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Die drei Weisen aus dem Leerraum

Quelle: Perrypedia

PERRY RHODAN NEO Band 191 – »Pilgerzug der Posbis« von Oliver Plaschka

Reginald Bull geht dem Notruf eines Händlerschiffes nach und entdeckt im Kuipergürtel eine erneute Manifestation von ANDROS.
Einundzwanzig Posbi-Schiffe materialisieren in der Plutobahn und bitten um Einlass ins Sonnensystem. Bei den Verhandlungen mit den Positronisch-biologischen Robotern erfährt Perry Rhodan nicht nur, dass die Posbis im Leerraum durch eine Seuche dezimiert wurden. Sie sind auch auf der Suche nach der Einen, dem ersten Prototyp mit stabilisiertem Kern, von NATHAN ins Solsystem gelockt worden. Das Mondgehirn bittet Rhodan die Posbis gewähren zu lassen, die sich daraufhin bei Sedna, der Sonne und dem Mond sammeln und eine Waffe bauen, mit der ANDROS endgültig vernichtet werden soll.
Tifflor und Sud gelingt es derweil John Marshall aus dem Block zu befreien, in dem er aus dem Creaversum zurückgekehrt ist.

Einen Roman von Oliver Plaschka zu lesen, ist immer wieder ein besonderes Vergnügen. Hier stimmen nicht nur die Charakterisierung der Figuren, sondern auch der gesamte Plot. Seine Texte werden aufgelockert durch witzige und gleichzeitig intelligente Bemerkungen und Dialoge, die mir regelmäßig ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Außerdem gibt er sich sehr viel Mühe, die astronomischen und physikalischen Gegebenheiten im Roman möglichst akkurat zu beschreiben. Das ist es, was ich unter professionellem Erzählen verstehe.

Der Roman erschien wenige Tage nach dem 6. Januar. Ich wurde irgendwie den Gedanken nicht los, dass die pilgernden Posbis eine Anspielung auf die heiligen drei Könige (die eigentlich keine Könige waren, sondern weise Männer) sein sollten. Im Roman heißen sie Hek, Mo und Cal. Konsequenterweise hätte ich sie Cas, Mel und Bal genannt. Aber das wäre wahrscheinlich zu viel des Guten gewesen.

Das Besondere an diesem Roman sind die Briefe, die Rhodans Tochter Nathalie ihrer imaginären Freundin Ansa schreibt. Der Leser erhält einen Blick in die Psyche eine Kindes, dass anders ist als seine Spielkameraden. Außerdem beschert uns der Autor das erste Kochrezept innerhalb eines NEO-Romans. Ich hätte es allerdings besser gefunden, wenn sich diese Briefe bis zum Ende des Romans durchgezogen hätten, und Nathalie in die Kommunikation mit den Posbis eingespannt worden wäre.

Sehr gut schildert der Autor die Verunsicherung der Menschen mit dem Auftauchen der Posbis, denen die Menschen an Feuerkraft nichts entgegenzusetzen haben. Man spürt wie misstrauisch Perry Rhodan und die Administration geworden sind, angesichts der wiederholten Eroberungen der Erde durch Außerirdische. Wobei nicht ganz richtig ist, wenn es heißt, dass der Absturz des Posbi-Schiffs auf dem Mond ungeklärt ist. Soweit ich mich erinnere, wurde das Schiff damals (in der MEISTER DER SONNE-Staffel) von den Menschen abgeschossen, weil sie einen Angriff vermuteten.

Ein Wermutstropfen ist die angebliche Romanze zwischen Belle McGraw und John Marshall. Die kam quasi aus dem Nichts. In den vergangenen Staffeln wurde nicht mal ansatzweise angedeutet, dass zwischen den beiden etwas läuft oder gelaufen ist. Belles Motivation hätte der Autor näher erklären müssen. Darauf komme ich aber unten nochmal zurück.

Großartig waren wie immer die Szenen zwischen Eric Leyden und seinen menschlichen Kollegen. Fesselnde Dialoge, die witzig aber nicht albern sind. Oliver Plaschka kommt damit dem großen Leyden-Interpreter Kai Hirdt sehr nahe.

Fazit: Oliver Plaschkas erster Staffeleinstieg »Pilgerzug der Posbis« ist ein absolut lesenswerter Roman, der Hoffnung auf eine spannende Abschluss-Staffel schürt.


