Ecken und Kanten

Love A, eine Punkband aus Trier, höre ich gern und oft.

Anfang des Jahres haben die Jungs zwei neue Songs herausgebracht. Mit »Kanten« und »Weder noch« setzten sie die Tradition fort, kritische Texte mit ruppiger aber dennoch melodiöser Musik zu vereinen. Das Ergebnis gefällt mir sehr gut. Besonders der zweite Titel regt zum Nachdenken an.

Erschienen ist die Single als limitierte Edition auf Vinyl bei Rookie Records. Für alle die Musik lieber digital konsumieren, können die Titel bei YouTube anhören.

Baustellengeplagt

Ich habe lange nichts zur Deutschen Bahn gebloggt, obwohl es mehr als genug Gründe gäbe. Denn momentan müssen Pendler auf der Strecke Salzburg-München ziemlich viel ertragen.

Vergangene Woche und diese Woche von Freitag bis Dienstag Vollsperrung! Das heißt Schienenersatzverkehr und ausfallende Züge. Also fuhr ich in dieser Woche an zwei Tagen hintereinander zur Arbeit, nämlich an den beiden, an denen die Strecke nicht gesperrt war. Der Baustellenfahrplan zwingt mich außerdem seit Ende Februar noch früher von der Arbeit abzuhauen, weil der EC nicht mehr am Ostbahnhof hält, sondern ich zum Hauptbahnhof muss. Während ich mir in der Früh jetzt fünf Minuten länger gönne, um mit dem EC statt dem MERIDIAN fahren. Die alten Wagons sind trotz Neubestuhlung deutlich bequemer wie die MERIDIAN-Züge, die eigentlich eher einer »S-Bahn mit Klo« ähneln. Das hat allerdings den Nachteil, dass ich später auf Arbeit bin, weil der EC jeden Tag mit 5-15 Minuten Verspätung abfährt, die er zuvor auf einer Strecke von vielleicht 20 km angehäuft hat. Ich weiß nicht, wie die Deutsche Bahn das schafft, aber es ist so. An der Baustelle zwischen Rosenheim und München hakt es dann meistens auch und so bin ich oft erst zwanzig Minuten später da. Und wenn ich dann, wie heute, auch noch im S-Bahn-Lotto verliere, summiert es sich am Ende auf eine halbe Stunde, die ich später auf Arbeit bin.

Die Baustelle soll noch bis Mitte Mai gehen und auch an diesem Wochenende ist bis  Dienstag wieder eine Vollsperrung angekündigt. Zum Glück habe ich nächste Woche Urlaub und muss mir den Stress nicht antun. Die vielen Pendler, die täglich diese Strecke fahren müssen und keinen Urlaub nehmen können, tun mir aufrichtig leid. Man muss schon eine ziemliche Leidensfähigkeit mitbringen. Wenigstens kann ich im Zug fokussiert an meinem Roman arbeiten. Und so ein Showdown, geschrieben, während der Zug eine gefühlte Ewigkeit vor einer Baustelle hält, bringt zumindest Spannung in die Fahrt.

Frühjahrswinter

Ich meckere selten übers Wetter und wenn, dann nur wenn es zu heiß oder zu trocken ist. Was sich aber seit Sonntag über meinem Kopf zusammenbraute, finde ich reichlich seltsam.

Schnee, Regen, Wind, ab und zu Sonne, dann wieder Schnee. Heute morgen war auf dem Weg zur Arbeit alles tief verschneit. Es sah aus, als hätten wir Dezember. Ich glaube fast, den ganzen Winter keine so schöne Winterlandschaft gesehen zu haben. Noch im Februar hätte ich mich darüber gefreut, aber heute zum 27. April …?

Die Wintersachen hatte ich zum Glück noch nicht weggeräumt. Da aber an meiner geliebte Softshelljacke der Reißverschluss kaputt ist, habe ich derzeit keine Jacke mit Kapuze. Unsere armen Tomatenpflänzchen stehen wegen der Kälte zwangsweise im Wohnzimmer. Und Autofahren im Schnee ist mit den bereits aufgezogenen Sommerreifen auch kein Vergnügen.

