Heimspiel für Alex

ad_konzertDas letzte Mal war ich auf einem Konzert irgendwann Anfang er 2000er. Damals hatte ich Karten für Vonda Shepard in München gewonnen. Die Sängerin war durch ihre Musik zur Fernsehserie »Ally McBeal« ziemlich bekannt und ich hörte sie damals sehr gerne. Seitdem hat es mich nicht mehr zu einem Konzert gezogen. Normalerweise ist es mir erstens zu laut und zweitens sind mir dort zu viele Leute. Das ich gestern Abend nach langer Zeit, doch wieder ein Konzert besucht habe, liegt an Alex Diehl. Jenem Sänger der es im November vergangenen Jahres mit seinem Protestsong »Nur ein Lied« nach den Anschlägen von Paris zu größerer Bekanntheit geschafft hat. Im Februar nahm er am deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest teil und wurde zweiter.

Als ich mitbekam, dass der Sänger aus meiner Wahlheimat Waging stammt, kaufte ich mir zunächst seinen Song und anschließend sein erstes Album und war fasziniert von der musikalischen Leistung des jungen Mannes. Er ist ein beeindruckender Mensch. Allen Widerständen zum Trotz hat sich Alex Diehl durchgekämpft, um das zu tun, was er immer tun wollte: als Musiker vor Publikum singen. Gestern Abend konnte ich mich nun live davon überzeugen, was für eine »Rampensau« er ist. Er überzeugt nicht nur mit seiner Stimme und den intelligenten Texten, sondern auch mit der musikalischen Performance und den Moderationseinlagen. Zu jedem der vorgetragenen Songs erzählte er ein wenig über die Entstehungsgeschichte und das mit so viel Authentizität, dass er die Zuschauer sofort in seinen Bann schlug.

Seine Bodenständigkeit ist auch dafür verantwortlich, dass er das Geld, das er mit »Nur ein Lied« verdient hat, Eins zu Eins an die Hilfsorganisation »Save the Children« gespendet hat. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem er das Geld selbst gut hätte gebrauchen können, da Sony seine zweites Album nicht produzieren wollte. Wenige Tage später kam der Erfolg mit »Nur ein Lied« und ab diesem Zeitpunkt standen die Plattenfirmen bei ihm Schlange. Er hat sich letztendlich für diejenige entschieden, die ebenfalls kein Geld mit dem Protestsong verdienen wollte. Alle Achtung, so viel Selbstlosigkeit muss man erstmal aufbringen.

Es war auch für den Künstler ein besonderes Konzert. Denn er spielte nicht vor gewöhnlichem Publikum, sondern auch vor Freunden und Familie. Sogar die beiden Omas waren anwesend. Erst mittendrin bekam ich mit, dass seine Eltern und seine Schwester direkt vor uns saßen. Kein Wunder, das Alex zu Beginn sagte, dass er ziemlich aufgeregt sei. Wovon man aber nicht viel gemerkt hat.

Beeindruckend war auch die Bandbreite der vorgetragenen Lieder, von Ballade bis rockiger Nummer war alles dabei. Das Publikum im Waginger Standkurhaus ging begeistert mit und forderte am Ende noch eine Zugabe.

Für mich war es ein gelungener Konzertabend, bei dem ich nicht nur tolle Musik zu hören bekam, sondern auch viel über den Künstler erfuhr. (So hörte ich ihn auch zum allerersten Mal bairisch reden.) Sein neues Album »Bretter meiner Welt« ist schon so gut wie gekauft.

Als wir nach 22 Uhr auf unseren Fahrrädern den Heimweg antraten, war es ziemlich frisch, aber ich war so euphorisch, dass mir das nicht mal etwas ausmachte.

Adult Coloring oder die Degeneration der Kreativität

Ich habe es getan … und heute Morgen ein Malbuch für Erwachsene gekauft.

