Filterblasen, Brandbeschleuniger & Murphys Gesetz

Murphys Gesetz: »Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.« Verallgemeinert gesagt: wenn eine Situation bereits schlimm ist, wird sie sich weiter verschlimmern.

In den Neunzigern glaubte ich an eine positive Zukunft. Das wir es als Menschheit irgendwie hinbekommen würden, friedlich zusammenzuleben. Das wir auf der Erde soetwas erschaffen würden, wie die Föderation bei Star Trek. Doch je älter ich wurde und je mehr Zeit verstrich, desto mehr wurde mir klar, das dies nicht passieren wird. Im Gegenteil, wir werden unseren Planeten und die Menschen, die darauf leben, weiter ausbeuten, ohne dass wir aus der Geschichte lernen. Wir sind Menschen. Und Menschen sind träge. Da braucht es schon einer gewaltigen Katastrophe oder eines ähnlichen Umstands, dass wir in unserem Tun innehalten und aufschauen.

Viele sehen in der aktuellen Pandemie diesen Wendepunkt. Sie glauben, dass es uns als Menschheit näher zusammenbringt und wir verbessert aus der Krise hervorgehen werden. Ohne Zweifel werden uns die Geschehnisse des Jahres 2020 verändern. Doch in welche Richtung werden wir gehen? Angesichts meiner Erfahrungen glaube ich nicht, dass uns das Virus zusammenführen wird. Im Gegenteil es bringt uns weiter auseinander, sowohl körperlich durch das »social distancing« als auch gedanklich.

Wir alle leben in unseren Filterblasen. Keiner kann von sich behaupten, dass er den kompletten objektiven Überblick über die Geschehnisse in der Welt hat. Viele Dinge sind global miteinander verknüpft, ohne, dass wir das als einzelner Mensch in aller Gesamtheit erfassen können. Wir sehen nur einen Teil, und zwar den Teil, der uns in der Realität umgibt und den Teil, den wir mit den Nachrichten in uns aufnehmen. Wir gleichen ab, was wir sehen und hören, mit dem was wir real erleben. Wenn die Wahrnehmungen nicht übereinstimmen, dann versuchen wir es in Übereinstimmung zu bringen, indem wir Meinungen suchen, die mit unserer Realität konform gehen. Das kann die Wahrheit sein, oder auch nicht. Es bedarf eines persönlichen Eindrucks oder eines essentiellen Beweises, um uns vom Gegenteil zu überzeugen.

Wir glauben vieles erst, wenn wir es persönlich sehen und erleben. Und da liegt die Krux. Einer glaubt an Gott, ein anderer nicht. Für einen ist die Wissenschaft festgeschriebenes Gesetz, für einen anderen ist sie eine flexible Größe. Jeder sammelt andere Erfahrungen und jeder zeichnet sich sein eigenes Bild. Das führt im geringsten Fall zu Missverständnissen und schlimmstenfalls zu tätlichen Auseinandersetzungen.

Was wird das Virus aus uns machen? Werden wir näher beisammenstehen oder uns weiter voneinander entfernen? Sigmar Gabriel bezeichnete die Pandemie als Brandbeschleuniger, der Konflikte schneller eskalieren lassen wird, aber auch bereits angestoßene Konzepte beschleunigt. Die Telearbeit zum Beispiel, das bargeldlose Bezahlen, automatische Kassen in Supermärkten, all das wird schneller kommen.

Auf gesellschaftlicher Ebene wird es uns Menschen entzweien, in jene die profitieren und die die Schaden nehmen. Es hat schon begonnen. Und zwar zwischen denen, die die Wirksamkeit der Maßnahmen uneingeschränkt befürworten und jene, die sie hinterfragen. Es wird ein Riss durch die Gesellschaft gehen. Ein Riss, der vielleicht schon zuvor latent vorhanden war. Freundschaften und Allianzen werden zerbrechen, global wie im Privaten.

Die Welt wird 2021 eine andere sein, so viel steht fest. Ich glaube nicht, das es eine bessere Welt sein wird. Viele von uns werden einsamer sein und distanzierter. Manchem wird es elend gehen und manchem nicht. Wir sind zwar vor dem Virus alle gleich, aber es wird uns ungleicher machen. Und wir müssen uns darauf einstellen, die eine oder andere Freundschaft zu verlieren.