Vom Winde verweht …

… wurde mein gestriger Feierabend.

Ich versuche mich kurz zu fassen, denn nachdem was ich gestern an Abenteuern erlebt habe, könnte ich glatt einen ganzen Roman schreiben.

Wenn ich gewusst hätte, dass der Sturm so schlimm wird, wäre ich niemals nach München zu Arbeit gefahren. Aber der Wetterbericht klang nicht gefährlich und am Morgen war bei uns im Osten von Bayern auch kein Lüftchen zu spüren. Schon auf der Zugfahrt nach München hatte ich ein komisches Gefühl. In das typische Geräusch des fahrenden Zuges mischte sich etwas Neues Fremdes. Bis ich registrierte, dass es starke Windböen waren, kam ich auch schon am Münchner Ostbahnhof an.
Im Büro fegte dann den ganzen Vormittag der Wind wie blöd gegen die Fensterscheiben. Es knackte und knirschte. Draußen kämpften Mitarbeiter einer Firma aus dem Nachbarhaus, mit den Fahnen, die fast von den Fahnenstangen gerissen wurden. Die Feuerwehr fuhr unentwegt durchs Gewerbegebiet. Spätestens als ich sah, wie das Wasser im Toilettenbecken hin und her schwappte, bekam ich ein flaues Gefühl im Magen. Das hieß, dass das Gebäude schwankte und das kannte ich eigentlich nur aus New York. Wenn man im vierten Stock eines massiven Bürogebäudes schon Schwankungen feststellen konnte, musste der Wind draußen schon sehr heftig sein.
Gegen 14 Uhr warf ich einen Blick auf die Statusseite der Deutsche Bahn. Der S-Bahnverkehr in München war eingestellt, die IC’s und EC’s in meine Richtung waren hoffnungslos verspätet, aber die Regionalzüge schienen noch zu fahren. Meine Kollegen machten Witze, dass ich ja im Büro übernachten könnte. Um halb drei hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste versuchen nach Hause zu kommen und je früher ich startete, desto größer waren meine Chancen.
Auf dem Weg zur U-Bahn kam mein Bus an dem kleinen Wäldchen am Ortsrand von München vorbei, das bei Joggern und Hundebesitzern sehr beliebt ist. Jetzt standen dort nur noch ein paar vereinzelte Bäume. Der Rest lag flach wie niedergedrücktes Gras. Mit offenem Mund starrte ich auf das Bild der Verwüstung, ich konnte nicht fassen, was ich sah. Heute morgen war da noch ein dichter Wald gewesen. In der U-Bahn informierte ich gleich mal meine Kollegen darüber.
Als ich schließlich halb vier am Hauptbahnhof ankam, war der voller gestrandeter Reisender. Die Tafel in der Haupthalle, zeigte nur vereinzelte Züge an, mit dem Vermerk: „Auf unbestimmte Zeit verspätet“ sowie die gesperrten Richtungen, darunter auch Rosenheim. Bei einem Bahnmitarbeiter erkundigte ich mich nach einer Verbindung Richtung Salzburg und erntete nur ein Schulterzucken. Der Bahnverkehr war vorerst eingestellt. Vielleicht ging ab 17 Uhr wieder was, aber versprechen könnte mir das keiner. Ich rief meinen Mann an und erzählte ihm was los war. Der machte gerade Feierabend und war auf dem Weg zum Auto. Er versprach sofort Richtung München zu fahren, um mich abzuholen. Wir verabredeten uns an der Messestadt. Das war die einzigste Station, die ich mit der U-Bahn erreichen konnte, und die weit genug im Osten von München lag.
Dort angekommen, flüchtete ich erstmal in die Riem-Arkaden und wärmte mich an einem Kaffee. Draußen fegte eisiger Sturm über den Platz, außerdem regnete es jetzt. Plötzlich klingelte mein Handy. Mein Mann hatte es bis nach Ebersberg geschafft, kam aber nicht bis zur Autobahn durch, weil die Straße durch den Forst gesperrt war. Er musste auf der B304 weiter Richtung München. Das hieß, wir brauchten einen neuen Treffpunkt. Da erinnerte ich mich daran, auf der Fahrt hierher in Trudering vorbeigekommen zu sein. Trudering hatte einen U- und S-Bahnhof und lag an der B304. Inzwischen maulte mein Handy-Akku. Ich schickte meinem Mann eine SMS, dass ich am Bahnhof in Trudering auf ihn warten würde und fuhr los.
