Sommerbrise im Dezember

Die ganze Woche haben wir schon Föhn. Bei uns in der Nähe des Sees ist das mal mehr oder mal weniger stark ausgeprägt. Meistens bricht der Föhn schon am letzten Berg vor dem See zusammen oder zieht über uns hinweg. Die kalte Luft bleibt dann unten und man merkt vom Föhn kaum etwas.

Die letzten Tage aber waren anders. Am Dienstagabend gingen wir spazieren. Es fühlte sich an, wie an einem Abend auf den Kanaren. Der Wind blies laue Luft vor sich her. Hin und wieder streiften uns besonders warme Schwaden. Der Mond schien durch die Wolken und es roch nach Frühling. Es fühlte sich definitiv nicht nach Dezember an.

Am Donnerstag war es dann nur noch acht Grad. Heute aber drehte der Föhn nochmal richtig auf. Wir waren am Nachmittag einkaufen. Es war fast unerträglich warm. Ich spazierte mit offener Jacke herum, mein Mann hatte extra die Sommerschuhe wieder aus den Schrank geholt. Ich trug Stiefel und bereute das schon nach wenigen Metern. Als wir nach einer Stunde wieder heim kamen, war ich regelrecht verschwitzt. Von den permanenten Kopfschmerzen die mich seit zwei Tagen plagen, wage ich gar nicht zu reden.

Es kann mir keiner erzählen, dass das normal ist. Klar, gab es schon früher mal wärmere Tage im Dezember. Aber in der Häufung wie in den vergangenen Jahren habe ich das nicht in Erinnerung. Ich fürchte jedoch, wir müssen uns daran gewöhnen, ebenso an die fehlenden Niederschläge. Es ist schon wieder alles total trocken.

30 Jahre Mauerfall – Kulmbach Teil 2

Gegen halb sieben kamen wir in Kulmbach an. Es war dunkel, die Stadt schlief noch. Wir suchten einen Parkplatz und warteten bis es hell wurde. Dann erkundeten wir die Stadt. Bei der Kulmbacher Stadtsparkasse nahmen wir mit vielen anderen DDR-Bürgern die 100 DM Begrüßungsgeld in Empfang, die damals alle bekamen. Ein Stempel im Ausweis bezeugte, dass wir das Geld erhalten hatten. Anschließend bummelten wir durch die Fußgängerzone und staunten über das Warenangebot in den Geschäften.

Kulmbach ist bekanntlich die heimliche Hauptstadt des Bieres, weil es dort mehrere Brauereien gibt, damals noch mehr als heute. Daher stand vor der Stadthalle ein großer amerikanischer Truck mit dem Auflieger einer der großen Brauereien. Von dem wurde kostenlos Dosenbier und Gläser an die DDR-Bürger verteilt. In der Stadthalle selbst, fand eine Willkommensveranstaltungen statt, bei der es Essen und Trinken gab.

Als wir völlig überwältig und verwirrt hineingingen, wurden wir sehr herzlich von einem grauhaarigen Mann begrüßt. Der fragte, wo wir herkommen und ob wir schon unser Begrüßungsgeld geholt hätten. Er unterhielt sich eine ganze Weile sehr nett mit uns, und stellte sich schließlich als der Oberbürgermeister von Kulmbach vor. Irgendwie haben wir Eindruck bei ihm hinterlassen, denn er erkannte uns jedes Mal wieder, wenn wir uns Jahre später trafen. Wir pflegten bis zu seinem Tod ein sehr herzliches Verhältnis zueinander.

Vielleicht war er es, der uns den Tipp gab, doch unbedingt mal in den »Meisterkauf«, den größten Supermarkt von Kulmbach zu gehen. Man kann die Eindrücke gar nicht beschreiben, die in einem solchen Markt auf uns DDR-Bürger einprasselten. Das viele bunt, die glänzenden Verpackungen gipfelten in einer totalen Reizüberflutung. Ich bin mir sicher, das viel Leute wieder herauskamen, ohne etwas gekauft zu haben.

Ich habe mir eine Milchschnitte gekauft, weil ich die aus dem Werbefernsehen kannte und unbedingt wissen wollte, wie die schmeckt. Die Enttäuschung war groß, der Riegel hatte kaum Ähnlichkeit mit dem aus der Werbung und geschmeckt hat er mir auch nicht.

