30 Jahre Mauerfall – Valentinstag in Basel

Mein Vater erinnerte mich gestern Abend am Telefon: »Weißt du, wo wir heute vor dreißig Jahren waren?«

Ich überlegte kurz. 1990 waren wir im Februar zu meiner Tante in den Schwarzwald gefahren, zum ersten Mal ganz weit in den Westen. Weil der Ort recht nah an der Schweizer Grenze liegt, fuhren wir auch zu einem Stadtbummel nach Basel. Dafür bekamen wir an der Grenze eine Sondergenehmigung. DDR-Bürger benötigten normalerweise ein Visum, aber zu der Zeit machten die Schweizer Behörden eine Ausnahme. Wir bekamen einen Zettel, wahrscheinlich mussten wir auch unsere Ausweise abgeben – so genau weiß ich das nicht mehr – erst dann konnten wir in die Stadt.

Ich erinnerte mich. Es war Valentinstag und die Blumenläden platzen vor Blumen aus allen Nähten.

Blumen waren wie vieles in der DDR Mangelware, vor allem im Winter. Das wurde zu einem echten Problem, wenn man in den Wintermonaten Geburtstag hatte oder zu einer Beerdigung musste. Da brauchte man gute Beziehungen zum Floristen und selbst dann, bekam man höchstens Nelken oder Astern. Rosen im Winter waren für uns unvorstellbar.

Und so standen mein Vater und ich mit offenen Mündern vor den Blumengeschäften und staunten. Viele der Blumen, die dort verkauft wurden, hatte ich noch nie zuvor gesehen. Mein Vater machte ein Foto, um es später meiner Mutter zeigen zu können, die daheim geblieben war. Prompt kam die Verkäuferin aus dem Laden geschossen und schnauzte uns an, warum wir fotografierten. Mein Vater versuchte es ihr zu erklären, aber sie verstand es nicht.

Wir gingen weiter und ich hatte meine erste Lektion im Westen gelernt: Man darf nicht überall fotografieren, vor allem keine Geschäfte.

Wintersonntag am See

Ganz so Frühlingshaft wie in anderen Teilen der Republik ist die Natur am wärmsten See Oberbayerns noch nicht. Am vergangenen Sonntag lag sogar noch ein kleines bisschen Schnee und das Ufer war vereist.

Beeindruckend wie jedes Jahr sind die Stämme für die Nutzholz-Versteigerung. Aus Nieder- und Oberbayern bringen die Waldbesitzer ihre wertvollsten Stämme zum See, um sie dort meistbietend an den Mann zu bringen. Auffällig häufig waren in diesem Jahr die Eschen. Die meisten mussten wegen einer aus Japan eingeschleppten Pilzinfektion geschlagen werden. Erkennbar an der dunklen Verfärbung der Kerne. Es lag aber auch ein Eichenstamm dort, dessen Stammdurchmesser größer war als ich.

Augenscheinlich waren es nicht so viele Stämme wie in den Jahren zuvor. Obwohl ich das Gefühl habe, dass bei uns in der Gegend in den vergangenen drei Jahren immer mehr Bäume gefällt wurden. Viele unnötigerweise. Zum Beispiel fielen letztes Jahr in unmittelbarer Nachbarschaft zwei Nussbäume, zwei Tannen und weitere große Bäume der Säge zum Opfer, weil gebaut werden sollte. Jetzt ist fast ein Jahr vergangen und es sieht nicht so aus, dass bald die Bagger anrücken würden. Offensichtlich streiten Bauherr und Nachbarn noch um die Baumaßnahme. In der Zwischenzeit hätte die Bäume stehenbleiben und jede Menge Kohlendioxyd umwandeln können.

Zurück zum See. Der war auch in diesem Jahr eisfrei. Die Enten und Wasservögel freut es, die Eisläufer weniger. Nur eine dünne Eisschicht begrenzte das Ufer. Dafür war durch den ergiebigen Regen in den vergangenen Tagen der Wasserspiegel höher als normal.