Die Bushaltestelle vorm Truderinger Bahnhof war voller wartender Menschen. Fast minütlich hielten Autos und nahmen wartende Fahrgäste auf. Dazwischen brachte Busse neue Massen und nahmen wieder welche mit. Leider fuhr kein einziger in die Richtung, in die ich wollte. Plötzlich wurde es schlagartig dunkel und ein Unwetter brach los. Regen peitschte waagerecht über die Straße. Zum Glück hatte ich meine Jacke aus beschichtetem Segeltuch an, aber selbst die war in Minuten durchnässt. Blitze zuckten über den Himmel und es krachte. Der kalte Wind stach mich wie Nadeln ins Gesicht, meine Hände fühlten sich schon taub an. Und das ich seit über einer Stunde nichts mehr von meinem Mann gehört hatte, machte mich fertig. Von Ebersberg bis Trudering sind es vielleicht fünfundzwanzig Kilometer, er hätte schon längst da sein müssen. Gegen halb sechs, dann der erlösende Anruf. Er steht auf der B304 an einem Sportplatz in Trudering und findet den Bahnhof nicht. Ich sagte ihm: Er solle bleiben wo er ist, ich käme hin.
Zwischenzeitlich hatte ich mitbekommen, dass die B304 parallel zu der Straße vorm Bahnhof verlief. Ich ging los und hatte sie nach ein paar Minuten erreicht. Zum Glück regnete es nicht mehr, aber es war empfindlich kalt. Ich rief meinen Mann an, dass ich an der B304 gegenüber einer Shell-Tankstelle stehe, und fragte, ob er daran schon vorbeigekommen ist. Ich hörte ihn noch sagen, dass ihm keine Shell-Tankstelle aufgefallen sei, dann brach die Verbindung zusammen. Mist! Akku leer.
An der Straße, fragte ich eine Frau, wo denn hier ein Sportplatz ist. Sie deutete Richtung Osten und meinte, dass es bis dahin aber noch ziemlich weit sei. Ich entschloss mich, loszulaufen und auf die Fahrzeuge zu achten, die mir entgegen kamen. Man glaubt ja nicht, wie viele weiße Opel Corsa herumfahren. Nach 800 Metern sah ich plötzlich das gelbe Star Trek-Emblem auf einer weißen Kühlerhaube aufblitzen, dazu die vertraute Traunsteiner Nummer. Ich rannte winkend zum Straßenrand, aber mein Mann hatte mich schon längst erkannt und hielt. Lächelnd reichte er mir ein Päckchen aus einem Wienerwald-Restaurant und eine Flasche Wasser. Gott, war ich glücklich, dass wir uns tatsächlich gefunden hatten.
Der Rückweg dauerte ewig. Weil jeder irgendwie mit dem Auto aus der Stadt wollte, gab es überall fürchterliche Staus. Im Radio berichteten die Nachrichten von der Evakuierung des Münchner Hauptbahnhofes und das der Zugverkehr in ganz Bayern vorerst eingestellt bleiben würde. Ich war froh, das mein Mann mir zu Hilfe geeilt war.
Wir brauchten für die wenigen Kilometer bis Ebersberg fast zwei Stunden. Danach war die Straße frei und wir kamen bis kurz vorm Ziel gut voran. Wegen umgestürzter Bäume war die Bundesstraße seit Nachmittag gesperrt. Der LKW vor uns kannte wohl eine kürzere Umleitung und so folgten wir ihm über enge Landstraßen und durch dichte Wälder. Überall lagen umgestürzte Bäume, nur notdürftig beiseite geräumt. Im Zickzack, ständig waren Straßen gesperrt, fuhren wir Richtung Heimat und waren gegen 21 Uhr endlich zu Hause.
Jetzt hieß es; nur noch unter die Dusche und ab ins Bett. Vom langen Sitzen tat uns alles weh, aber ich war überglücklich, in mein eigenes Bett kriechen zu dürfen.

