Zwischen Solidarität und Anfeindung

In den vergangenen Wochen wurde oft und viel über die großartige Solidarität zwischen den Menschen geredet. Das Virus würde die Menschen einen und man rücke näher zueinander.

Irgendwie kann ich das nicht glauben, angesichts von Nachrichten, eigenen Beobachtungen und dem, was man von Bekannten erzählt bekommt. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. In Schleswig-Holstein zum Beispiel, wo ja bekanntlich die Grenzen für Nicht-Anwohner geschlossen wurden, werden reihenweise Autos zerkratzt, wenn sie beispielsweise ein Hamburger Nummernschild haben. Dort wird massiv gegenüber Hamburger mobil gemacht, die in Schleswig-Holstein Ferienhäuser und Ferienwohnungen besitzen. Beschimpfungen sind da noch das harmloseste. Ich befürchte, dass, wenn das länger geht und das ist nicht auszuschließen, viele Hamburger in Zukunft auf ihr Ferienhaus verzichten werden. In Mecklenburg-Vorpommern ist das stellenweise ähnlich schlimm.

Im Saarland werden dort lebende französische Staatsbürger beschimpft, bespuckt und angegriffen. Da macht sogar die Polizei mit. Heute lese ich, dass in China Menschen aus Afrika, aus ihren Wohnungen vertrieben und zwangsweise in Quarantäne gesteckt werden. Menschen, die schon seit Jahren dort wohnen und schon ewig nicht mehr in Afrika waren.

Menschen schwärzen andere Menschen an, die beispielsweise zu fünft auf einer Wiese im Park hocken. Überall lauern inzwischen die Blockwarte und rufen die Polizei, weil sie glauben, in der Nachbarwohnung würde eine Party gefeiert, dem übrigens meist nicht so ist. Ich könnte auch das junge Pärchen anzeigen, die sich fast täglich bei uns vorm Haus heimlich auf dem Parkplatz treffen. Sie kommt mit dem Rad, er mit dem Auto und dann sitzen sie eine Stunde lang zusammen im Auto. Aber ich mache das nicht, weil es mir zuwider ist, jemanden anzuschwärzen. Doch ich weiß, es gibt ganz viele Leute in dieser Republik, die das mit großer Genugtuung tun und sich in ihrer »Macht« sonnen.

Oder, als Anfang Februar die ersten Fälle hier im Landkreis auftraten, wurde die Kinder der betroffenen Familie in der Schule gemoppt und ausgegrenzt, selbst nachdem feststand, dass sie negativ getestet wurden.

Oder, als sich abzeichnete, dass in Italien die Epidemie außer Kontrolle geriet, wurden ganz schnell Stimmen laut, dass Deutsche das Virus ins Land gebracht hätten. Und zwar sollen Mitarbeiter von Webasto in Italien gewesen sein. Was die Firma aber umgehend dementierte.

Ich könnte noch eine Weile so weitermachen. Ich befürchte, je länger die Angst andauert, desto größer wird das Misstrauen untereinander werden. Die vielgerühmte Solidarität wird nur so lange vorhalten, wie das eigenen Leben nicht in Gefahr ist. Nein, ich glaube nicht, dass das Virus die Menschheit einen wird. Eher das Gegenteil wird passieren. Wenn wir es nicht mal in Deutschland, nicht mal innerhalb eines Bundeslands auf die Reihe bekommen, wie soll es dann weltweit funktionieren.

Ach, ja. Meinen alleinlebenden Eltern in Thüringen hat noch keiner Hilfe angeboten, z. B. für sie einkaufen zu gehen. Das müssen sie immer noch selbst erledigen. Und wenn, die Nachbarn sind kaum jünger und gehören ebenfalls zur Risikogruppe. Und junge Leute gibt es kaum, die meisten leben, wie ich, weit weg. Zum Glück ist die Lage in Thüringen entspannter und weniger problematisch.

3 thoughts on “Zwischen Solidarität und Anfeindung

  1. Krisen offenbaren immer den Charakter, im Guten wie im Schlechten.

    Meine Beobachtung:
    Ich war am Mittwoch beim Blutspenden. Die Aktion ging bis 20.00 Uhr, aber bereits 18.30 Uhr mussten die neu Ankommenden nach Hause geschickt werden, weil es nur noch begrenzt Blutspendesets gab (man weiß ja ungefähr, wieviel man in der Zeit schafft und nimmt dann entsprechend so viele Sets mit, die Aktion ging dann bis irgendwann nach 20.00 Uhr, bis alle Sets aufgebraucht waren).
    In meiner Reitschule spenden sehr viele Reitschüler, die gerade keinen Unterricht nehmen dürfen, Futtergeld für die Schulpferde, damit die Reitschule auch nach der Ausgangsbeschränkung noch existiert. Die angrenzende Wirtschaft hat auf Drive-In umgestellt und das Angebot wird gut angenommen. Auch grüßen die Leute wieder freundlicher, wenn man ihnen beim Ausreiten begegnet. Vor der Ausgangsbeschränkung kam meist nichtmal ein Lächeln.
    Selbst der Chef-Chef-Chef meiner Firma hat Maßnahmen ergriffen, die dem Geschäft schaden, aber der Gesundheit der Mitarbeiter dienen, und betont, dass es nur vorübergehend ist und wir das gemeinsam schaffen. Einzelheiten darf ich natürlich nicht nennen, aber wenn in einem Konzern plötzlich „Mensch vor Marge“ möglich ist, wie es Betriebsräte fordern, dann finde ich das schon erstaunlich.

    Es kommt eben auch ein wenig darauf an, wo man hinschaut.

    1. Mir geht es nicht um die Spendenbereitschaft der Menschen, die war und ist in Krisen immer höher als sonst. Mir geht es um das Zwischenmenschliche und das leidet derzeit massiv. Ich empfehle folgenden Artikel aus Österreich. Da ist es nochmal um einiges schlimmer. Aber bei uns zeichnet sich ähnliches ab.:
      Profil.at

  2. In der Tat, das Virus bringt in großem Umfang zutage, dass wir ganz offenbar nichts dazugelernt haben. Zivilisation? Nein. Kultur? Nein. Anstand? Wozu.
    Aber haufenweise Nachwuchs für die Stasi und die Gestapo. Ich bin traurig und enttäuscht.

    Und noch eine zynische Endbemerkung: wenn nach der Krise viele Menschen ihre Ferienhäuser und Ferienwohnungen verkaufen, werden die entsprechenden Bundesländer nochmals richtig Kasse machen mit der Grunderwerbsteuer. Grundsteuer und Zweitwohnungsteuer kassieren sie ja sowieso schon!

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