Zwei erstaunliche BioPics

Filmbiografien von Musik- und Filmstars scheinen momentan sehr gefragt. Spätestens nach »Bohemian Rhapsody« hat es mich auch gepackt. Weshalb wir in den vergangenen Wochen uns gleich zwei solcher sogenannten BioPics angesehen haben.

Quelle: Amazon

»Rocketman« erzählt von Elton John. Der Film setzt am Tiefpunkt seiner Karriere ein. Im exzentrischen Kostüm hat sich der Künstler von der Bühne weg quasi selbst in eine Nervenheilanstalt eingewiesen und nimmt an einer Sitzung der anonymen Alkoholiker teil. Hier erzählt von seinem Leben und nach und nach fallen Teile seines Kostüms. Er entblättert sich den Mitpatienten und Zuschauern vom bunten Paradiesvogel zum gebrochenen Mann. Während es in seiner Erzählung genau umgekehrt läuft. Man sieht wie der musisch hochbegabe Junge von seinem Vater abgelehnt und von der Mutter vernachlässigt seinen Weg sucht, nur unterstützt von der Großmutter. Wie er sich mit einem talentierten jungen Textschreiber zusammentut, wie sie die ersten Songs an einen Produzenten verkaufen. Das erste Album, die erste Tournee und der erste Auftritt in den USA folgen. Ab hier beginnt alles nach und nach auseinanderzufallen. Immer mehr Konzerte, Alben, Geld und Auftritte folgen. Der Musiker wird von vielen Seiten ausgebeutet und in die Abhängigkeit von Alkohol und Drogen getrieben. Erst Ende der 80er zieht er die Reißleine und besinnt sich zurück auf den Jungen mit dem Gespür für Melodien.

Anders als bei der Biographie von Queen, enthält der Film auch aus den Szenen entspringende Gesangseinlagen und Massenszenen. Er erinnert in seiner Machart ein wenig an »La La Land«. Normalerweise mag ich eigentlich nicht, wenn die Darsteller plötzlich anfangen zu singen. Das erinnert mich zu sehr an einschlägige Disneyfilme. Hier passten die Einlagen einigermaßen und dominierten die Handlung nicht zu sehr. Wer die Musik von Elton John mag und schon immer mal mehr über die Karriere des Künstlers wissen wollte, dem kann ich den Film durchaus empfehlen. Ich warne aber, der Titelsong spukte mir als Ohrwurm mehrere Tage lang im Kopf herum.

Quelle: Amazon

Als »Dick & Doof« kennt man Stan Laurel und Oliver Hardy in Deutschland. Keine Ahnung wer ursprünglich auf diese Titel gekommen ist, aber eigentlich nannten sich die Slapstick-Komiker »Laurel und Hardy«. Das sie ihre eigenen Namen benutzten, hatte einen besonderen Grund, der in den Extras erklärt wird. Die Studios hatten die Rechte an den Namen der Charaktere, die ein Komiker spielte. Wenn der Vertrag auslief, oder der Komiker kündigte, durfte er den Namen nicht mehr verwenden. Damit Laurel und Hardy dies nicht passierte, benutzten sie ihre eigenen Namen, die konnte ihnen niemand streitig machen. Die filmische Biographie wiederum trägt den Titel »Stan & Ollie«.

Der Film beginnt auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Stan versucht Ollie klarzumachen, das sie für ihren Erfolg viel zu wenig verdienten. Sie sollten entweder mit dem Produzenten um mehr Geld verhandeln oder ihre eigenen Filme drehen. Ollie als der zurückhaltendere der beiden versucht jedem Streit aus dem Weg zu gehen, aber Stan legt sich mit dem Studio an. Das Ende vom Lied, er fliegt raus und wird für einen Film von einem anderen Schauspieler ersetzt. Sein Filmprojekt scheitert ebenfalls weil Ollie zögert.
16 Jahre später gehen die gealterten Stars in England nochmals gemeinsam auf eine Tournee. Zum einen, um etwas Geld zu verdienen, das ihre Frauen mit beiden Händen wieder ausgeben können und zum anderen um an einem Drehbuch zu einem Robin-Hood-Film zu arbeiten. Doch Ollies Gesundheit und eine Absage des Geldgebers, bringen sowohl Tournee als auch die Filmpläne ins Wanken. Dann bricht zwischen den beiden auch noch der alte Konflikt auf.

