Beim Online-Riesen

AmazonGraben
Logistikzentrum Graben

Heute morgen war ich bei Amazon. Nein, nicht im Internet, sondern im Amazon Logistikzentrum Graben.

Hin und wieder bietet Amazon Führungen durch seine Logistikzentren an. Den heutigen Termin buchte ich bereits vor einem Jahr, die Plätze sind stark beschränkt. Ich habe die lange Wartezeit aber nicht bereut, denn es war sehr interessant und ich habe viele neue Dinge erfahren. Vor allem habe ich jetzt eine Vorstellung davon, was passiert, nachdem ich im Amazon-Shop auf »Kaufen« geklickt habe.

Es ist schon beeindruckend, wie so ein Versandriese funktioniert und in welchen Dimensionen das abläuft. Auf einer Fläche von 17 Fußballfeldern erstrecken sich die Hallen in Graben. Aber nicht nur von den Räumlichkeiten her, sondern auch von der Software, die hinter allem steht und über alles wacht. Dennoch arbeiten über 1000 Leute allein im Logistikzentrum Graben. Und sie haben mehrfach direkten Kontakt zu den bestellten Produkten. Da ist kein Roboter, der den Artikel im Lager verstaut oder herausholt. Alles geschieht allein durch Menschen. Geführt wurden wir von einer jungen Frau, die vom Standort Leipzig aus für den Besucherkontakt zuständig ist. Sie klappert die jeweiligen Standorte ab und kümmert sich um Führungen oder um das Training des Personals.

Die Lagerhallen mit unzähligen Regalen, gefüllt in chaotischer Lagerhaltung, sind beeindruckend. Man kommt sich vor wie in einem Kaufhaus oder einer Bibliothek. Denn es ist nicht immer so, das unterschiedliche Warengruppen zusammen in einem Fach liegen. Ich habe Regale gesehen, die ausschließlich Bücher oder Textilien enthielten. Laut unserer Führerin gibt es in Graben sogar einen Pick-Tower nur für Schuhe. Relativ neu ist auch die Abteilung für Nahrungsmittel. Die Regale sind natürlich alle nach Level, Reihe und Stapel nummeriert und die Fächer tragen Buchstaben. Alles ist überall mit Schildern ausgestattet sogar der Boden. Ich glaube, dass ein Laminiergerät zu den wichtigsten Utensilien in einem Amazon-Logistikzentrum gehört, so viele laminierte Ausdrucke wie ich in den zwei Stunden dort gesehen habe. Es gibt übrigens auch ein Energiemanagement. Die Beleuchtung in den Regalen schaltet sich automatisch an und aus, je nachdem ob sich jemand dort befindet oder nicht. Die Klimaanlage wurde nachgerüstet, scheint aber ihre Arbeit zu vollrichten, denn es war nicht übermäßig warm.

Relativ erschlagen fühlte ich mich von den vielen englischen Begriffen, mit denen die junge Frau um sich warf, die uns führte. Von Inbound bis Outbound spricht man von Stow und Pick; von Amnesty Bin und Damage Bin; von Rebin und Totes (nein, damit ist nichts Verstorbenes gemeint). Bis hin zum Pack folgt alles der amerikanischen Firmenphilosophie, damit weltweit jeder Mitarbeiter jeden versteht. Immerhin arbeiten allein bei Amazon Deutschland Menschen aus 150 verschiedenen Nationen. Das Sprachkuddelmuddel aus Englisch und Deutsch ist ziemlich verwirrend, wenn man zum ersten Mal damit konfrontiert wird. Die Einlernphase bei Amazon dauert einen Tag, danach ist man auf sich allein gestellt. Aber es gibt sogenannte Leader an die man sich wenden kann, wenn man mal nicht klar kommt. Ein Totes ist übrigens eine gelbe Kiste, die bis maximal 15 kg mit Produkten beladen werden darf und die dann auf Wagen oder Laufbändern quer durch die Hallen bewegt wird. Ein Damage Bin ist ein Regalfach in dem sichtbar defekte Produkte abgelegt werden und in ein Amnesty Bin kommen Produkte, die aus einem Regal gefallen sind oder aus welchen Gründen auch immer herumliegen. Bevor die fertigen Pakete ins Outbound gehen, werden sie nochmal gewogen, der Strichcode gescannt und mit dem Gesamtgewicht der bestellten Artikel verglichen. Stimmt hier etwas nicht, gehen sie wieder zurück. Bis zu diesem Schritt können auch Stornierungen berücksichtig werden. Sollte der Kunde die Bestellung inzwischen storniert haben, geht das Paket zurück. Der Artikel wird aus der Verpackung genommen, mit anderen Artikeln in eine Box gelegt und wieder ins System eingebracht. Artikel bei denen nur die Hülle beschädigt ist, werden als Warehousedeals im Amazon-Shop angeboten.