An dieser Stelle komme ich nochmal auf die Sache mit Belle McGraw und John Marshall zurück. Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, wie man die einseitige Beziehung von Belle glaubhaft erzählen könnte, ohne das es zum Integritätsbruch mit den vorangegangenen Romanen kommt.

Hier meine Version:

Alles hatte mit einem Traum begonnen. Vor ein paar Monaten, kurz nachdem John Marshall in seinem Gefängnis aus Fremdmaterie gefunden worden war, hatte Belle McGraw von ihm geträumt. Sie hatte John aus seinem Bernsteinsarg befreit, wie die Prinzessin den Prinzen. Anschließend waren sie zusammen gewesen und das nicht nur als Kollegen, nein vielmehr als Liebende. Es hatte sich so echt angefühlt, dass Belles Körper, als sie erwacht war, eine halbe Ewigkeit gezittert hatte. Ihr Herz hatte schnell und laut geschlagen, auf ihrer Stirn hatten Schweißtropfen geklebt und sie war von einer sexuellen Sehnsucht erfüllt gewesen, wie sie sie, seit sehr langer Zeit nicht mehr verspürt hatte.

Ausgerechnet John Marshall. Sie konnte es sich nicht erklären. Ja, sie waren Kollegen, sie kannten sich flüchtig, aber Belle wäre nie auf die Idee gekommen, das John und sie … In den Tagen darauf hatte sie versucht, den Gedanken daran zu verdrängen, doch die Bilder des Traums und das Gefühl hatten sich in ihr festgesetzt.

Es fing harmlos an. Erst sah sie sich Aufzeichnungen von John an, las seine Berichte, wollte verstehen, wie sich ein Mutant wie er fühlte. Die telepathische Gabe, die er einst besessen hatte, konnte sie sich noch einigermaßen vorstellen. Aber wie es war, durch parallele Realitäten zu wandern, eine Fähigkeit, die er dem Genesis-Virus verdankte, lag außerhalb ihres Vorstellungsvermögens.

Ihre Suche über Informationen zu John wurde zur Manie. Sie nahm ihren Posten als Wissenschaftlerin zum Vorwand, um an seine privaten Aufzeichnungen zu gelangen. Immer mehr Daten sammelte sie zusammen, um sich ihm nahe zu fühlen. Sie wollte herausfinden, wie John tickt, als könne sie ihn damit zum Leben erwecken. Ihm galten die ersten und der letzten Gedanken des Tages und viele weitere dazwischen.

Warum hatte sie den Traum nicht schon vor Jahren gehabt? Damals als sie gemeinsam auf Missionen unterwegs gewesen waren. Wie oft waren sie sich in der Messe begegnet? Belle ärgerte sich, dass sie ihn bei diesen Gelegenheiten nicht ein einziges Mal angesprochen hatte. Der Wunsch nach Johns Nähe wuchs rascher, als die Vernunft ihn zügeln konnte.

Immer öfter erfand sie Ausreden, um ihn zu besuchen. Erst auf der Medostation der MAGELLAN und später auf dem Mond. Es wurde schwieriger ihren Freunden zu erklären, warum sie nicht erreichbar war. Vor allem war es zunehmend schwerer ihre Anwesenheit vor den Ärzten wie Julian Tifflor und Sud zu rechtfertigen.

Es war Sud, das Mentalamalgam, die sie als erste darauf ansprach. Belle fühlte sich ertappt, doch dann hörte sie aus der Stimme der Medikerin Verständnis und vertraute sich ihr an. Von diesem Augenblick an hatte sie eine Verbündete. Aus irgendeinem Grund deckte Sud Belles Besessenheit für einen Mann, den sie kaum kannte.

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2 Responses to “Die drei Weisen aus dem Leerraum”

  1. Januar 15th, 2019 at 15:03

    JL says:

    Danke für die gewohnt einsichtsvolle Besprechung!