Gegen Abend fuhren wir wieder zurück. Ich war um eine Jeans, ein paar weiße Turnschuhe und ganz viele Eindrücke reicher. Als ich später im Bett die Augen schloss, sah ich bunte glitzernde Flecken. Es dauerte noch lange bis sich meine Augen davon erholten.

30 Jahre Mauerfall – Kulmbach Teil 1

Weil die Deutsche Bahn mal wieder baut – das ist inzwischen schon begrüßenswert – war ich auf der Rückfahrt von Thüringen auf einer Umleitungsstrecke unterwegs. Das hieß zwar einmal mehr umsteigen, dafür kam ich seit Langem mal wieder durch Kulmbach und Umgebung.

Die Stadt am weißen Main ist für mich in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung. Nicht nur, dass sie seit den Achtzigern die Partnerstadt von Saalfeld ist, sondern auch weil ich von 1992 an gute drei Jahre in der Nähe gelebt habe.

Meine erste Begegnung mit Kulmbach war gleichzeitig meine erste Fahrt in den »Westen«. An einem Samstag Ende November 1989, ich musste Samstags nun nicht mehr zur Schule, fuhr ich mit meinen Eltern in den »Westen«. Eigentlich gen Süden, denn die Grenze zu Bayern liegt nur wenige Kilometer südlich meiner Heimatstadt.

Wir waren nicht die einzigen. Ich kann mich an eine scheinbar endlose Autoschlange erinnern, die sich in der Dunkelheit auf den schlechten Straßen Richtung Grenze voranschlängelte. Jede Menge Trabbis und Wartburgs waren am frühen Morgen unterwegs. Die Luft war von blauen Abgaswolken geschwängert.

Weil wir nicht wussten, wie weit es bis Kulmbach ist, fuhren wir schon kurz nach fünf Uhr morgens los. Der Autoatlas der DDR endete an der innerdeutschen Grenze, alles was darüberhinaus ging, war eine grau Fläche. So wussten wir weder wie die Straße verlief, noch wie lange wir unterwegs sein würden. Mein Vater, der die Gegend als junger Mann noch kennengelernt hatte, wusste zumindest noch ein paar Ortsnamen, an denen wir uns orientieren konnten.

Als wir die Grenze passierten, musste wir auf DDR-Seite unsere Ausweise zeigen. Die Beamten auf Bundesdeutschen Gebiet winkten uns einfach durch. Das man im »Westen« war, merkte man sofort. Die Straßen waren viel besser. Es gab keine Schlaglöcher und die Begrenzungspfähle leuchteten wie Christbaumkerzen. Sogar die Linien auf der Straße leuchteten im Licht der Scheinwerfer. Das war für mich unfassbar. Man konnte sehen, wohin man fuhr, jede Kurve war schon weit im Voraus zu erkennen. Selbst im trüben Scheinwerferlicht unseres Trabbis.

Das Auffälligste war aber die Beschilderung. Überall standen gut lesbare Wegweiser an der Straße, die Ortschilder leuchteten weit. Man konnte sich eigentlich nicht verfahren. Die Autoschlange dünnte sich allmählich aus, je weiter wir nach Bayern hereinfuhren. Viele blieben in den ersten Ortschaften stehen, andere bogen Richtung Coburg ab. Wir fuhren weiter durch Kronach und weitere Ortschaften, mit Häusern, deren Fassaden weiß und nicht grau waren. Alles sah viel bunter und freundlicher aus.

… Mehr von meinem ersten Besuch in Kulmbach gibt es morgen.

30 Jahre Mauerfall – Erinnerungen

Wie sehr sich Erinnerungen gleichen, entdeckte ich am Wochenende im aktuellen Amtsblatt meiner Heimatstadt. Dort schrieb der amtierende Landrat in seiner Kolumne über die Grenzöffnung 1989. Landrat Marko Wolfram und ich sind nicht nur ein Jahrgang, wir haben auch gemeinsam das Abitur gemacht und gingen in eine Klasse. Wenn es jemanden gibt, den ich für den Landratsposten geeignet halte, dann ihn.

