Der Punk aus dem Bratwurstland

»Satan kannst du mir noch einmal verzeihen« von Anne Hahn und Frank Willmann

»Dein Protagonist ist für einen Punk nicht gestört genug«, warf mir unlängst Karl Nagel nach der Lektüre meines Punk-Roman-Manuskriptes vor. Wenn ich an Dieter Ehrlich denke, dem Begründer der Band »Schleimkeim«, muss ich ihm recht geben. Ein echter Punk muss auf die eine oder andere Art ein bisschen »Gaga« sein und Dieter »Otze« Ehrlich war ein echter Punk.

1980 gründeten drei Jugendliche, 70 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt, die Punkband »Schleimkeim«, die zur bekanntesten und beliebtesten Punkgruppe der DDR werden sollte. Ich besuchte damals die erste Klasse und hatte von Punk und anderen Subkulturen keine Ahnung. Heute weiß ich, die Geschichte der Band und ihres Gründers ist spannender als jeder Krimi.

Dieter Ehrlich – von allen nur Otze genannt – lebte das, wofür Punk steht: Nicht arbeiten gehen, dafür saufen, jede Menge Blödsinn anstellen und Musik machen. Auch vom Charakter her war er alles andere als ein Engel. Wie er selbst immer behauptet hat, stand er mit Satan im Bunde. Dennoch war er eine Persönlichkeit, die von Freunden und Feinden gleichermaßen bewundert und respektiert wurde.

Aus den Erzählungen seiner Mitmenschen erfährt man, welch begnadeter Musiker er war, der mit einem Minimum an Equipment ein maximales Ergebnis erzielen konnte. Er verfasste geniale Texte, obwohl er kaum richtig schreiben konnte. Oft nahm er sich aber auch, was er wollte, manchmal mit Verschlagenheit und sehr oft mit Gewalt. Er war der Star unter den Punkrockern der DDR und hatte viele Fans.

Getreu dem Motto eines Punks, nie Gewinn aus einer Sache zu schlagen, war ihm Ruhm nicht wichtig. Für ihn zählte, dass seine Musik gehört wurde. Er liebe es, Geschichten über sich zu erzählen, die meist nur ein Körnchen Wahrheit enthielten. Weil er jedem eine andere Legende auftischte, kannte keiner den Menschen Otze Ehrlich wirklich. Bis zum Schluss blieb er undurchschaubar, verlor sich in Drogen und Gewalt und wurde zu einem der vielen Genies, die dem Wahnsinn erlegen sind.

In der Biografie die Anne Hahn und Frank Willmann verfasst haben, kommen Bandmitglieder, Freunde und Weggefährten zu Wort. Personen, die Otze mal mehr und mal weniger gut kannten. Mich faszinierte, dass jeder der Befragten ein eigenes Bild von Dieter Ehrlich zeichnet. Manches deckt sich, anderes wiederum klingt, als würden sie über unterschiedliche Menschen sprechen. Die persönlichen Berichte werden verknüpft mit Auszügen aus Interviews und Stasi-Dokumenten und machen aus dieser Biografie mehr. Das Buch bildet einen Teil der DDR-Geschichte ab, den ich nicht kannte, der aber ungemein spannend ist.

Man bekommt selten die Gelegenheit, die eigene Vergangenheit mit völlig anderen Augen zu sehen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man den Namen seiner Heimatstadt liest und von Veranstaltungen hört, die dort stattgefunden haben, ohne das man etwas davon mitbekommen hat. Das ist, als hätte man in einer Parallelwelt gelebt und nicht wenige Kilometer entfernt. Leider war ich damals zu jung, um es mitzuerleben oder um es zu begreifen.

So gingen mit dem Punk in Thüringen auch die genialen Lieder von »Schleimkeim« an mir vorbei. Da es für Musik bekanntlich nie zu spät ist, hörte ich drei Jahrzehnte später zum ersten Mal Songs wie »Prügelknabe«, »Kriege machen Menschen« und »Geldschein«. Ich bin dabei genauso fasziniert, wie die Jugendlichen von damals. Dank des Buches weiß ich, wie das so war, mit Otze und den anderen Mitgliedern von »Schleimkeim«. Durch dieses Wissen bekommen die Lieder noch mal eine tiefere Bedeutung.

Ein Zitat von Otze Ehrlich geht mir nicht mehr aus dem Kopf. »Um unser Leben brauchten wir in der DDR nicht zu fürchten!« Es zeigt, wie der Zusammenbruch der DDR und der plötzliche Wegfall des Feindbildes einem Punk wie Otze schwer zu schaffen gemacht hat, genauso wie die Drogen, die nach der Wende Ostdeutschland überschwemmten. Sicher sind das die Gründe, an denen er letztendlich zerbrochen ist.

Dieter Ehrlich starb 2005 mit 41 Jahren in einer forensischen Klinik, in der er »aufbewahrt« wurde, nachdem er 1998 im Drogenrausch seinen Vater mit einer Axt erschlagen hatte. Mit der Musik hat er sich unsterblich gemacht. Sie fasziniert noch nach mehr als dreißig Jahren, getreu seinem Leitsatz: »Alles wird sterben, alles wird vergehen, nur Punk und SK (»Schleimkeim«) werden bestehen.«

Eine erhebliche Anzahl Fotos im Buch stammen aus den Archiven der BStU (Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen). Das stimmt nachdenklich, denn einerseits wäre ohne die Stasi vieles undokumentiert geblieben, andererseits hätte es die damalige Punkszene einfacher gehabt.

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