Meister des Slow-TV

Als ich das erste Mal eine Folge des amerikanischen Malers Bob Ross sah, war ich fasziniert. Ich malte zu der Zeit selbst und bewunderte, mit welcher Leichtigkeit und Präzision der Künstler seine Bilder auf die Leinwand brachte.

Mein Einstieg in die Ölmalerei war irgendwann Mitte der achtziger Jahre. Ich bekam einen Kasten mit Ölfarben in Tuben geschenkt. Die ließen sich zwar wunderbar vermalen, aber sie trockneten schlecht und rochen so stark, dass man damit nicht in der Wohnung malen konnte. Also stellte ich mich im Sommer immer mit meiner Staffelei in den Hof und malte. Wusch stundenlang Pinsel aus und lagerte die Bilder dann Monatelang im Schuppen, bis die Farbe getrocknet war und man sie in die Wohnung hängen konnte.

Ich besuchte sogar einen Malkurs in er Volkshochschule und lernte dort ein paar Tricks, wie man richtig mit Ölfarbe umging, wie man Maluntergründe selbst herstellte, damit sie wie Leinwand aussahen und wie man Terpentinöl richtig verwendete. Außerdem erfuhr ich, dass man sich den Gestank von Verdünnung sparen konnte, wenn man die Pinsel mit Kernseife auswusch, was aber auf lange Sicht die Pinsel kaputt machte. Ich war also nie so richtig glücklich mit Ölfarben. Die Malergebnisse waren topp, aber das Drumherum nervte.

Ich stieg dann relativ schnell auf Acrylfarben um, damit ließen sich zwar nicht so schöne Übergänge herstellen, aber das Handling war einfacher. Zur Ölmalerei kehrte ich erst wieder zurück, nachdem ich Bob Ross auf Bayern Alpha zugesehen hatte. »Das musst du unbedingt mal ausprobieren«, sagte ich zu mir. Inzwischen schrieben wir die späten Neunziger, man bekam alles zu kaufen, auch die geruchlose Verdünnung, die Bob Ross in seinen Sendungen anbot. Ich bestellte mir das sündhaftteure Zeug und was soll ich sagen. Das roch tatsächlich nicht und die Pinsel bekam man damit viel schneller sauber. So eine Spachtel, wie er sie verwendetet, schliff ich mir kurzerhand aus einer herkömmlichen Spachtel selbst zurecht, nur die Fächerpinsel, waren schwerer zu bekommen. Ich fing wieder mit der Ölmalerei an. Die Farben waren noch da und Hintergründe konnte man inzwischen an jeder Ecke kaufen.

Ich schaute mir die Folgen also genau an und beobachtete wie der Künstler Berge malte oder Bäume und Gras. Wie er ein Bild von hinten nach vorn aufbaute. Wenn ich durch die Gegend fuhr, entdeckte ich, dass manche Landschaft aussah, wie ein Bob Ross Gemälde. Ich ging quasi den umgekehrten Weg, vom Bild zur Natur. Der Künstler muss sehr intensive Naturstudien betrieben haben, um zu wissen mit welchem Pinselstrich er welchen Effekt erzeugte. Das forderte mir echten Respekt ab.

Ich versuchte mich also selbst an solchen Landschaften. Durch die geruchlose Verdünnung konnte ich jetzt sogar in der Wohnung malen. Gut, die Bilder brauchten immer noch lange zum Trocknen, aber durch die dünnen Schichten, die der Künstler auftrug, dauerte es nicht Monate. Ich kam aber schnell dahinter, dass es mich trotz der einfacheren Umstände einengte, so genau zu malen. Es beschränkte mich in meiner Freiheit. Ich wollte das alles gar nicht so Detailgetreu auf die Leinwand bringen. Ich wollte, dass das Bild im Auge entsteht, wenn man sich davon entfernte. Ich wollte, dass man die pastosen Farbschichten sah, dass man das Bild erfühlen konnte, wenn man mit den Fingerkuppen darüber strich. Dazu ist die Maltechnik von Bob Ross allerdings nicht geeignet. So kehrte ich zu meinem eigenen Stil zurück, nahm aber mit, was ich durch das Malen der Landschaften von Bob Ross gelernt hatte.

Die Fernsehsendungen mit Bob Ross laufen immer noch auf ARD-Alpha. Wenn ich durch Zufall darauf stoße, bleibe ich nach wie vor hängen und schaue fasziniert zu, wie aus einer weißen Leinwand eine alpine Bergwelt oder ein Strand in der Südsee entsteht. Am Samstag war der 25. Todestag von Bob Ross. Der Mann ist also schon seit einem Vierteljahrhundert tot und zieht mit den Aufzeichnungen seiner Fernsehsendungen immer noch Menschen in seinen Bann. Und sei es nur jene, die am Abend entspannungssuchend vor dem Fernseher sitzen und sich von seiner ruhigen Stimme, dem Kratzen des Pinsels auf der Leinwand und den »happy little clouds« einschläfern lassen.

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