 

Das Dampfbügeleisen für den Mann

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass für einen Mann der Kärcher das Äquivalent zum Dampfbügeleisen der Frau ist. Seit ich heute morgen beobachten konnte, wie mein Mann mit Verzückung und glänzenden Augen unsere Terrasse mit dem neuen Kärcher gereinigt hat, weiß ich, das es stimmt.

Da stand er nun, mitten im Regen, und „kärcherte“ mit großer Hingabe das Moos von Fliesen und Sichtschutzwand. Er war so begeistert bei der Sache, da konnte ich es ihm einfach nicht mehr übelnehmen, dass er zuvor das Wohnzimmer unter Wasser gesetzt hatte.
Nachdem er fertig war, erstrahlte unsere Terrasse wie noch nie. Die hellen Fliesen blendeten schon fast die Augen. Mein Mann war triefend nass aber glücklich.

Es geht doch nichts über ein so toll funktionierendes Männerspielzeug.

Mit Dr. Hu… in München

Das gestrige Trekdinner war etwas besonderes, denn wir hatten unser Ehrenmitglied Dr. Hubert Zitt zu Gast. Der Professor von der Uni Zweibrücken ist bekannt für seine Vorträge zum Thema Star Trek-Technik und gehört zu den ausgezeichneten fünf Sterne Rednern.
Gestern erzählte er uns seine persönlichen Star Trek-Geschichten, die er im Laufe seiner Karriere erlebt hat. Ich kannte den Vortrag bereits aus dem vergangenen Jahr, aber das hat das Erlebnis nicht im mindesten getrübt. Man kann dem Mann stundenlang zuhören, ohne sich auch nur einen Augenblick zu langweilen. Seine Vorträge sind unglaublich spannend. Nicht für umsonst gelingt es ihm jedes Jahr den Hauptsaal der FedCon zu einer Uhrzeit zu füllen, in der viele noch nicht richtig munter sind.
Vorher und nachher habe ich mit Freunden geredet, die eine oder andere Neuigkeit ausgetauscht, lecker gegessen und dem Autorennachwuchs ein paar Tipps gegeben.
Mit 37 Personen war unser Stammtisch besser besucht, als das Treffen der Münchner Piratenpartei, so das wir diesmal den größeren Raum bekamen.
Gerne wäre ich noch länger geblieben, aber leider mussten wir uns gegen 22:45 Uhr verabschieden, um uns auf den langen Heimweg zu machen.

Alles in allem war es ein wirklich gelungener Abend, an den ich gern zurückdenken werde.

Fotos gibt es wie immer in Sandras Blog zu bewundern.

