Trisomie und Gott

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Was haben Trisomie 21 und Gott miteinander zutun? Zunächst einmal nichts. Dennoch hat Dirk Bernemann beides in seinem Roman »Trisomie ich dir« auf sensible aber auch brachiale Weise miteinander zu einer Geschichte verknüpft.

Auf der einen Seite sind Roy, ein junger Mann mit Downsyndrom, Solveig, eine jungen Frau, die zwar hübsch aber ungeliebt ist und Ingeborg, die feststellt, dass sie ihr ganzes Leben an ihren Mann vergeudet hat. Auf der anderen Seite ist Gott, der sich die drei Existenzen betrachtet und zu dem Schluss kommt, das die kaputte Welt einen Jesus 2.0 braucht.

Es gibt Bücher, die sind wie Delikatessen. So rar und köstlich, das man sie nicht wie Fastfood in sich hineinlesen darf. Solche Bücher müssen genossen, ja, zelebriert werden. Die Romane von Dirk Bernemann gehören eindeutig dazu. Ich habe mir bei der Lektüre viel Zeit gelassen, immer nur mal einen Happen gelesen. Weshalb ich für die nur 188 Seiten dann doch einen Monat brauchte.

Der Autor verschafft seinen Lesern tiefe Einblicke in die Psyche seiner Protagonisten, dabei bleibt er aber auffallend auktorial. Roy ist ein junger Mann und möchte als solcher behandelt werden, doch die Welt da draußen sieht in ihm nur ein Kind oder eben einen Behinderten. Das er nicht spricht/nicht sprechen will, ist dabei besonders tragisch. Und so stolpert Roy durch eine Welt ohne Liebe. Als er Solveig trifft, setzt das in ihm etwas in Bewegung, das am Ende zu einer Katastrophe führen wird. Solveig dagegen hat das normale Leben, was Roy sich wünscht und ist dennoch unglücklich. Mit einem Praktikum in einer Behindertenwerkstatt will sie ihr Leben in Schwung bringen, aber das deprimiert sie bis zum Absturz. Ingeborg hat ihr Leben hinter sich, sie widmet sich der Pflege ihres Mannes Hermann, der vor kurzem einen Schlaganfall erlitten hat. Als Hermann stirbt, fällt sie in ein tiefes Loch und findet in Roy einen scheinbar dankbaren Zuhörer.

Wie gut es Bernemann gelingt, einzelne Schicksale zu einer Geschichte zu verknüpfen, hat er in seinen Romanen über die kotzende Unschuld gezeigt. »Trisomie ich Dir« funktioniert etwas anders, aber nicht weniger überraschend. Bewundernswert ist auch hier die sprachliche Ebene. In Sätze und Wortschöpfungen, die eigentlich nicht funktionieren dürften, erzählt er von der Grausamkeit des Lebens. Das ist aufwühlend, abstoßend und doch so fesselnd und ehrlich, dass man nicht davon ablassen kann. Und wie in vielen seiner Romane kommt der Autor ohne wörtliche Rede aus und man bemerkt es nicht einmal.

Dirk Bernemann hat sich ganz mutig einem Thema genähert, das umstritten ist. Kann ich als Nichtbehinderter über einen Behinderten schreiben? Für mich waren seine Charakterisierung glaubhaft und die auktoriale Perspektive, die der Autor dabei verwendet, halte ich für eine gute Herangehensweise. Wieder ein Bernemann der von mir das Prädikat besonders wertvoll erhält.

Das Hardcover erschien bereits 2011 im Unsichtbar Verlag, als Taschenbuchausgabe von 2013 und E-Book ist es noch bei vielen Onlinehändlern erhältlich.

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