Der Trend ist ja nicht mehr ganz so neu und bisher habe ich dem auch wiederstehen können. Aber bei dem Ansturm, den ich im Discounter miterleben durfte, konnte ich nicht zurückstehen. Manche der durchweg weiblichen Kundschaft packten zehn bis zwanzig Malbücher in den Einkaufswagen. Da staunte ich nicht schlecht. Niemals hätte ich gedacht, dass der Trend, den es seit 2013 bereits in Großbritannien und der USA gibt, auch in Deutschland so erfolgreich ist. Und der nicht nur den hiesigen Stiftproduzenten, sondern auch dem Buchmarkt zweistellige Zuwachsraten beschert.

Gibt es tatsächlich auch bei uns Erwachsene, die sich hinsetzen und ein Buch ausmalen? Scheinbar schon, wenn ich sehe, wie umlagert die Auslage mit den Malbüchern war.

Als Kind habe ich es geliebt. Malbücher gab es auch in der DDR, wenn auch nicht in großer Fülle. Auf den organisierten Festen im Ort gab es Malstraßen bei denen ich mir stets ein bedrucktes Blatt Papier holte und stundenlang ausmalte, während sich meine Eltern in Ruhe unterhalten und ein Bier trinken konnten. Doch spätestens als ich größer wurde, war mir ausmalen einfach zu langweilig. Lieber zeichnete ich meine Lieblingsmotive selbst (meistens Pferde, später Porträts meiner Lieblings-Schauspieler und -Sänger).

Wie kommt es, dass sich erwachsene Menschen dafür begeistern können, vorgezeichnete Bilder auszumalen? Entspannung ist eine Antwort, kann aber nicht die einzige sein, denn das gibt es schon seit Jahrzehnten in Form von Mandalas. Sicher ist die Konzentration beim Ausmalen entspannend, aber das ist sie beim Stricken, Häkeln und Perlen auch. Das kenne ich aus eigener Erfahrung. Nichts entspannt mich mehr, als mit etwas Draht und Glasperlen kleine Kunstwerke zu erschaffen oder auch nur die Perlen zu sortieren. Dazu ist keine große Gedankenleistung erforderlich, man ist nur auf sich und die Tätigkeit fokussiert.

Ich sehe bei dem Ausmaltrend noch einen zweiten sehr zeittypischen Grund. Ausmalen erfordert kein großes Können. Man erzielt Erfolge ohne sich anzustrengen. Vieles im Leben wird uns von Technik abgenommen und vereinfacht, Orientierung, Motorik, manchmal sogar Denken. Wir müssen uns bei vielem nicht mehr anstrengen. Die Kreativität bleibt zwar nicht völlig auf der Strecke, aber sie wird zu einer »Kreativität light«. Und am Ende kommt es noch besser. Man kann diese »Erfolge« ganz neumodisch im Internet mit anderen teilen. Unter dem Motto: »Schaut her, was ich Tolles geleistet habe« darf man sich dann in der Bewunderung der anderen sonnen.

Ich gehöre jetzt also auch zu diesen Menschen. Denn ich habe mich dazu verleiten lassen auch so ein Malbuch zu kaufen. Obwohl ich das nicht nötig habe und eigentlich jede Form eingeschränkter Kreaktivität ablehne. Es ist zumindest kein typisches Malbuch, sondern eines, in dem man für die Konturen erst noch Zahlen verbinden muss. Ja, das hört sich noch weniger kreativ an. Es ist ein Selbstversuch. Denn ich möchte unbedingt wissen, ob die Tätigkeit genauso entspannend ist, wie wenn ich mit meinen Buntstiften selbst ein Bild male. So wie die beiden Zeichnungen die einst das Cover der »Starbase 18« zierten.

Ausflug zum Tegernsee

Am Montag war ich von einem meiner Kunden (meinem Arbeitgeber, quasi) zu einem Betriebsausflug an den Tegernsee eingeladen.

Ich fuhr mit der Bahn ziemlich früh los, um zum vereinbarten Zeitpunkt dort zu sein. Das klappte auch ganz gut, wenngleich die häufigen Umstiege und die dahin zuckelnden Regionalbahnen etwas nervig waren.