Er sprach in seiner Kolumne über die Tage Anfang November in der DDR und wie er den Mauerfall erlebt hat. Seine Sicht deckt sich mit meinen Erinnerungen, nämlich, das man als Fünfzehnjähriger die Dimension bzw. die Tragweite eines solchen Ereignisses nicht bemessen kann. Da gibt es zu viele Dinge, die einem in diesem Alter wichtiger erscheinen.

Bei Marko kam noch ein besondere Umtand hinzu. Er lebte im Sperrgebiet, also innerhalb der fünf Kilometerzone zur Grenze. Für DDR-Bürger quasi am »Ende der Welt«. Die Bewohner des Grenzstreifens waren abgeschnitten vom Rest der Republik, konnten sie doch keinerlei Besuch empfangen und mussten durch Personenkontrollen, wenn sie das Gebiet verlassen wollten. Ich hatte eine Brieffreundin in Probstzella, die ich in einem Ferienlager kennengelernt hatte, die ich aber nie besuchen durfte. Der Zugang zum Sperrgebiet war ausschließlich mit Passierschein erlaubt und den bekam man nur in ausgesprochen seltenen Fällen, zum Beispiel wenn man dort arbeitete. Die Grenzöffnung brachte den dort lebenden Menschen Freiheit in mehrfacher Hinsicht.

Aus der Kolumne weiß ich nun zumindest, dass man schon ab 10. November 1989 mit dem Zug nach Bayern fahren konnte, und dies auch viele Saalfelder genutzt haben. Außerdem wurde der Grenzübergang Probstzella doch schon eher freigegeben, als ich in Erinnerung hatte.

Ich hänge Markos Kolumne hier als Bild an. Wer sich für die gesamte Ausgabe des Amtsblattes interessiert kann es unter diesem Link downloaden.

Abschied von Ludwig Große

Pfarrer Große bringt meinen Mann auf den richtigen Pfad

Am Samstag den 16.11.2019 besuchte ich einen Gottesdienst. Ich bin kein großer Kirchgänger, aber der Gedenkgottesdienst für den ehemaligen Superintendent und Pfarrer war für mich ein Pflichttermin.

Es gibt Pfarrer, die sind Pfarrer von Beruf und es gibt Pfarrer, die sind Pfarrer aus Berufung. Zu letzterem gehörte Ludwig Große. Sein Engagement für die Saalfelder Kirchgemeinde und darüber hinaus, wirkt bis heute nach, obwohl er schon lange im Ruhestand war.

Er verstarb am 3. Oktober 2019. Am Samstag wurde sein Wirken in stilvollem Rahmen und in Begleitung vieler Menschen gewürdigt. Somit hat er es nicht nur zu Lebzeiten geschafft, die große Johanneskirche vollzubekommen, sondern auch nach seinem Tod.

14 Pfarrer gaben ihm das letzte Geleit. In der Trauerpredigt wurde vieles aufgezählt, was er in seinem langen Leben getan hat. So blieb er da, wo andere Pfarrer in den Westen abgehauen sind und setzte sich für die Schwachen und die Verfolgten ein. Er bot dem DDR-System die Stirn und verstand es, die Kirchgemeinde in der DDR neben und trotz der Staatsmacht erblühen zu lassen. Er half den Pfarrern im Grenzgebiet ihre Arbeit zu tun und seine systemkritischen Weihnachtsspiele, die er selbst schrieb, waren beliebt, obwohl sie immer am frühen Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags aufgeführt wurden.

Nach der Wende wurde er mit der Einführung des Religionsunterrichts in Thüringen betraut. Etwas, dass er persönlich nicht für gut hieß, denn die Christenlehre und der Konfirmanden-Unterricht außerhalb der Schule hatte sich in der DDR bewährt. Er setzte sich dennoch mit aller Kraft dafür ein und machte die Thüringer Schulen zum Vorreiter des Religionsunterrichts in den neuen Bundesländern.

Als 2010 mein Mann und ich beschlossen zu heiraten, kam für uns eigentlich nur die Saalfelder Johanneskirche in Frage. Pfarrer Ludwig Große war damals schon Ende Siebzig und nicht mehr im aktiven Dienst. Aber er erklärte sich sofort bereit, uns zu trauen. Ich erinnere mich, wie wir zum Traugespräch in seinem Arbeitszimmer in seinem Haus in Bad Blankenburg saßen und plauderten. Er zeigte sich weltoffen und ließ sich von uns über Star Trek aufklären, weil wir in Star Trek-Uniform heiraten wollten. Er hat das sogar in seine Predigt aufgenommen.