2007 saßen wir beim Trekdinner Ende April bei 30° C im Biergarten und in diesem Jahr könnte man sich die Ski anschnallen. Solches Wetter ist zwar für die Jahreszeit normal, aber schön finde ich es nicht. Vielleicht bringt der 1. Mai Besserung.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Alle haben ein Handy, aber keiner telefoniert. Zumindest erzählt mir das dieser Artikel bei NTV.

So ganz von der Hand weisen, lassen sich die Ausführungen der Journalistin nicht. So richtig viele Anrufe habe ich in letzter Zweit nicht bekommen und wenn, dann waren sie entweder geschäftlicher Natur oder es klingelten irgendwelche Umfrageinstitute. Man redet nicht mehr miteinander, weil man dabei nicht kontrollieren kann, was man sagt, oder weil man sich vom Anrufer gestört fühlt. Mhm! Sind wir jetzt schon so egoistisch, dass wir nicht mal mehr mit anderen sprechen wollen?

Eine bedenkliche Entwicklung wie ich finde. Denn es ist nicht so, dass Sprache einst Grundlage unserer Evolution zum Menschen war. Wenn wir jetzt nicht mal mehr miteinander telefonieren wollen, was kommt dann? Wahrscheinlich hören wir als Nächstes auf, uns zu schreiben. Wenn ich mir manchmal mein E-Mail Postfach betrachte, könnte ich meinen, es wäre schon soweit. Denn ich verschicke mehr E-Mails, als ich beantwortet bekomme. Liegt es an mir oder was sagt das über mich und andere?

Ich besitze kein Smartphone und nutze daher auch kein Whats…(auch immer). SMS schreibe ich nur, wenn es nicht anders geht und ich nicht telefonieren kann. Einfach, weil es zu kompliziert ist, auf einer Nummerntastatur einen ausführlichen Text zu tippen. Denn ich hasse es, eine nur mit ASCII-Zeichen formulierte Nachricht zu versenden. Ein Smiley hier und ein Emoticon dort – das ist so, als würde ich versuchen mit Händen und Füßen zu sprechen. Nennt mich altmodisch, aber das kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, eher der Anfang menschlicher Degeneration. Vielleicht haben wir in 50 Jahren alle einen Chip im Kopf, mit dem wir kommunizieren. Und jeder lebt in seinem eigenen abgeschlossenen Tank und führt ein virtuelles Leben in einer geträumten Welt. (Matrix lässt grüßen.)

Ich stehe dazu. Ich telefoniere gern, weil ich gern rede. Und mir ist egal, ob ich dabei von meinem Gegenüber falsch verstanden werden kann. Denn schließlich kann man darüber reden.

Warum ich Phantastik schreibe

Als Autor lebt man von konstruktiver Kritik und kann sich nur mit ihrer Hilfe verbessern. Ich bin immer dankbar für ein offenes Wort, auch wenn es wehtut. Das muss so sein, sonst hilft es nicht. Wogegen ich aber empfindlich reagiere ist, wenn jemand dass Genre der Phantastik an sich kritisiert.

Es geht um eine Geschichte, die ich bereits vor »zwanzig« Jahren schrieb und die jetzt von einem Kritiker (Pädagoge und nicht SF-Fan) unter die Lupe genommen und hinterfragt wurde. Die damalige Publikation (Printausgabe aus dem STAR TREK-Forum) enthält, ohne Frage, eine Menge Rechtschreibsünden. Wobei ich zu meiner Entschuldigung sagen muss, dass ich damals der Korrekturleserin bedingungslos vertraute, weil sie Lehrerin war. Da ich um meine Rechtschreibschwäche wusste, nahm ich an, dass sie das ordentlich erledigen würde. Das dem nicht so war, stellte ich später im Zuge der E-Book Überarbeitung fest. Im Nachhinein betrachtet, glaube ich, dass sie es wahrscheinlich gar nicht gelesen hat. Aber egal. Ich habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und sehe jetzt doppelt und dreifach hin, bevor ich etwas herausgebe. Doch darum geht es mir nicht.