Für einen Septembertag herrschte traumhaftes Sommerwetter. Bereits vormittags war es angenehm warm und die Sonne schien. Wir starteten zu einem Segway-Ausflug, bei dem alle viel Spaß hatten. Ich habe das schon vor zwei Jahren mal gemacht und bin immer wieder von der Art der Fortbewegung begeistert. Rund zwanzig Kilometer fuhren wir von Tegernsee nach Rottach-Egern und zurück. Die Strecke führte auch am See entlang, aber viele Abschnitte legten wir auf der Straße zurück, was ich nicht so toll fand. Autos, Radfahrer und Fußgängern zusammen mit der Gewöhnung an das Segway-Fahren, forderte hohe Konzentration. So bekam ich von der schönen Umgebung nur wenig mit. Die Gegend ist recht mondän, was Häuser, Autos und Geschäfte angeht. Da spürte man geradezu das Geld, das sich dort konzentriert.

Nach der anstrengenden Fahrt, meine Füße litten am Ende unter Durchblutungsstörungen, kehrten wir in Tegernsee in einer bekannten Gastwirtschaft am See ein. Es gab bayrische Schmankerl und nach dem Essen verbrachten wir noch eine Stunde bei großer Hitze am See.

Anschließend besichtigten wir die Büttenpapierfabrik in Gmund. Das Ausflugsziel war nicht ohne Grund gewählt, denn die Papierfabrik zählt zu den Firmenkunden. So bekam ich zum ersten Mal eines der Farbmessgeräte, die ich mitentwickle, an seinem Bestimmungsort zu Gesicht: am Ende der Papierbahn einer Papiermaschine. In gut zwei Stunden erfuhren wir alles über die Herstellung von qualitativ hochwertigem Papier. Die Technik und die vielen bunten Papierrollen waren beeindruckend. Die produzieren dort eine sechsstellige Zahl an Papiersorten, unter anderem auch das Papier für die Umschläge, die bei der Oscar-Verleihung eingesetzt werden.

Dennoch war es sehr heiß und meine Beine fühlte sich am Ende wie Gummi an. Ich war echt froh, mich wieder auf den Heimweg machen zu können. Und so fuhr ich um halb fünf von Gmund wieder mit der Bahn nach Hause, wo ich drei Stunden später ankam.

Es war ein sehr schöner Tag, aber auch unheimlich anstrengend, vor allem wegen der hochsommerlichen Temperaturen.

Vielen Dank an Chef und Kollegen, dafür das ich dabeisein durfte.

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Gottesdienst vom Beckenrand

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25-Meter Privatpool

Weil heute morgen das schönste Sommerwetter war, nutzten wir zum letzten Mal in diesem Jahr die Gelegenheit das Freibad in Bergen zu besuchen. Ich erzählte bereits im vergangenen Jahr von dem urigen Bad am Fuße des Hochfelln.

Als wir nach Zehn ankamen, waren nur eine Handvoll Besucher im Bad. Die Rentnerinnen packten gerade ihre Sachen und das 25-Meter-Becken lag leer und verlockend vor uns. Ich liebe solche Umstände, das ist fast so, als schwämme man in einem privaten Pool.

Heute hatten die Bademeister ein Radio am Beckenrand aufgestellt. Als ich ins Wasser stieg, bemerkte ich, das der Sonntagsgottesdienst auf Bayern 1 lief. Ehrlich, es war schon etwas verstörend zu Predigt und Chorälen seine Bahnen durchs Schwimmbecken zu ziehen. Ich bekam ja nur die Hälfte mit, weil ich beim Brustschwimmen mehr unter Wasser, als über Wasser schwimme. Aber beim Verschnaufen am Beckenrand musste ich das in vollem Umfang über mich ergehen lassen. Irgendwann hat der Bademeister das Radio weggeräumt und auf der Außenbahn einem Mädchen die Prüfung zum Schwimmabzeichen abgenommen, während Eltern und Schwester stolz vom Beckenrand zusahen.

Wir sahen ebenfalls zu, ließen uns von der Sonne trocknen und tauchten dann noch einmal selbst für ein paar Runden ab, bevor wir gegen Mittag wieder nach Hause fuhren. Solche entspannten Freibadbesuche sind selten. Für mich war es, trotz der akustischen Untermalung, ein versöhnlicher Abschluss einer durch das schlechte Wetter spät gestarteten Badesaison.