Gesundheit und Wohl von Schauspielern hatte damals weder in Hollywood noch außerhalb der Staaten einen besonders großen Stellenwert. Hat es vermutlich heute auch nicht, wenn man sieht, wie manche Schauspieler sich für ihre Rollen verbiegen müssen. Das schöne an dem Film ist die Chemie zwischen dem Komikerduo. Die beiden sind wie in einer Symbiose miteinander verbunden. Sie spielen ihre Gags auch im normalen Leben spielen. Lassen sich von den Gegebenheiten nicht aus der Ruhe bringen und ordnen alles dem Humor und dem Lachen der Menschen unter. Die Darsteller Steve Coogan und John C. Reilly füllen dabei ihre Rollen so perfekt aus, dass sie kaum vom Original zu unterscheiden sind. Allein diese großartig gespielte Freundschaft ist es wert, den Film gesehen zu haben.

Bei den Extras auf der BluRay findet sich der Original-Sketch mit dem Klaviertransport, auf den im Film Bezug genommen wird. Es ist unglaublich, das dies »olle Kammelle« tatsächlich noch funktioniert. Ich habe ein paar Mal herzhaft lachen müssen. Manches ist eben wirklich zeitlos.

Evolution der Pornos

Quelle: Amazon

An dieser Stelle habe ich bereits hin und wieder auf die Comics von Ralf König hingewiesen. Spätestens seit »Raumstation Sehnsucht« bin ich den schnoddrigen Zeichnungen und dem anzüglichen Geschichten des Autors verfallen. Aus seiner Feder stammt die Comic-Vorlage zu einem der erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt – »Der bewegte Mann«.

Aktuell las ich »Pornstory«. Wie der Titel schon sagt geht es um Pornos und das konsumieren derjenigen. Bemerkenswert ist, das sich Ralf König in diesem Buch zurückhält und eben keine pornografischen Bilder liefert. Das überlässt er seinem Co-Zeichner Nicolas Mahler. Der Österreicher ist für den Inhalt der wenigen Porno-Ausschnitte zuständig, die im Buch erwähnt werden.

Im Grunde wird die ganze Zeit über nur über Pornos gesprochen. Ralf König zeigt die Evolution eines Porno-Fans. Vom kleinen Jungen, der die Super 8 Filme seines Vaters entdeckt, über den Mittzwanziger der bei einem Videodreh mitmacht, bis hin zum Großvater der sich im Sex-Shop mit DVDs eindeckt. Am Ende steht wieder der Enkel, der die Welten von YouPorn entdeckt. Den Umgang der Generationen mit der Materie stellt Ralf König in den Mittelpunkt seiner Geschichte. Das ist oftmals sehr witzig, manchmal überraschend und immer nah dran am Otto-Normal-Bürger. Die Schwulen-Fraktion kommt genauso zu Wort, wie das weibliche Geschlecht.

Beginnen lässt Ralf König seine Geschichte mit einem kleinen Gedicht, das von Wilhelm Busch stammen könnte und zeigt zwischendrin Auszüge aus echten Pornofilmen. Eine Dokumentation über das Entstehen des Buches, findet sich am Ende, abgedruckt als Facebook-Dialog mit seinem Kollegen Mahler.

Mir gefiel, wie unbefangen und ehrlich der Autor an das Thema herangegangen ist. Eines ist allerdings klar, man muss diese direkte Anzüglichkeit mögen. Ralf König ist nichts für prüde Gemüter und nichts für Leute die Sex zu ernst nehmen. Wer sich aber an einem Augenzwinkernden Blick auf die schönste »Männerbeschäftigung« erfreuen kann, sollte unbedingt mal in den Comic hineinschauen.

Science Fiction als Jugendbuch

Quelle: Atlantis-Verlag

Heute muss ich einen unbedingten Lesetipp aussprechen.

Mein guter Freund Ben Calvin Hary hat den ersten Band seiner Jugendkrimi-Reihe herausgebracht. Weil ich an dem Projekt nicht ganz unbeteiligt bin und mich die Geschichte echt überzeugt hat, stelle ich den Roman kurz vor.

Leon findet im Park eine gläserne Kugel, durch die man in die Vergangenheit blicken kann. Seine Freunde Danny, Kat und Mira kommen damit einem Verbrechen an einem ihrer Mitschüler auf die Spur, dass sie aufklären wollen. Doch das ist nicht so einfach, denn es tauchen seltsame Fremde auf, die ihnen mit allen Mitteln die Kugel wieder abnehmen wollen. Denn die Kugel umgibt ein Geheimnis, das größer ist, als die Jugendlichen glauben.