Vielmehr klang in der Kritik an, dass sich meine Geschichten ähneln und es doch eine Schande wäre, mein Talent an solche Art Literatur zu verschwenden. Nun, es ist tatsächlich so, dass meine Geschichten mehr oder weniger ähnlich sind. Wofür es Gründe gibt. Man sollte nicht vergessen, dass es sich dabei um FanFiction handelt. Das heißt, um Geschichten die auf einem bestehenden Franchise beruhen, sei es STAR TREK oder PERRY RHODAN. Dort gilt das Gesetz der Serie, was nichts anderes bedeutet, als das die Protagonisten jede Woche in eine Situation oder Anomalie gebracht werden, aus der sie entkommen oder mit der sie fertig werden müssen. Wir sprechen außerdem über eine phantastische Serie.
Das ist ein Punkt über den sich streiten lässt. Als Science Fiction-Autorin möchte ich keine Abbildung der Realität schaffen. Der Betreuer des Resorts Science Fiction vom Heyne Verlag – Sascha Mamczak – hat es folgendermaßen gesagt: »Denn Phantastik schreiben, heißt ja nicht, die Realität mit anderen Mitteln nachzuerzählen, sondern die Realität mit anderen, eben phantastischen Mitteln aufzubrechen.« Mir ging es nie darum, einen Roman über Flüchtlinge zu schreiben, sondern meinen überheblichen Protagonisten aus einer heilen Zukunftswelt, mit dem Problem zu konfrontieren. Ihm seine Überlegenheit vor Augen zu halten und zu sagen: »Schau mal! Das sind deine Vorfahren, deine Wurzeln. Du stammst von diesen Leuten ab. Und nur weil du eine Chance auf Bildung bekamst und in einer friedlicheren Zeit aufgewachsen bist, bist du nicht besser als sie.« Vielleicht ist es mir in dem Roman nicht gelungen, diesen Gedanken zu transportieren. Aber mir ging und geht es beim Schreiben nicht darum, Realität zu dokumentieren. Das können andere besser.

Es ist leider immer noch so, dass man sich als Autor dafür entschuldigen muss, wenn man Phantastik schreibt, weil das Genre in Deutschland in bildungspolitischen Kreisen nach wie vor als Schundliteratur angesehen wird. Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen es genauso akzeptiert ist wie Krimis oder Liebesromane. Das mit der Phantastik ist schlicht Geschmacksache. Es gibt entweder Leute, die sie mögen oder welche, die damit nichts anfangen können. Das ist wie mit Krimis. Ich mag zum Beispiel keine Krimis, weil sie mich langweilen. Ein Mord. Jemand ermittelt. Der Täter wird anhand von Beweisen oder in einem Verhör überführt – die Vorgehensweisen sind stets dieselben. Ich habe keinen Spaß daran, den Täter zu erraten, weil sich mir das durch den bekannten Aufbau der Geschichten, meist nach der ersten halben Stunde erschließt. Was aber nicht heißt, dass ich Krimiautoren für ihr Können nicht bewundere. Es ist sehr viel Arbeit eine solche Geschichte zu entwicklen und eine Kunst dem Leser gerade so viel Informationen zu geben, damit er dabei bleibt, ohne die Auflösung zu früh zu verraten. Niemals würde ich einem Krimiautoren vorschreiben, er solle doch mal etwas anderes schreiben, wenn er Spaß dabei hat. Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er was schreibt und und jeder meint, das Richtige zu tun. Und das sollte auch so sein.