Schön war wie immer der Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Salzburger Lands sowie die Skulpturen und Pavillons am Strandbad. Weil zu dieser Jahreszeit nur wenige Menschen hier unterwegs sind, lässt es sich vortrefflich spazierengehen. Im Sommer sind Wiesen und See voller Badegäste, da wird es erst am Abend ruhiger.

Die Kanaren im Film

Das hätte ich beinahe vergessen. Am vergangenen Sonntag besuchte ich einen Filmvortrag über die Kanaren. Naturfilmer Stefan Erdmann, bekannt durch seinen Chiemsee-Film, trat beim Weltsichten-Festival auf.

Das Festival wird jedes Jahr von den Weltumradlern Axel Brümmer und Peter Glöckner aus Saalfeld veranstaltet. Hier trifft sich das WhoisWho der Naturfotografen und -filmer.

Weil ich Stefan Erdmanns Film über den Chiemgau kannte und großer Fan der Kanaren bin, wollte ich mir den Vortrag nicht entgehen lassen. In Begleitung meiner Eltern fuhr ich am Sonntagnachmittag in die Stadthalle nach Bad Blankenburg.

Ich war überrascht, denn es war richtig voll. Sowohl drinnen als auch draußen standen Leute herum. Es gab Thüringer Bratwurst, Klöße und allerlei andere Leckereien zu kaufen. Drinnen herrschte größeres Gedränge, bis der Saal geöffnet wurde. Ich schätze mal, dass sich zwischen 500 und 800 Zuschauer im Saal versammelten. Wie immer trafen wir einige Bekannte.

Der Film wurde live von Stefan Erdmann kommentiert. Er hat innerhalb von drei Jahren jede der acht Inseln besucht und stellte jede Insel gesondert vor. Dabei zeigte er nicht nur die beeindruckenden Naturschönheiten, sondern stellte auch die dort lebenden Menschen in den Fokus. Er erzählte von den Festen und Prozessionen und gab Tipps, wie man den Touristenmassen entgehen kann.

Nach den zwei Stunden war ich echt beeindruckt. Sechs der Inseln habe ich in der Vergangenheit selbst besucht, aber ich habe dennoch einiges neues erfahren. Jetzt möchte ich die beiden letzten Inseln, die mir noch fehlen, auch noch mit eigenen Augen sehen.

Stefan Erdmann wohnt in Übersee am Chiemsee. Er lebt von den Vorträgen und seinen Filmen, die er auf DVD verkauft. Sicher hätten viele Besucher im Anschluss gern die DVD zum Vortrag gekauft, leider hat er die noch nicht fertiggestellt. Frühestens Mitte 2020 ist es soweit. Marketingtechnisch ein Versäumnis wie ich finde, denn in einem halben Jahr erinnert sich kaum einer der Besucher mehr an den Film. So hätte er viel mehr verkaufen können.

Ich jedenfalls setze den Kanaren-Film von Stefan Erdmann auf meine Einkaufsliste. Denn die tollen Bilder möchte ich mir unbedingt nochmal ansehen. Und vielleicht besuche ich einige der Orte im nächsten Jahr auch mal in echt.

Hier der Trailer für alle interessierten:

EVE geht, EMMA kommt

Gute Seite

Gut schlafen zu können, ist das wichtigste. Ich stelle fest, dass dies mit zunehmenden Alter immer schwieriger wird. Und wenn man dann doch mal durchgeschlafen hat, kann es passieren, dass einem Morgens trotzdem alles weh tut. Spätestens dann ist es Zeit einen Blick auf die Matratze zu werfen. Oftmals liegt es daran.

Weil mich ständig Nackenschmerzen und Rückenweh plagte, beschlossen wir im Januar 2017, uns eine neue Matratze zu kaufen. In der U-Bahn hatte ich zuvor ständig Werbung über die EVE-Matratze gelesen. Eine Matratze für alle, lieferbar in allen Größen und mit 100 Tagen Testphase.