Männerspiele

Ich sitze im Zug, wie immer konzentriert über ein Manuskript gebeugt, das vor mir auf dem Klapptisch liegt. Hin und wieder sehe ich auf, mein Blick schweift aus dem Fenster. Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Als meine Augen zurückkehren, bleiben sie am Display eines Laptops hängen, den ein Mann vor mir aufgeklappt hat. Ein Computerspiel, erkenne ich sofort und will mich schon wieder abwenden. Doch dann sehe ich, wie der Mann einen Traktor durch eine virtuelle Landschaft steuert. Fasziniert spähe ich durch den schmalen Spalt zwischen den Sitzen. An dem Traktor ist eine Art Gabel angebracht, mit der der Mann nun versucht eine Palette aufzunehmen. Nach mehreren Versuchen gelingt ihm das auch und er transportiert die Palette zu einem virtuellen Lagerplatz. Ich schüttle mit dem Kopf und wende mich wieder meinem Text zu. Als ich nach einer Weile wieder aufsehe, spielt der Mann immer noch. Dieses Mal fährt er eine Dampfwalze und begradigt eine simulierte Asphaltstraße. Wieder sehe ich verwundert einige Minuten zu, bevor ich mich von dem Anblick lösen kann.

Als ich die Arbeit an meinem Manuskript beende, fährt der Mann wieder mit dem Gabelstapler durch die virtuelle Landschaft. Der Brocken, den er auf der Gabel hat, hängt schief. In der Realität wäre das Fahrzeug schon längst umgekippt. An einer Kreuzung bleibt er stehen, muss einige Fahrzeuge passieren lassen. Als er wieder anfahren will, schiebt sich plötzlich ein Balken ins Bild: GAME OVER!
Jemand tippt mich vorsichtig von der Seite an. Erschrocken drehe ich den Kopf. Eine Frau aus der Nachbarreihe hat sich zu mir herüber gebeugt und raunt mir zu: „Verrückt mit was ‚Mann‘ sich beschäftigen kann.“ Sie grinst mich an und ich lächle verstehend zurück.

Der Mann vor mir ist vielleicht so alt wie ich und er tut mir irgendwie leid. Wahrscheinlich hat er einen knochentrockenen Job, der ihn kaum herausfordert. Und er erfüllt sich mit diesen einfachen Tätigkeiten in einem Computerspiel seinen Herzenswunsch. Vielleicht wäre er lieber Baggerfahrer, aber weil das so schlecht bezahlt wird, ist er Ingenieur oder Programmierer geworden.

Ich finde es traurig, wenn ich daran denke, wie viele Menschen in einem Job arbeiten, der sie nicht befriedigt und ihnen als einziger Ausweg die Flucht in die virtuelle Realität bleibt.

Die etwas andere Biografie

Brussig_RussenfilmWenn ein Autor ein Buch über sich selbst schreibt, nennt man das zumeist Autobiografie. Was aber Thomas Brussig über Thomas Brussig schreibt, ist …
Nun ja, ich bin mir noch nicht sicher, als was ich es bezeichnen soll. Es ist ein Roman und es ist eine Biografie, aber eine die in einer Parallelwelt spielt und nie wirklich stattgefunden hat. Es kommen viele existierende Persönlichkeiten darin vor, es wird von realen Ereignissen erzählt, die tatsächlich passiert sind und doch bleibt der Hintergrund ein irrealer. Brussig zeichnet ein Bild von einer DDR, die nie die Wende erlebt hat. Es gab keine Montagsdemos, keinen Mauerfall und keine Wiedervereinigung. Dabei bleibt er stets bei sich selbst, erzählt von sich und seinen fiktiven Erlebnissen mit den Organen des Arbeiter- und Bauernstaates aber auch aus seiner Warte als Autor, seinen Schreibproblemen, seinen Wünschen und Fantasien.

Je weiter man in den Roman hineinliest, desto mehr verändert er sich. Die Geschichte gleicht einer Zwiebel die man entblättert und je mehr Schichten fallen, umso näher gelangt man dem Kern. Was als lustige Erinnerung beginnt, entwickelt sich mit Fortschreiten des Romans zu einer bitteren Karikatur eines Staates, der sich selbst zu ernst nimmt, und in dem es darum geht durch Anpassung zu überleben. Thomas Brussig will sich aber nicht anpassen und schlittert von einer Katastrophe in die nächste. Sein zähes Ringen mit der Literatur und ihren Repräsentanten sowie den Machenschaften von Stasi und Co liest sich im Mittelteil des Buches ebenso zäh wie es der Autor empfindet. Besonders bitter, es trifft nicht nur ihn, sondern vor allem sein Umfeld. Personen, die sich mit ihm abgeben, bekommen die Macht des Staatsapparates mehr zu spüren als er selbst. Situationen in denen trotz der augenzwinkernden Erzählweise, dem Leser das Lachen im Halse steckenbleibt.

