Die Zeit der lebenden Smombies

Als eine von wenigen, die nicht zur »Generation Smartphone« gehören, geht mir dieser ganze Hype inzwischen ziemlich auf den Keks. Ich meine nicht, dass Leute Smartphones an sich benutzen, sondern das inzwischen davon ausgegangen wird, dass jeder ein Smartphone besitzt. Sei es beim Live-Fahrplan der Deutschen Bahn, wenn es mal wieder zu »Unregelmäßigkeiten im Fahrplanablauf« kommt oder bei der Paketverfolgung von DHL (damit man auch zu Hause ist, wenn der Postbote klingelt) oder auch nur, um sich mit Leuten zu verabreden und im Nachhinein Fotos auszutauschen. In diesem Fall ist man, wenn man ein Telefon nur zum Telefonieren besitzt, echt aufgeschmissen.

Die Smartphondichte hat in den letzten Monaten rapide zugenommen. Besonders merkt man das in S- und U-Bahn. Inzwischen hält fast jeder Passagier während der Fahrt sein Smartphone umklammert, manche vielleicht auch einen E-Book Reader. Nur die wenigsten haben noch eine Zeitung oder ein richtiges Buch in Händen. Als der S-Bahnfahrer letztens beim Einfahren in den Stammstreckentunnel vergaß, das Licht anzumachen, waren im Wagon fast alle Gesichter in geisterhaftes Smartphone-Licht getaucht. Am schlimmsten sind jene, die beim Überqueren der Straße oder dem Durchqueren der Bahnhofshalle ihre Augen ausschließlich auf das Display ihres Smartphones geheftet haben und sich dann wundern, wenn sie mit jemandem oder etwas zusammenstoßen.

Ich sehe die Entwicklung mit Besorgnis, besonders bei den Jugendlichen, jener »bescheidenen Generation, die mit einem angebissenen Apfel zufrieden ist«. Wenn ich sehe, wie aggressiv sich Schulkinder auf der Fahrt zur Schule bereits beim Spielen mit ihrem Smartphone verhalten oder sich junge Mädchen Nachrichten schicken, obwohl sie sich gegenüber sitzen; andererseits aber, dass ihnen gegebene Instrument nicht dazu verwenden, um sich richtig zu informieren. (Aus einem Dialog zweier Sechszehnjähriger über den Stratosphärensprung von Felix Baumgartner: »Na du weißt schon, der der vom Mond runter gesprungen ist.«)

Ich finde das höchst bedauerlich, denn da geht so viel Kreativität verloren. Es wird nur noch medial konsumiert, es wird Druck erzeugt und die so wichtige Langeweile findet nicht mehr statt. Genau aus diesem Grund bete ich jeden Tag, dass mich mein fast zehn Jahre altes Nokia-Handy nicht so schnell verlassen möge und ich die Smartphonelose Existenz noch ein wenig genießen kann. Denn in der Endkonsequenz werden wir dem Phänomen wohl nicht ausweichen können, wenn wir auf einem gewissen Niveau weiterhin am Leben teilhaben wollen. Schade eigentlich!

Inzwischen gibt es eine Schweizer Firma, die ein »Anti-Smartphone« entwickelt hat. Nur zum Telefonieren und SMS schreiben. Kostenpunkt rund 300 Euro. Individualität hat eben seinen Preis.

3 thoughts on “Die Zeit der lebenden Smombies

  1. Sollte dein Nokia den Geist aufgeben kann ich dir meins anbieten – ich brauche es nicht mehr, seit ich ein Smartphone habe ;)
    Sich als Smombie im öffentlichen Raum zu bewegen geht natürlich gar nicht, aber ich möchte auf meinen treuen kleinen Begleiter nicht mehr verzichten. Als Bahn-Vielfahrer wäre ich ohne das Ding völlig aufgeschmissen und die Möglichkeit, im Geschäft mal eben Preise zu vergleichen ist auch sehr nett.
    Ich wage zu prophezeien, dass wir noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht haben. Wearables wie Smartwatches sind der nächste Schritt, dann werden womöglich irgendwann Implantate kommen…

  2. Ich habe auch ein Smartphone, aber nur weil ich es geschenkt bekam. Das Internet ist ausgeschalten. Nutze es wirklich nur zum telefonieren,simsen und fotografieren.
    Liebe Grüße von Eliza

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