In der Vergangenheit gab es immer wieder kritische Töne zu Amazon, zu den Tarifverträgen und den Arbeitsbedingungen. Ich fand jetzt nicht, das die Leute in Graben unglücklich aussahen. Amazon zahlt selbst Saisonkräften das gleiche, wie festangestellten Arbeitern. Es wird im zwei-Schichtbetrieb gearbeitet und Sonntag ist frei (Etwas das leider nicht in allen Amazon-Standorten der Welt so ist.) Es gibt Bonuszahlungen, zusätzliche Zahlungen für Frauen im Mutterschutz und in der Elternzeit, kostenlose Getränke, eine Kantine, in der vor Ort gekocht wird und andere Annehmlichkeiten wie Betriebsrente und kostenlose Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherungen. Der Basislohn liegt mit 10,40 EUR die Stunde über dem Mindestlohn und steigt nach 24 Monaten auf 13,40 EUR. Außerdem steht jedem Mitarbeiter frei, sich zu qualifizieren, ohne das danach geschaut wird, ob er über die notwenigen Zeugnisse verfügt.

Also kann ich so eine Besichtigung bei Amazon echt empfehlen. Wer wissen will, wie das bei Amazon läuft und wie die Arbeitsverhältnisse wirklich sind, sollte sich das mal ansehen. Buchen kann man die Touren bei Amazon-besuchen.

Hier noch ein Clip der auch einen Teil der englischen Begriffe erklärt.

5 thoughts on “Beim Online-Riesen

  1. Die schlechten Berichte kommen ja nicht von ungefähr. Das man das bei einer geführten Tour nicht sieht, glaub ich gerne.

    Größter Fakt bleibt für mich, das die Läden vor Ort durch solche Riesen gefährdet werden. Darum kaufe ich vor Ort und freue mich, wenn ich als Stammkunde erkannt und behandelt werde. Der menschliche Kontakt ist mir wichtig.

    1. Da kannst du dich glücklich schätzen, wenn es bei dir noch Läden gibt, in denen man das gesuchte bekommt. Bei uns auf dem Land tut man sich inzwischen schwer überhaupt noch Drogerie-Artikel geschweige denn Bücher und DVD’s zu bekommen. Von SF-Büchern und PR-Heften ganz zu schweigen. Ich stimme dir ja grundsätzlich zu und ich kaufe auch nicht alles bei Amazon, aber bei manchen Dingen kommt man einfach nicht drumrum.

    2. … Die kleinen Läden vor Ort werden vor allem durch eines gefährdet – durch die irrsinnig hohen Mieten. Das ist zumindest meine Beobachtung. Ich hätte auch gern einen kleinen Perlenladen, aber so lange man für 18 qm 1000 Euro Ladenmiete zahlen soll (auf dem Land wohlgemerkt), fällt das flach. So viel kann man gar nicht verkaufen, um zu überleben.

  2. Danke für diesen Bericht :) Ich denke aber auch, dass Amazon wegen der Kritik in den Medien viel getan hat, um die Bedingungen zu verbessern. Das mit den Mieten sehe ich auch so. Wenn ich dann die vielen leeren Läden sehe, frage ich mich ernsthaft, warum das hier nicht mal durch den Markt geregelt wird und die Mieten sinken.

  3. Warum habe ich 2002 angefangen, bei Amazon einzukaufen? Weil es die Sachen, die ich haben wollte, bei meinen lokalen Händlern schlicht nicht gab. Also zu einem Zeitpunkt, als Amazon noch längst nicht den heutigen Stellenwert hatte.

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