Arbeitsplatz flexibel plus

Neulich im Zug sitze ich zwischen drei jungen Frauen. Alle Anfang zwanzig, gepflegtes Äußeres, Businesslook. Sie unterhalten sich in perfektem hochdeutsch und sprechen über ihre Arbeit. Alle drei arbeiten für das gleiche Pharmaunternehmen aber in unterschiedlichen Abteilungen. Eine schwärmt von dem neuen Großraumbüro, das sie mit einrichten durfte. Das finden alle cool. Bei dem Gespräch kristallisiert sich heraus, dass die Schreibtische in dem Büro nicht personalisiert sind. Jeder besitzt einen firmeneigenen Laptop und muss sich dorthin setzen, wo gerade Platz ist. Es fällt der Begriff „flexibel plus“.

Ich stelle mir gerade vor, wie das sein muss … Ich gehe morgens zur Arbeit, betrete die Firma und suche mir in einem Großraumbüro einen freien Schreibtisch. An dem arbeite ich für ein paar Stunden, bevor ich in ein Meeting gehe. Wenn ich zurückkomme, ist der Platz besetzt und ich suche mir einen neuen …

Was für mich wie ein Alptraum klingt, ist in vielen Büros in Deutschland bereits Wirklichkeit. Je nachdem, wie oft man den Arbeitsplatz verlässt, wird man klassifiziert. Wer oft weg muss, ist dann „flexibel plus“ und bekommt meist nur die unbeliebten Plätze im Großraumbüro, an denen er weiße Wände anstarrt, anstatt aus dem Fenster zu sehen. Besonders schlimm finde ich die fehlende Personalisierung. Kein Platz für private Dinge: kein Kalender, keine Bilder, keine Pflanzen nichts; nicht mal eine Kaffeetasse.

Wir verbringen die Hälfte unseres Lebens auf Arbeit. Wenn der Arbeitsplatz anonymisiert wird, wer sind wir dann noch? Sind wir dann nicht genauso austauschbar wie unser Schreibtisch? Macht es uns nicht zu Spielfiguren ohne jegliche Individualität?

Ich habe schon mal etwas von der „Clean Desktop Policy“ gehört. Bei der am Feierabend außer dem Telefon und dem Bildschirm nichts mehr auf dem Schreibtisch stehen oder liegen darf. Ich kann zwar nachvollziehen, dass man keine brisanten Unterlagen auf dem Schreibtisch liegen lassen sollte. Aber so völlig leer? Bereits das empfinde ich als Angriff auf meine Persönlichkeitsrechte. Aber einen Bürojob, bei dem ich nicht einmal einen eigenen Schreibtisch hätte, möchte ich nicht haben. Egal, wie gut ich dafür bezahlt würde.

Den jungen Frauen schien das nichts auszumachen, die fanden das völlig normal. Sie lobten sogar das Management, das betriebswirtschaftlich vorrausschauend agiert, weil man somit nicht nur Platz, sondern auch Equipment einspart. Dabei sollten sie aufpassen, dass nicht irgendwann sie selbst eingespart werden. Denn ein anonymer Mitarbeiter ist genauso leicht austauschbar wie ein Schreibtisch.

4 thoughts on “Arbeitsplatz flexibel plus

  1. Das ist bei uns sehr ähnlich. Das mit der Suche nach einem freien Tisch gilt aber nur für die Telearbeiter. Die müssen pro Woche mindestens einen oder zwei Tage im Büro sein und es wäre absolut unökonomisch, Büroplätze für solche Präsenztage freizuhalten. Das funktioniert ganz gut, die Telearbeiter sprechen sich untereinander ab. Außerdem beschwert sich schon deshalb niemand über diese Praxis, weil Telearbeit so viele Vorteile mit sich bringt, dass man den Verzicht auf einen persönlichen Arbeitsplatz gut verschmerzen kann :)
    Für die „Personalisierung“ von Büros gelten ziemlich strenge Regeln. Einfach irgendwelche Bilder irgendwie an die Wand hängen, Pflanzen und Krimskrams aufstellen – das ist aus den verschiedensten Gründen nicht drin. Die Wandelemente könnten durch Tesafilm oder Pins beschädigt werden, die Fensterputzer könnten behindert werden (wir haben auch innen Glaselemente), Fluchtwege könnten verstellt sein und so weiter und so fort. Mir war das irgendwann zu blöd, deshalb gibt es außer einem Stift- und Schmierzettelhalter sowie einem Kaffeepott nichts persönliches auf meinem Schreibtisch und in meinem Büro herrscht dezente Zen-Atmosphäre, will sagen: Bei mir sieht es ziemlich genau so aus, wie du es beschreibst. Und ich muss sagen: Inzwischen gefällt mir das sogar. Früher, als alles noch sehr lax war, war mein Büro ein grüner Dschungel, Poster und verschiedene Merchandising-Artikel haben überall herumgehangen bzw. -gestanden. Jetzt würde ich das als Ablenkung empfinden. Wenn ich was schönes sehen will, muss ich nur aus dem Fenster gucken. Direkt davor steht ein Baum, in dem sich immer verschiedene Piepmätze tummeln.

  2. Einspruch! Grauenhaft! Das Konzept ist bei uns, nach der irgendwann irgendwie erfolgten Renovierung, auch angedacht. Und wir sind ein ziemlich großer Laden. Wenn man alle Außenstellen mitrechnen würde, die aber zum Teil extern bleiben, sind es gut 2000 Beschäftigte. Die Abteilungen sollen dann aber doch irgendwie zusammen bleiben. Die Ressorts darunter? Ja, die wohl auch. Hmm, und die mit Kundenkontakt? Joa … mal schauen, entweder den Kunden unten abholen oder … ich bin bin kein Fan davon. Wir rotieren auch in unserer Abteilung zwischen Front- und Backoffice. Aber da weiß ich immerhin noch, welcher Schreibtisch meiner ist und kann ihn vier Wochen so aufbauen, wie ich eben arbeite.

  3. Ich brauche auch zumindest ein bisschen Deko am Arbeitsplatz. Ich glaube, ich würde so einen zusammenklappbaren Bilderrahmen mitnehmen mit Foto und Kalender etc darin:) Mich würde schon allein stören, dass ich keine Unterlagen in meinem Schreibtisch bunkern kann. Kommt natürlich auf die Arbeit an, die man macht, aber unpraktisch ist es schon…

  4. Einen Rollcontainer für Unterlagen und Krimskrams haben wir alle, auch die Telearbeiter. Den dürfen die dann von A nach B schieben, wenn es doch mal vorkommen sollte, dass sie sich einen Platz suchen müssen, was mit ein wenig Absprache aber nur selten nötig ist.

    Telearbeit ist bei uns sehr beliebt, aber kein Zwang. Hat ja auch was mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Leute zu Hause nicht ausschließlich malochen. Solange die Arbeit nicht drunter leidet, sagt keiner was. Ich find’s ganz lustig, wenn ich mit jemandem telefoniere, der gerade zu Hause ist und dem ich aus der Ferne helfen soll, während es im Hintergrund mehrstimmig plärrt: „Mama! MAMA! MAAAAMAAAAAA!!!!!“ Manchmal ist auch ein genervtes Bellen oder ein sehnsüchtiges Miauen zu hören. Oder Vogelgezwitscher, weil man natürlich auch auf der Terrasse arbeiten kann…

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