Ballons

Quelle: Amazon

1979 war ich fünf Jahre alt. Ich kann mich also nur noch rudimentär an dieses Jahr erinnern. So richtig zusammenhängende Erinnerungen habe ich erst, seit ich ein Jahr später in die Schule gekommen bin.

Ereignisse aus dieser Zeit kenne ich fast nur aus den Erzählungen meiner Eltern. Dazu gehört auch die Geschichte über zwei Familien, die mit einem Heißluftballon über die Grenze geflogen sind. Das betrifft mich insbesondere, als das ich aus der Region stamme, in der das damals passierte, und wir indirekt davon betroffen waren, da die Staatsicherheit im Anschluss nach allen Seiten ermittelte. So tauchten sie auch in der Siedlung auf, in der wir unser Wochenendhaus hatten. Meine Mutter erzählte, Männer in Lederjacken wären gekommen und hätten nach einem unsere Nachbarn gefragt, der wohl die Familien kannte. Erst Stunden später haben meine Eltern im Radio von der Ballonflucht erfahren. Aus dem Westradio versteht sich, wir hörten damals immer Bayern 3.

Die innerdeutsche Grenze verlief im übernächsten Tal. Wir hätten hingucken können, wenn der Berg nicht davor gewesen wäre. Manchmal konnte man am Horizont die Scheinwerfer vom Grenzzaun sehen. Meine Mutter erzählt immer, dass diese Nacht, in der die Familien flohen, besonders klar gewesen ist. Meine Oma behauptete damals steif und fest, sie habe einen Heißluftballon am Himmel gesehen. Ob das stimmt, weiß ich nicht, möglich wäre es, denn der Ballon muss ganz in unserer Nähe gestartet sein.

Schon allein aus diesem Grund musste ich mir den Film »Ballon« von Michael Bully Herbig ansehen, der im vergangenen Jahr im Kino lief. Wie immer bei solchen Produktionen, war ich skeptisch. Es gibt nur wenige Filme, in denen die DDR stimmig dargestellt wird. Doch »Ballon« überzeugte mich. Er war spannend und das obwohl man den Ausgang kannte. Er handelte die Problematik mit dem notwendigen Feingefühl ab. Die Figuren waren glaubhaft und vielschichtig. Das Setting passte ebenfalls. Man sah schöne Luftaufnahmen vom Thüringer Schiefergebirge und die Wohnungen, Häuser und Autos waren mit viel Liebe zum Detail wiedererweckt worden.

Es gibt zwei Dinge, die mir aufgefallen sind. Am Anfang des Films sieht man Kinder mit blauen Luftballons rumlaufen, die dann in den Himmel steigen. Ich habe in meiner Kindheit niemals einen Helium gefüllten Luftballon besessen. Das gab es nicht. Meine Eltern wüssten auch nicht, dass die sowas in der DDR mal gesehen hätten. Es ist heute schon schwer, an Helium zu kommen, damals war das vermutlich noch schwieriger. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass solche Luftballons in der grenznahen Region, in der wir wohnten, wahrscheinlich sogar verboten waren.

Der zweite Negativpunkt ist wahrscheinlich der Wahrnehmung des Protagonisten geschuldet, der, wohin immer er auch blickt, Spitzel vermutet. Das suggeriert dem unkundigen Zuschauer, dass in der DDR hinter jeder Ecke, in jedem Fenster Spitzel der Stasi gelauert haben, und dass man stets aufpassen musste, was man auf der Straße gesagt hat. Das hat definitiv nichts mit der Wirklichkeit zu tun, die ich erlebt habe. Letztlich waren es ja nicht fremde Leute, die einen bespitzelt haben, wenn man im Fokus der Stasi stand, sondern Freunde oder Verwandte, also Menschen, denen man vertraute. Das war ja gerade das Perfide.

Schön dargestellt fand ich die Naivität der Ostdeutschen. So glaubte die Familie nach ihrem ersten gescheiterten Versuch, dass ihnen mittels Kontakt zur amerikanischen Botschaft, von den Amis geholfen wird. Da hätte ja jeder kommen können. Die ostdeutsche Bevölkerung war den Amerikanern doch völlig egal, genauso wie den Russen. Interessiert waren die höchstens an Wissensträgern, alles andere wurde ignoriert. Was im Film auch so gezeigt wird.

Fazit: Ein sehr spannender Film mit tollen Schauspielern, der zeigt, welches Risiko Menschen im Osten der Freiheit wegen eingegangen sind. Aber auch in welche Gefahren sie dabei ihre Kinder gebracht haben.

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