Was zählt mehr …

Ich wollte diesen Text eigentlich als Antwort auf die Kommentare zu meinem gestrigen Blogeintrag verfassen. Ich poste das jetzt aber als eigenen Beitrag, einfach weil mir das wichtig ist. Ich füge noch hinzu: Es handelt sich um meine persönliche Meinung. Das mag jeder interpretieren, wie er mag.

Was in den Kommentaren steht, mag stimmen. Ja, wir wissen viel zu wenig über diesen Virus und das worauf wir uns derzeit stützen sind Simulationen, die von bestimmten Voraussetzungen ausgehen. Doch wer sagt uns, dass diese Voraussetzungen richtig sind? Niemand. Zahlen, es geht nur noch um Zahlen und kaum einer hinterfragt die Modelle, die diese Zahlen hervorbringen. Die Anfang März vorhergesagten Zahlen sind in Deutschland zum Glück nicht so eingetroffen. Der Kollaps des Gesundheitssystem ist ausgeblieben. Das mag zum Teil an den getroffenen Maßnahmen gelegen haben oder auch nicht. Beweisen lässt sich das jetzt nicht mehr. Inzwischen sollten wir aber von den absoluten Zahlen weggehen und mehr auf die Auswirkungen der einzelnen Maßnahmen blicken und diese neu bewerten.

Das Problem momentan ist, dass die Politik ausschließlich auf ein paar Virologen hört. Die Lage sollte aber gesamtgesellschaftlich gesehen werden. Da spielen ganz viele Faktoren eine Rolle, nicht nur epidemische. Stimmen von Psychologen, Sozialwissenschaftlern, Juristen, Wirtschaftlern und Pädagogen sollten ebenfalls gehört und ihre Ratschläge beachtet werden. Das findet jedoch im Moment nicht statt. Es wird nur reagiert, aber nicht mehr diskutiert oder hinterfragt. Jeder übertrumpft sich mit noch schlimmeren Maßnahmen. Das ist nicht gut, weil so auf lange Sicht das Vertrauen in die Regierung verloren gehen wird. (Mein Vertrauen haben sie übrigens schon verspielt.)

Wir bringen uns in eine Lage, aus der wir vielleicht nie wieder rauskommen. Wir setzen unser parlamentarisches System außer Kraft und opfern unsere und die politische und wirtschaftliche Zukunft unserer Kinder. Wir schaffen Präzedenzfälle mit denen später von einem Tag auf den anderen unsere Rechte beschnitten werden können. Die AfD lacht sich doch jetzt schon ins Fäustchen. Unsere Regierung macht ihnen gerade vor, wie leicht man eine Demokratie in eine Diktatur verwandeln kann, bei der die Bevölkerung auch noch begeistert mitmacht. Ich befürchte, dass die Rechten in Deutschland als Sieger aus der Krise hervorgehen werden.

Ich weiß jetzt, wie sich die Menschen in Deutschland 1933 gefühlt haben müssen. Menschen, die Hitlers Machenschaften und den kommenden Krieg vorhergesehen haben. Diese Ohnmacht, zusehen zu müssen, wie die Demokratie zu Grabe getragen wird und zu erleben, wie Freunde und Bekannte dabei auch noch Beifall spenden und mit Enthusiasmus an diesem Strang mitziehen, ängstig mich zutiefst. Ich habe keine Angst vor dem Virus. Ich habe Angst vor dem, was uns in seinem Namen angetan wird.

Ich empfehle dazu das Interview mit Markus Gabriel, einem Philosophie-Professor aus Bonn. Er hat die Situation kritisch analysiert und bringt viele Beispiele, die zeigen, dass wegen den Maßnahmen an anderer Stelle Menschenleben geopfert werden. Seinen Worten ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

www.n-tv.de/politik/Wir-machen-gesamtgesellschaftliche-Triage

Sicher müssen wir die Pandemie ernst nehmen, aber wir sollten es mit Augenmaß tun und nicht blind nur einer einzigen Gruppe an Wissenschaftlern vertrauen. Wenn sich sogar Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble so ähnlich äußert, kann der Gedanke nicht so falsch sein. Ich mochte Schäuble als Politiker zwar nie, aber in dieser Hinsicht sagt er etwas richtiges: »Wir dürfen dem Schutz des Lebens nicht alles unterordnen.«

tagesspiegel.de/politik/bundestagspraesident-zur-corona-krise-schaeuble-will-dem-schutz-des-lebens-nicht-alles-unterordnen/

Momentan gefährden wir nämlich das Leben von vielen, für das Leben weniger. Die Auswirkungen sind nämlich für uns genauso wenig vorstellbar, wie die Logarithmen hinter den Ausbreitungszahlen.