Der Trauergottesdienst für ihn am Samstag hätte ihm sicher gefallen. Es wurden seine Lieblingslieder gespielt, die Thüringer Sängerknaben sangen. Neben seiner Familie waren viele Menschen zu seinem Abschied gekommen. Die Sonne schien durch die bunten Fensterscheiben und brach sich an den weißen Wänden der Johanneskirche, für deren Umbau und Restaurierung er damals federführend war. Ein Mamutprojekt, wie so vieles, was er in seinem Leben energisch angepackt hat.

Ich bin sicher, er wird vielen Menschen in positiver Erinnerung bleiben.

Heute vor 30 Jahren …

… bin ich früh zu Bett gegangen, weil am nächsten Morgen eine Klassenarbeit in Mathe anstand. Von der Maueröffnung bekam ich nichts mit. Ich hörte nur am nächsten Tag in der Schule davon und konnte das eigentlich nicht glauben. Erst zuhause, als meine Eltern es mir bestätigen, begann mir zu dämmern, dass da etwas ganz besonderes passiert war.

Wenn man fünfzehn ist, ist Politik undurchschaubar und vor allem langweilig, weshalb ich mir damals auch keine Tagesschau ansah. Dort war um 20 Uhr die Maueröffnung verkündet worden. Wobei es von der DDR-Regierung anders gemeint war, als es die Bevölkerung letztendlich auslegte. Man hatte eigentlich eine ständige Ausreise im Sinn gehabt, damit die Leute nicht mehr über die Nachbarländer flüchten, sondern über die innerdeutschen Grenzübergänge ausreisen konnten. Das jeder beliebig hin- und herreisen würde, war so nicht geplant. Ein Irrtum, der zum Ende der DDR und zur Reisefreiheit von 16 Millionen Menschen führen sollte.

Obwohl wir nah an der Grenze zu Bayern wohnten – von unseren Wochendhaus konnte man sogar hinblicken – war es nicht möglich am Freitag dem 10. November mal schnell nach Probstzella zu fahren und über die Grenze nach Bayern zu marschieren. Es existierten keine Verbindungsstraßen, nicht mal Feldwege. Es musste zunächst der Grenzzaun abgebaut und eine Straße angelegt werden, bevor irgendjemand die Grenze hätte passieren können. Ich weiß allerdings nicht, ob es möglich war, mit dem kleinen Grenzverkehr zu fahren, einem Zug, der zwischen Saalfeld und Kronach fuhr. Es sollte mindestens noch eine Woche dauern, bis der erste Grenzübergang in unserer Nähe für Autos und Fußgänger öffnete.

Von da ab, wurde fast jede Woche ein neuer Übergang mit großem TamTam eröffnet. Ich weiß noch, dass ich mit meinen Eltern jedes Mal von Ost nach West und zurück gelaufen bin. Das waren vor allem für meine Eltern spannende Wanderungen, weil sie die Orte noch aus ihrer Kindheit kannten. Für mich war es in den meisten Fällen enttäuschend, wenn man nach drei bis fünf Kilometern zu Fuß endlich im nächsten Oberfränkischen Dorf ankam, wo es nur ein paar Häuser gab, manchmal nur eine Scheune.

Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Als ich am Samstagmorgen in die Schule kam – wir hatten in der DDR bis Samstagmittag regulären Unterricht – fehlte die Hälfte der Schüler. Vielen waren mit ihren Eltern, manche auf eigene Faust, nach Berlin oder über den Autobahn-Grenzübergang Hirschberg in den Westen gefahren. Am Samstag darauf waren es sogar noch weniger. Der Unterricht fiel aus. Es wurde auf Druck der Eltern vom Ministerium beschlossen, den Samstagsunterricht für die nächsten Wochen auszusetzen, dafür sollten wir den Stoff in den Ferien nachholen müssen. Nur so viel: Ich habe nie wieder Samstags in die Schule gegen müssen und ich musste auch keine einzige Stunde nachholen, obwohl ich in die 10. Klasse ging und damit kurz vorm Abschluss stand. Wie ich dann noch zwei Jahre Abitur drangehängt habe, ist eine andere Geschichte.

