Verwaiste Innenstädte

In meiner Heimatstadt läuft gerade eine Bürgerbefragung. Es geht um den Neubau eines Fachmarktzentrums auf brachliegenden Grundstücken in Bahnhofsnähe.

Der Bahnhof ist zu Fuß zwanzig Gehminuten vom Zentrum entfernt und liegt an einer stark befahrenen Bundesstraße. Solche Grundstücke sind für Handelsmärkte natürlich wie geschaffen. Nur gibt es dort in der Nähe wenig Wohnraum. Was daran liegt, dass das Bahnhofsgelände durch Bombenbeschuss im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört wurde und sich anschließend meist nur Industriebetriebe angesiedelt hatten, die die Wende nicht überlebten. In den letzten Jahren wurden dann mehrheitlich die meisten Ruinen abgerissen und auf den freigewordenen Flächen soll nun etwas Neues entstehen.

Geplant sind zirka zehn Fachmärkte, also Textil- und Schuhgeschäfte, ein Lebensmittel- und Elektronikfachmarkt sowie weitere Objekte wie Fitnesscenter und Sonnenstudio. Nun ist es nicht so, dass es das in Saalfeld nicht schon zur Genüge gäbe. Problem an der Geschichte ist vor allem, das die ansässigen Geschäfte in der Stadt zu Recht befürchten, noch mehr Kunden zu verlieren. Das Einkaufserlebnis der Innenstadt schrumpft sowieso schon seit Jahren, was nicht zuletzt an der Ansiedlung großer Verbrauchermärkte in den Industriegebieten außerhalb der Stadt liegt. Das geplante Fachmarktzentrum würde den verbliebenen Händlern wahrscheinlich den Todesstoß versetzten.

Dabei könnte man die freie Fläche für einen Neubau der Medizinischen Fachschule nutzen, die im oberen Teil der Stadt auf engstem Raum angesiedelt ist, und durch die die dortigen Anwohner mit ständig zugeparkten Straßen zu kämpfen haben. Oder aber für produzierendes Gewerbe und Industrie, das von der guten Verkehrsanbindung profitieren könnte. So würde auch sichergestellt, dass junge Menschen in der Stadt bleiben und nicht, wie bisher wegziehen. Die Einwohnerzahl schrumpft seit Jahren, schon jetzt beträgt die pro Kopf Verkaufsfläche das 1,5 fache zum Bundesdurchschnitt. Da sind noch mehr Läden nicht sinnvoll.

Ich kenne nur wenige Städte in Thüringen, die es besser gemacht haben. Ilmenau zum Beispiel. Die Stadt ist nicht nur deswegen attraktiv, weil sie Universitätsstadt ist, sondern weil es dort eben keine Fachmarktzentren und Großmärkte auf der „grünen Wiese“ gibt. Oberbürgermeister und Stadtrat haben dafür gesorgt, dass die vielen kleinen Geschäfte im Stadtkern erhalten geblieben sind. Die Bewohner und Studenten freut’s. Nicht für umsonst ist Ilmenaus Oberbürgermeister seit 1990 im Amt.

Viele Saalfelder Bürger sind gegen das vom Stadtrat beschlossenen Fachmarktzentrum und nun gibt es eine Bürgerbefragung. Doch was nützt diese noch, wenn die Grundstücke schon 2012 an den Investor verkauft wurden und der Bürgermeister offen sagt, das gebaut werde, egal wie die Bürgerbefragung ausgeht. Da frage ich mich doch ernsthaft, warum führt man die Befragung dann überhaupt durch? Um den Schein von Demokratie zu waren?

Ich habe dennoch abgestimmt. Und zwar mit NEIN.

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