Fabelhafter Erotikcomic

Quelle: Schreiber&Leser

Fabel Definition: »lehrhafte, oft satirische Erzählung in Vers oder Prosa, in der Tiere nach menschlichen Verhaltensweisen handeln und in der eine allgemein anerkannte Wahrheit, eine praktische Lebensweisheit o. Ä. veranschaulicht wird«

Den Begriff Furry-Comic las ich zum ersten Mal in einer Comic-Zeitschrift. Der Begriff bezog sich auf den Comicband »Omaha the cat dancer«. Darin wird die Lebens- und Leidensgeschichte einer Erotiktänzerin geschildert. Das ungewöhnliche: die Figuren im Comic haben zwar menschliche Körper (mit allen intimen Details), die Gesichter sind aber die von Tieren. Protagonistin Omaha ist eine Katze, andere Charaktere sind Hunde, Hasen, Hühner oder sogar ein Rentier. Man erahnt, das die meisten ein Fell besitzen. Deswegen der Begriff »Furry« also pelzartig. Der Begriff steht für eine Subkultur der Comic-Szene, die ein eigenes Fandom besitzt. Manche Menschen verkleiden sich sogar als Pelztiere.

Zurück zu »Omaha«. Die junge katzenhafte gut gebaute Tänzerin ist ein Star unter den Stripperinnen. Männer finden sie begehrenswert, trauen sich aber nicht an sie heran und wenn dann meist nur für einen One-Night-Stand. Das ändert sich, als sie Chuck Katt, einen jungen Zeichner, kennenlernt. Der gut aussehende Kater und Omaha werden ein Paar, doch damit beginnen die Probleme. Denn Chucks Vater ist ein großer Unterweltboss, der sich mit einem prüden Senator anlegt. Omaha und Chuck sowie ihre Freunde drohen zwischen den Fronten zerrieben zu werden.

Warum ich oben mit der Definition einer Fabel begonnen habe, erklärt sich beim Lesen des Comics. Den »Omaha« ist nichts anderes als eine Fabel. Die Geschichte übt Kritik an den Zuständen der amerikanischen Gesellschaft der späten siebziger und frühen achtziger Jahre. Freier Sex, Homosexualität, Emanzipation von Frauen, die Themen sind vielfältig und werden auf eine satirische Art erzählt. Hinzu kommen freizügige Sexszenen und intime Bettgespräche, die so lebensecht wirken, dass sie verblüffen. Man bedient sich der Tierfiguren um Kritik zu üben und eine Geschichte auf eine Weise zu erzählen, die mit Menschen als Charakteren nicht möglich gewesen wäre. Die Comics wären in den USA so schnell auf dem Index gelandet, da wäre die Druckfarbe noch nicht trocken gewesen. Aber auch so hatten es die Comics schwer. Unteranderem wurde ein Comic-Händler verhaftet, weil er sie im Programm hatte. Daraufhin gründete sich der »Comic Book Legal Defence Fund«, der bis heute für die Meinungsfreiheit von Comic-Autoren kämpft.

Gezeichnet hat die Geschichte Reed Walker, die Texte lieferte seine Freundin und spätere Ehefrau Kate Worley. Eigentlich ist es eine tragische Geschichte, denn Omaha und Chuck wird von allen Seiten übel mitgespielt, dabei wollen die beiden eigentlich nur ein ruhiges gemeinsames Leben leben. Die Handlung ist überraschend und sehr komplex. Sie erfordert nicht nur genaues Lesen der Sprechblasen sondern einen scharfen Blick auf die Bilder. Denn die Lösung liegt oftmals genau hier. Die intellektuell ansprechenden Dialoge sind voller Anspielungen und Seitenhiebe auf die amerikanische Gesellschaft.

»Omaha« ist ein Kind seiner Zeit. Vieles was in den siebziger Jahren an Freizügigkeit möglich war, war spätestens mit dem Aufkommen von AIDS beendet. Hier ist sie noch spürbar die Sorglosigkeit von freiem Sex, über das Geschlecht und in dem Fall auch über die Spezies hinaus. Im Grunde ist es ein Porno-Comic, aber auf so natürliche Art und Weise erzählt, das es sich nicht unangenehm anfühlt. Denn Zeichner und Autorin beschränken sich keineswegs rein auf die Sexszenen, die sind nur Beiwerk. Man spürt wie wichtig den beiden Charaktere und Geschichte sind. Es wird also nicht pausenlos »gerammelt«, sondern lebhaft diskutiert, gegessen und geliebt. Dabei kommt die Handlung ohne jede zur Schaustellung von Gewalt aus. Es gibt keine sadomasochistischen Szenen, kein Gemetzel und keine Toten. Naja, nicht ganz, aber ein bisschen Spannung sollte man der Handlung belassen.

Band 1 von »Omaha« erschien im Frühjahr 2020 bei Schreiber&Leser in einer edlen Schmuckausgabe, schwarzer Einband mit dezentem Spotlack, der den Inhalt des Buches nur erahnen lässt. Da freue ich mich jetzt schon auf Band 2.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.