Bildlicher Nachtrag zu Wolfenbüttel

Nachdem ich in den letzten Blogbeiträgen ausschließlich vom Seminar geschwärmt habe, möchte ich an dieser Stelle auch noch etwas zum Veranstaltungsort sagen.

Ich wiederhole mich gern. Wolfenbüttel ist eine tolle Stadt. Das hatte ich bereits bei meinem ersten Besuch festgestellt. Für solch schöne historische Architektur fahre ich gern durch die ganze Republik. Die alten Fachwerkhäuser und die Prachtbauten bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen zu erleben, war noch einmal etwas anderes. Auch wenn die Baumaßnahmen in der Fußgängerzone, der Schönheit einen kleinen Flecken verlieh, aber das ist ja nur temporär. Zum ersten Mal war ich in den Räumen im Schloss und war wie jeder Teilnehmer dankbar dafür. Denn hier war es nicht so drückend heiß wie draußen oder im Mühlenfoyer.

Das Gästehaus der Bundesakademie die »Schünemannsche Mühle« hinterlässt bei mir jedes Mal einen guten Eindruck. Der Kontrast zwischen der schlichten und modernen Einrichtung und dem alten Gemäuer fasziniert. Das Personal ist stets freundlich, die Verpflegung ausgezeichnet und ich hatte nach dem dritten Besuch tatsächlich das Gefühl nach Hause zu kommen. Fürs nächste Mal wünsche ich mir ein Zimmer zum Fluß hin.

Nur die berühmte Bibliothek in Wolfenbüttel konnte ich leider immer noch nicht besuchen, dafür muss ich wohl mal einen Tag dranhängen.

Hier noch ein paar Fotoimpressionen.

Das Schloß am Abend
Das Schloß am Abend
Das Schloss bei Tag
Das Schloss bei Tag
Im Schlosshof
Im Schlosshof
Fachwerk in der Fußgängerzone
Fachwerk in der Fußgängerzone

Das self-made Board

Ein Freund von mir lernt gerade Skateboard-Fahren, als Recherche für einen Roman. Da fiel mir ein, dass ich auch mal so ein Ding besaß. Meine Skateboard-Phase ist allerdings schon lange vorbei. Ich weiß nicht mehr wann, aber es war wohl Mitte-Ende der Achtziger, als das auch in der DDR aufkam. Natürlich war für uns so ein Board unerreichbar, zumindest für diejenigen, die nicht über großzügige Westverwandtschaft verfügten.

Fest stand, ich wollte auch so ein Board. Doch woher bekommen? Die Westverwandtschaft fiel aus und so war eben Improvisation gefragt. Eine Fähigkeit, über die fast jeder DDR-Bürger verfügte, bzw. verfügen musste. Ich kramte meine alten Rollschuhe hervor, die man sich an die Schuhe schnallen konnte und bat meinen Vater mir ein Stück Sperrholz zurecht zuschneiden. Welches ich dann hingebungsvoll abschliff und mit roter Farbe anmalte, die ich bei meinem Vater in der Werkstatt fand. Ich glaube, es war Lack von seinem alten Trabant.

Dann zerlegte ich einen Rollschuh in alle Einzelteile und versuchte die Rollen ans Brett zu schrauben. Das funktionierte leider nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Aber mein Vater hatte eine Idee und nahm die Rollen und das Brett mit zur Arbeit. Ein Kollege war Schweißer und der schweißte die Halterung mit den Rollen auf zwei Metallplatten und schraubte sie an.

Mit den Worten: »Damit wird deine Tochter öfter mal auf die Nase fallen.«, händigte er es meinem Vater aus. Mir war das egal. Ich war jung und hinfallen gehörte dazu. Hauptsache ich hatte ein Skateboard und rollte damit in unseren Hof herum. Es war zwar etwas wackelig, das förderte aber den Gleichgewichtssinn. Es gab nur ein winziges Problemchen: Das Ding fuhr nicht geradeaus, weil die Rollen nicht präzise genug ausgerichtet, bzw. angeschraubt waren. Wenn ich damit herumrollte, beschrieb es immer einen Bogen.