Warum nicht, dachten wir damals und ich bestellte das gute Stück für unser 160 cm breites Bett, inklusive des passenden Kissens. Die Matratze kam und sie war eine Offenbarung. Morgens keine Schmerzen mehr im Nacken oder in der Lendenwirbelsäule und die fehlende Besucherritze war mehr als angenehm. Wir waren sofort überzeugt und gaben die Matratze auch nach der Testphase von 100 Tagen nicht mehr her.

Vor einem halben Jahr jedoch klagte mein Mann morgens ständig über Hüftschmerzen. Ich schlug in meinem jugendlichen Leichtsinn vor, dass wir die Matratze doch mal wenden könnten. Ganz dumme Idee. Denn von da ab litt ich jeden morgen. An manchen Tagen stand ich morgens beim Zähnputzen krumm vorm Waschbecken, weil ich mich kaum aufrichten konnte. Erst nach ein paar Dehnübungen und ausreichender Bewegung gingen die Schmerzen weg.

Weil ich das Problem zuerst nicht richtig identifizierte, ging das über Monate hinweg. Irgendwann ahnte ich, dass es mit der Matratze zu tun haben könnte und ging dem über die Feiertage auf den Grund. Tatsächlich fand ich zwei durchgelegene Stellen auf der Matratze und das schon nach drei Jahren Benutzung. Ich war ernüchtert. Immerhin hatte man uns beim Kauf zehn Jahre Garantie versprochen.

Ich besuchte also die Webseite des englischen Herstellers, der sich aber inzwischen vom deutschen Markt zurückgezogen hatte. Unteranderem war EVE, Jahre zuvor an der Stiftung-Warentest gescheitert und hatte wegen fehlender Halteschlaufen und einer verwendeten Chemikalie gegen Brennbarkeit ein Mangelhaft bekommen. Das der Hersteller nachgebessert und die Matratzen für den deutschen Markt nun in Deutschland fertigte, nach deutschen Umweltvorgaben, hatte wenig geholfen. Wie heißt es so schön: »Ist der Ruf erst ruiniert …« Ende 2018 war Schluss mit EVE in Deutschland. Auf der Webseite wurde aber vermerkt, dass der Service für deutsche Kunden nach wie vor fortgeführt werde und auf eine E-Mail-Adresse verwiesen.

Schlechte Seite

Ich schilderte also per E-Mail mein Anliegen und bekam daraufhin die nette Antwort eines französischen Servicemitarbeiters, der mich bat, ihm das Problem in Englisch zu formulieren. Gesagt getan. Wenige Tage später erhielt ich eine Anleitung geschickt. Ich sollte Fotos machen, mit einem Besenstil und einem Sechser-Pack Wasserflaschen. Die sollten an mehreren Stellen auf der Matratze fotografiert werden. Die jeweilige Einsinktiefe sollten wir mit einem Meterstab festhalten. Das Ganze war zwar etwas aufwendig, aber ich nahm es gerne in Kauf, machte die Fotos und schickte sie dem Service.

Es dauerte nur ein paar Tage, dann wurde mir mitgeteilt, dass unsere Matratze tatsächlich einen Defekt aufweisen würde. Da der Markt in Deutschland aber nicht mehr beliefert wird, würden wir statt einer Austauschmatratze unser Geld wiederbekommen. Ich war baff. Die nahmen das mit den zehn Jahren Garantie tatsächlich ernst.

Wir bekommen also die 700 Euro zurück und ich bestellte bei einem anderen Anbieter eine neue Matratze mit ähnlichen Eigenschaften zu einem ähnlichen Preis. Weil wir einen Gutschein hatten, kostete sie aber nur die Hälfte. Sie heißt übrigens EMMA und hält hoffentlich länger durch.

Baby Yoda aus Haftnotizen

Bild anklicken!

2018 erregten die Leute vom Viking mit einer Star Wars-Aktion für Aufsehen. Damals stellen sie das Bild eines Sturmtrupplers aus Pinnadeln her.