Später ist der Text plötzlich sehr zeitkritisch und hinterfragt auch die schöne Glitzerwelt des Kapitalismus mit aufrichtiger Ernsthaftigkeit. Am Ende spürt man die Hoffnungslosigkeit Brussigs, dass sich doch nie etwas ändern wird, auch wenn sich alles in seiner fiktiven DDR geändert hat.

Was ist dieses Buch? Als Satire möchte ich eigentlich nicht bezeichnen. Ist es eine Biografie, eine Tragikomödie oder gar ein Science Fiction-Roman? Das sind Fragen die sich viele Leser am Ende stellen werden. Und es scheint, als wäre es ein bisschen von allem, nur eines ist es sicher nicht: Leicht! Viele der Gedanken sind nur schwer verdaulich, weil sie trotz Fiktion der Wahrheit ganz nahe kommen.
Es ist vor allem eines – ein Buch übers Schreiben. Als angehende Autorin konnte ich dem Roman viele wertvolle Gedanken entnehmen. Doch ich fürchte, dass gerade das einen Erfolg bei einer nichtschreibenden Leserschaft verhindern wird. Ich glaube, dass es für Menschen, die sich nicht mit dem Schreiben beschäftigen, stellenweise einfach nicht interessant genug ist, gerade im Mittelteil, in dem es fast ausschließlich um seine Karriere als Schriftsteller geht.
Dafür, dass er viele realexistierende Personen agieren lässt, bewundere ich seinen Mut. Ich hätte das nie gewagt. Doch wahrscheinlich muss man erst ein etablierter Autor sein, bevor man sich so etwas erlauben darf. Aber genau das könnte dem Roman zum Verhängnis werden. Die Zielgruppe wird stark eingegrenzt, weil man sich schon sehr genau in Politik und Literaturszene der vergangenen fünfundzwanzig Jahre auskennen muss, um all die Personen wiederzukennen, mit denen Thomas Brussig spielt. Einem jüngeren Leser könnte der Reiz daran abgehen, weil er mit vielen der Namen nichts anzufangen weiß. Auch die Vergangenheit der potentiellen Leser wird eine Rolle spielen. So gefällt mir die Geschichte des Romans, weil ich als Ostdeutsche viele Dinge aus meiner Vergangenheit wiedererkannt habe, die aber einem Westdeutschen manchmal etwas schräg vorkommen werden.

Brussigs Thema ist eines mit dem auch ich mich zumindest geistig schon beschäftig habe. Was wäre aus mir geworden wenn es die Wiedervereinigung nicht gegeben hätte? Wo hätte ich Stellung bezogen? Was für eine Person wäre ich heute? Die tiefgründige Auseinandersetzung Brussigs mit sich selbst und diesen Fragen erinnert mich daran, wie dankbar ich sein muss, dass ich die DDR nicht als Erwachsener erleben musste.

Mein Fazit: Ein ungewöhnliches Buch mit einer Vielzahl erstaunlicher Gedanken, von denen ich mir einige notieren werde, wenn ich es ein zweites Mal lese.

Bahnlyrik

Heute wieder ein Gedicht aus meinem Fundus. Es entstand zwischen 1994 und 1995 auf meinem Weg zur Berufsschule.
Irgendwie passt es immer noch, wenn ich morgens in den Zug steige. Da sieht man mal, dass manche Dinge sich nie ändern.

