Eine Generation am Abgrund

In den letzten Tagen häuften sich die Artikel mit Meinungen junger Menschen zum Thema Corona-Pandemie. Viele fürchten um ihre Zukunft. Ich kann diese Furcht nachvollziehen. Besonders schlimm trifft es Schul- und Studienabgänger, deren bereits vereinbarte Arbeitsverträge jetzt aufgekündigt werden. Die stehen jetzt vor existenziellen Problemen, die ich nur zu gut kenne, weil ich sie selbst erlebt habe.

Ich war fertig mit dem Studium, hatte ein halbes Jahr lang einen Bewerbungsmarathon hinter mich gebracht und war froh, als ich im April 2001 einen Praktikumsplatz in einem großen Postproduktionshaus in München ergattern konnte (wohlgemerkt mit einem Ingenieurs-Diplom in der Tasche). An der Uni hatten sie uns sonst was versprochen. Unteranderem, dass wir spielend leicht eine Arbeit finden und als Ingenieur viel Geld verdienen würden. Die Realität sah anders aus. Diejenigen, die schon ihr Praktikum oder ihre Diplomarbeit in einer Firma gemacht hatten, bekamen dort eine Stelle. Diejenigen, wie ich, die ihr Praktikum im Ausland gemacht hatten, standen hinten an. Also war ich froh, wenigstens einen Praktikumsplatz bekommen zu haben.

Ein halbes Jahr später versprach man mir eine Festanstellung. Ich hatte mich derweil in München nach alternativen Arbeitgebern umgesehen, nahm dann aber doch das Angebot an. Und dann kam der 11. September 2001 und nichts war mehr wie zuvor. Die Film- und Werbe-Produktionen brachen von heute auf morgen ein. Der unbefristeten Arbeitsvertrag, den ich gerade unterschrieben hatte, war nicht mal mehr das Papier wert, auf dem er gedruckt war. Mir wurde, wie einigen anderen, betriebsbedingt gekündigt.

Da stand ich nun. Ich hatte noch kein Jahr gearbeitet, also auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Meine Miete und meine Sozialversicherungsbeiträge musste ich aber trotzdem zahlen. Der Gnade meines Abteilungsleiters verdanke ich, dass man mich wenigstens bis zum Ende der Probezeit behielt, damit ich ein volles Arbeitsjahr zusammenbekam und Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte.

Das darauffolgende Jahr war das Schwerste meines ganzen Lebens. Ich schrieb eine Bewerbung nach der anderen und war ständiger Gast beim Arbeitsamt. Der dortige Mitarbeiter zuckte nur mit den Schultern und verwies darauf, dass die Bundestagswahl vor der Tür stände und der Arbeitsmarkt davor in einer Art Dornröschenschlaf dahindämmerte. Ich hatte zwar eine Berufsausbildung, aber durch meinen Studienabschluss war ich für den Beruf jetzt überqualifiziert. Außerdem ging es der Medienbranche ohnehin schlecht. Die KirchMedia-Pleite spülte Unmengen an Fachkräften auf den Arbeitsmarkt. Da hatte so eine Berufsanfängerin wie ich kaum Chancen. Nach einem halben Jahr bekam ich nur noch Arbeitslosenhilfe. Das war zu wenig zum Leben und zum Sterben zu viel. Es deckte gerade so meine Miete. Ich fing an, in der Entwicklungsabteilung meines ehemaligen Arbeitgebers zu jobben. 40 Stunden die Woche für 400 Euro im Monat. Ich arbeitete also für 20 Euro am Tag. Dafür hatte ich nun fünf Jahre lang studiert. Ich fragte mich oft, wie sollte ich so je mein Bafög zurückzahlen? Ende des Jahres wurde mir wieder eine Festanstellung versprochen. Doch die bekam dann ein männlicher Bewerber.

Im Januar 2003 stand ich vor der Wahl: zurück nach Thüringen zu meinen Eltern zu ziehen, um von dort die Suche nach einem Job ganz von vorn zu beginnen oder in München bleiben und mich selbstständig machen. Mit null Startkapital und ohne eine Ahnung, auf was ich mich da einlasse. Ich tat letzteres, auch aus dem Grund, dass ich mich von dem System nicht in die Knie zwingen lassen wollte. Es war die richtige Entscheidung. Fünfzehn Jahre lang war ich erfolgreich selbstständig. Ich bin davon nicht reich geworden, aber es hat gereicht, um zufrieden zu leben. Aufgegeben habe ich die Selbstständigkeit erst, als ich zu meinem Mann gezogen war und mich die lange Fahrt zur Arbeit nach München (früh 3 Stunden hin, abends 3 Stunden zurück) immer mehr auslaugte.

Ich beneide die Studienabgänger von heute nicht. Sie werden es noch schwerer haben als ich, weil sich die Wirtschaft nicht so schnell von der Pandemie erholen wird. Die Krise wird uns noch sehr lange Zeit beschäftigen und in alle Branchen durchschlagen.

Biblischer Comic in drei Teilen 1

Quelle: Amazon

Das ich Fan der Comics von Ralf König bin, habe ich hier schon öfter erklärt. Der Autor, der am 8. August diesen Jahres seinen 60. Geburtstag feiert, hat nicht nur Schwulen-Comics im Repertoire, sondern hat auch einige philosophisch/religiöse Titel geschrieben. In seiner Bibel-Trilogie setzt er sich auf lustige Weise mit dem Zwiespalt zwischen Glauben und Wissenschaft auseinander, ohne blasphemisch zu werden.

Im ersten Teil »Prototyp« steht die Schöpfungsgeschichte im Mittelpunkt. Seinen Figuren, Gott, Adam und Luz (Luzifer personifiziert als Schlange), legt Ralf König dabei Weisheiten von Philosophen, Schriftstellern und Berühmtheiten in den Mund bzw. die Sprechblasen. Sogar vor Liedern aus dem evangelischen Kirchengesangbuch macht er nicht halt. Das ist stellenweise richtig witzig, während es gleichzeitig zum Nachdenken anregt.

Die schnodderisch gezeichneten Figuren allenvoran die Schlange Luz sind ein echtes Highlight. Wer schon immer mal wissen wollte, wie es wirklich war im Paradies und warum Gott Adam nach seinem Vorbild schuf und dann die Kontrolle über ihn verlor, der sollte sich diesen Comic ansehen. Die Antworten sind überraschend glaubhaft.

»Prototyp« ist eine augenzwinkernde Schöpfungsgeschichte, die dennoch erstaunlich tiefsinnig daherkommt.