Der Krimi spielt in Saarbrücken. Die alltäglichen Probleme mit denen sich die vier jungen Leute herumschlagen, dürften sich nicht sehr von denen andere Jugendlicher in Deutschland unterscheiden. Die Charaktere der ungleichen Freunde sind gut herausgearbeitet und glaubhaft geschildert. Der Autor kann sich gut in Jugendliche hineinversetzen. Das kann nicht jeder. Ich würde mir das nicht zutrauen.

Die Geschichte um die geheimnisvolle Zeitkugel ist ein spannendes und zugleich phantastisches Moment. Es bildet die Grundlage einer größeren Geschichte, die nach und nach enthüllt werden wird. Im ersten Teil erfährt man nur wenig zu den Hintergründen. Hauptsächlich klären die Freunde mit Hilfe der Kugel den Tot eines Mitschülers auf.

Man erlebt die Handlung aus der Sicht eines der Jugendlichen und lernt ihn und seine Familie immer besser kennen. In den nächsten Teilen werden anderen Mitglieder der Gruppe im Fokus stehen.

Das Stärkste an dem Roman war für mich, dass man als Leser, der einer älteren Generation angehört, unglaublich viel über die Gefahren lernt, die jungen Leuten heute im Internet drohen. Da hatte ich einige echte Aha-Momente und musste über manche Praktiken den Kopf schütteln. Dabei ist mir durchaus klar, dass ich, hätte ich damals die Möglichkeiten gehabt, sie wahrscheinlich auch genutzt hätte.

Ich hatte jedenfalls sehr viel Spaß beim Testlesen und bin sehr gespannt, wie es weitergehen wird. Die Mischung aus Krimi, Jugendbuch und Science Fiction ist Ben mit dem Roman eindeutig geglückt. Ich finde es absolut lesenswert.

Hard SF in Perfektion

Ich bin eigentlich nicht der »Serien am Stück«-Seher aber bei »The Expanse« kommt man eigentlich nicht aus. Zum einen ist die Serie unheimlich spannend – da fiebert man bei jeder Folge mit – andererseits ist die Handlung so komplex, dass, wenn man mal ein oder zwei Wochen nicht geguckt hat, man teilweise vergessen hat, worum es ging.

»The Expanse« ist nicht nur großartige Serienunterhaltung, sondern auch Science Fiction par excellence. Der Sense of Wonder ist zu spüren, obwohl die physikalischen Gesetze befolgt werden. Man erlebt Raumfahrt und Raumschlachten in realistischen Dimensionen und dennoch vermag die Serie mit Visionen zu überraschen.

Machen wir uns nichts vor, wie viele SF-Produktionen ist auch »The Expanse« eine Dystopie. Sie hat sich aber zumindest den Kern einer Utopie bewahrt, obwohl sie stellenweise ziemlich gewalttätig ist. Wenigsten glaubt ein Teil der Protagonisten noch an das Gute im Menschen.

Was mir jedoch am besten an der Serie gefällt, ist ihre Komplexität und die politischen Hintergründe. Die von den Regierungen gesponnenen Intrigen, die Vorurteile und die Kurzsichtigkeit, erinnern sehr stark an unsere heutige Zeit. Somit ist auch »The Expanse« ein Kind seiner Zeit.

Schwarzhumorige Weihnachten

Quelle: droemer-knauer.de

Die Tage vor Weihnachten las ich eine ganz besondere Lektüre. »Tannenbaum des Todes« von Markus Heitz passt wunderbar in die Weihnachtszeit und ist für die Menschen geeignet, die sich Weihnachten ein bisschen gruseln wollen. Die mehr als vierundzwanzig schwarzhumorigen Kurzgeschichten und Gedichte eignen sich gut als Bettlektüre vor dem Schlafengehen, obwohl sie mitunter schon ziemlich böse sind, aber auch ziemlich witzig.

Da wird kurzerhand der Weihnachtsmann von einem ADAC-Mitarbeiter ermordet, um an dessen Replikator-Schlitten zu kommen. Eltern werden vom Nikolaus genötigt, ihren Kindern doch bitte erzieherisch wertvolles Spielzeug zu schenken. Oder eine junge Mutter, die in der Schlange an der Supermarktkasse austickt, weil sich ein Rentner vordrängelt. Die atmosphärisch dicht erzählten Geschichten verblüffen durch unerwartete Wendungen und skurrile Figuren. Wer wissen will, wie eine pointierte Kurzgeschichte geschrieben sein muss, kann sich hier Anregungen holen.