Gestern habe ich das alte Ding herausgekramt und war überrascht, wie winzig es ist. Zu einem richtigen Skateboard fehlte mir damals offensichtlich der Vergleich. Aber rollen tut es noch. Ich habe mich nur nicht getraut, mich ganz daraufzustellen, weil ich heute doch ein paar Kilo mehr wiege als damals, und ich so meine Bedenken habe, ob das rostige Metall das aushält.

Auf alle Fälle ist es eine schöne Erinnerung, die ich zusammen mit dem Board noch ein bisschen länger bewahren werde.

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Beim Online-Riesen

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Logistikzentrum Graben

Heute morgen war ich bei Amazon. Nein, nicht im Internet, sondern im Amazon Logistikzentrum Graben.

Hin und wieder bietet Amazon Führungen durch seine Logistikzentren an. Den heutigen Termin buchte ich bereits vor einem Jahr, die Plätze sind stark beschränkt. Ich habe die lange Wartezeit aber nicht bereut, denn es war sehr interessant und ich habe viele neue Dinge erfahren. Vor allem habe ich jetzt eine Vorstellung davon, was passiert, nachdem ich im Amazon-Shop auf »Kaufen« geklickt habe.

Es ist schon beeindruckend, wie so ein Versandriese funktioniert und in welchen Dimensionen das abläuft. Auf einer Fläche von 17 Fußballfeldern erstrecken sich die Hallen in Graben. Aber nicht nur von den Räumlichkeiten her, sondern auch von der Software, die hinter allem steht und über alles wacht. Dennoch arbeiten über 1000 Leute allein im Logistikzentrum Graben. Und sie haben mehrfach direkten Kontakt zu den bestellten Produkten. Da ist kein Roboter, der den Artikel im Lager verstaut oder herausholt. Alles geschieht allein durch Menschen. Geführt wurden wir von einer jungen Frau, die vom Standort Leipzig aus für den Besucherkontakt zuständig ist. Sie klappert die jeweiligen Standorte ab und kümmert sich um Führungen oder um das Training des Personals.

Die Lagerhallen mit unzähligen Regalen, gefüllt in chaotischer Lagerhaltung, sind beeindruckend. Man kommt sich vor wie in einem Kaufhaus oder einer Bibliothek. Denn es ist nicht immer so, das unterschiedliche Warengruppen zusammen in einem Fach liegen. Ich habe Regale gesehen, die ausschließlich Bücher oder Textilien enthielten. Laut unserer Führerin gibt es in Graben sogar einen Pick-Tower nur für Schuhe. Relativ neu ist auch die Abteilung für Nahrungsmittel. Die Regale sind natürlich alle nach Level, Reihe und Stapel nummeriert und die Fächer tragen Buchstaben. Alles ist überall mit Schildern ausgestattet sogar der Boden. Ich glaube, dass ein Laminiergerät zu den wichtigsten Utensilien in einem Amazon-Logistikzentrum gehört, so viele laminierte Ausdrucke wie ich in den zwei Stunden dort gesehen habe. Es gibt übrigens auch ein Energiemanagement. Die Beleuchtung in den Regalen schaltet sich automatisch an und aus, je nachdem ob sich jemand dort befindet oder nicht. Die Klimaanlage wurde nachgerüstet, scheint aber ihre Arbeit zu vollrichten, denn es war nicht übermäßig warm.

