Das etwas andere Weihnachten

24. Dezember 1998.

Es ist 15:30 Uhr. Ich werfe einen Blick aus dem Bürofenster, die Strahlen der untergehenden Sonne glitzern in den Fenstern der Hochhäuser. In einigen gehen bereits die Lichter an. Ich schalte den Computer aus und wünsche den Kollegen in den Nachbarbüros frohe Weihnachten. Anschließend fahre ich mit dem Aufzug nach unten.

Es ist kalt geworden in der Stadt. Ein schneidender Wind fegt durch die Straßen, raubt einem den Atem, wenn man aus dem Schutz der Häuser auf die Avenue heraustritt. Die Schaufenster auf der vierunddreißigsten Straße sind bunt geschmückt. Überall blinken Lichterketten. Weihnachtsmänner gehen vor den großen Geschäften auf und ab, sammeln Spenden oder locken die Kunden für einen letzten Einkauf vor Weihnachten in die Läden. Am Empire State Building geht die Beleuchtung an. Eine Symphonie in Grün und Rot werfen die riesigen Scheinwerfer gegen die Fassade.

Mit der Metro fahre ich nach Chelsea. Meine französischen Freunde haben mir eine Adresse genannt, an der ich Fleisch kaufen soll für das Weihnachtsessen. Ich lande in einer engen düsteren Einkaufspassage in der es viele kleine Lebensmittelgeschäfte gibt. Der Fleischerladen wirkt sauber und die angebotene Ware scheint frisch. Ich entscheide mich für ein großes Stück Rindfleisch, das ein kleines Vermögen kostet. Aber da sich alle an den Kosten beteiligen wollen, geht das in Ordnung. Mit meinem Einkauf schlendere ich die 8th Avenue hoch bis zur zweiundzwanzigsten Straße. Hier wohnt Helen. Sie ist Französin und ihre winzige Wohnung misst höchstens vierzehn Quadratmeter. Toilette und Bad teilt sie sich mit anderen Mietern auf der Etage. Ich lade meinen Einkauf bei ihr ab und gehe wieder.

Inzwischen ist es kurz vor Fünf. Weiter vorn in der Straße befindet sich die deutsche evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde von New York City, die ich durch Zufall bei meinem letzten Besuch bei Helen entdeckte. Ich bin kein sehr gläubiger Mensch, habe meine eigene Vorstellung von Gott und der Welt, aber es ist das erste Mal, dass ich am Heiligabend nicht zu Hause bin. Und in dieser riesigen Stadt fällt es schwer in weihnachtliche Stimmung zu kommen. Daher beschloss ich vor Tagen den Gottesdienst zu besuchen. Allein schon aus Neugier, wie er sich wohl von dem zu Hause unterscheiden würde. Nach einer Stunde weiß ich, warum Gott die Welt liebt und habe so viele Weihnachtslieder gesungen, wie nie zuvor in meinem Leben. Außerdem erfahre ich, dass das älteste Gemeindemitglied eine Frau Pfirsichbaum ist.

Nach dem Gottesdienst klingle ich wieder bei Helen. Inzwischen sind weitere Gäste angekommen: Helens französischer Freund, Michelle – die Taiwanesin – auf deren Party ich Helen kennengelernt habe, Robert – ein Engländer mit türkischen Wurzeln – sowie ein Bayer. Zusammen mit mir sind das sechs Leute in einer Wohnung, die etwa so breit wie ein Bett ist und zweieinhalb mal so lang. An der kurzen Seite vorm Fenster steht das Bett, an der anderen die Küchenzeile, dazwischen ein Bistrotisch, zwei Stühle, ein Hocker und kleines Regal. Wo Helen ihre Sachen aufbewahrt, ist mir schleierhaft. Als ich höre, wie viel Miete sie für das schäbige Zimmer bezahlt, muss ich schlucken. In Deutschland könnte man dafür in einer Wohnung mit einhundert Quadratmetern wohnen. Aber das ist NYC. Ich sitze zusammen mit dem anderen Deutschen auf dem Bett und schäle Kartoffeln. Auf dem Herd köchelt das Rindfleisch. Helen macht Crêpes Teig.

Der Abend ist lang und lustig. Wir tauschen kleine Geschenke aus. Warum ich von Helen Spielzeughandschellen bekomme, wird für immer ein Rätsel bleiben. Aber ich freue mich über das Etch A Sketch von Michelle. Das selbstgekochte Essen schmeckt, wir trinken Rotwein aus Pappbechern und essen Crêpes mit Vanilleeis. Wobei Letzteres bei unserer französischen Gastgeberin Kopfschütteln hervorruft, uns internationale Gäste aber weniger stört.

Gegen zwei Uhr morgens breche ich auf. Es ist seltsam ruhig auf den Straßen, beinahe unheimlich. So leer habe ich New York in den vergangenen Monaten noch nicht erlebt. Bars und Geschäfte sind geschlossen, die Metro fast menschenleer. Es ist, als habe die Stadt, die niemals schläft, kurz den Atem angehalten.

Mein Appartement liegt zwar draußen in Queens, dafür besitzt es zwei Räume und ein eigenes Badezimmer. Als ich in dieser Weihnachtsnacht zu Bett gehe, fühle ich mich zu Hause, obwohl mich tausende Kilometer von Deutschland trennen. Es sind doch letztendlich die Menschen, mit denen man sich umgibt, die auch in großer Ferne ein Stück Heimat schaffen.

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