Im Nachhinein wünschte ich mir, schon damals von der Bundesakademie in Wolfenbüttel gewusst zu haben. Die Phantastikseminare gibt es dort seit den Neunzigerjahren und hätten mir wahrscheinlich schon früher Möglichkeiten eröffnet, mein Talent entsprechend zu fördern. Aber es ist ja bekanntlich nie zu spät, um etwas Neues zu lernen.

Kammerspiel in drei Akten

Quelle: Amazon

Wenn ich Filme schlecht finde, dann rezensiere ich sie meist auch nicht. Hin und wieder aber gibt es Filme, bei denen ich es dennoch tun muss. Oftmals weil einer meiner Lieblingsdarsteller mitspielt oder weil ich einfach etwas dazu sagen muss. »Steve Jobs« ist einer dieser Filme.

Als Applejünger (der erste Computer mit dem ich gearbeitet habe, war ein Mac) kaufte ich mir die 2012 erschienen Biografie von Steve Jobs. Das Werk lieferte einen tiefen Einblick in das Leben eines exzentrischen Menschen, der trotz seiner Fehler Großes geleistet hat. 2014 sah ich den Film »Jobs« mit Ashton Kutcher in der Hauptrolle und fand ihn zwar nicht herausragend aber gelungen. Anfang des Monats erschien nun der zweite Film über den Applegründer und ich war gespannt, weil der Film für zwei Oscars nominiert wurde. Doch die Enttäuschung war groß.

Die Handlung des Filmes ist auf drei Ereignisse aus dem Leben Steve Jobs beschränkt: die Präsentationen des Macintosh, des NEXT und des iMacs. Es passiert nichts, dafür wird viel geredet. Spannung soll über Streitgespräche mit immer denselben Menschen erzeugt werden: Seiner Marketingchefin Joanna Hoffman, der Tochter Lisa, Mitbegründer Steve Wozniak, CEO John Scully und Softwareentwickler Andy Hertzfeld. Das funktioniert aber nur bedingt. Als Zuschauer wartet man ständig darauf, dass es vorwärts geht, doch die Handlung tritt auf der Stelle. Das ist aber nicht mal das Schlimmste. Schlimm finde ich, das Leute, die die Biografie nicht gelesen haben, nicht verstehen werden, worüber die Figuren reden. Der Film setzt Wissen über die Person Steve Jobs voraus.

Die Schauspieler allen voran Kate Winslet und Michael Fassbinder leisten großartiges und sind die Stützen des Films. Auch das Drehbuch mag aufgrund der treibenden Dialoge hervorragend sein und wäre als Theaterstück genial. Im Grunde ist es ein Kammerstück, aber dies in einen Film umzusetzen, ist extrem schwierig, denn die Erwartungshaltung des Zuschauers an einen Film ist eine andere.

Fazit: Tolle Darsteller, aber einer der langweiligsten Filme, die ich je gesehen habe.

Kurzer Ausflug

Gestern wollten wir zum Trekdinner. Wir saßen auch schon im Auto und fuhren, aber nach drei Kilometern leuchtete plötzlich das Werkstattzeichen auf dem Instrumentenbord auf. Mein Mann hielt sofort, machte den Motor aus und wieder an. Die Leuchte brannte hartnäckig weiter. Bis nach München sind es 100 Kilometer. Wir beschlossen umzudrehen und in die Werkstatt zu fahren, die um diese Zeit noch geöffnet sein sollte. Das Risiko unterwegs mit einem Motorschaden stehenzubleiben, wollten wir nicht eingehen.

