechen konnte. Daher war ich beim Lesen der Bücher anfangs irritiert, dass die Romane mit den Filmen, außer den Protagonisten, wenig gemein hatten.

Zu einem Weihnachtsfest Mitte der Achtziger bekam ich die Karl-May-Bücher von meinen Eltern geschenkt und musste nicht mehr in der Bibliothek darauf warten. Durch Beziehungen hatten sie diese in der Buchhandlung erstanden. Von da an versuchte ich, jede Ausgabe zu bekommen.

1984 erschien mit »Der Geist des Llano Estacado« eine Jugenderzählung von Karl May, die nicht verfilmt worden war.

Im Roman geht es um eine Gruppe Banditen, die unerfahrene Reisende auf dem Weg durch die mit Pfählen abgesteckte Wüste (Llano Estacado = abgesteckte Ebene) durch Versetzen der Pfähle in die Irre führen. Wenn die Reisenden entkräftet und kurz vorm Verdursten sind, werden sie ausgeraubt.
Winnetou und Old Shatterhand begleiten einen Trek von Auswanderern, um sie vor den Räubern zu schützen. Am Ende stellt sich heraus, dass der »Geist« der Anführer der Banditen ist. Er hat als Kind eine Oase entdeckt, nachdem seine Eltern im Llano ermordet wurden. Nun sinnt er auf Rache.

Es waren die detaillierten Beschreibungen der Landschaften und die ungewöhnlichen Nebencharaktere, die mich begeisterten, selbstverständlich auch die Heldenfiguren Winnetou und Old Shatterhand. Wobei ich die Indianer den Cowboys vorzog.

Ich beschäftigte mich jahrelang fast ausschließlich damit. Las neben Karl May andere Indianergeschichten, wie »Die Söhne der großen Bärin« oder »Blauvogel«. Studierte aber auch Sachbücher über die Lebensumstände echter Indianer in Nordamerika. Außerdem bastelte ich aus Leder und Perlen Kostüme, Gürtel, Messerscheiden und was man als Indianer so brauchte.

Und ich fing an, eine eigene Geschichte zu schreiben, die ich nie vollendete. Heute würde ich es Fan-Fiction zu Karl May nennen. Es waren mehrere mit Bleistift bekritzelte A4-Seiten, bei denen ich darauf achtete, dass sie keiner zu Gesicht bekam. Eine Weile versteckte ich sie deshalb im hintersten Eck auf unserer Scheune. Zum Leidwesen meiner Mutter, die sich sehr dafür interessierte, was ich denn so geschrieben hatte. Ich besitze die Blätter noch und behaupte, dass bis heute niemand außer mir ihren Inhalt kennt. Das sollte besser so bleiben.

Als ich Ende der Neunziger, bei Weltbild die nach 1990 erschienen Romane der Karl-May-Reihe aus dem Verlag »Neues Leben« als Restposten kaufte, wollte ich sie natürlich lesen. Doch ich tat mich schwer. Den Roman »Der schwarze Mustang« fing ich bestimmt drei oder viermal an, ohne über die ersten zwanzig Seiten hinauszukommen. Die Faszination von früher wollte sich nicht mehr einstellen. Ich fand die Beschreibungen langatmig und die heldenhafte Darstellung der Charaktere überzogen. Frustriert stellte ich das Buch zu den anderen ins Regal zurück. Dort stehen die vierzig Bände, teils noch eingeschweißt. Ob ich mich irgendwann davon trennen werde? Ich weiß es nicht.

»Der Geist des Llano Estacado« steht beispielhaft für all die Indianerbücher, die ich gelesen habe und die mein Leben in der Grundschule und darüber hinaus lange Zeit dominiert haben. Bücher die Inspiration für meine erste eigene Geschichte waren.

Das Roboter-Pferd aus dem Himalaya

»Silberhuf« und »Silberhuf zieht in den Krieg« von Alan Winnington

Schon als Kleinkind besaß ich viele Bilderbücher. Spätestens am Ende der ersten Klasse, als ich lesen konnten, wuchs die Anzahl Bücher im Bücherschrank exponentiell.

