Klaus ist schuld

»Peter Pank – Chaos en France« von Klaus N. Frick

Hätte mir jemand vor zehn Jahren gesagt, dass ich einmal Punkrock hören und Literatur über Punks lesen würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Niemals wäre mir in den Sinn gekommen mich mit dem Thema Punk auseinanderzusetzen. Die Musik wäre mir zu laut und die Szene zu fremd gewesen. Ich, die angepasste, brave Tochter, in der Schule als Streber verschrien, bin das genaue Gegenteil eines Punks. Ich machte immer das, was der Verhaltenskodex von mir erwartete und habe vieles, was um mich herum passierte, nicht in Frage gestellt.

In den Achtzigerjahren war es schwierig, in der DDR mit der Punk-Szene in Kontakt zu kommen, weil alles im Untergrund ablief. Außerdem, wenn man einmal drin war, war man festgelegt und hatte mit den Konsequenzen zu leben – Ausgrenzung, Verfolgung durch die Staatsorgane, Stress in der Schule oder auf Arbeit. Freizeitpunks gab es in der DDR nicht. Ich gestehe, dass ich hierfür einerseits zu feige, in zweiter Linie aber zu jung war.

Dass ich mich erst 30 Jahre später, der Musik oder besser der Weltanschauung »Punk« gewidmet habe, daran ist Klaus N. Frick schuld. Da trifft man einen Menschen, dessen konträres Weltbild, das Eigene auf den Kopf stellt. Aus reiner Neugier las ich die E-Book-Leseproben der Romane des PERRY RHODAN-Chefredakteurs. Völlig fasziniert, kaufte ich mir schließlich die beiden Romane.

Es eröffneten sich mir neue unbekannte Welten, um es mal pathetisch auszudrücken. Dabei rede ich nicht einmal von den kriminellen Vorgängen, die darin beschrieben werden, dem Sex, den Drogen oder dem Alkohol. Mich beeindruckte die Ziellosigkeit des Protagonisten. Die Gedanken und Handlungen, waren mir so fremd, dass sie von einem Außerirdischen hätten stammen können.

Während im ersten Band von »Peter Pank« vor allem die Erzählungen über Ereignisse, wie die Pfingstschlacht von Wackersdorf mein Weltbild erweiterten, war es Band 2, »Peter Pank – Chaos en France«, der mich vieles in einem anderen Licht sehen ließ.

Peter ist dem kalten Deutschland entflohen, hat sich in Avignon bei einem Freund einquartiert und sich in die hübsche Manu verliebt. Das Leben könnte so schön sein, wenn nicht plötzlich alles aus dem Ruder laufen würde. Zuviel Alkohol, zu viele Drogen, ein geklautes Auto und ein Unfall, setzen der romantischen Stimmung ein Ende.
Fortan wird Peter von der Polizei gesucht, von seinen Freunden rumgeschubst und schließlich zum Drogendealer gemacht. Er, der sich eigentlich von niemanden etwas sagen lassen wollte, macht nun nur noch das, was andere von ihm verlangen. So kann das unmöglich weitergehen.
Wie soll er da wieder rauskommen: Gestrandet, ohne Geld und ohne Manu, die sich als Mogelpackung entpuppt? Am Ende ist Peter um viele schöne und schlechte Erfahrungen reicher, seine Ziellosigkeit hat er jedoch nicht verloren.

»Chaos en France« ist eine großartige Fortsetzung des ersten Buches. Was beim ersten Roman noch wie eine Zusammenstellung einzelner Geschichten wirkt, ist hier zu einer kompakten, dicht geschriebenen und spannenden Erzählung verschmolzen.

Der Autor schreibt so lebensecht, als stünde man selbst mitten im Geschehen. Und dann ist da die freche schnörkellose Sprache, die nichts beschönigt und auch unangenehme Dinge beim Namen nennt. Der schonungslos ehrliche Stil packt und zieht einen direkt in die Figur. Man erlebt Peters Abenteuer mit den Freunden in Avignon am eigenen Leib. Man leidet mit und durch ihn. Dabei ist dem Autor nichts zu peinlich, um es möglichst bildhaft zu schildern. Ich fragte mich stets, wie viel Autobiographisches in den Geschichten steckt, aber das wird und sollte besser Geheimnis des Autors bleiben.

Durch die Romane habe ich eine Menge über Punk gelernt, nicht nur über die Musik, sondern vor allem über den Lebensstil und die Gedankenwelt. Ich erhielt dadurch eine gänzlich neue Perspektive, so dass, wenn mich heute ein Punk auf offener Straße anschnorren würde, ich ihn nicht ignorieren könnte. KNF ist damit das Unmögliche geglückt: Die Lebensanschauung einer ganzen Generation auf den Normalbürger zu transportieren und Verständnis für eine Subkultur zu wecken, die weit abseits aller bürgerlicher Normen steht.

Was am Ende zurückbleibt, ist die Erkenntnis, dass die Lebenseinstellung Punk zwar mit der Musik verbunden ist, diese alleine aus einem Menschen keinen Punker macht. Im Nachhinein bin ich KNF dankbar für den Einblick, den er mir in die Punk-Szene gewährt hat. Denn inzwischen kann ich sowohl mit der Musik, als auch mit der »No Future«-Einstellung etwas anfangen. Heute höre ich häufiger Krachmusik und lasse mich immer gern von Klaus‘ Plattentipps inspirieren.

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