Relativ erschlagen fühlte ich mich von den vielen englischen Begriffen, mit denen die junge Frau um sich warf, die uns führte. Von Inbound bis Outbound spricht man von Stow und Pick; von Amnesty Bin und Damage Bin; von Rebin und Totes (nein, damit ist nichts Verstorbenes gemeint). Bis hin zum Pack folgt alles der amerikanischen Firmenphilosophie, damit weltweit jeder Mitarbeiter jeden versteht. Immerhin arbeiten allein bei Amazon Deutschland Menschen aus 150 verschiedenen Nationen. Das Sprachkuddelmuddel aus Englisch und Deutsch ist ziemlich verwirrend, wenn man zum ersten Mal damit konfrontiert wird. Die Einlernphase bei Amazon dauert einen Tag, danach ist man auf sich allein gestellt. Aber es gibt sogenannte Leader an die man sich wenden kann, wenn man mal nicht klar kommt. Ein Totes ist übrigens eine gelbe Kiste, die bis maximal 15 kg mit Produkten beladen werden darf und die dann auf Wagen oder Laufbändern quer durch die Hallen bewegt wird. Ein Damage Bin ist ein Regalfach in dem sichtbar defekte Produkte abgelegt werden und in ein Amnesty Bin kommen Produkte, die aus einem Regal gefallen sind oder aus welchen Gründen auch immer herumliegen. Bevor die fertigen Pakete ins Outbound gehen, werden sie nochmal gewogen, der Strichcode gescannt und mit dem Gesamtgewicht der bestellten Artikel verglichen. Stimmt hier etwas nicht, gehen sie wieder zurück. Bis zu diesem Schritt können auch Stornierungen berücksichtig werden. Sollte der Kunde die Bestellung inzwischen storniert haben, geht das Paket zurück. Der Artikel wird aus der Verpackung genommen, mit anderen Artikeln in eine Box gelegt und wieder ins System eingebracht. Artikel bei denen nur die Hülle beschädigt ist, werden als Warehousedeals im Amazon-Shop angeboten.

In der Vergangenheit gab es immer wieder kritische Töne zu Amazon, zu den Tarifverträgen und den Arbeitsbedingungen. Ich fand jetzt nicht, das die Leute in Graben unglücklich aussahen. Amazon zahlt selbst Saisonkräften das gleiche, wie festangestellten Arbeitern. Es wird im zwei-Schichtbetrieb gearbeitet und Sonntag ist frei (Etwas das leider nicht in allen Amazon-Standorten der Welt so ist.) Es gibt Bonuszahlungen, zusätzliche Zahlungen für Frauen im Mutterschutz und in der Elternzeit, kostenlose Getränke, eine Kantine, in der vor Ort gekocht wird und andere Annehmlichkeiten wie Betriebsrente und kostenlose Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherungen. Der Basislohn liegt mit 10,40 EUR die Stunde über dem Mindestlohn und steigt nach 24 Monaten auf 13,40 EUR. Außerdem steht jedem Mitarbeiter frei, sich zu qualifizieren, ohne das danach geschaut wird, ob er über die notwenigen Zeugnisse verfügt.

Also kann ich so eine Besichtigung bei Amazon echt empfehlen. Wer wissen will, wie das bei Amazon läuft und wie die Arbeitsverhältnisse wirklich sind, sollte sich das mal ansehen. Buchen kann man die Touren bei Amazon-besuchen.

Hier noch ein Clip der auch einen Teil der englischen Begriffe erklärt.

Nicht sprachassimiliert

Siebzehn Jahre lebe ich jetzt schon in Bayern – mehr oder weniger. Wenn ich die drei Jahre in Oberfranken noch einrechne, in denen ich Praktikum und Lehre absolvierte, komme ich sogar auf zwanzig. (Einige werden widersprechen, dass Franken ja eigentlich nicht zu Bayern gehört. Nun, geografisch schon.)

Zwanzig Jahre, das ist fast die Hälfte meines Lebens, die ich in einem »fremden« Dialektraum gelebt habe. Meine eigene Aussprache hat sich dahingehend geändert, dass ich heute eher hochdeutsch rede. Außer wenn ich wieder in der alten Heimat bin. Was meinen Mann dann immer amüsiert, wenn das Thüringische plötzlich aus mir herausbricht. Eines habe ich in den Jahren in Bayern nicht gelernt und das ist Bairisch reden. A will ich es nicht und b kann ich es auch nicht. Das würde niemals authentisch klingen und deshalb lasse ich es auch lieber. Mein Mann, der zumindest zum Teil hier aufgewachsen ist, beherrscht sehr gut im Beisein von Bayern bairisch zu reden. Was mich immer total fasziniert, wie er dass auf Knopfdruck umschalten kann. Aber er ist sowieso von uns beiden das Sprachtalent. Weshalb er auch immer an der Schwimmbadkasse bezahlen muss. (Die haben einen Einheimischen-Tarif.)