Der Werkstattchef war nicht da, aber einer seiner Mitarbeiter kümmerte sich um unser Auto und las den Fehlerspeicher aus. Angeblich wäre unser Partikelfilter gesättigt. Wir sollten mit dem Fahrzeug besser nicht mehr fahren. Mein Mann zuckte erst einmal zusammen, weil das mit enormen Kosten verbunden ist und unser Auto in diesem Monat erst zur Durchsicht war. Was bereits eine nicht unbeträchtliche Summe gekostet hatte. Zum Glück kam der Chef vorbei und instruierte den Mitarbeiter weitere Daten auszulesen. Und siehe da der Partikelfilter war erst zu 57% voll. Sie ließen den Motor laufen, jagten die Drehzahl in die Höhe, konnten aber nichts feststellen. Dann löschten sie den Fehler und der Mitarbeiter drehte mit unserem Auto eine Testrunde. Es war alles in Ordnung.
Mein Mann fragte nach einem Termin wegen der Klimaanlage, die Anfang des Monats ausgefallen war und mit einem Kontrastmittel »geimpft« worden war. Der Mitarbeiter bot an, das gleich zu erledigen. Prompt fand er ein Leck im Kondensator. Daraufhin vereinbarten wir einen Reparaturtermin für kommende Woche. Zum Glück haben wir die lebenslange Garantie von OPEL und so sind nur 40% des Materialpreises fällig.

Inzwischen war es kurz vor Sechs. Wir überlegten, ob wir tatsächlich noch nach München fahren sollten (es sind immerhin fast zwei Stunden Fahrt) und entschieden uns dagegen. Stattdessen gingen wir bei schönstem Frühlingswetter spazieren und testeten ein neues Lokal in Waging. Den Rest des Abends verbrachten wir vorm Fernseher und sahen einen ziemlich schlechten Film, aber dazu an andere Stelle mehr.

Ein bisschen traurig war ich schon, nicht zum Trekdinner fahren zu können, da wir bereits das dritte Mal in Folge fehlten. Ich hoffe sehr, dass es jetzt wenigstens im Mai klappt.

Nicht zum erste Mal bereitete uns der Partikelfilter Probleme. Wenn der nämlich nicht richtig ausgebrannt wird, kann der Motor schon mal ins Stocken kommen. Mein Mann wird quasi für seine sparsame Fahrweise bestraft, weil er vermeidet, möglichst viel Gas zu geben oder die Drehzahlen in den roten Bereich zu treiben. Seltsam, ohne Partikelfilter wäre das Problem nicht aufgetreten. Da die Autohersteller aber die geforderten Normen ohne den Filter nicht einhalten können (Mit Filter übrigens auch nicht, wie man unlängst gesehen hat.), hinderten uns gestern Umweltschutzgründe am Weiterfahren. Elektroautos wären die Lösung des Problems, aber daran scheinen die Automobilhersteller nicht interessiert. Schließlich sind E-Autos so gut wie Wartungsfrei (kaum Verschleißteile, kein Ölwechsel u.a.) und die Ölindustrie würde auch keinen Gewinn mehr machen.

Ein Buch wie eine Umarmung

Quelle: Unsichtbar Verlag

»Vom Aushalten ausfallender Umarmungen« von Dirk Bernemann

Mit der Lektüre des Buches begann ich bereits auf der Heimfahrt von der Buchmesse Leipzig. Das es so lange dauerte, bis ich es vollständig gelesen habe, lag daran, dass ich es mir nur Häppchenweise einverleibte. So wie eine Delikatesse.

Es gibt Bücher, die muss man genießen und darf sie nicht wie FastFood in sich hineinstopfen. »Vom Aushalten ausfallender Umarmungen« ist so ein Buch. Eine wunderbare Sammlung verketteter Kurzgeschichten über gescheiterte Menschen, denen man helfen möchte und in denen man sich wiederentdeckt. Die Protagonisten sind von ihrer Umwelt unverstandene Kreaturen, die sich oft selbst nicht verstehen. Jede Geschichte enthält eine Liste mit Dingen, die die Figur beschreiben und gleichzeitig ihre Wünsche offenbaren. Alle träumen davon auszubrechen, über sich hinauszuwachsen und scheitern – an den Umständen, ihren Mitmenschen oder an sich selbst.

