Der ewige Präsident

Fidel Castro – 47 Jahre lang reagierte er ein kleines Land, das allen Widrigkeiten der globalen Politik trotzte. Quasi vor den Türen der großen USA existierte ein kommunistischer Staat, der nicht totzukriegen war.

Als ich 1997 nach Kuba reiste, stand das Land gerade am Anfang des Tourismusbooms. Viele große und neue Hotels standen bereits an ausgesuchten Orten der Küste. Im Landesinnern aber, fern der Touristenzentren konnte man noch das ursprüngliche Kuba erleben – auch als Pauschaltourist. Eine Woche lang fuhr ich mit einer Freundin in einer kleinen Reisegruppe auf der Insel umher. Es war August, es war heiß und feucht und ich schwitze wie noch nie zuvor in meinem Leben.

Was ich damals von Kuba sah, überraschte mich zuweilen. Vieles war primitiv und ein bisschen marode, was vor allem dem Mangel geschuldet war. Aber kein Kubaner war wirklich heruntergekommen oder arm. Es gab keine bettelnden Kinder oder Slums. Es gab Schulen und Krankenhäuser; Bauern, die ihr Getreide auf der Autobahn trockneten; Männer die mit Zahnputzbecher und Waschlappen ihre Oldtimer polierten; freilaufende Schweine und Hühner in den Dörfern; eine riesige Zementfabrik mitten in der Landschaft; Tabak- und Zuckerrohrfelder so weit das Auge reichte; alte Eisenbahnen, die in der feuchten Luft vor sich hin rosteten; LKWs mit Leuten drauf, die als Verkehrsmittel genutzt wurden und Kinder die für Kaugummi oder Buntstifte Früchte mit den Touristen tauschten. Der durch das Embargo herrschende Mangel war überall zu spüren, aber man arrangierte sich eben damit. Ich habe selten in einem Urlaub so gut gegessen wie in Kuba.

Die Menschen die ich traf, waren herzlich, teilten das Wenige, was sie hatten. Ich erinnere mich, dass ich spontan vom Busfahrer eine riesige Mango geschenkt bekam, die wir nur zu viert bezwingen konnten. Oder an das etwas baufällige Hotel im Sumpfgebiet in der Schweinebucht, in dem mitten beim opulenten Abendessen der Strom ausfiel, die Kellner in Windeseile Kerzen brachten und wir einfach im Dunkeln weiter gegessen haben. Oder die Marktfrauen in Havanna, die verwundert an meine weißen Waden fassten, weil sie nicht verstehen konnten, wie jemand so bleich sein konnte.

All diesen Menschen war eines gemeinsam. Sie verehrten ihren Präsidenten. Fidel Castro und Ernesto Guevara waren die Sinnbilder der Revolution. Überall hingen Bilder, Flaggen oder Graffiti. Die größte Sorge der Kubaner war, was mit ihnen passieren wird, wenn Fidel stirbt. Ihr sorgenvoller Blick richtete sich damals nach Russland und auf die Staaten des ehemaligen Ostblocks, die unter den Folgen des Zusammenbruchs des Sozialismus litten. Die Kubaner befürchteten, dass sie das Schicksal dieser Länder teilen werden, wenn ihr »el presidente« sie einst verließe. Gut zwanzig Jahre später ist es nun soweit. Fidel Castro starb im stolzen Alter von 90 Jahren. Wobei er sich schon seit einigen Jahren aus dem Regierungsgeschäft zurückgezogen hatte. Dennoch ist er immer die Galionsfigur geblieben und wird es auch für ewig bleiben. Ich weiß nicht wie viele Kubaner heute sorgenvoll in die Zukunft schauen. Aber wenn wir ehrlich sind, dann sind sie in dieser Zeit nicht die einzigen.

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