Jedoch habe ich mir angewöhnt mit »Grüß Gott« und »Servus« zu grüßen. Was immer dann seltsam ist, wenn ich wieder in Thüringen bin und ich mich im letzten Moment zusammenreißen muss, um ein »Guten Tag« herauszuquetschen statt eines »Grüß Gott«. Und vielleicht rutscht mir hin und wieder ein »Na« statt eines »Nein« raus, aber mehr bairischen Dialekt wird man nicht von mir hören, wenn ich in ein Geschäft gehe oder im Restaurant eine Bestellung aufgebe.

Aufgefallen ist mir das erst wieder am Montag, als ich in die Verlegenheit kam, das weiße Sakko meines Mannes in der Reinigung abzugeben. Normalerweise wasche ich alles selbst, aber an ein Leinensakko traue ich mich nicht heran. Somit besuchte ich zum ersten Mal die hiesige Reinigung. Die Dame hörte sich alles an und schrieb dann den Auftragszettel. Bei der Adresse sah sie auf und fragte mich: »Bei wem sind Sie denn zu Gast?« Ich war einen Moment lang perplex, die Dame dachte, ich wäre ein Feriengast. Daraufhin antwortete ich ihr, dass ich hier wohne. Sie blickte mich erstaunt an und meinte: »Ach, tatsächlich! Da gebe ich ihnen gleich mal unseren Flyer mit, was wir sonst noch alles so machen.«

Keine zehn Minuten später im Fahrradladen, in dem ich vor zwei Jahren mein Fahrrad gekauft hatte. Die Bremsen waren hinüber und ich wollte sie getauscht haben. Ich erklärte das dem Herrn, worauf der zu mir sagte: »Tja junge Frau, da haben wir ein Problem?« Ich guckte etwas irritiert aus der Wäsche und fragte, worin das Problem bestünde. Er meinte, dass er momentan nur Eigenräder repariert, also Fahrräder die hier im Geschäft gekauft wurden. Auf meinen Einwand, dass ich das Rad bei ihm persönlich gekauft habe, reagierte er mit einem erstaunten: »Ach, tatsächlich!«.

Ich bin also nicht durch den bairischen Dialekt assimiliert worden, was ich weder gut noch schlecht finde. Ich denke, dass muss jeder selbst mit sich ausmachen. Die Hauptsache ist doch, das man authentisch bleibt. Auch hat es nichts damit zu tun, ob man sich nun zugehörig fühlt oder nicht. Warum sollte ich jemandem mittels Dialekt beweisen müssen, dass ich mich dort wohlfühle, wo ich wohne? Damit würde ich mir und den anderen nur etwas vormachen. Und letztendlich ist man da zu Hause, wo die Liebsten sind. Unabhängig davon, wo man geboren und aufgewachsen ist.

Bilder aus einer fiktiven Zukunft

Quelle: simonstalenhagen.se
Quelle: simonstalenhag.se

Vom schwedischen Künstler Simon Stalenhag hatte ich bisher noch nie gehört, dabei malt er genau die Art fotorealistische Bilder, die mich beeindrucken. In der Galerie auf seiner Internetseite kann man sich die Gemälde zum einen als Ganzes ansehen, aber auch in Auschnitten. Erst in den Details nimmt man wahr, dass es sich um ein Gemälde handelt und nicht um eine Fotografie.

Das Thema seiner Bilder ist höchst ungewöhnlich. Sie zeigt die Menschheit nach einer Alieninvasion. Die verrottenden Reste von Kampfrobotern, die wie Comicfiguren aussehen, oder abgestürzte Raumschiffe wirken wie Fremdkörper in den Landschaften. Ebenso wie die Menschen auf seinen Bildern, mit einer Art Virtual Reality Brillen ausgestattet, stehen sie wie Zombies in einer sehr realistisch aussehenden Kulisse. Die Ansichten sind mitunter befremdlich, ja bedrohlich. Wie der Junge der auf seinen Teddybären schießt. Im Hintergrund eine schlichte Neubausiedlung, wie es sie zu tausenden in Europa gibt.

Simon Stalenhagens Kunstwerke zeigen vertrautes und fremdes nebeneinander und setzten sich im Gedächtnis fest. Er wirft einen Blick in eine SF-Welt, die unserer Realität sehr nahe ist, aber dennoch verstört. Der ungehörte Detailreichtum seiner Bilder verstärkt diesen Eindruck.