Ich las alles, was ich in die Finger bekam. Selbst die Sachbücher, die bei meinen Eltern im Schrank standen, waren nicht vor mir sicher. Vor allem die medizinischen Ratgeber mit den Fotos von Krankheiten hatten es mir angetan.

Leider war die Auswahl spannender Bücher in den Buchhandlungen in der DDR nicht so umfangreich und meine Eltern taten sich oft schwer, etwas Passendes für mich zu finden. Viele Romane bekam ich von Verwandten geschenkt. Ich weiß also nicht mehr genau, wie ich an »Silberhuf« von Alan Winnington gekommen bin. Ich kann mich aber gut daran erinnern, das Buch mit Inbrunst gelesen zu haben.

Vielleicht war es diese Geschichte, die den Hang zur Phantastik in mir weckte, doch noch war es nicht soweit.

Im Grunde mochte ich den Roman wegen des Pferds. Wie fast jedes Mädchen im Vorschulalter liebte ich Pferde über alles. Vielleicht war es auch genetische Veranlagung, denn mein Großvater mütterlicherseits war Schmied und betrieb bis in die Sechziger ein Fuhrgeschäft. Leider starb er kurz nach meiner Geburt, sonst hätte er mir damals wohl ein Pferd geschenkt.

So hatte ich nur meine Fantasie und die sprach auf das sprechende Pferd an, welches der amerikanischer Journalist Mike Norton und sein 14-jähriger Sohn Jack in einem verlassenen Lamakloster im Himalaya finden. Mit der Technik aus ihrem verunglückten Jeep bringen die beiden das mechanische Bronzepferd wieder zum Sprechen und Laufen. Sie erleben mit ihm allerlei Abenteuer im Hochgebirge und müssen es am Ende in einer Höhle verstecken.

Bei einem Schulausflug in die Stadtbibliothek wurde ich Mitglied. Hier entdeckte ich die Fortsetzung der Geschichte und lieh sie mir aus. In »Silberhuf zieht in den Krieg« holen Mike und Jack das Pferd aus seinem Versteck und kämpfen mit Silberhuf im Vietnamkrieg auf der Seite der Indonesier gegen die Amerikaner.

Mehr als zwanzig Jahre später konnte ich den zweiten Teil aus alten Bibliotheksbeständen erwerben. Seitdem stehen beide Bücher gemeinsam in meinem Bücherschrank.

Für diesen Text habe ich es wieder hervorgeholt und darin geschmökert. Die Geschichte und vor allem das mechanische Pferd finde ich noch heute außergewöhnlich.

Comic-Ersatz

»Das Wilhelm Busch-Album« von Wilhelm Busch

Neben den Märchen der Gebrüder Grimm, gehörten die Bildergeschichten von Wilhelm Busch zu meiner ersten Begegnung mit Literatur. Meine Großmutter mütterlicherseits hat mir immer daraus vorgelesen. Ich erinnere mich, wie mich die Zeichnungen in ihren Bann zogen. Heute würde ich sagen, sie fungierten für mich als eine Art Comic-Ersatz.

Ich wuchs unter Erwachsenen auf. Meine Eltern waren zu alt für Comic-Hefte. Geschwister hatte ich nicht und selbst Cousinen und Cousins gehörten einer anderen Generation an. So gab es bei uns daheim kein »Mosaik« – den Kult-Comic in der DDR.

Die Bildergeschichten von Wilhelm Busch faszinierten mich und ich hielt bei jeder Gelegenheit der Oma das Busch-Album unter die Nase, damit sie mir daraus vorlesen sollte. Es war ein schlichtes Taschenbuch mit grellgrünem Umschlag, in dem die populärsten Geschichten Wilhelm Buschs auf braunem Recyclingpapier abgedruckt waren. Neben der bekannten Bildergeschichte von »Max und Moritz« hörte ich gern von »Plitsch und Plum«, liebte »Hans Huckebein den Unglücksraben«, lachte über den »Bauer und sein Schwein«. Kurzum ich mochte das Buch. So sehr, dass ich es überall mit hinnahm, sogar in den Urlaub.