Es zeigt welche chaotischen Verhältnisse nach der Maueröffnung in der DDR herrschten. Der Unterrichtsausfall am Samstag sollte erst der Anfang der Anarchie sein.

Tage im Oktober ´89

Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich, dass sich der Fall der Mauer schon Wochen zuvor abzeichnete. Eigentlich schon Monate vorher. Die Stimmung im Land veränderte sich, viele flüchteten über Ungarn oder die Tschechei. Unteranderem ein junges Paar mit Kindern, die bei uns zur Miete gewohnt hatten. Die Wohnung stand inzwischen leer, weil nachdem die Stasi alles untersucht hatte, die Eltern des Pärchens alles ausgeräumt hatten.

Was sich in der DDR in diesen Oktober-Tagen tat, kann ich heute besser beurteilen als damals. Denn im Oktober 1989 stand für mich persönlich ein anderes Ereignis im Vordergrund. Ich hatte mich das erste Mal verliebt. Da ist man ohnehin nicht ganz zurechnungsfähig. Man kann also sagen, dass ich zu der Zeit alles andere im Kopf hatte, als Politik.

Selbstverständlich aber kann ich mich an den Rücktritt Honeckers und an die Montagsdemos erinnern, die durch unsere Straße führten. An einem der Montage waren meine Eltern nicht da und ich hielt mich bei unseren Mietern im Vorderhaus auf, als der Demonstrationszug vorbeikam. Ich blickte aus dem Fenster und sah die vielen Menschen, die sich dicht gedrängt die breite Straße entlang schoben. Manche trugen große Transparente, andere hielten Plakate hoch, wieder andere hielten Kerzen oder Fackeln in Händen. Sie riefen »Wir sind das Volk« oder »Die Mauer muss weg«. Und sie riefen zu uns hoch, wir sollten runterkommen und uns anschließen. In dem Moment bekam ich echt Angst.

Die Stimmung war völlig anders, als bei den Demonstration zum 1. Mai, die ich kannte. Zum einen führte der Weg der Demonstranten nicht über den Marktplatz, sondern direkt von der Johanniskirche an unserem Haus vorbei bis zur Polizei, wo sich das Pass- und Meldeamt befand. Außerdem fanden die Demos am 1. Mai im Hellen statt, jetzt war es dunkel und irgendwie bedrohlich. Ich fragte mich, ob die Leute hochkommen und uns holen würden, wenn wir der Aufforderung nicht Folge leisten würden. Denn wie in der DDR üblich, war unsere Haustüre nicht abgeschlossen. Andererseits hatte ich Angst, was passieren würde, wenn ich mitgehen würde. Würde man mich einsperren? Würde die Polizei die Demonstration gewaltsam auflösen? Oder bekäme ich Ärger in der Schule? Oder viel schlimmer, bekämen meine Eltern Ärger? Für eine 15-jährige war eine solche Situation in vielerlei Hinsicht beängstigend.

Fakt ist, unsere Mieterin war schlecht zu Fuß und hätte nicht ohne weiteres die Treppe aus dem zweiten Stock heruntergehen können. Aber ihr Mann zog sich an und ging mit. Ich blieb, ging aber vom Fenster weg, denn ich hatte vor allem eines – Angst.

Vom Weizen, der keiner ist.

Buchweizenfeld

Wir backen seit Jahren mit Buchweizenmehl. Ich habe mich immer gefragt, wie Buchweizen wächst, bzw. wie die Pflanzen aussehen. Seit diesem Jahr bin ich schlauer.

Im Ostseeurlaub fanden wir im Hotel statt des obligatorischen Bonbons eine Tüte mit Samen auf dem Kopfkissen. Es handelte sich um eine Samenmischung speziell für Bienen und artverwandte Insekten. Neben Kornblumen enthielt die Packung unteranderem Buchweizen. Ich war gespannt, ob sie aufgehen würden. Nach der Aussaat wuchs relativ schnell eine richtige Bienenweide heran. Besonders auffällig waren zirka einen Meter große Pflanzen mit kleinen weißen Blüten. Weil ich die anderen Blühpflanzen aus der Packung kannte, konnte es sich dabei nur um Buchweizen handeln.