Dieser Tage gab es eine Fortsetzung. Ich zitiere aus der Pressemeldung:

Der sogenannte Baby Yoda ist schon vor der offiziellen Veröffentlichung von »The Mandalorian« in Deutschland der Lieblingscharakter vieler Star Wars-Fans.
Das haben sich einige inspirierte Mitarbeiter beim Büroartikellieferanten Viking zu Herzen genommen und mithilfe von 1317 Haftnotizen ihren eigenen Baby Yoda zum Leben erweckt:

  • zwölf Freiwillige haben zusammen zwanzig Stunden an dem Bild gearbeitet
  • Insgesamt wurden 1317 Haftnotizen auf fast sechs Quadratmetern verwendet
  • fünf Varianten, die zusammen ein animiertes GIF erstellen
  • Die gesamte Aktion gab es im Live-Stream und das Video danach im Zeitraffer

Damit das fertige Projekt später animiert werden konnte, wurden fünf verschiedene Versionen von Baby Yoda durch geplantes Austauschen bestimmter Haftnotizen erstellt, weshalb insgesamt 1317 Post-its über die Fläche von 9207 Quadratzoll verwendet wurden.

Den vollständigen Beitrag zu diesem Thema, sowie die Links zu den Videos finden sich im Viking-Blog.

Ich danke dem Viking-Team für den Hinweis.

Umzug abgeschlossen

Alt und neu

Zwei Tage hat er gedauert, der Umzug vom alten auf den neuen Computer. So ganz problemlos funktionierte es nicht, aber größere Unwägbarkeiten blieben zum Glück aus.

Seit November hatten wir den Umzug vor uns hergeschoben, denn so eine Hardware-Umstellung ist nicht ohne. Außerdem war ich mitten in der Zusammenstellung der SOL 97, da wollte ich lieber auf Nummer sicher gehen. Nicht dass sich das Heft wegen mir verzögert.

Nun ist die Migration geglückt. Der neue iMac läuft. Der Alte ersetzt in Zukunft meinen uralten Windows PC. Da ist noch Windows 7 drauf, das bekanntlich ab diesem Monat nicht mehr aktualisiert wird. Außerdem ist die Batterie auf dem Motherboard leer und ich muss nach jedem Einschalten die Uhrzeit einstellen.

Der neue Mac ist ein wenig größer. Das war eigentlich nicht so geplant, aber wir konnten dem Angebot vom Media-Markt einfach nicht widerstehen. Da ich seit einem Jahr auf Arbeit zwei Riesenmonitore habe, bin ich inzwischen verwöhnt. Außerdem komme ich langsam in das Alter in dem man eine Lesebrille braucht. Da ist so ein großer Monitor von Vorteil.

Die denkbar ungünstigste Stelle für den Ladestecker

Das einzige, was mir an dem neuen Mac nicht gefällt: Die Maus. Bei der kann man nicht mehr die Batterien tauschen. Sie muss geladen werden. An sich eine gute Idee. Wenn da nicht die Anschlussbuchse an der Unterseite wäre. Soll heißen, wenn die Maus läd, kann man nicht arbeiten. Ich frage mich ja, was die Entwickler geritten hat. Wahrscheinlich funktioniert das nach dem Prinzip, »Funktion folgt Design« und nicht umgedreht, wie es sein sollte.

Zwischen Friedensbewegung und Punk

Das Bild ist zwar von 1994, aber 1989 sah ich auch schon so ähnlich aus.

Eine Dokumentation über die Jugend der Generation X.

Seit ein paar Jahren bringen die öffentlich-rechtlichen Sender Dokumentationen über die 70er, 80er und 90er Jahre. Dabei ist gerade um die 80er ist ein regelrechter Hype ausgebrochen. Auf Bayern 1 laufen den ganzen Tag über Songs aus den 80ern. In der vergangenen Woche gab es auf dem WDR eine neue Sendung. Unter dem Titel »Jung in den 80ern« kommen Prominente und Zeitzeugen aus dem Ruhrpott zu Wort. Es wird reflektiert über die Jugend, über Mode, Frisuren, Musik und was die Menschen damals bewegte. Vieles davon habe ich selbst erlebt, auch wenn ich auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs aufgewachsen bin. Dennoch, wir haben die gleiche Musik gehört, die gleichen Bands angeschmachtet und ähnliche Klamotten getragen. Vieles war bei uns selbstgeschneidert, aber mindestens genauso verrückt. Ich gestehe, auch ich hatte damals eine Dauerwelle.