Der Autor Markus Heitz hat unteranderem einen Gastroman zur PERRY RHODAN-Serie beigesteuert und ist vor allem im Fantasy-Genre unterwegs. Die Anthologie »Tannenbaum des Todes« setzt sich aus Weichnachtsgeschichten zusammen, die er jedes Jahr für seine Weihnachts-Live-Events schreibt. Am Ende gibt es noch Rezeptvorschläge fürs Weihnachtsessen.

»Tannenbaum des Todes« erschien 2019 bei Droemer-Knauer und ist überall im Buchhandel erhältlich.

Der Aufstieg von Mary Sue

Quelle: Kino.de

Vor den Feiertagen waren wir im Kino, das zweite Mal erst in diesem Jahr. Aber ein neuer Star-Wars-Film gehört für Nerds wie uns einfach zum Pflichtprogramm. Schon allein um zu sehen, ob Episode IX eine Kopie von Episode VI ist, bzw. was Regisseur J.J. Abrams mit dem Franchise angestellt hat.

Nun, es hat sich herausgestellt, dass der Film nicht so schlimm ist, wie sein Vorgänger. Episode VIII empfanden wir als Fans als so unerträglich, dass wir uns nicht einmal die BluRay gekauft haben. Und das soll schon was heißen. Ein Meisterwerk ist »Der Aufstieg Skywalkers«, wie Episode IX heißt, aber auch nicht. Er hat seine Momente und funktioniert nur auf der emotionalen Ebene. Für die Handlung sollte man im Kino sein Hirn ausschalten, denn wenn man ein wenig darüber nachdenkt, erkennt man die ganzen Logiklöcher.

Der Film ist ein typischer J.J. Abrams-Film. So wie bei Star Trek XI wird die Logik dem coolen Look und den abgefahrenen Ideen geopfert. Was aber mit diesem Film besonders deutlich wird: Star Wars ist keine Science Fiction. Es ist ein Märchen, meinetwegen auch eine Space Opera, denn so viele Fantasy-Elemente wie in Episode IX hat es in keinem der anderen Filme gegeben.

Am problematischsten empfinde ich aber nach wie vor die Protagonistin. Rey ist eine klassische Mary Sue mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der alles gelingt und die nicht scheitert. Jeden Hobbyautor würde man deswegen verspotten. Disney und die Autoren des Films scheint das nicht zu stören. Sie geben der Figur einen fragwürdigen Hintergrund und schicken die »Multimutantin« in den Krieg zwischen Gut und Böse. Ich als Zuschauer bin über das Ende wenig überrascht und schaute während der zweieinhalb Stunden gelegentlich gelangweilt auf die Uhr.

»Der Aufstieg Skywalkers« besticht durch beeindruckende Bilder, die nett anzusehen sind. Doch zu einem guten Film gehört meiner Meinung nach auch eine gut ausgearbeitete Geschichte und nicht nur eine lückenhaften Storyidee. Ich würde sagen: viel Potential verschenkt.

Wendejugend

»89/90« von Peter Richter

»89/90« ist das Buch, was ich immer schreiben wollte.

Peter Richters autobiographischer Roman dokumentiert die letzten Monate der DDR aus der Sicht eines seiner letzten Generation sehr authentisch. Das Leben eines Jugendlichen ist auch nur Alltag: Da fällt die Mauer und am nächsten Tag erwartet einen in der Schule eine Leistungskontrolle in Mathe. Genauso war es.

Da kommen beim Lesen die vielen großen und kleinen Erinnerungen auf, an eine Zeit die unglaubliche 30 Jahre zurückliegt. Dabei fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen. Als wäre ich noch die Fünfzehnjährige in pinkfarbenen Karottenhosen mit langer blonder Dauerwelle, die Freitagabend mit dem Kassettenrekorder die Songs aus der Hitparade auf Bayern 3 aufnimmt und durch eine »unglückliche« Verletzung um den Zivilverteidigungskurs an der Schule herumkommt. So bescherte mir »89/90« ein ganz besonderes Kopfkino.

