Das Ende der Bussi-Bussi-Gesellschaft

Mit Begrüßungen ist das so eine Sache. Das handhabt jeder so wie er es mag, bzw. wie er erzogen wurde.

Ich zum Beispiel bin größtenteils unter Erwachsen aufgewachsen. Ich lernte, dass man Verwandten höflich die Hand gab. Oder es in einer großen Runde ausreichte, nur auf den Tisch zu klopfen. Enge Begrüßungs- und Verabschiedungsriten gab es nicht. Vielleicht hat man die Oma mal gedrückt, wenn man etwas geschenkt bekam, und weil es sein musste. Manch eine »Tante« drückte einem auch mal einen feuchten Schmatzer auf, wenn man sich nicht schnell genug entziehen konnte. Aber das man sich umarmt und drückt, kenne ich aus unserer Familie nicht. Selbst meine Eltern begrüße ich heute selten auf diese enge Art und Weise. Freunde, Kommilitonen und Arbeitskollegen grüßte ich später verbal oder mit einem Winken, vielleicht mit einem Handschlag aber nie enger.

Umso irritierter war ich, als ich zum ersten Mal in München von einer Kollegin zu einen Mädls-Stammtisch mitgenommen wurde. Ich wurde umarmt und rechts und links mit Küsschen begrüßt, dabei kannte ich die Leute nicht mal. Doch das schien unter den »Freundinnen« Gang und Gebe zu sein. Vielleicht lag es genau daran, dass ich zu den wenigen Malen, bei denen ich dabei war, mich dort nie wohl gefühlt habe. Vielleicht waren es auch die Gesprächsthemen oder das Getratsche über diejenigen, die gerade nicht da waren, die mich gestört haben.

In Erinnerung geblieben ist, dass ich dieses Bussi-Bussi-Getue nicht mag. Am liebsten vermeide ich es, andere Menschen anzufassen oder zu umarmen. Hand geben ist okay, das verbuche ich unter Höflichkeit. Ansonsten mag ich diese mir aufgezwungene Nähe überhaupt nicht. Da bin wohl so ein bisschen autistisch veranlagt. Wenn ich jemanden von mir heraus umarme, dann nur wenn ich diesen Menschen aus tiefsten Herzen mag, weil mir wirklich etwas an der Person liegt, und nicht weil es Trend ist.

In der derzeitigen Situation wo Abstandhalten angesagt ist, ist diese Einstellung vorteilhaft. Es macht mir nichts aus, Abstand zu wahren und Leute zu nur verbal zu begrüßen oder zu verabschieden. Aber denjenigen, die bisher die Bussi-Bussi-Kultur gelebt haben, wird es sicher schwerfallen darauf zu verzichten.

1 thought on “Das Ende der Bussi-Bussi-Gesellschaft

  1. Mir ging es ähnlich. In der Familie war es auch nicht wirklich üblich, sich zu umarmen oder gar Bussis zu geben.

    Als eine Italienerin das in unserer Klasse eingeführt hatte, fand ich das befremdlich. Ich mag das Bussi-Bussi immer noch nicht.

    Aber die Umarmungen unter engen Freunden vermisse ich schon. Denn wenn ich jetzt meine beste Reitfreundin im Stall sehe, dann können wir nicht mehr aufeinander zurennen und uns in den Armen liegen, sondern deuten von weitem eine Umarmung an. Das ist sehr traurig irgendwie. Und meine andere Reitfreundin sehe ich zur Zeit gar nicht mehr, weil ihr andere Tage zugewiesen wurden, an denen sie im Stall sein darf, weil mein Pferd mit „F“ angefängt und ihres mit „R“ und wir alphabetisch nach Pferdenamen aufgeteilt wurden.

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