Ich konnte mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen, wie daraus etwas wie Weizen und schon gar nicht so etwas wie Mehl herauskommen sollte. Dann verblühten die Planzen und es bildeten sich winzige dreieckige Früchte, die ein bisschen an Bucheckern erinnerten. Für diejenigen, die nicht wissen, was Bucheckern sind. Das sind die Früchte der Buchen, etwa einen Zentimeter große, dreikantige, braune Nüsse, die geröstet und geschält eine echte Delikatesse sind. Roh sollte man sie nicht in großen Mengen essen, weil sie Blau- und Oxalsäure enthalten. Aber eine oder zwei haben mir auch als Kind nicht geschadet.

Buchweizen getrocknet

Zurück zum Buchweizen. Ich öffnete also eine der winzig kleinen Früchte. Tatsächlich enthalten sie einen weichen Kern, der sich mit dem Finger leicht zu einem weißem Mehl verreiben lässt. Das Geheimnis des Buchweizenmehls war gelüftet.

Man braucht aber sehr viele solcher Früchte, um eine ansehnliche Menge an Mehl zusammenzubekommen. Weshalb Buchweizen teurer als normales Weizenmehl ist. Im September habe ich in unserer Gegend dann auch ein ganzes Feld mit Buchweizen entdeckt.

»Ich habe Bahn«

In diesem Monat war ich vergleichsweise oft mit dem Zug unterwegs und irgendwie hat mal wieder kaum etwas ohne Probleme und Verspätungen geklappt. Entweder habe ich ein schlechtes Karma, das sich immer dann meldet, wenn ich mit der Bahn fahre, oder es wird wirklich immer schlimmer bei der Bahn.

Auffällig war diesmal die Häufung der verspäteten Bereitstellungen. Das ist mir bei vier Fahrten gleich drei Mal passiert. Meist mit der Konsequenz, dass ich rennen musste, um meine Anschlusszüge zu bekommen. Einmal stand ich mit den anderen Fahrgästen bis fünf Minuten nach der eigentlichen Abfahrt des ICE vor verschlossenen Türen. Es hätte noch gefehlt, der Zug wäre ohne uns abgefahren.

In Frankfurt kam der Zug, mit dem ich fahren wollte, verspätet an, blieb dann noch ewig im Bahnhof stehen und wurde schließlich wegen einer Weichenstörung umgeleitet. Er war aber dann erstaunlicherweise schneller in Aschaffenburg, als im Originalfahrplan vorgesehen. Da frage ich mich doch, auf was die Streckenführung optimiert wird. Auf Schnelligkeit wohl kaum.

Auch der Service ließ zu wünschen übrig, fehlendes Zugpersonal, Fahrkarten, die daraufhin nicht entwertet wurden und mangelnde Durchsagen in den Zügen. Einmal war morgens im Zug die Heizung ausgefallen, bei einstelligen Temperaturen. Der Zugführer meinte wohl, dass, wenn er die Lüftung einschaltet, es allein durch die anwesenden Fahrgäste wärmer würde. So war ich durch die kalte Zugluft trotz Jacke fast zum Eisbrocken erstarrt, als ich nach eineinhalb Stunden wieder ausgestiegen bin.

An einem Tag verbrachte ich knapp zwanzig Minuten im Nürnberger Servicecenter, nur weil ich ein Fahrgastrechte-Formular abgeben wollte. Das dortige Nummern-System – jeder Fahrgast muss eine Nummer ziehen und wird einem Schalter zugewiesen – ist meines Erachtens völlig ineffizient. Die Wartezeiten sind doppelt so lang, weil u. a. Nummern aufgerufen werden, von Fahrgästen, die bereits entnervt gegangen sind, oder denen einfach der Anschlusszug davongefahren wäre, hätten sie noch länger gewartet. Zu beobachten war auch, dass sich die Beamten am Schalter enorm viel Zeit ließen, bevor sie eine neue Nummer aufgerufen haben. Manch einer ging sogar in die Pause, obwohl die Wartehalle voller Leute war. Da wünschte ich mir das amerikanische System mit mäanderförmigen Warteschlangen, in dem jeder, der an der Spitze der Schlange steht, sich zum nächsten freien Schalter begibt.

