Trauriges Wochenende

Mein Vater ist am Sonntag verstorben.

Nach drei Tagen im Krankenhaus hat er für immer die Augen geschlossen. Am Mittwochabend hatten wir noch miteinander telefoniert und er war wie immer. Donnerstagabend hatte ich dann den Rettungsdienst am Telefon mit einer sehr schlechten Prognose, die der Arzt von der Notaufnahme spät Abends noch mal bestätigte.

Zu aller Überraschung hat er die Nacht und den Freitag überlebt, und ich konnte mich am Samstag noch von ihm verabschieden, auch wenn er nicht bei Bewusstsein war.

Er wurde 89 Jahre alt. Im August hätte er seinen Neunzigsten Geburtstag gefeiert. Auch wenn er in der letzten Zeit nur noch mit Stock durch die Wohnung geschlichen ist und kaum noch das Haus verlassen hat. Er hat ein langes erfülltes Leben zusammen mit meiner Mutter gehabt. Sie sind viel gereist, haben alles mitgenommen was ging. Mein Vater hat im Laufe seines Lebens viel gearbeitet, hat viele Bäder gefliest und kannte daher viele Leute. Mit ihm durch die Stadt zu gehen, war mühsam, weil er alle paar Meter jemanden getroffen hat, der ihn kannte und er immer zu einem Schwätzchen bereit war. Zuletzt hat ihm das gefehlt, weil viele seiner Freunde und Bekannten vor ihm gestorben waren. Ich habe da erst begriffen, was es wirklich bedeutet »älter« zu werden.

Er war bis ins hohe Alter an vielen Dingen interessiert, hat mir immer erzählt, was er in der Zeitung gelesen oder im Fernsehen gesehen hat. Das wichtigste hat er immer in seinen kleinen Kalender geschrieben, auch wenn man die Worte nur schwer entziffern konnte. Das Schreiben lag ihm nicht so. Er war im Imkerverein, im Kegelklub und hat im Männerchor mitgesungen. Bei Festen und Feiern waren wir meistens die Letzten, weil er immer bis zum Schluss bleiben wolle. Die Familie stand für ihn an erster Stelle, egal ob seine Eltern, Geschwister, Nichten und Neffen, meine Mutter oder ich, jeder war ihm gleich wichtig. Er hatte eine starke soziale Ader, war immer für andere da. Die Großzügigkeit und Einsatzbereitschaft habe ich von ihm geerbt. Bei den Menschen, die ihn kannten, war er sehr beliebt, wegen seiner offenen natürlichen Art. Er hat sich nie verstellt und sich nie verbiegen lassen. Er war immer auf Harmonie bedacht und wenn er sich mit meiner Mutter gestritten hat (was in den letzten Jahren häufiger vorkam), dann war es schnell wieder vergessen.

Bis zuletzt hat er jeden Tag sein Saalfelder Premium Pils getrunken und gern mal Kartoffelchips genascht. Obwohl er einen angeborenen Herzklappen-Fehler hatte (das wurde erst nach seinem Achzigsten Geburtstag diagnostiziert) war er nie ernsthaft krank. Die Tage, die er in seinem Leben im Krankenhaus gelegen hat, kann man an zehn Fingern abzählen.

Nun ist er weg und mir bleiben nur die tausenden Fotos, die er im Laufe seines Lebens geschossen hat. Das Leben verweht, aber die Erinnerungen sind unsterblich.

Das obere Bild stammt aus den späten 1950er Jahren, als meine Eltern an der Ostsee Urlaub gemacht haben. Dort waren sie bekannt als Herr und Frau Kennedy. Das volle Haar hat mein Vater bis zu Letzt gehabt, siehe das untere Bild von ihrem 63. Hochzeitstag 2025.

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