Peter Richter vermittelt Geschichte aus einer individuellen aber treffenden Sicht und liefert klar und überzeugend Hinweise auf die Entstehung des Neofaschismus im Osten. Man versteht plötzlich, warum es so kam und kommen musste. Er beschreibt die Anarchie, die nach dem 9. November 1989 in allen Bereichen der Gesellschaft herrschte. Die Machtlosigkeit mit der Behörden und Institutionen agierten, hilflos zusahen, wie Menschenrechte ausgehebelt wurden. Wie Geschäftemacher ihre Chancen ergriffen, wie warnende Stimmen überhört und eine ganze Gesellschaftsordnung von heute auf morgen einfach ersatzlos außer Kraft gesetzt wurde.

Die Darstellung des Autors, wie sich ein Land und seine Menschen innerhalb von Monaten völlig veränderten, ist so unfassbar, dass mir heute davor schaudert.

Dabei bedient er sich der Sprache der Jugend, schlicht und unmissverständlich – mit dem arroganten Beiklang eines jungen Menschen, der glaubt, dass die Welt auf ihn gewartet hat. Genau das macht den Reiz der Geschichte aus.

Selbst wenn am Beginn des Buches geschrieben steht, dass die handelnden Figuren reine Fiktion sind, weiß man aus eigener Erfahrung, dass es den S. oder die L. so oder ähnlich gegeben hat. Es ist gleichermaßen der einzige Punkt, den ich kritisieren muss. Das Stilmittel des Autors, anstatt der Namen nur eine Abkürzung zu verwenden, finde ich störend. Denn ich kam bei der Länge des Romans oftmals ins Schleudern, weil ich mich fragte: Wer war nochmal der K.?

Niemals zuvor habe ich mich einer Zielgruppe so zugehörig gefühlt, wie beim Lesen dieses Romans. Der Autor und ich hätten in eine Klasse gehen können. Vieles, was er beschreibt, habe ich wie die Angehörigen meines Jahrgangs eins zu eins erlebt. Ja, wir waren der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen durfte – damals in der DDR. Wir waren aber auch der erste Jahrgang, dem nach der Wende die Welt offen stand – wenn man es zu nutzen wusste.

»89/90« ist ein lesenswertes Buch nicht nur für »Betroffene« wie mich, sondern für die, die wissen wollen, wie es wirklich war, als Jugendlicher in der dahinscheidenden DDR zu leben. Allein mit den vielen Fußnoten im Roman könnte man ein ganzes Geschichtsbuch füllen, welches alles andere als langweilig wäre.

Überleben auf dem Mars

»Der Marsianer« von Andy Weir

Andy Weir hat mir den Glauben zurückgegeben … den Glauben daran, dass man als unbekannter Autor erfolgreich sein kann. Vom Hobby-Schreiber zum Bestseller-Autor, dessen Buch von Hollywood verfilmt wird und das auch noch im Genre Science Fiction. Welcher Autor träumt nicht davon? Klar, Andy Weir ist Amerikaner, in den USA hat der Beruf eines Genre-Autors ein höheres Ansehen als in Deutschland. Trotzdem hofft jeder, der schreibt, dass er irgendwann den Bestseller abliefert.

Dabei sah es bei dem Softwareentwickler zunächst nicht danach aus. Die Verlage lehnten das Manuskript ab. Er veröffentlichte die Geschichte deshalb zunächst auf seinem Blog. Schließlich bot ausgerechnet der Branchenriese AMAZON, ihm wie anderen Freizeitautoren die Möglichkeit seinen Roman im Kindle-Store anzubieten.

Die Kindle-Edition verkaufte sich so erfolgreich, dass Verleger darauf aufmerksam wurden und das Manuskript schließlich für einen 6-stelligen Betrag kauften. Das beweist wieder, welche Chancen der E-Book Markt einem unbekannten Autor eröffnen kann und mit welcher Ignoranz etablierte Verlage am Leser vorbei wirtschaften. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA.

Auch ich musste zunächst tief durchatmen, nachdem ich die Lektüre von »Der Marianer« beendet hatte. Die Geschichte ist fesselnd bis zum letzten Satz.

