Stresstest für die Gesundheitssysteme

Covid 19 ist ein Stresstest für die Gesundheitssysteme der Welt. In vielen Ländern offenbart sich jetzt, was in den vergangenen Jahrzehnten falsch gemacht wurde und wo die Schwachpunkte der Gesundheitsversorgung liegen.

Als uns im März die ersten Bilder aus Italien von überlasteten Krankenhäusern erreichten, war ich eigentlich nicht verwundert. Ich hatte noch die Worte von Autor Andreas Brandhorst im Kopf, wie er im vergangenen Jahr zum Con in Osnabrück über die Gründe seiner Rückkehr aus Italien sprach. Er war unteranderem wegen der schlechten medizinischen Versorgung aus Italien zurück nach Deutschland gezogen. Er erzählte, wie schwierig es zum Beispiel ist, überhaupt einen Arzttermin zu bekommen. Und dass man, wenn man ordentlich behandelt werden will, Schmiergeld zahlen muss. Diese Aussagen fand ich damals ziemlich erschreckend.

In diversen Zeitungen erschienen in den vergangenen Wochen allerlei Artikel über die Umstände in italienischen Kliniken und Berichte von Ärzten, die auf Fehlverhalten der Gesundheitsämter hinwiesen. Leider sind fast alle der Artikel kostenpflichtig, ich will aber nicht unbedingt wegen eines Artikels ein Abo abschließen. (Ich fände es übrigens viel besser, wenn man Artikel einzeln kaufen könnte. Man z. B. ein Online-Guthaben anlegt, mit dem man auf einen Klick, die Artikel verschiedener Zeitungen lesen könnte und sich nicht jedes mal für eine Zeitung entscheiden muss.) Zurück zum Thema: Letzte Woche fand ich auf N-TV endlich einen Artikel zum Thema, der ohne Beschränkung gelesen werden kann.

In besagtem Artikel wird das ganze Ausmaß der Tragödie sichtbar. Das schlechte Gesundheitsmanagement in der Lombardei hat vielen Menschen das Leben gekostet. Da wurden infizierte Patienten mit Nichtinfizierten zusammen in die Wartezimmer gesperrt. Infizierte mit leichten Symptomen, für die kein Platz in den Krankenhäusern war, wurden in Altenheimen untergebracht, wo sie dann viele andere alte Menschen angesteckt haben. Von der mangelnden Versorgung der Ärzte und Kliniken mit ausreichend Schutzausrüstung ganz zu schweigen. Hausärzte wurden jahrzehntelang finanziell übergangen und es wurde massiv an der örtlichen Gesundheitsversorgung gespart. Die Menschen sollten zur Behandlung in die großen Kliniken kommen, wo sie dann Stunden in Wartesälen verbringen mussten. Natürlich nicht ohne zuvor abkassiert zu werden. Zuzahlungen von bis zu 150 Euro pro Arztbesuch … Das ist kein Gesundheitssystem, das ist eine Katastrophe.

Die Regierung der Lombardei hat gleich nach Beginn der Pandemie versucht, Deutschland die Schuld zu geben, angeblich hätte ein Webasto-Mitarbeiter das Virus eingeschleppt. Inzwischen wurden 800 Blutspenden aus dem Januar untersucht und siehe da, in vier Prozent davon fanden sich Antikörper des Virus‘. Allein diese Mitteilung hat mich überrascht. Man geht ja inzwischen davon aus, dass das Virus bereits im November/Dezember 2019 nach Europa kam. Das würde wahrscheinlich auch die Übersterblichkeit im Dezember 2019 im Landkreis Tirschenreuth erklären.

Sehen wir uns weiter in der Welt um und richten den Blick in die USA, dann verwundern auch dort die Fallzahlen und die Zustände nicht. 38 Prozent der Amerikaner haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Wer keine Arbeit hat oder wessen Arbeitgeber keine Krankenversicherung zahlt, der kann sich keinen Arztbesuch leisten. Die Menschen in New York mussten sogar ihre Corona-Tests selbst bezahlen. Als ich 1998/99 in NYC gearbeitet habe, hatte ich in Deutschland für viel Geld eine Krankenversicherung abgeschlossen. Im Januar 1999 musste ich dann wegen einer vereiterten Zahnwurzel zum Zahnarzt. Allein für die Diagnose habe ich damals 50 Dollar in Bar bezahlen müssen, ohne das der Zahnarzt überhaupt etwas gemacht hatte. Die ganze Behandlung sollte 1500 Dollar kosten. Für das Geld hätte ich damals nach Deutschland fliegen können, mich behandeln und wieder zurückfliegen können. Wir haben uns dann auf eine Notversorgung geeinigt, die die Versicherung bezahlt hat. Mein Kieferchirurg in Deutschland hat mir die notwendigen Antibiotika verschrieben und meine Eltern haben sie mir geschickt. Ich bin dann zwei Wochen eher nach Hause geflogen, als geplant, um mich in Deutschland fertig behandeln zu lassen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was gewesen wäre, wenn ich in NYC ernsthaft krank geworden wäre. Das eine Pandemie die Kliniken in den Staaten an den Rande der Katastrophe führen musste, war voraussehbar. Ein früheres Eingreifen der Politik bzw. ein Shutdown, hätte hier wahrscheinlich das Schlimmste verhindern können.

Über Brasilien, Indien und die Länder Afrikas kann man dasselbe sagen. Hier trifft die Pandemie auf kaum funktionierende Gesundheitssysteme, weswegen mehr Menschen sterben. Wir können also heilfroh sein, dass wir in Deutschland leben und man unser Gesundheitssystem noch nicht ganz hingerichtet hat. Pläne der Bundesländer sahen in Zukunft weniger regionale Krankenhäuser vor und dafür sollten die Patienten in großen Zentren behandelt werden, ähnlich wie in der Lombardei. Ich hoffe, dass hat sich damit erst einmal erledigt. Wobei es schon erkennbar ist, dass die klinische Versorgung in den Großstädten deutlich besser ist als auf dem Land. In München sind bei mehr Infizierten weniger Menschen gestorben, als beispielsweise in Tirschenreuth. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass mehr jüngere Menschen infiziert waren. Man sieht, das mit der Statistik und den Zahlen ist so eine Sache.

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