Ich und der Humanismus

»Eines was wir Deutschen besonders gut können, ist Befehle ausführen.« – Diese Aussage las ich vor kurzem bei Twitter. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass da etwas Wahres dran sein könnte.

Ich bin in einem totalitären System aufgewachsen, auch wenn man das als Kind und Jugendlicher nicht so richtig wahrnimmt, eben weil man es nicht anders kennt. Egal ob Elternhaus oder Schule, man machte was angeordnet wurde. Zugegeben bei den Eltern traute man sich hin und wieder aufmüpfig zu sein, aber im Grunde befolgte man die gutgemeinten Anweisungen am Ende doch. In der Schule war das noch ein bisschen ernster. Die wenigsten trauten sich hier aus der Reihe zu tanzen und Regeln oder Vorschriften zu brechen. Man tat, was man zu tun hatte, da wurde selten diskutiert.

Zurückblickend muss ich zugeben, dass ich es schon erstaunlich finde, mit welcher »Blindheit« man damals Dinge einfach so tat, ohne sie zu hinterfragen. Es wurde einem stets bewusst gemacht, dass man aus Solidarität handelte und das es zum Wohle der Gemeinschaft geschah. Als Kind glaubt man das. Viele Erwachsene glaubten damals auch, dass das, was sie taten, nur zu unser aller besten wäre. Die wenigsten haben die Gesetze und Anordnungen in der DDR tatsächlich hinterfragt. Das kam erst, wenn man in irgendeiner Form damit in Konflikt geriet und feststellen musste, dass manches eben doch nicht zum Wohl vieler war, sondern nur zum Wohl weniger.

Zurückblickend gab es viele Vorurteile, die auch bewusst von den Regierenden geschürt wurden. Es herrschte Kalter Krieg und jeder Andersdenkende war ein Klassenfeind oder zumindest ein Subjekt, dem nicht zu trauen war. Es galt: wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Differenzierungen wurden kaum gemacht. Selbst die viel beschworene Deutsch-Sowjetische-Freundschaft existierte meist nur auf dem Papier. Die wenigsten von uns hatten die Möglichkeit jemanden aus der Sowjetunion kennenzulernen. Ich hatte ein paar Jahre lang eine Brieffreundin aus dem heutigen Lettland. Die sprach genauso wenig Russisch wie ich und nach einer Weile schrieben wir uns auf Deutsch, weil sie einen Deutschkurs besuchte.

Solidarität ist ein hehres Ziel, doch die Frage ist, wie weit sie reichen darf. Wo beginnt die Grenze, an der die Solidarität mehr Menschen schadet als nützt? Der Kommunismus ist die höchste Form der Solidarität. Hier unterwirft sich die Masse zum Wohle der Gesellschaft unter dem Aspekt, das die Individualität verlorengeht. Der Einzelne ordnet sich unter, nimmt Beschränkungen seiner Freiheit in Kauf und folgt vorgeschriebenen Regeln der Gemeinschaft.

In zehn Jahren Schule hatte ich also gelernt, dass es notwendig war, individuelle Freiheiten und Meinungen zu Gunsten des Zusammenhalts zurückzustellen. Als ich im September 1990 meinen Weg zum Abitur nahm, hatte sich die Gesellschaft um mich herum komplett verändert, inklusive der herrschenden Ideologie. So ging ich nicht, wie geplant, an die Erweiterte Oberschule (diese Schulform endete mit dem Schuljahr 1989/90 in der DDR) sondern besuchte nun ein humanistisches Gymnasium. Die dort gelehrten Thesen unterschieden sich völlig von dem Weltbild, was ich kannte. Hier ging es um Offenheit, um Individualität und freie Meinungsäußerung. Regeln waren nun dazu da, gebrochen zu werden, wenn die persönliche Freiheit darunter litt.

Es dauerte, bis ich das Konzept verinnerlicht hatte. Plötzlich zählten die Meinungen der anderen genauso viel wie meine eigene oder die der Regierung. Ich lernte das Toleranz bedeutete, auch unbequeme Argumente anzuhören und im offenen Meinungsaustausch zu diskutieren. Es zählte der Mensch an sich und zwar jeder Mensch, gleich welcher Hautfarbe, Herkunft oder Religion. Diese zwei Jahre waren prägend, vermittelten sie mir doch eine andere Perspektive.

Nach der Wende begann ich vieles zu hinterfragen, musste mich als junger Mensch mit meiner Vergangenheit beschäftigen und mein bisheriges Denken auf den Prüfstand stellen. Ich lernte, dass Veränderungen gleichsam positiv und negativ sein konnten, dass Gesetze und Meinungen wandelbar und anpassungsfähig sind. Nichts ist festgeschrieben. Was heute richtig ist, kann morgen schon falsch sein. Für einen jungen Menschen, der seinen Weg noch sucht, kann das eine ziemlich verstörende Erfahrung sein. Als Kompass dienten mir damals und heute die humanistischen Ideen, die ich im Deutsch- und Kunstunterricht vermittelt bekam und im Fach Philosophie, das damals statt Sozialkunde unterrichtet wurde. Diese Grundlagen – Zuhören, Tolerieren und Diskutieren – zählen noch heute zum Wichtigsten, was ich neben Lesen und Schreiben in der Schule gelernt habe.

Jeder Mensch ist ein Individuum mit dem Recht auf Freiheit und eine eigene Meinung. Das sollten wir uns heutzutage wieder ins Gedächtnis rufen, wenn Medien und Politik uns etwas anderes erzählen wollen und die absolute Solidarität beschwören. Mit dem Bewusstsein, dass wir Deutschen gut darin sind Befehle auszuführen.

3 thoughts on “Ich und der Humanismus

  1. Ich frage mich nur, ob der Humanismus nicht auch den Wert der Gemeinschaft und des Miteinanders beinhaltet? Also z.B. dass es gut ist, wenn man sich für die Gesellschaft impfen lässt, auch wenn man selbst keine Angst vor der Krankheit hat. Also ich meine, dass es schon wichtig und richtig ist, dass die indivudiellen Bedürfnisse berücksichtig werden, aber dass Egoismus trotzdem nicht gut ist, insbesondere wenn er anderen schadet?

      1. Ja, nach meinem Verständnis muss eine Balance gefunden werden, dass möglichst wenige leiden, möglichst viele ein glückliches, erfülltes Leben haben. Das ist das Ziel, dass wohl nie ganz erreicht werden kann, weil die Menschen zu unterschiedlich sind.

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