1980 – im Juni vor meiner Einschulung, ich war gerade sechs geworden – fuhren meine Eltern mit mir ins Vogtland. In dem Ferienheim war ich das einzige Kind, weil noch keine Sommerferien waren. Somit bekam ich die geballte Aufmerksamkeit nicht nur vom Personal, sondern auch von den andern Urlaubsgästen.

Zumeist saß ich mit den Erwachsenen nach dem Abendessen zusammen. Wie das in den Ferienheimen der DDR üblich war. An einem Abend hatte ich mein Busch-Album dabei und verkündete großspurig, dass ich daraus vorlesen wolle. Die Tischnachbarn meinten lächelnd, dass ich doch gar nicht lesen könne, weil ich noch nicht zur Schule ging. Ich war schon als Kind kommunikativ veranlagt und ließ mich nicht davon beirren. Ich schlug eine beliebige Seite auf und begann zu lesen.

Die Anwesenden machten verblüffte Gesichter. Sie fragten sich, wie eine Sechsjährige, die nie eine Schule von innen gesehen hatte, so fließend lesen konnte. Meine Eltern grinsten, weil sie wussten, dass ich die Verse aus dem Buch auswendig konnte. Sie sagten aber nichts und ließen mir meinen kleinen Auftritt.

Ob die Leute später dahinter gekommen sind, dass ich ihnen etwas vorgeflunkert hatte, kann ich nicht sagen. Aber ich kann mich deutlich daran erinnern, wie ich an dem Tisch mit dem weißen Tischtuch sitze, vor mir die Seite mit meiner Lieblingsgeschichte »Die beiden Schwestern«.

Heute bin ich mir sicher, dass das viele Vorlesen aus Büchern wie dem »Wilhelm Busch-Album« meinen Wortschatz vergrößerte und mir geholfen hat, in der Schule schneller Lesen zu lernen.

Übrigens habe ich den Beginn der Geschichte von den beiden Schwestern noch heute im Kopf:

 

»Es waren mal zwei Schwestern,

Ich weiß es noch wie gestern.

Die eine namens Adelheid

war faul und voller Eitelkeit.

Die andre, die hieß Käthchen

und war ein gutes Mädchen …«

 

Manche Dinge vergisst man eben nie mehr.

Überraschung zum Advent

In den nächsten Tagen dreht sich in meinem Blog alles um Bücher und Literatur. In diesem Jahr habe ich mir für die Adventszeit etwas Besonderes ausgedacht. Bis zum 24. Dezember öffne ich jeden Tag das virtuelle Türchen eines Adventskalenders.

Adventskalender begleiten mich seit jeher durch den Advent. Schon als Kind hatte ich jedes Jahr mindestens einen. Oftmals bastelte ich welche für mich oder für Freunde. Insofern sind Weihnachtskalender eine ebensolche Leidenschaft für mich wie das Schreiben für meinen Blog. Warum nicht das Schöne mit dem Nützlichen verbinden, denn ein Blog ist geradezu prädestiniert für einen Adventskalender.

Bücher begleiten uns durchs Leben. Diejenigen, die des Lesen mächtig sind und die Freude am Lesen haben, werden im Laufe ihres Lebens viele Bücher lesen, die sie inspirieren, die ihrem Leben eine neue Richtung verleihen oder die ihre Ansichten verändern. Bei mir war das nicht anders. Deshalb werde ich in den nächsten 24 Tagen all jene Bücher vorstellen, die mir wichtig sind, die mein Leben beeinflusst haben oder die mir in Erinnerung geblieben sind.

Da es enorm schwer war, aus den vielen Büchern, die ich bisher gelesen habe, 24 auszusuchen. So stehen beispielsweise mehr als 300 Star-Trek-Romane in meinem Regal, von PERRY RHODAN ganz zu schweigen. Auch von dem einen oder anderen Autor habe ich mehr als ein Buch gelesen. So beschränke ich mich auf ein Buch pro Autor oder Serie, auch wenn ich viel mehr gelesen habe.

Los gehts mit einem Buch, dass ich eigentlich gar nicht selbst gelesen habe. Zumindest nicht zu jener Zeit, denn da konnte ich noch nicht lesen.