    Das Kochrezept für Pflaumen- oder Zwetschgenknödel fand Eingang in den Roman, weil das Exposé verblüffend viel Zeit auf die Charakterisierung von János verwendete, der eigentlich kaum für die Handlung gebraucht wurde. Dabei fand sich auch eine Bemerkung, dass er ungarische oder böhmische Küche liebt … und diese Knödel kenne ich noch aus meiner Kindheit von meiner Großmutter :)

    Überraschend viele Stimmen haben gesagt, Nathalies Tagebuch hätte mehr Raum kriegen sollen. Das habe ich mich nicht getraut, weil es vom Expo eigentlich gar nicht vorgesehen war — genauso wenig wie der Nebenplot um die TORTUGA, der erst aus einem Mailwechsel mit Rüdiger und Rainer entstand. Nathalies Tagebuch war mir ein persönliches Anliegen (ich schreib so was einfach gern), aber unterm Strich fand ich, der Roman braucht ein, zwei Kapitel mehr Suspense und Action. Deshalb habe ich mich mehr auf Regs Nebenplot konzentriert.

    Belle … Sven Fesser wies mich bereits darauf hin, dass ich vor allem Belles Ehe vor sieben Jahren ganz unterschlagen habe. Das ist mir schrecklich peinlich, aber an die hatte ich mich einfach nicht mehr erinnert, weil sie nur zweimal kurz erwähnt wurde (ich glaube ehrlich gesagt aber auch nicht, dass sie glücklich war). Was ich zur Verteidigung des Exposes sagen muss: Die Romanze mit John *wird* vorbereitet, aber sehr subtil am Rande von NEO 170.

    Davon abgesehen gefällt mir Deine Version von Belle & John sehr gut — der Traum, der zur Manie und dann zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird, hätte auch gepasst. Ich fand es so schon ein bisschen … grenzwertig, wie sie den Schlafenden anhimmelt. Mit vertauschten Geschlechterrollen hätte ich das vielleicht nicht schreiben mögen.

    Zu den Posbis und den drei Weisen schließlich (die, wie ich neulich auf Twitter gelernt habe, nicht mal alles Männer gewesen sein müssen — grammatikalisch könnten es auch 1 Mann und 2 Frauen gewesen sein): Das ist Zufall :) Ich habe mir absolut nichts beim Erscheinungstermin gedacht und ihre Namen waren einfach das Erste, was mir einfiel. Ich gestehe: Ich bin kein Posbifan. Wahrscheinlich gibt es auch deshalb Nathalies Tagebuch und die TORTUGA im Roman.

  2. Januar 15th, 2019 at 20:21

    Lars Jürgenson says:

    Wieder mal bin ich mit deiner Rezension weitgehend einer Meinung.

    Zunächst war ich auch deiner Meinung (beim Lesen) über die angebliche Romanze zwischen McGraw und Marshall … die kam für mich auch „aus dem Nichts“. Ich bin aber auch nicht sicher, ob mir deine Version besser gefallen hätte — das hätte zumindest eine Menge Fingerspitzengefühl gebraucht, damit McGraws „Wacht“ nicht creepy rüberkommt.

    Nach @JL’s Hinweis habe ich nochmal in PRN170 gekuckt, und, ja, da wird das etwas angelegt. Insgesamt als etwas, das hätte sein können, dann aber nichts wurde. Das wird im aktuellen Roman angedeutet, und ich finde es nicht unglaubwürdig, dass McGraws „Wacht“ aus aus diesem „was wäre gewesen, wenn …“ heraus motiviert wird … aber es wäre schön gewesen, genau diesen Aspekt etwas mehr herauszuarbeiten.

    @JL: Ich fand Nathalies Brief als Ersatztagebuch schwierig. Vermutlich, weil ich es immer schwierig finde, wenn Erwachsene sich in Kinder hereinzudenken versuchen. Da sind immer zwei widerstreitende Fragen: „Denkt eine fast-neun-jährige so?“ und „Finde ich diese Gedanken interessant?“. Die Gedanken stehen nicht selten im Widerspruch. Die einfache (faule?) Art, das lösen, ist, dem Kind irgendeine entscheidende Information mitzugeben, die sonst niemand hat. Das wurde hier vermieden, trotzdem schienen die Gedanken sowohl plausibel als auch interessant/relevant.

    Zu János muss ich sagen, dass ich ihn, wie so oft bei Nebenfiguren, sehr genossen habe. Insbesondere seine Andeutungen Rhodan &co. gegenüber, die irgendwo im Widerstreit zwischen „Hey, ich weiß, wovon ich rede, wenn ich über ‚Kinder die anders sind‘ rede!“ und „Ich will nicht drüber reden.“ waren, fand ich meisterhaft gelöst.

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