Wie ich den Unsterblichen traf

PERRY RHODAN von K. H. Scheer und Clark Dalton (Walter Ernsting)

1990 begegnete ich Perry Rhodan. Die Geschichte beginnt an einem kalten Tag im Februar 1990 an einem Bahnhof. Es muss früher morgen gewesen sein, vielleicht auch mitten in der Nacht, genau weiß ich das nicht mehr. Mein Vater und ich wollten das erste Mal nach der Grenzöffnung meine Tante im Schwarzwald besuchen. Der Interzonenzug fuhr zwar durch Saalfeld, hielt aber nicht an, sondern erst einige Kilometer weiter an der noch bestehenden innerdeutschen Grenze. Hier wurden Pässe kontrolliert und der Zoll nahm den halben Zug auseinander. Noch wenige Wochen zuvor hatte dort niemand zusteigen dürfen, nun bot sich für uns diese unfassbare Möglichkeit.

Einfach war es dennoch nicht, da der Zug (ein alter Intercity mit Abteilen) heillos überfüllt war. Die Menschen standen, saßen und lagen in den Gängen und sogar in den Durchgängen zwischen den Wagons. Irgendwie quetschten wir uns mit ein paar weiteren Reisenden noch hinein. Ich fand einen Platz vor der Toilette, den ich jedes Mal räumen musste, wenn einer aufs Klo wollte. So standen wir – ich saß zeitweise auf meinem Koffer – die knapp 400 Kilometer bis Stuttgart. In Nürnberg leerte sich der Zug zwar ein wenig, einen Sitzplatz bekamen wir aber nicht. Zumindest wir erlangten etwas mehr Bewegungsfreiheit.

Von Stuttgart ging die Reise in einem InterRegio weiter nach Karlsruhe. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich von dem modernen Zug war, als er durch die vielen Tunnel rauschte. Das Beste von allem war: Wir hatten einen Sitzplatz. In Karlsruhe stiegen wir in einen D-Zug nach Basel. Basel hat mehrere Bahnhöfe, in einem davon hielten und halten die Züge aus Deutschland. Dort stiegen wir in eine Regionalbahn, die uns ans Ziel brachte. Ich habe keine Ahnung, wie viele Stunden wir unterwegs waren, es müssen acht bis zehn gewesen sein.

Meine Tante wohnte in Zell im Wiesental, einem kleinen Ort am Fuße des Hochschwarzwald. Sie hatte ein großes Haus, in dem sie, seit dem Tod ihres Mannes (dem Bruder meines Vaters) und ihrer Tochter, allein lebte. Ich durfte im Zimmer meiner verstorbenen Cousine schlafen, das so aussah, als hätte es die Achtundzwanzigjährige Minuten zuvor verlassen. Von hier aus, gelangte man über eine Terrasse ins Dachgeschoss einer Doppelgarage, das als Speicher genutzt wurde.

Neugierig wie Fünfzehnjährige sind, sah ich mich dort um und machte eine Entdeckung nach der anderen. Denn da lagerten Hunderte von Rätselheften, Comics, Büchern und Heftromanen. Von letzteren waren die meisten Arzt- oder Heimatromane, hin und wieder fanden sich auch Western und Kriegsromane darunter. Ich stöberte, bis ich auf ein paar Hefte stieß, auf denen Raumschiffe und außerirdische Welten abgebildet waren. Irgendwie faszinierten mich die Abbildungen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel mit Science-Fiction am Hut hatte. Ich schnappte mir die Hefte und las sie abends im Bett. Sie hatten leider keine zusammenhängende Nummerierung; es waren teilweise zerfledderte Erstausgaben aus den frühen Sechzigern. Ich verstand nicht viel von dem, was ich las, dennoch nahmen mich die Geschichten gefangen.

Es ging um eine Gruppe Raumfahrer, die auf dem Mond das Raumschiff gestrandeter Außerirdischer entdeckt hatten und um Mutanten. In einem Heft kam ein Außerirdischer vor, der wie eine große Maus aussah und immer Mohrrüben futterte, das gefiel mir. Gleich am nächsten Tag durchforstete ich den Speicher fieberhaft nach weiteren solchen Heften, fand aber keine mehr.

Bevor wir wieder nach Hause fuhren, fragte ich meine Tante, ob ich die drei Hefte mitnehmen dürfte. Sie hatte nichts dagegen und so kam ich in den Besitz meiner ersten PERRY RHODAN-Hefte mit den Nummern 10, 56 und 164, die ich bis heute aufgehoben habe.

Der Juli 1990 brachte die Einführung der D-Mark. Von einem Tag auf den anderen verschwanden alle DDR-Artikel aus den Geschäften, dafür gab es alles zu kaufen, was man von den Besuchen aus dem Westen kannte. Populär waren vor allem Zeitschriften und Romane, die in der DDR verboten waren, wie »Der Spiegel«, die »Bravo« sowie die als Schundliteratur verrufenen Heftromane. Es spielte keine Rolle, dass die Ausgaben Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Die Nachfrage nach Publikationen aus Antiquariatsbeständen war ungebrochen und findige Geschäftsleute nutzten jede Gelegenheit, um auf dem Marktplatz auf Tapeziertischen kartonweise Zeitschriften und Heftromane zu verkaufen.

Hier traf ich Perry Rhodan wieder. Es gab nur ein Problem: Die Händlerin hatte hunderte, wenn nicht gar tausende Romane von Perry und seinen Mannen. Wo fing ich an? Ich fischte wahllos ein paar zusammenhängende Ausgaben aus den Kartons und kaufte sie für 50 Pfennig das Stück. Wenn ich sie eine Woche später ausgelesen zurückbrachte, bekam ich 20 Pfennig pro Heft wieder heraus und konnte das Geld sofort in neue Romane investieren. So las ich mich durch einen Großteil des Cappin-Zyklus’.

Ab September 1990 sah ich mit Begeisterung »Star Trek – The next Generation« im ZDF. In den neunziger Jahren war Star Trek Kult. Man kam daran nicht vorbei und so geriet der unsterbliche Perry in den Jahren zwischen 1992 und 2013 bei mir in Vergessenheit. Ich wusste, dass das Perryversum weiterhin existierte, aber es war nicht mehr mein Universum.

1 thought on “Wie ich den Unsterblichen traf

  1. Interessant. Ein schöner Beitrag.
    Mein Rhodan-Erstkontakt fand etwa 20 Jahre früher statt (so um 1970).
    Aber angebrieft, was Heftromane anbelangt, wurde ich etwas früher und fast auf die gleiche Art wie du: Mit 6 oder 7 Jahren stieß ich bei meiner Oma in Süddeutschland auf ein Schrankfach, in dem Romanhefte lagen, v.a. Western – meine Großmutter war zwar streng katholisch, aber was Western im TV und Heftroman anbelangte, ließ sie nix anbrennen – und auch ein paar SF.
    Es waren ehrlich gesagt v.a. die Titelbilder von Johnny Bruck, weswegen ich als Schuljunge damals Feuer fing.
    Und dann lieh mir ein Freund ein paar Hefte des M87-Zyklus – Old Man, Okefenokees, Zeitpolizei, Paratronschirm usw. – das wars: Ich musste den kompletten Zyklus lesen.

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