Auf Abstand

Ich habe ein paar Tage über die Reaktionen nachgedacht, die meine Blogeinträge hervorgebracht haben. Und welchen Eindruck meine Worte möglicherweise bei dem einen oder anderen hinterlassen haben, deshalb möchte ich an dieser Stelle etwas klarstellen.

Ich sehe mich keinesfalls als Gegner der Kontaktbeschränkungen. Ich finde viele Schritte, die die Regierung zur Eindämmung der Pandemie getan hat, durchaus richtig. Die Schließung von Schulen und Kitas zum Beispiel und das Verbot von Großveranstaltungen. Ich sehe inzwischen sogar ein, dass die Absage der Buchmesse die richtige Entscheidung war. Außerdem halten mein Mann und ich uns strikt an die Anordnungen. Es geht nur noch einer von uns einkaufen und zwar mein Mann. Ich war also seit Mitte März nicht mehr in einem Supermarkt. Wir gehen normalerweise ohnehin nicht in Kneipen oder auf Großveranstaltungen. Selbst im Kino waren wir schon lange nicht mehr. Wir verzichten momentan darauf zum Wandern irgendwo hinzufahren. Und ich bin seit acht Wochen nicht mehr in Thüringen bei meinen Eltern gewesen. Ich gehe weiterhin zur Arbeit, weil für mich kein Home-Office möglich ist. Insofern haben uns also gar nicht groß einschränken müssen, weil wir normalerweise schon wenig Kontakt zu anderen haben.

Dennoch gewinne ich immer mehr den Eindruck, dass man mit so mancher Maßnahme übers Ziel hinausschossen ist. Vielleicht muss man an dieser Stelle gesagt werden, dass die Exekutive mitunter übertrieben hat, weil die Vorgaben halt zu streng ausgelegt waren. Die Grenzkontrollen haben unsere Region hart getroffen. Da war anfangs vieles unklar und ist es auch heute noch. In Deutschland lebende Familienmitglieder die nach Österreich einreisen, dürfen dort maximal 48 Stunden bleiben. Als ob man in den 48 Stunden niemanden anstecken kann. In Laufen, wo vielen Leute auf der anderen Seite der Salzach in Oberndorf arbeiten, unteranderem in einem Pflegeheim, wurde unangekündigt die Brücke und damit die Grenze nach Österreich dicht gemacht. Die Menschen waren verzweifelt, weil sie plötzlich nicht mehr zur Arbeit kamen. Man sagte ihnen, sie könnten den Kilometerweiten Umweg über den Grenzübergang Freilassing nehmen. Was nicht nur idotisch ist, sondern einfach nur als Schikane gesehen wurde. Die Bürgermeister beider Orte haben bei ihren Landesregierungen Beschwerde eingelegt und so wurde zumindest der Europasteg (ein Fußgängerweg) wieder geöffnet.

Einen ganz großen Fehler sehe ich in der Stilllegung des Einzelhandels. Ich erinnere mich an die Worte von Virologe Drosten, der noch im März gesagt hat, dass man sich beim Einkaufen nicht anstecken könne, wenn man Abstand hält. Also, wenn in Drogerien und Lebensmittelmärkten Abstandsregelungen durchzusetzen waren, warum dann nicht auch im Einzelhandel, z. B.  in Buchhandlungen oder in Textil- und Schuhgeschäften? Hier wäre nach einer kurzen Umbauphase eine Begrenzung der Kundenzahl und die Absperrungen von Teilen der Geschäfte möglich gewesen. Man hätte eine abgesperrte Theke aufbauen und die Selbstbedienung einschränken können. Früher, in den »Tante Emma-Läden«, funktionierte es gar nicht anders. Selbst in dem Sportgeschäft in dem meine Mutter gearbeitet hat, sagte man an der Theke, was man wollte und bekam es von der Verkäuferin gereicht. Der Reformladen bei uns im Ort hat es genau so gemacht. Vielleicht wäre auch eine Begrenzung oder Erweiterung der Öffnungszeiten sinnvoll gewesen. Dann hätten die Läden vielleicht nicht so viel Umsatz gemacht wie zuvor, aber sie hätten wenigstens Umsatz gemacht.

Föderalismus ist ein gutes Instrument und möglicherweise in einer Pandemie hilfreich, wo Regionen unterschiedlich betroffen sind. Doch ich verstehe nicht, warum Baumärkte in Bayern geschlossen waren und in Baden-Württemberg nicht, wo die Infektionszahlen ähnlich hoch sind. Andererseits wird pauschal ein ganzes Land heruntergefahren, ohne darauf zu achten, wie sich lokal die Zahlen entwickeln. Im Landkreis Saalfeld gab es bis jetzt ganze 63 Fälle, niemand ist gestorben, dennoch war fast alles geschlossen. Ach ja! Jena hat nach Einführung der Maskenpflicht getönt, das sie damit die Infektionszahlen auf Null senken konnten. In Saalfeld gab es keine Maskenpflicht und die Infektionen sind ebenfalls seit Tagen bei null.