Der Astronaut Mark Watney wird bei einem Missionsabbruch versehentlich auf dem Mars zurückgelassen und versucht unter allen Umständen zu überleben.
Der Mars ist ein äußerst lebensfeindlicher Ort, man kann dort viele Tode sterben. Watney kommt mehr als nur einmal haarscharf mit dem Leben davon. Was ihm hilft, ist sein unbändiger Wille zum Überleben, sein wissenschaftliches Verständnis und ein Improvisationstalent, wie es nur wenige Menschen besitzen.
Unterbrochen wird die Erzählung immer wieder von den Reaktionen der NASA-Verantwortlichen auf der Erde und der Rettungsmission seiner Astronauten-Kollegen. Gemeinsam mit dem Gestrandeten versuchen sie ihn, zur Erde zurückzubringen.

Andy Weirs Erzählung, als Logbucheinträge in der Ich-Perspektive verfasst, ist so lebensnah, das sie mich sofort mitgerissen hat. Das ist die Stärke des Buchs. Sein Held Watney zaubert eine Idee nach der anderen aus dem Hut, einige funktionieren, manche scheitern an leichtsinnigen Fehlern. Man lernt als Leser viel über wissenschaftliche Zusammenhänge, während die Beschreibungen der technischen Vorgänge stets nachvollziehbar bleiben. Watneys Risikobereitschaft ist so erfrischend im Vergleich zum Kontrollzwang der NASA, dass dieser Teil sehr amüsant ist.

Ich will ehrlich sein, der Text ist nicht vollkommen perfekt. Die Szenen auf der Erde und an Bord des Marsraumschiffs schwächeln gegenüber Watneys ausgefallenen Logbuchberichten. Die Handlung auf der Erde besteht fast nur aus Dialogen. Da hätte ein bisschen mehr Figurenbeschreibung notgetan, denn ich hatte Schwierigkeiten die handelnden Charaktere zu unterscheiden.

Viele der Szenen leiden unter mangelnder Beschreibung. Ich gewann nur ein verwaschenes Bild von den Umständen auf dem Mars, z. B. wie die Wohnkuppel aussieht, oder das Raumschiff.

Zum Glück gibt es zum Buch eine Verfilmung. Der Film (produziert von Ridley Scott) hilft dabei, die Schwächen des Romans auszubügeln vor allem die Visualisierungen. Die Marsoberfläche, die Wohnkuppel sowie das Kontrollzentrum der NASA, all die Dinge werden durch den Film lebendiger und fassbarer. Überhaupt wirken die Szenen auf der Erde durch Gesten und den Ausdruck in den Gesichtern der Schauspieler gelungener.

Schwächen hat der Film genau da, wo das Buch Stärken hat. Mark Watneys Versuche zu überleben, die Basteleien, die technischen Probleme, mit denen er kämpft, all die Widrigkeiten und vor allem seine Einsamkeit kommen im Film nicht so rüber wie im Buch. Dazu fehlen zu viele der guten und wichtigen Szenen.

Was ebenfalls verloren geht, ist die Sprache. Watney nimmt in den Logbucheinträgen kein Blatt vor den Mund. Das wird im Film zwar angedeutet, steht aber, wahrscheinlich aus Rücksicht vor dem amerikanischen Kinopublikum, in keinem Vergleich zur Direktheit seiner Äußerungen im Text, die ihn gerade deshalb so authentisch machen.

Um die Geschichte in ihrer Vollendung zu erleben, sollte man sowohl den Roman gelesen, als auch den Film gesehen haben. Erst beides zusammen ergibt ein homogenes Ganzes. Wobei ich vorschlagen würde, erst den Film anzusehen und dann das Buch zu lesen. Denn »Der Marsianer« ist eines der spannendsten Bücher, die ich je gelesen habe und unbedingt zu empfehlen, nicht nur, wenn man zum Mars fliegen will.

Es erinnert mich daran, dass man als Autor niemals aufgeben sollte.

Der Punk aus dem Bratwurstland

»Satan kannst du mir noch einmal verzeihen« von Anne Hahn und Frank Willmann

»Dein Protagonist ist für einen Punk nicht gestört genug«, warf mir unlängst Karl Nagel nach der Lektüre meines Punk-Roman-Manuskriptes vor. Wenn ich an Dieter Ehrlich denke, dem Begründer der Band »Schleimkeim«, muss ich ihm recht geben. Ein echter Punk muss auf die eine oder andere Art ein bisschen »Gaga« sein und Dieter »Otze« Ehrlich war ein echter Punk.