Ich finde so ein bisschen Nostalgie schön. Sehe aber die Zeit inzwischen mit anderen Augen. Denn damals war politisch nicht alles so friedlich wie viele Deutsche es in Erinnerung haben. RAF, Atomdemonstrationen und Friedensbewegung dazu AIDS, saurer Regen und Waldsterben. Daran erkennt man, wie sehr sich die Zeiten geändert haben, oder auch nicht. Auch heute gehen wieder junge Menschen auf die Straße, wenn auch aus anderem Anlass. Mit einem Unterschied. Die Jugend von damals war irgendwie mutiger und erwachsener, freiheitsliebender und rebellischer. Damals zog man mit 18 daheim aus, um möglichst schnell auf eigenen Beinen zu stehen. Heute bleiben die Tweens so lange wie möglich daheim wohnen. (Gut, man muss es sich heute auch erstmal leisten können.) Damals wurde man von den Klassenkameraden und Freunden schief angesehen, wenn man weiter bei Mama und Papa wohnte.

Die 80ern waren die Geburtsstunde der Subkulturen. Popper, Punks, Skins, Gruftis – es gab einen bunten Strauß solcher Gruppierungen auf den Straßen und Plätzen. Heute sind sie nicht mehr so auffällig. Was die Punks angeht, gibt es in der Reportage ein besonderen Auftritt. Dort ist nämlich Karl Nagel zu sehen. Der ehemalige Kanzlerkandidat der APPD, Verleger, Buchautor und Perry-Fan kehrt zurück in seine Heimatstadt Wuppertal und erinnert sich, wie und warum er zum Punk wurde und wie er diese Lebenseinstellung bis heute lebt.

Zu Wort kommt auch der ehemalige Chefredakteur der Bravo, der von seinen Begegnungen mit den Stars und Sternchen der 80er erzählt. Angefangen von Michael Jackson bis zu Madonna, von NENA bis zu Modern Talking. Wenn ich an die BRAVO denke, kommen Erinnerungen hoch, da muss ich glatt mal einen eigenen Beitrag darüber schreiben.

Wer nochmal in die damalige Zeit eintauchen möchte: bis Mittwoch ist der Clip »Jung in den 80ern« in der WDR-Mediathek zu sehen.

Frohes Neues 2020!

2020!

Die Zukunft hat begonnen.

Eigentlich sind wir schon mittendrin. Leider ist es keine Utopie wie in Star Trek, aber vielleicht schafft es die Menschheit doch noch das Ruder herumzureißen.

Ich wünsche meinen Lesern ein Jahr voller Freude und Zufriedenheit, voll Gesundheit und Glück und dass wir alle am Ende des Jahres mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen können.

Schlittschuhe zu Weihnachten

Es ist Anfang Dezember 2019. Stauend stehe ich auf dem Marktplatz meiner Heimatstadt neben der Eisfläche. Wie schon in den vergangenen Jahren, haben die Händler und die Stadt zusammengelegt und eine Eisfläche neben dem Weihnachtsmarkt aufbauen lassen. Es ist voll. Die Kinder jagen über das Eis. Die ganz Kleinen halten sich an den Eltern oder an großen Plastikpinguinen fest und jauchzen vor Freude. Musik dröhnt aus den Lautsprechern und die Erwachsenen stehen an den Glühweinständen ringsum und sehen dem Spektakel zu.

Ich seufze und sage zu meinem Mann: »Wenn es eine solche Eisbahn in meiner Kindheit gegeben hätte, meine Eltern hätte mich nicht mehr von hier fortgebracht. Wahrscheinlich hätten sie mich ›loseisen‹ müssen.« Ich lache über das Wortspiel und denke zurück.