 

Leben am Morgen

 

stumme Gesichter

wirre Gespräche

Leben am Morgen

eilig rollen Räder über Gleise

Lichter blitzen

Landschaften in Nebel gehüllt

schläfrig drängen Massen dem Tag

entgegen

 

 

Mehr als eine Rentner-WG

Hin und wieder sehe ich mir gern deutsche Filme an, denn mitunter sind sie besser als ihr Ruf und können überraschende Geschichten erzählen, so wie der Freitagsfilm vom 20.3.2015 in der ARD.

„Alleine war gestern“ ist eine Geschichte über fünf Freunde, die die Sechzig überschritten haben und gemeinsam in Köln eine WG gründen. Die schön gezeichneten Figuren sind sehr individuell: Da gibt es den Arzt, Philip, der Jahrzehnte in Afrika verbracht hat; die Psychologin, Ricarda, die sich aus ihrer Praxis zurückziehen, aber weiterhin über alles und jeden bestimmen möchte; der alternde Rocker, Harry, der mit Taxifahren das Geld verdient, was er auf der Rennbahn verzockt; die Teilzeit-Wurstverkäuferin, Uschi, die alle bekocht und als gute Seele alles zusammenhält und der introvertierte Witwer, Eckhard, der auch nach zwanzig Jahren den Grabstein seiner Frau aufbewahrt. Alle haben entweder keine Kinder oder kaum Kontakt zu ihnen.

Was als fröhliches Zusammenleben beginnt, endet nach nur ein paar Wochen, als Uschi einen Schlaganfall erleidet und fortan halbseitig gelähmt ist. Die Freunde stehen vor der Entscheidung sie in ein Heim abzuschieben oder sich selbst um sie zu kümmern. Das Urteil fällt für Uschi, wenn auch nicht einstimmig. Fortan kämpfen alle mit den Folgen: Die Altbauwohnung im dritten Stock ist nicht behindertengerecht, es gibt keinen Aufzug und jeder wird in seinen gewohnten Freiheiten eingeschränkt. Trotz intensiver Physiotherapie geht es mit Uschis Genesung nicht voran. Unweigerlich kommt es zu Streitigkeiten und die wahren Gesichter der Freunde treten zu Tage. Harry hat Probleme Verantwortung zu übernehmen, Ricarda versucht alles und jeden unter ihre Kontrolle zu bringen und Philip erklärt, dass er nur in die WG gezogen ist, um Ricarda nahe zu sein, weil er sie seit dreißig Jahren heimlich liebt. Aber auch Uschi hadert mit ihrem Schicksal, sie will den Freunden nicht zur Last fallen …

Die Geschichte wird sehr feinfühlig und realistisch, ohne jeden Kitsch erzählt. Den Schauspielern gelingt es, die Chemie zwischen den Freunden auf den Fernsehzuschauer zu transportieren und Emotionen zu wecken.

„Alleine war gestern“ ist ein toller Film übers älter werden bzw. übers alt sein. Ich hoffe nur, dass der Film auch sein angestrebtes Zielpublikum erreichen konnte. Meine Eltern waren nämlich nicht sonderlich an dem Streifen interessiert und haben lieber eine Musiksendung gesehen.

Lesestress

Da hat man eine Woche Urlaub und freut sich darauf, in der freien Zeit ein Buch zur Hand zu nehmen und was passiert …? Richtig, nichts.

Mein Mann hat in der vergangenen Woche mindestens drei Bücher gelesen. Da bekomme ich echt ein schlechtes Gewissen, denn außer einem Kapitel in einem Sachbuch habe ich seit über 10 Tagen nichts gelesen. Die eigenen Manuskripte zählen nicht.

Auf meinem Nachtschrank liegt schon seit Monaten ein angefangener Roman von Tanja Kinkel (Verführung), deren sehr schöner PR-Heftroman mir im vergangenen Jahr so gut gefallen hat. Außerdem schlummert seit vorletztem Donnerstag ein weiterer PR-Heftroman angelesen in meiner Handtasche.