1980 gründeten drei Jugendliche, 70 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt, die Punkband »Schleimkeim«, die zur bekanntesten und beliebtesten Punkgruppe der DDR werden sollte. Ich besuchte damals die erste Klasse und hatte von Punk und anderen Subkulturen keine Ahnung. Heute weiß ich, die Geschichte der Band und ihres Gründers ist spannender als jeder Krimi.

Dieter Ehrlich – von allen nur Otze genannt – lebte das, wofür Punk steht: Nicht arbeiten gehen, dafür saufen, jede Menge Blödsinn anstellen und Musik machen. Auch vom Charakter her war er alles andere als ein Engel. Wie er selbst immer behauptet hat, stand er mit Satan im Bunde. Dennoch war er eine Persönlichkeit, die von Freunden und Feinden gleichermaßen bewundert und respektiert wurde.

Aus den Erzählungen seiner Mitmenschen erfährt man, welch begnadeter Musiker er war, der mit einem Minimum an Equipment ein maximales Ergebnis erzielen konnte. Er verfasste geniale Texte, obwohl er kaum richtig schreiben konnte. Oft nahm er sich aber auch, was er wollte, manchmal mit Verschlagenheit und sehr oft mit Gewalt. Er war der Star unter den Punkrockern der DDR und hatte viele Fans.

Getreu dem Motto eines Punks, nie Gewinn aus einer Sache zu schlagen, war ihm Ruhm nicht wichtig. Für ihn zählte, dass seine Musik gehört wurde. Er liebe es, Geschichten über sich zu erzählen, die meist nur ein Körnchen Wahrheit enthielten. Weil er jedem eine andere Legende auftischte, kannte keiner den Menschen Otze Ehrlich wirklich. Bis zum Schluss blieb er undurchschaubar, verlor sich in Drogen und Gewalt und wurde zu einem der vielen Genies, die dem Wahnsinn erlegen sind.

In der Biografie die Anne Hahn und Frank Willmann verfasst haben, kommen Bandmitglieder, Freunde und Weggefährten zu Wort. Personen, die Otze mal mehr und mal weniger gut kannten. Mich faszinierte, dass jeder der Befragten ein eigenes Bild von Dieter Ehrlich zeichnet. Manches deckt sich, anderes wiederum klingt, als würden sie über unterschiedliche Menschen sprechen. Die persönlichen Berichte werden verknüpft mit Auszügen aus Interviews und Stasi-Dokumenten und machen aus dieser Biografie mehr. Das Buch bildet einen Teil der DDR-Geschichte ab, den ich nicht kannte, der aber ungemein spannend ist.

Man bekommt selten die Gelegenheit, die eigene Vergangenheit mit völlig anderen Augen zu sehen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man den Namen seiner Heimatstadt liest und von Veranstaltungen hört, die dort stattgefunden haben, ohne das man etwas davon mitbekommen hat. Das ist, als hätte man in einer Parallelwelt gelebt und nicht wenige Kilometer entfernt. Leider war ich damals zu jung, um es mitzuerleben oder um es zu begreifen.

So gingen mit dem Punk in Thüringen auch die genialen Lieder von »Schleimkeim« an mir vorbei. Da es für Musik bekanntlich nie zu spät ist, hörte ich drei Jahrzehnte später zum ersten Mal Songs wie »Prügelknabe«, »Kriege machen Menschen« und »Geldschein«. Ich bin dabei genauso fasziniert, wie die Jugendlichen von damals. Dank des Buches weiß ich, wie das so war, mit Otze und den anderen Mitgliedern von »Schleimkeim«. Durch dieses Wissen bekommen die Lieder noch mal eine tiefere Bedeutung.

Ein Zitat von Otze Ehrlich geht mir nicht mehr aus dem Kopf. »Um unser Leben brauchten wir in der DDR nicht zu fürchten!« Es zeigt, wie der Zusammenbruch der DDR und der plötzliche Wegfall des Feindbildes einem Punk wie Otze schwer zu schaffen gemacht hat, genauso wie die Drogen, die nach der Wende Ostdeutschland überschwemmten. Sicher sind das die Gründe, an denen er letztendlich zerbrochen ist.

Dieter Ehrlich starb 2005 mit 41 Jahren in einer forensischen Klinik, in der er »aufbewahrt« wurde, nachdem er 1998 im Drogenrausch seinen Vater mit einer Axt erschlagen hatte. Mit der Musik hat er sich unsterblich gemacht. Sie fasziniert noch nach mehr als dreißig Jahren, getreu seinem Leitsatz: »Alles wird sterben, alles wird vergehen, nur Punk und SK (»Schleimkeim«) werden bestehen.«

Eine erhebliche Anzahl Fotos im Buch stammen aus den Archiven der BStU (Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen). Das stimmt nachdenklich, denn einerseits wäre ohne die Stasi vieles undokumentiert geblieben, andererseits hätte es die damalige Punkszene einfacher gehabt.

