Perspektivwechsel

»Schade, dass du nicht tot bist: Ein Fall für Mrs. Murphy« von Rita Mae Brown

Irgendwann schenkte mir eine Freundin zum Geburtstag einen Katzenkrimi von Rita Mae Brown. Ich mag zwar keine Krimis, aber ich mag Katzen.

Mary Minor Harristeen, von allen Harry genannt, ist die Posthalterin von Crozet (Virginia) einer kleinen Gemeinde in der Nähe der Blue Ridge Mountains. Sie betreibt eine Farm und bewirtschaftet ein paar Hektar Land. Ihr geschiedener Ehemann Pharamond Haristeen steht ihr nicht nur als Tierarzt helfend zur Seite, sondern auch als guter Freund. Außerdem hat Harry jede Menge Freunde und Bekannte, denn als Leiterin der Poststelle kommt sie mit vielen Menschen in Kontakt. Dadurch erfährt sie meist zuerst, wenn etwas passiert ist.
Harrys graue Tigerkatze Mrs. Murphy begleitet sie zur Arbeit in die Post und überallhin, und sie ist ihr stets eine Nasenlänge voraus. Denn Harry ist so neugierig wie ihre Katze und wird dadurch immer wieder in die absonderlichsten Mordfälle verwickelt, die in und um Crozet geschehen. Oft genug müssen Mrs. Murphy oder Harrys Freunde sie aus gefährlichen Situationen retten.
So wie Harry von ihren Freunden und Mitbewohnern unterstützt wird, findet Mrs. Murphy Unterstützung bei den anderen Tieren der Nachbarschaft. Zusammen mit Harry lösen die Tiere die Mordfälle.

Die Abenteuer von Mary Minor Harristeen und ihrer Katze Mrs. Murphy haben mich eine Zeitlang hervorragend unterhalten. Anfangs habe ich keinen der Romane von Rita Mae Brown verpasst. Mich begeisterten die Frauenfiguren, zum Beispiel die nach Unabhängigkeit strebende Harry, die ihr Leben selbst anpackt, anstatt dem gesellschaftlichen Druck nachzugeben und wieder zu heiraten.

Rita Mae Brown ist Feministin und Aktivistin der lesbischen Frauenbewegung der USA. In den siebziger Jahren schrieb sie vor allem feministische Bücher. Das spiegelt sich in ihren Figuren wider. Erst seit den Neunzigern schreibt sie Kriminalromane und sie lebt selbst auf einer Farm in Virginia.

Die Reihe umfasst inzwischen siebenundzwanzig Bände. Mehr als siebenundzwanzig Todesfälle in einer kleinen Gemeinde innerhalb eines Katzenlebens, das ist eine bemerkenswerte Kriminalitätsrate. Zunehmend bringt die Autorin politische Ansichten und eigene Interessensgebiete in den Krimis ein. So handelte einer vom Weinbau, ein anderer beschäftigte sich mit Pferderennen, in einem anderen ermittelt Harry nach einer Operation im Krankenhaus. Je mehr Romane erschienen, desto weniger überzeugten mich die Geschichten. Ich hatte das Gefühl, dass mit den Romanen etwas nicht stimmte, konnte aber nicht benennen, was.

Deshalb blieben die letzten Bücher ungelesen im Bücherschrank stehen. Bis ich 2015 wieder einmal einen Katzenkrimi hervorholte. Das war, nachdem ich 2014 mein erstes Schreibseminar in Wolfenbüttel besucht hatte. Und siehe da, plötzlich entdeckte ich, warum die Romanen nicht funktionierten. Der Text strotzt vor Perspektivwechseln, Anschlussfehlern und weiteren stilistische Ungereimtheiten, die mir zuvor nicht aufgefallen waren. Die Geschichte las sich, als sei sie von einer Hobbyautorin verfasst worden. Ich hege die Vermutung, dass die Autorin den Roman nicht selbst geschrieben hat, oder das Lektorat wegen des anhaltenden Erfolgs der Autorin sich nicht traute, seinen Job ordentlich zu machen. Womöglich lag es nur an der deutschen Übersetzung.

Ich habe keine weiteren Bücher von Rita Mae Brown mehr gelesen. Dass dies die richtige Entscheidung war, zeigen mir die Bewertungen auf Amazon. Sie wurden sukzessive schlechter bewertet.

Es ist schon erstaunlich, wie ein Schreibseminar die Wahrnehmung verändert. Man bekommt einen ungewohnten Blick auf Literatur. Man beurteilt Texte anders und weiß, warum sie funktionieren oder auch nicht.

Die Krimis mit Mrs. Murphy haben mich einige Zeit begleitet, und ich habe ihnen viele schöne Lesestunden zu verdanken. Inzwischen habe ich aber neue Welten für mich erschlossen und bin wählerischer geworden, bei dem, was ich lese.

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