Das es mit der Bahn nicht nur mir so geht, weiß ich aus Erzählungen von Freunden und Bekannten. So sagte unlängst jemand, nachdem er völlig verschwitzt und verspätet zu einem Termin erschienen war: »Ich habe Bahn« als Äquivalent zu »Ich habe Rücken.“

Es gibt aber auch eine schöne Anekdote zu berichten. Auf der Rückfahrt von Frankfurt hatten wir einen ausgesprochen gut gelaunten und sehr redseligen Zugbegleiter, der mit seinen Ansagen die Leute so trefflich unterhielt, dass sie sich bei ihm bedankten, als er zum Kontrollieren der Fahrscheine vorbeikam. Dabei hatte er für jeden Fahrgast noch eine Extra-Bemerkung parat. Den jungen Damen mir gegenüber erklärte er nach der Kontrolle ihrer Handytickets, er habe jetzt einige ihrer Fotos vom Handy geladen und wolle sie mal durchschauen, was sie denn gestern Abend so getrieben hätten. Der Blick der beiden, die nicht sicher waren, ob er das ernst meinte, war Gold wert. Er verabschiedete sich von ihnen mit dem Hinweis, sie könnten ihre Weihnachtsfotos vom letzten Jahr jetzt löschen, es wäre doch bald wieder Weihnachten. Großartig! Da merkt man, dass es doch noch Menschen bei der Deutschen Bahn gibt, die ihren Beruf lieben.

Oktober auf dem Lömberg

Mein Spielplatz als ich Kind war

An einem Wochenende, das für Mitte Oktober ungewöhnlich warm war, musste man einfach raus in die Natur. Also fuhr ich mit meinen Eltern in unser Wochenendhaus. Wir haben zwar momentan keinen Strom (defekte Zuleitung) aber den brauchten wir an diesem Nachmittag nicht.

Der Bungalow steht am Berg mit einem grandiosem Blick auf die umgebenden Täler. Ich nutzte die Gelegenheit mal wieder die Gegend zu erkunden, in der ich als Kind gespielt habe. Ich habe auf den Wiesen und im angrenzenden Wald meine halbe Kindheit verbracht. Habe Baumhäuser gebaut, einen Apfelbaum als Reitpferd missbraucht und mit dem Schäfer Schafe gehütet. Oft genug mussten meine Eltern nach mir suchen, wenn ich mal wieder nicht zum Essen erschienen bin.

Fast jedes Wochenende verbrachten wir hier. Gleich am Samstag nach der Schule ging’s los (ja, wir mussten am Samstag in die Schule) und am Sonntagabend fuhren wir wieder heim. Es sind nur 18 Kilometer, also nicht so weit. Im Urlaub bin ich mit meinen Eltern über die Berge gewandert. Wir haben Pilze und Beeren gesammelt oder abends mit den Nachbarn gegrillt.

Im Winter konnte man auf dem großen Feld sogar Skifahren, oder mit dem Schlitten den steilen Weg bis in den Ort hinab rodeln. Ich erinnere mich an einem Winter, in dem ich durch Hüfthohen Schnee den Berg hinauf gestapft bin, um eine Katzenmama und ihre Babys zu füttern, die sich unter unserer Terrasse eingerichtet hatten.

Die Jahre sind nicht spurlos an der Landschaft vorbeigegangen. Auf unserem Grundstück stehen inzwischen 10-15 Meter hohe Bäume. Auf den Wiesen weiden Kühe. An unserer Pilzstelle wird gerade ein Wasserspeicher gebaut, daneben steht ein Mobilfunkmast. Der Wald und die Wiesen sind so ausgetrocknet, dass die Bäume eingehen und es kaum noch Pilze gibt. Die einst dicht bewaldeten Berge sind licht geworden und auch die Tierwelt hat sich verändert. Früher fraßen Rehe regelmäßig unsere Rosen und Bäume ab, heute entdeckt man keines dieser Tiere mehr. Auch der Neuntöter und andere seltene Vögel, die in den Hecken genistet haben, sind verschwunden. Die Wühlmäuse und Schlangen sind noch da, auch die großen Greifvögel.

Dennoch sieht es im großen Ganzen hier immer noch so aus, wie vor dreißig Jahren. Mal sehen wie sich die Natur in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren verändern wird.