Die Entdeckung der SF-Klassiker

»Die Stadt und die Sterne« von Arthur C. Clarke

Zunächst für die Vorbereitung eines Schreibseminars in Wolfenbüttel und später aus reinem Interesse heraus las ich ein paar Klassiker der Science Fiction. Da ich als Jugendliche keine Zukunftsromane gelesen hatte, habe ich die eine oder andere Bildungslücke, was Science-Fiction-Literatur betrifft.

Die SF-Romane von heute sind kaum mehr als moderne Märchen. Das meiste wurde auf die eine oder andere Weise bereits erzählt. Wirklich Originelles und Umwerfendes findet man selten. Es scheint, als sei jede Idee schon mal da gewesen. Deshalb dachte ich mir, wenn ich schon lese, kann ich die großen Ideen der SF gleich im Original lesen.

So suchte ich mir keinen Geringeren als Sir Arthur C. Clarke  heraus. Der weltberühmte Autor des Klassikers »2001 – Odyssee im Weltraum« ist fürwahr ein Visionär. »Die Stadt und die Sterne« erschien bereits 1956 und steckt so voller Ideen, dass es mir die Sprache verschlug. Die Geschichte um die Stadt Diaspar ist so fantastisch, dass man kaum glauben kann, dass alle Ideen von einem einzelnen Menschen stammen.

Milliarden Jahre in der Zukunft. Diaspar ist die letzte Stadt der Welt und die letzte Zufluchtsstätte der Menschheit. Ihre Bewohner sind unsterblich, die Stadt ebenfalls. Beides entsteht aus den Gedächtnisanlagen immer wieder neu. Nur Alvin ist anders. Alvin ist eine Permutation, etwas, das es eigentlich nicht geben sollte, denn er ist der erste Mensch, der nach Millionen von Jahren geboren wird,
Alvin hat noch nie gelebt. Anders als seine Freunde stellt er sich immer wieder Fragen: Wer hat Diaspar errichtet? Was war vorher? Und was befindet sich außerhalb der Stadt? Fragen, die ihm niemand beantworten kann, weil jedem Bewohner die Angst vor der Außenwelt eingepflanzt wurde. Nur Alvin nicht.
Er ist der Erste, der nach Millionen von Jahren die Stadt verlässt und auf der verwüsteten Erde eine weitere Oase findet – Lys. Deren Bewohner sind das Gegenteil der Menschen, die Alvin kennt. Telepathisch begabte Individuen, die im Einklang mit sich und der Natur leben. Aber auch sie können seine Fragen nicht beantworten.
In einem Krater entdeckt Alvin einen Roboter, der einem längst verstorbenen MEISTER gehört hat. Er könnte Alvins Wissensdurst stillen, doch die Maschine spricht nicht mit ihm. Da nimmt Alvin sie mit nach Diaspar und stellt sie dem Zentralgehirn der Stadt vor. Das bringt das Artefakt aus der Vergangenheit tatsächlich zum Sprechen und was es zu erzählen weiß, verändert nicht nur das Leben Alvins, sondern das aller Menschen in Diaspar und Lys …

Wie andere seiner Zeitgenossen erschafft Arthur C. Clarke mit dem Roman die Grundlage für viele weitere Bücher, Filme und Serien. Alles was danach kam, baut in Teilen auf seinen Ideen auf. Ich habe beim Lesen mehrere Storyelemente und Bezüge gefunden, die in spätere Publikationen und Produktionen verschiedenster Autoren einflossen.

Für mich ist dieser Roman Science Fiction in Vollendung. Visionärer kann man nicht schreiben. Wer wissen will, was SF wirklich bedeutet, sollte dieses Buch lesen. Selbst dem technikaffinen Menschen von heute eröffnet Clarke eine phantastische Welt mit einem ganz eigenen »Sense of Wonder«.

Am Ende wurde mir klar, dass Menschsein mehr bedeutet, als das Schaffen großer Dinge, sondern es die zwischenmenschliche Beziehungsfähigkeit ist, die uns zum Menschen macht.