Dafür war ich die letzten Tage mit allerlei bequemen und unbequemen Tätigkeiten beschäftigt, die aber meist nichts mit Büchern zu tun hatten.

Ich beschließe mit sofortiger Wirkung: Das muss besser werden, schließlich habe ich von der Buchmesse genügend Lesestoff mitgebracht. Ich bin mir nur noch nicht sicher welchen Roman ich morgen während der Zugfahrt zur Hand nehmen soll. Den neuen Weiler (Kühn hat zu tun) oder doch lieber Thomas Brussigs „Das gibt’s in keinem Russenfilm“. Aber da wäre auch noch der Eschbach (Herr aller Dinge). Hmmm?

Das ist ja fast schon Lesestress!

Aber so wie ich mich kenne, wird es wahrscheinlich doch mein Manuskript für die Kurzgeschichte werden, denn der Abgabetermin rückt näher.

Die Zukunft der Deutschen Bahn 

Das hört sich ja wirklich toll an, was die Bahn so alles plant, um ihre Fahrgäste zurückzugewinnen. Für mich als Stammkundin, die knapp 4000 Euro im Jahr für Fahrkarten ausgibt, hört sich das wie ein kleines Wunder an. Ein Wunder deshalb, weil ich befürchte, dass die Bahn damit nicht das Ziel erreichen könnte, was sie anstrebt: Neue/alte Fahrgäste zurückgewinnen.

Das geht schon mit den Reservierungen los. 4,50 Euro pro Sitzplatz für maximal zwei Züge (so viel kostet eine Reservierung zurzeit) sind klar übertrieben. Reservierungen allerdings kostenlos abzugeben, halte ich für keine gute Idee. Weil etwas an Wert verliert, wenn es kostenlos ist. Ich befürchte, dass es dazu führen wird, dass Leute für Züge reservieren, mit denen sie dann nicht fahren. Dieses Gebaren ist bei Geschäftsleuten heutzutage schon üblich. Kurzfristig Reisende ohne Reservierungen werden dann in einen Zug steigen, in dem es nur noch reservierte Plätze gibt und wenn sie sich dort setzen, werden sie nicht sicher sein, ob ihnen der Platz nicht doch noch genommen wird. Jeder routinierte Bahnreisende wird bestätigen, dass es sich auf einem Platz der zwar frei, aber mit einem „gegebenenfalls reserviert“-Schild markiert ist, nicht entspannt sitzen lässt.

Mehr Zwischenhalte auch in kleineren Städten – Wahnsinn, die Bahn hat endlich begriffen, worin ihre wahre Aufgabe besteht: Reisende möglichst Umsteigefrei von A nach B zu bringen, wobei A und B keine Großstädte sein müssen. Bisher gewann man ja eher den Eindruck, dass die Bahn eine Alternative zum Flugzeug werden sollte. Damit Deutschlands „Business-Class“ aus Unternehmern und Managern möglichst schnell von München nach Berlin und von dort weiter nach Frankfurt gelangt, vielleicht auch nach Düsseldorf oder Köln. Ich bin fasziniert, dass die DB auf einmal den kleinen Reisenden für sich entdeckt, der nur von Jena nach Rosenheim fahren möchte.

Neue Züge, erweiterte Netze, schnellere Taktung, das hört sich gut und logisch an.
Leider hat das Verkehrskonzept einen Haken. Es ist auf eine Vorlaufzeit von 15 Jahren angelegt. Diese aberwitzige Zeitspanne ist es, die mir Sorgen macht. Glaubt der Bahnvorstand wirklich, dass die Generation, die ihr jetzt den Rücken kehrt, innerhalb der kommenden 15 Jahre reumütig zurückkommt? Wir brauchen die Veränderungen jetzt und nicht erst 2030. Denn bis dahin könnte, wie man so schön sagt, der Zug bereits abgefahren sein.