Der keinarmige Bandit

Positives von der Deutschen Bahn hört man selten und noch seltener erlebt man solches.

Weil ich meine Karten stets am Fahrkartenautomaten hole, habe ich im vergangenen halben Jahr hin und wieder als Überraschung einen 10 Euro Gutschein oder eine Mitfahrerfreifahrt bekommen. Was ein bisschen wie Glücksspielautomat klingt, ist insofern praktisch, als dass ich die Gutscheine regelmäßig bei meinen Fahrten nach Thüringen einlösen kann. Zehn Euro weniger zahlen oder den Ehemann kostenlos mitnehmen, macht sich bemerkbar. Immer wenn der Automat vor dem Ausdrucken der Fahrkarte drei Belege anzeigt, rufe ich »Jackpot« und ernte dafür auch mal einen schiefen Blick von anderen Bahnkunden. Zumindest ist das ein Service der Deutschen Bahn, an den ich mich gewöhnen könnte.

Diese Woche erlebte ich zum Thema Fahrkartenautomat der Deutschen Bahn eine ähnlich positive Geschichte. Im IC neben mir saßen zwei Freundinnen, beide um die fünfzig und nicht sehr erfahren, was das Bahnfahren angeht. Als der Zugbegleiter die Fahrscheine kontrollierte, erklärte er einer der Frauen, dass ihr Regionalticket im IC nicht gültig sei, und sie entweder an der nächsten Station aussteigen könnte oder einen Zuschlag zu zahlen hätte. Die regte sich erstmal auf, weil der Fahrscheinautomat des Meridian ihr nur dieses Ticket angeboten hatte und es keinen anderen Automaten gab. Der Bahnmitarbeiter zuckte mit den Schultern, tippte auf seinem tragbaren Computer herum und erklärte ihr, dass sie etwas mehr als zehn Euro nachzahlen müsse.
»Das sind ja 38 Euro für eine einfache Fahrt«, empörte sich die Frau, »damit kann die Bahn keineswegs Wettbewerbsfähig sein.«
Er meinte, er könne nichts dazu, er würde die Preise nicht machen.
Auch ihre Freundin meldete sich zu Wort, die hatte ein Online-Sparpreisticket mit der BahnCard 25 für 14 Euro gekauft. »Das steht doch in keinem Verhältnis.«
Der Bahner sagte nix, tippte seelenruhig auf seinem Computer herum und murmelte: »Ich kann versuchen den Bordpreis abzuziehen.« Eine Minute später forderte er die Frau auf, ihm eine Zahl zwischen null und eins zu nennen.
Sie guckte verdutzt zurück und sagte: »0,5.«
»Fast richtig«, meinte der Zugbegleiter und fügte hinzu: »0,6.«
»Wieso 0,6?« Die Frau war sichtlich verwirrt und ich mit.
»Na, ja sie müssen noch sechzig Cent Zuschlag zahlen.«
»Tatsächlich, nur so wenig?« Sowohl die Frau als auch ihre Freundin waren überrascht. Sie kramte ihren Geldbeutel hervor und drückte dem Zugbegleiter ein Eurostück in die Hand. »Sehen Sie, weil sie so nett waren, bekommen Sie von mir auch noch Trinkgeld.«
Was auch immer der Zugbegleiter da ausgerechnet hatte, meiner Erfahrung nach, stimmte das hinten und vorn nicht, zeigte aber, das auch Bahnmitarbeiter ein Herz haben und offensichtlich auch mal ein Auge zudrücken, was selten genug vorkommt.

3 thoughts on “Der keinarmige Bandit

  1. Glücksspiel bei der Bahn. Hätte nicht gedacht, dass es das gibt, aber am Freitag habe ich’s selbst erlebt. Im IC wurde durchgesagt „Freitag ist Freutag!“ und wer auf einem Platz mit einer bestimmten Nummer saß, wurde wenig später von einem freundlichen jungen Mann (plus Filmteam!) aufgesucht. Zufällig war das ein Herr ganz in meiner Nähe, also konnte ich zusehen. Der Gewinner durfte einen von mehreren Umschlägen wählen. Sein Gewinn: Eine Freifahrt. Gefilmt wurde natürlich nur mit seiner Zustimmung.

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