Dirk Bernemann vermag es, Gesellschaftskritik in Worte zu fassen, die weh tun. Die Bilder, die er erschafft, sind eindringlich und aktuell. Man bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf. Zwischen den Zeilen schimmert die Wahrheit unserer Existenz, gnadenlos und ungeschminkt. Im Gegensatz zu seinen früheren Werken lässt der Autor aber Raum für Hoffnung. Die Geschichten enden weniger tragisch, sind weniger drastisch, als man es von ihm gewohnt ist. Das überrascht und verunsichert zugleich, denn die Begegnungen zwischen den Figuren laufen oft nicht so, wie man es sich wünscht. Da bleibt man als Leser am Ende mit offenem Munde staunend zurück.

Sein Stil ist untypisch. Er scheint sich nicht um Stil-Regeln und Restriktionen der deutschen Sprache zu scheren. Allen voran seine unmöglich scheinenden Metaphern, die er dieses Mal aber nur sparsam verwendet. Das Ergebnis ist gelungen. Die Texte klingen ausgefeilt, da sitzt jeder Buchstabe in jedem Satz. Poetisch schön, wie ein 142-seitiges Gedicht. Auch wenn es mich nicht so sehr umgehauen hat wie das Vorgängerwerk ist es großartige Literatur.

Das Buch erschien 2016 im Unsichtbar Verlag und ist auf allen Online-Plattformen und im Buchhandel erhältlich.

Neues von der Schreibfront

Mein Schreibcoach legte mir dieser Tage nahe, ich solle meine Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich bislang durch das Projekt gewonnen habe, aufschreiben.
Und ich dachte mir, wenn ich es schon tue, warum nicht an dieser Stelle.

Die Verunsicherung, die mich nach jedem unserer Gespräche befällt, klingt nur langsam ab. Am Montag war sie besonders groß. Neben den Hauptpunkten: stimmige Szenenbeschreibung, »Show don’t tell« und dem richtigen Adressieren von Dialogen, hatten wir eine Liste mit Stil-Regeln erarbeitet, die ich beim Schreiben beachten sollte. Die Liste war lang und ich entsprechend gehemmt. Denn immer, wenn ich einen Satz formulierte, fiel mir auf, dass er gegen die eine oder andere Regel verstieß. Also änderte ich den Satz, um gleich darauf festzustellen, dass er jetzt gegen eine andere Regel verstieß. Ich änderte ihn wieder und wieder ab, um ihn am Ende ganz zu löschen. Frustriert gab ich auf und überarbeitete stattdessen die Szene, die wir durchgesprochen hatten, anstatt weiter an der Geschichte zu schreiben. Am nächsten Tag versuchte ich es auf die Weise, mit der ich bisher erfolgreich gewesen war. Ich brachte meine Gedanken – ganz altmodisch – mit einem Stift zu Papier und siehe da, es funktionierte. Weil ich den Satz nicht einfach löschen konnte, blieb er erstmal so stehen und ich konzentrierte mich auf den nächsten und den nächsten und den nächsten. Sie waren allesamt nicht ausgefeilt, aber ich konnte auf diese Weise zirka zwölf Normseiten in zwei Stunden erarbeiten. Anschließend jagte ich den Text durch die Diktier-App und glättete dabei die ersten Unebenheiten. In der Textverarbeitungssoftware arbeitete ich den Text weiter aus.