Was ich grundsätzlich nicht gut finde, ist die Kommunikation zwischen Regierung und Bevölkerung. Die Kanzlerin mit ihrer unaufgeregten beinahe schon fatalistischen Art vermittelt zumindest Ruhe und Stabilität. Während sich Markus Söder gibt, als wäre er der König von Bayern und jede Lockerung seiner harten Maßnahmen eine gnädige Geste von ihm. Dabei ist Bayern nach wie vor das Bundesland mit dem meisten Infektionen. Er nutzt die Situation aus, um sich als Kanzler ins Gespräch zu bringen und das finde ich widerlich.

In den letzten Wochen sind Gesetze und Verfügungen erlassen worden, die heimlich still und leise, am Parlament und den Menschen vorbeigegangen sind. Die Verschärfung der Busgelder im Straßenverkehr hat zum Beispiel kaum einer mitbekommen. Nicht, dass mich zu hohe Strafen stören würden, aber die Art und Weise finde ich nicht gut. Noch weniger Leute kennen den Inhalt des bayrischen Infektionsschutzgesetzes. Das gibt unteranderem dem Staat die Möglichkeit Menschen und Betriebe zu enteignen, oder jeden Einwohner zur Arbeit in der Pflege zwangszuverpflichten. Wer mag sehe sich den Gesetzestext hier an.

Hat sich eigentlich mal jemand gefragt, warum die Autobauer und die großen Betriebe so schnell die Fabrikation eingestellt haben. In erster Linie geschah dies nicht nur wegen zusammenbrechender Lieferketten. Es ging der Regierung darum, die Konzentration von Menschen auf kleinem Raum zu vermeiden. Viele Großbetriebe haben die Anweisung bekommen: wenn ihr jetzt dicht macht und eure Leute ihre Überstunden abbauen, dürft ihr später Kurzarbeit anmelden. Aus genau diesem Grund musste mein Mann drei Wochen daheim bleiben. Der Gedanke ist sehr vernünftig. Ich meine, allein in seinem Betrieb arbeiten ca. 3000 Menschen, da sind Ansteckungen vorprogrammiert. Aber bitte, warum wird das nicht offen kommuniziert? Warum bekamen das die Leute nur mit, weil sich der Chef verplappert hat?

Auf der anderen Seite steht das Handwerk, für das kaum Beschränkungen bestehen. Im Gegenteil die Betriebe wurden explizit dazu aufgefordert, die Baustellen zu besetzten. Nicht dass ich das nicht gut finde. So verdient mein Chef wenigstens Geld und ich habe zu tun. Aber meine Kollegen sind seit Wochen überall draußen unterwegs, riskieren ihre Gesundheit, um die Baustellen am Laufen zu halten. Was nicht einfach ist, wenn bei den Großhändlern Kurzarbeit angesagt ist. Ich verstehe nicht, warum man eine Branche gewähren und andere den Bach runtergehen lässt.

Was die Alten und Kranken angeht. Ich habe niemals gesagt: »Lasst sie sterben!«. Und das hat der Grünenpolitiker Palmer auch nicht, wenn man das ganze Interview gelesen hat und nicht nur seinen Ausspruch. Der, das muss man zugeben, nicht nur unglücklich war, sondern auch aus dem Zusammenhang gerissen. Allerdings stimme ich ihm nicht zu, wenn er fordert, wir müssen die Alten isolieren. Die sind schon isoliert, auch ohne Corona-Virus. Wichtig ist, dass wir sensibel mit dem Thema umgehen sollten und die Würde des Menschen nicht nur daran festsetzen, ob man ihm vor dem Tod bewahrt.

Ich war in meinem Leben oft genug in Alten- und Pflegeheimen, zuerst bei meiner Großmutter, später bei meiner Tante und in letzter Zeit häufiger bei einer Bekannten meiner Eltern. Solche Einrichtungen sind im besten Fall Krankenhäuser meist aber Aufbewahrungsanstalten. Menschen die dort einziehen, müssen dort in dem Bewusstsein leben, nur noch tot wieder rauszukommen. Während der letzten Wochen sind diese Häuser zu Gefängnissen geworden. Alte Menschen werden dort in Einzelhaft gehalten und wurden noch nicht mal danach gefragt, ob sie das auch wollen. Ich verweise hier gern mal auf ein Interview mit einer alten Dame in einem Pflegeheim in Berlin. Es ist schön, wenn wir es uns als Gesellschaft leisten können, Menschenleben um jeden Preis zu retten. Dagegen spricht auch nichts. Aber wir sollte die Menschen, die wir retten wollen, wenigstens danach fragen, ob sie das auch wollen. Genauso, wie wir in den Krankenhäusern mehr Augenmerk auf Patientenverfügungen legen sollten. Nicht jeder will mit allen Mitteln am Leben erhalten werden, weil es oftmals kein Leben mehr ist. Dazu verweise ich auf ein Interview mit einem Intensivmediziner.

Ich hoffe, ich konnte einige Standpunkte klar machen, und darstellen das ich kein Monster bin, weil ich nicht alles richtig finde, was gerade geschieht. Denn ich erlebe immer häufiger, dass, wenn man der Regierungsmeinung widerspricht, man von vielen zum Buhmann gemacht wird, vor allem in Netz. Ich hatte das Privileg nach der Wende eine humanistische Ausbildung zu genießen. Dort wurde mir unteranderem auch beigebracht, dass die Meinung anderer und weiche sie noch so sehr von der eigenen ab, gehört und toleriert werden muss. Diesen Grundsatz vermisse ich in den Diskussionen der letzten Jahre immer mehr.