Intelligente SF-Saga

»Spin« von Robert Charles Wilson

In Vorbereitung auf ein Schreibseminar an der Bundesakademie Wolfenbüttel las ich mich monatelang quer durch die Bestseller der Science-Fiction-Literatur. Dabei stieß ich auf »Spin« von Robert Charles Wilson. Mich hat die spannende Lektüre sofort in ihren Bann gezogen, weil es genau die Art von intelligenter Science Fiction ist, die ich gern lese, wissenschaftlich und mit Fokus auf den Figuren.

Die Geschichte beginnt damit, dass die Erde in eine unbekannte Membran gehüllt wird, die sie vom Rest des Universums trennt. »Spin« – so wird die Membran um die Erde bezeichnet.Niemand weiß warum es passiert ist, doch man erkennt sehr bald, dass außerhalb die Zeit sehr viel schneller verläuft als auf der Erde selbst. Und weil auch die Sonne und das Sonnensystem eine begrenzte Lebensdauer besitzen, sagen die Wissenschaftler den Untergang der Erde in fünfzig Jahren voraus. So lebt die Menschheit fortan im Schatten der bevorstehenden Apokalypse. Wie sie sich dort entwickelt, welche Probleme auftreten und was Menschen antreibt, wenn sie wissen, dass sie nur noch eine begrenzte Zeit zu leben haben, davon handelt der Roman.
Es werden existenzielle Fragen nach dem Wer und Warum gestellt und sich an der Interpretation des Göttlichen versucht. Wie entsteht Religion und woran klammern sich Menschen im Angesicht des Todes?

Was der Autor an Ideen in den Roman eingebracht hat, hätte bei anderen Autoren für fünf Romane gereicht. Ihm gelingt es, diese Ideen zu einem dichten Netz zu verweben, ohne sich zu verheddern.

In zwei Handlungsebenen führt Robert Charles Wilson den Leser durch die Geschichte und wirft ihm Kapitel für Kapitel immer wieder ein kleines Informationshäppchen zu, ohne zu viel zu verraten.

Der Roman ist wie ein Puzzle. Teil für Teil fügt sich das Bild zusammen, was mit der Erde passiert ist. Im Vordergrund jedoch stehen die Figuren, wie der Protagonist Tyler Dupree und seine Freunde – die Zwillinge Diane und Jason – um die sich eine emotional zurückhaltend erzählte Dreiecksgeschichte entfacht.

Von der Kindheit bis ins hohe Erwachsenenalter reflektiert Tyler in Rückblenden sein Leben mit dem Spin: Seine Freundschaft zu Jason, dem Wissenschaftler, der den Spin erforschen will und seine unausgesprochene Liebe zu Diane, die sich dem Glauben widmet. Beide Ebenen beleuchten die unterschiedlichen Herangehensweisen einer Generation, die sich ihrer Endlichkeit bewusst ist.

»Spin« spielt in der Gegenwart und ist wie viele SF-Romane ein Spiegel seiner Zeit. Der Autor nimmt sich nicht zurück Gesellschaftssysteme und Regierungen zu kritisieren oder Glaubensansätze zu hinterfragen. Dabei bleibt er stets objektiv, indem er nur zeigt, was passiert, ohne darüber zu urteilen. Die wissenschaftlichen Theorien, die im Buch angesprochen werden, zeugen von ausgezeichneter Recherchearbeit und fühlen sich zu jeder Zeit stimmig an.

Ohne Frage ist »Spin« einer der herausragendsten SF-Romane, die ich bisher gelesen habe. Es ist der erste Teil einer Trilogie. In den Fortsetzungen »Axis« und »Vortex« konnte der Autor leider nicht an die Genialität der Geschichte anknüpfen.

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