Nicht sprachassimiliert

Siebzehn Jahre lebe ich jetzt schon in Bayern – mehr oder weniger. Wenn ich die drei Jahre in Oberfranken noch einrechne, in denen ich Praktikum und Lehre absolvierte, komme ich sogar auf zwanzig. (Einige werden widersprechen, dass Franken ja eigentlich nicht zu Bayern gehört. Nun, geografisch schon.)

Zwanzig Jahre, das ist fast die Hälfte meines Lebens, die ich in einem »fremden« Dialektraum gelebt habe. Meine eigene Aussprache hat sich dahingehend geändert, dass ich heute eher hochdeutsch rede. Außer wenn ich wieder in der alten Heimat bin. Was meinen Mann dann immer amüsiert, wenn das Thüringische plötzlich aus mir herausbricht. Eines habe ich in den Jahren in Bayern nicht gelernt und das ist Bairisch reden. A will ich es nicht und b kann ich es auch nicht. Das würde niemals authentisch klingen und deshalb lasse ich es auch lieber. Mein Mann, der zumindest zum Teil hier aufgewachsen ist, beherrscht sehr gut im Beisein von Bayern bairisch zu reden. Was mich immer total fasziniert, wie er dass auf Knopfdruck umschalten kann. Aber er ist sowieso von uns beiden das Sprachtalent. Weshalb er auch immer an der Schwimmbadkasse bezahlen muss. (Die haben einen Einheimischen-Tarif.)

Jedoch habe ich mir angewöhnt mit »Grüß Gott« und »Servus« zu grüßen. Was immer dann seltsam ist, wenn ich wieder in Thüringen bin und ich mich im letzten Moment zusammenreißen muss, um ein »Guten Tag« herauszuquetschen statt eines »Grüß Gott«. Und vielleicht rutscht mir hin und wieder ein »Na« statt eines »Nein« raus, aber mehr bairischen Dialekt wird man nicht von mir hören, wenn ich in ein Geschäft gehe oder im Restaurant eine Bestellung aufgebe.

Aufgefallen ist mir das erst wieder am Montag, als ich in die Verlegenheit kam, das weiße Sakko meines Mannes in der Reinigung abzugeben. Normalerweise wasche ich alles selbst, aber an ein Leinensakko traue ich mich nicht heran. Somit besuchte ich zum ersten Mal die hiesige Reinigung. Die Dame hörte sich alles an und schrieb dann den Auftragszettel. Bei der Adresse sah sie auf und fragte mich: »Bei wem sind Sie denn zu Gast?« Ich war einen Moment lang perplex, die Dame dachte, ich wäre ein Feriengast. Daraufhin antwortete ich ihr, dass ich hier wohne. Sie blickte mich erstaunt an und meinte: »Ach, tatsächlich! Da gebe ich ihnen gleich mal unseren Flyer mit, was wir sonst noch alles so machen.«

Keine zehn Minuten später im Fahrradladen, in dem ich vor zwei Jahren mein Fahrrad gekauft hatte. Die Bremsen waren hinüber und ich wollte sie getauscht haben. Ich erklärte das dem Herrn, worauf der zu mir sagte: »Tja junge Frau, da haben wir ein Problem?« Ich guckte etwas irritiert aus der Wäsche und fragte, worin das Problem bestünde. Er meinte, dass er momentan nur Eigenräder repariert, also Fahrräder die hier im Geschäft gekauft wurden. Auf meinen Einwand, dass ich das Rad bei ihm persönlich gekauft habe, reagierte er mit einem erstaunten: »Ach, tatsächlich!«.

Ich bin also nicht durch den bairischen Dialekt assimiliert worden, was ich weder gut noch schlecht finde. Ich denke, dass muss jeder selbst mit sich ausmachen. Die Hauptsache ist doch, das man authentisch bleibt. Auch hat es nichts damit zu tun, ob man sich nun zugehörig fühlt oder nicht. Warum sollte ich jemandem mittels Dialekt beweisen müssen, dass ich mich dort wohlfühle, wo ich wohne? Damit würde ich mir und den anderen nur etwas vormachen. Und letztendlich ist man da zu Hause, wo die Liebsten sind. Unabhängig davon, wo man geboren und aufgewachsen ist.

6 thoughts on “Nicht sprachassimiliert

  1. Ich bin mir recht sicher, dass du noch weit mehr übernommen hast, unbewusst.

    Mir geht es ähnlich, wenn auch in einem deutlich kleineren Sprachbiotop. Ich sprechen von Haus aus einen westpfälzischen Dialekt, arbeite nun aber schon seit mehr aus zehn Jahren auf vorderpfälzischem Sprachgebiet. Und auch wenn man es nicht glauben sollte, doch die Dialekte sind schon sehr verschieden, für Einheimische zumindest. Na ja und schon nach wenigen Monaten wurde ich von meinem Umfeld dahingehend entlarft, dass ich diverse Begriffe und vor allem die andere Aussprache (Vorderpfälzer „singen“, sagt man in der Westpfalz) zumindest partiell adaptiert hätte. Unbewusst – und auch unabsichtlich (!).

  2. Nervig finde ich allein die Tatsache, das, sobald ich meinen Heimatdialekt spreche, von Nichtkennern sofort behauptet wird, ich würde aus Sachsen kommen. Was für einen Thüringer ja fast schon einer Beleidigung gleichkommt. ;-)

  3. Seit 25 Jahren ist Ostwestfalen-Lippe meine zweite Heimat und ich kriege das rheinhessische „net“ ebenso wenig aus meiner Sprache raus, wie ich das hochdeutsche „ch“ reinkriege. Das jedenfalls wird immer wieder behauptet. Manchmal versteht man mich in Bad Salzuflen und Bielefeld gar nicht. Meine Freundin muss dann übersetzen…

  4. Die meisten können Sächsisch und Thüringisch auch nicht unterscheiden. Und stimmt, wenn ich sächsisch können würde, würden meine Leute in der Heimat wohl auch nicht behaupten, ich spräche bayrisch :D

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