Anfang der Achtziger Jahre: Jedes Jahr malte ich einen Wunschzettel und klebte ihn ins Wohnzimmerfenster und jedes Jahr waren darauf ein paar Schlittschuhe zu sehen. Weiße Stiefel mit Kufen dran, wie sie die Eiskunstläuferinnen trugen, die ich so bewunderte. Jedes Weihnachten habe ich mir solche Schuhe gewünscht und war enttäuscht, als ich sie nicht bekommen habe. Nicht das meine Mutter als ehemalige Chefin des ansässigen Sportartikelgeschäfts keine bekommen hätte. Es gab einfach keine Möglichkeit in der Gegend zum Eislaufen. Da hätte man in die Bezirksstädte fahren müssen, vielleicht nach Erfurt oder Gera oder gleich nach Berlin, wo es Eislaufhallen gab. Bei uns in der Gegend war es zu mild und die Saale fror seit dem Bau der Talsperren nicht mehr zu. In ganz kalten Jahren froren zwar die Talsperren zu, aber dort ist es viel zu gefährlich zum Eislaufen. Es fehlte schlicht die Möglichkeit, die Schlittschuhe zu benutzen.

In einem besonders kalten Winter – vielleicht war es im Jahr 1979, in dem die ganze Republik bibberte und es teilweise zu Stromausfällen kam – legte mein Vater im Hof eine Eisbahn an. Mit einem Wasserschlauch bespritzte er die drei mal drei Meter große Betonfläche, die sich daraufhin in glattes Eis verwandelte. Dort konnte ich nach Herzenslust zunächst mit Gleitschuhen und später mit den Schlittschuhen meines Vaters herumtollen. Diese Schlittschuhe waren keine Schuhe im eigentlichen Sinn, sondern nur Kufen, die man sich an die Stiefel klemmen konnte. Viel Halt hatte man damit nicht und in den meisten Fällen lösten sich anschließend die Absätze vom Schuh. Nicht für umsonst hießen die Dinger »Absatzreißer«. Mir war das egal, ich stelle mir vor, übers Eis zu schweben wie die Sportler im Fernsehen.

Erst 1995 erfüllte sich mein Traum. Kurz vor Weihnachten kaufte ich mir Schlittschuhe, weiße Lederschuhe mit Kufen, wie ich sie immer haben wollte. Es war mein erster Winter an der TU in Ilmenau. Zusammen mit ein paar Kommilitonen fuhr ich ein paar Mal nach Erfurt in die Eishalle. Leider war die Fahrerei dorthin langwierig (es gab die A71 noch nicht) und somit das Bedürfnis zum Eislaufen weder bei den anderen noch bei mir groß ausgeprägt. Denn inzwischen hatte ich gemerkt, dass Eislaufen keineswegs so leicht ist, wie es aussieht.

Dennoch nahm ich die Schlittschuhe sogar mit nach New York. Dort wollte ich vor dem großen Weihnachtsbaum am Rockefeller Center mit meinen eigenen Schlittschuhen aufs Eis. Nun ja, ich war dort, aber nicht auf dem Eis, weil die Fläche winzig ist. Dafür ging ich ein oder zwei Mal mit unserem spanischen Praktikanten zum Wollman Rink in den Central Park. Wo ich mit Ernüchterung feststellen musste, dass ein Spanier, der noch nie auf Schlittschuhen gestanden hatte, besser Eislaufen konnte als ich.

Seit dem liegen die Schlittschuhe im Schrank. Ilmenau erhielt just dann eine Eishalle, als ich mein Studium beendet hatte. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch die A71 nach Erfurt eingeweiht. Und in meiner Heimatstadt kann man seit ein paar Jahren auf dem Marktplatz im Winter eislaufen. Seufz! Ein bisschen zu spät für mich, denn jetzt bin ich einfach zu ängstlich dafür.