Weil auf der Liste auch das Überprüfen von Dopplungen, das Ausmerzen des Passivs und die Reduzierung von Adjektiven stand, hatte ich eine Idee. Ich wusste, dass es mit »Papyrus Autor« eine Software gibt, die mir all diese Dinge automatisch anzeigen konnte. Ich lud mir die Demoversion auf den Rechner und was soll ich sagen …
Der Text war ein Meer aus grünen Vierecken, blau unterstrichenen oder rosa durchgestrichenen Wörtern. Ich lernte das Wort »Verbfaulheit« und wurde wieder mit der »Als-Seuche« konfrontiert. Das Programm bietet jede Menge Unterstützung. Der Synonym-Wortschatz ist riesig und die zusätzlichen Erklärungen zu den einzelnen Problemen aufschlussreich. Jedes Füllwort wird gnadenlos gestrichen und wenn man die Passage liest, stellt man fest, dass das Wort tatsächlich überflüssig ist. Das Passiv lässt sich leicht durch die Verwendung eines Verbs oder Artikels zum Aktiv machen und Adverbien und Adjektive lassen sich durch bessere Formulierungen ersetzen. Bei der Arbeit erzieht die Software den Nutzer zu strikteren Formulierungen, da sie knallhart jeden Versuch bestraft, einen Stil-Fehler gegen einen anderen auszutauschen. Man gewöhnt sich recht schnell daran, Füllwörter und Dopplungen zu vermeiden und darauf zu achten, möglichst im Aktiv zu schreiben. Das ist am Anfang unheimlich anstrengend und man braucht für einen Seite eine Ewigkeit, aber je öfter man damit arbeitet, desto schneller kommt man voran.

Was genau hat sich dadurch in meiner Arbeit verändert? Ich achte beim Schreiben darauf, wie ich einen Satz formulieren muss, um den Stil-Regeln zu entsprechen. Bei den folgenden Texten war der Wald an bunten Vierecken und Strichen längst nicht mehr so groß und der Text las sich flüssiger.
Was mir das Programm aber nicht abnehmen kann und was mir nach wie vor große Probleme bereitet, ist das Füllen der »Weißräume«. Wie beschreibe ich eine Szenerie in wenigen Worten? Wie erzeuge ich im Leser ein Bild vom Ort der Handlung? Und wie lasse ich meine Figur agieren, um ihre Gefühle auszudrücken? Das sind die richtig schweren Aufgaben, mit denen ich mich in den nächsten Tagen auseinandersetzen werde.

Alkoholfahrt mit Folgen

Wie immer fuhr ich heute morgen nach München zur Arbeit. Endlich angekommen stieg ich aus dem Bus und bliebt staunend stehen. Was war denn da passiert? Vor dem Gebäude in dem die Firma ansässig ist, für die ich arbeite, flatterten rot-weiße Absperrbänder. Dahinter ein völlig demolierter Haupteingang. Ein Pfeiler des Vordaches war weggebrochen, die Treppenstufen angeknackst und die Glasscheiben vom Portal waren durch das herabhängende Dach gesplittert. Auf dem Rasen davor erkannte man noch Reifenspuren, die haarscharf an einem Baum vorbeiführten, der dort steht.

Über die Treppe zur Laderampe gelangte ich ins Haus. Meine erste Frage an die Kollegen: »Was habe ich verpasst?« Dumm nur, das mir keiner etwas sagen konnte, weil es niemand wusste. Der Vorfall musste sich am Wochenende zugetragen haben. Und weil die meisten mit dem Auto kommen und den Hintereingang über die Rampe benutzen, hatten es viele auch nicht sofort bemerkt.

Aber zum Glück gibt es ja das Internet. Ich suchte und wurde tatsächlich bei der Süddeutschen Zeitung fündig. Ein betrunkener Autofahrer hatte den Unfall am späten Sonntagabend verursacht und dabei sowohl das Geschäftsauto seiner Firma, den Hauseingang sowie einen Sattelschlepper in Mitleidenschaft gezogen. Keine Ahnung wie schnell der Kerl war, denn die Strasse ist nicht so lang, dass man stark beschleunigen könnte. Aber anscheinend hat die Geschwindigkeit gereicht, um eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen. Anschließend ist er noch zu Fuß geflüchtet. Die Polizei konnte ihn wenig später in Gewahrsam nehmen und einem Alkoholtest unterziehen. 1,3 Promille ist zwar nicht so viel, für manchen aber genug.

(Und, nein, ich arbeite nicht für eine Versicherung, falls das jemand angesichts der Bilder denkt. Im Haus gibt es mehrere Firmen.)

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